
Z. erinnerte mich daran, dass ich eigentlich schon letzten Monat lobende Worte über Chants of Sennaar (2023, Rundisc) verlieren wollte. Gekauft hatte ich das in Frankreich entwickelte Computerspiel wegen der – mich an Moebius und Ligne-claire-Comics erinnernden – Grafik. Es durchzuspielen, war dann sehr viel vergnüglicher als gedacht – die Hauptperson startet in einem in Gelbtönen gehaltenen Tempel, muss ein paar einfache Puzzle lösen, um Wasser in die richtigen Kanäle zu lenken – um dann mit dem eigentlichen Inhalt des Spiels zu beginnen, nämlich dem Erlernen verschiedener Sprachen/Schriften. Dabei geht es um Begriffe und um eine einfache Grammatik. In den verschiedenen Leveln dieses an den Turm von Babel erinnernden Bauwerks ändert sich die Farbgebung und Ästhetik – und die recht realistisch gestalteten Sprachsysteme. Unterschiedliche Level übersetzend in Verbindung zu bringen, verändert den Turm selbst. Neben den Übersetzungspuzzles gibt es in den verschiedenen Ebenen auch Aufgaben, bei denen es notwendig ist, bestimmte Dinge zu finden und anzuwenden, oder sich in einem bestimmten Rhythmus anzuschleichen, um nicht gesehen zu werden. Und am Schluss stellt sich heraus, dass das Ende noch nicht das Ende ist, und die Auflösung des Geheimnisses dieses Turms komplizierter als gedacht ist. Wer Spaß an Logikrätseln und dem Erkunden eines geheimnisvollen Turms hat, dürfte mit Chants of Sennaar einige unterhaltsame Tage verbringen.
Sonst so: Von den restlichen Folgen der ersten Staffel von Star Trek: Starfleet Academy (Paramount+) war ich sehr angetan; ein emotionaler Abschluss der ersten Staffel. Und ja, weiterhin Coming of Age und Highschool in Space – und das Problem übergroßer Gegner samt Bosskampf am Staffelende, wie bei einigen der neueren Star-Trek-Produktionen. Trotzdem: Science Fiction wird hier sehr gut genutzt, um eine Geschichte über Konflikte und deren (diplomatische) Lösung zu erzählen, und das in berührender Form. Nach anfänglichem Fremdeln mit dem Setting bin ich nun gespannt, wie es in der zweiten Staffel weitergeht. Eine dritte Staffel hat Paramount+ leider gecancelt – was dazu führt, dass es 2027 dann zum ersten Mal keine Neuentwicklungen im Serienunversium gibt, und was die Frage aufwirft, ob’s an dem zu geringen Publikumszuspruch lag oder ob wir hier erste Effekte davon sehen, dass Paramount+ jetzt zum Medienimperium der Ellison-Familie aus dem Trump-Umfeld gehört. Eine schon in den 1960ern „woke“ Serie, bei der eine hippieske Schulleiterin zeigt, dass manches auch ohne Waffengewalt geht – möglicherweise passte das nicht mehr ins Portfolio. Was dann ebenso möglicherweise kein Einzelfall ist und für die mediale Öffentlichkeit auch „nach Trump“ nichts Gutes verheißt.
Ansonsten haben wir die dritte Staffel der weiterhin unterhaltsamen amerikanischen Ghosts-Variante (Netflix) zu Ende geschaut (und uns gewundert, dass die Staffeln 4 und 5 nicht auf Netflix zu finden sind, sondern nur anderswo – Streaming war auch schon mal einfacher).
Und ich bin ganz angetan von der fünften Staffel von For All Mankind (Apple), die gerade angelaufen ist – und mehr oder weniger gestern spielt, also in einem alternativgeschichtlichen Jahr 2012 (huch: das ist „in echt“ auch schon wieder ganz schön lange her …). Wie reale Ereignisse und die Filmgeschichte vermischt werden, und wie ein Jahr 2012 aussieht, dass unserem 2012 in einigen Punkten technisch weit voraus ist (Raumfahrt, fortgeschrittene Mars-Besiedlung, Videokonferenzen), politisch (und popkulturell) aber auch nicht besser dran ist – das ist auch in der fünften Staffel, der ersten Folge nach zu urteilen, gut gelungen. Ebenso hat mir gefallen, dass die Charaktere, die aus den vorherigen Staffeln bekannt sind und weiter mitspielen, nun recht realistisch gealtert gezeigt werden. Auch diesbezüglich ist sich die Serie in ihrem Realismus treu geblieben.
Damit zu den Büchern. Über Hopeland (2023) von Ian McDonald habe ich schon separat etwas geschrieben.
Fast ein bisschen wie Star Trek mit abgefeilten Seriennummern wirkt die im Selbstverlag veröffentlichte „Kitra Saga“ von Gideon Marcus – eine Gruppe von Jugendlichen (und einem gestaltwandelnden Außerirdischen) erkunden in einem Raumschiff mit Jump-Antrieb ein sich über mehrere Sternsysteme erstreckendes menschliches Imperium. Marcus selbst gibt an, dass ihn die Geschichten, die er als Jugendlicher gelesen hat, zu dieser Serie inspiriert haben. Also: halbwegs realistisch geschriebene Young-Adult-Space-Opera. Hauptperson hier ist Kitra Yilmaz; sie kauft das Raumschiff mit ihrem Erbe (ihre verstorbene Mutter war eine angesehene Diplomatin) und bringt ihre eigenen Traumata und Unsicherheiten mit. Und das Beziehungsgeflecht zu ihrer Crew, die sie aus ihrem Freundeskreis rekrutiert hat, spielt ebenfalls eine große Rolle. Insgesamt eher, hm, fluffy. Interessant das Worldbuilding; es gibt Welten, die von langsameren Generationenschiffen besiedelt wurden und als eher rückständig gelten („mid worlds“), es gibt unterdrückte Religionen, die eine Kultur ist turko-französisch, die andere stark finnisch beeinflusst, es kommen In-Series-Spiele und kulturelle Phänomene vor – und ja, Außerirdische hat die Menschheit auch entdeckt, sie bleiben aber fremd. Unter der Oberfläche schimmern große Themen (die Frage, wie gerecht die imperiale Politik eigentlich ist, und im dritten und vierten Band dann auch düstere Fragen). Die Serie besteht aus den vier jeweils rund 150 bis 200 Seiten umfassenden Bänden Kitra (2020), Sirena (2021), Hyvilma (2023) und Majera (2026).
Dann habe ich noch Laura J. Mixons Cyberpunk-Klassiker Glass Houses (1992) gelesen. Das Buch spielt in einem von Hitze und Überschwemmungen (climate fiction, anyone?) heimgesuchten New York. Die Hauptperson, Ruby Kubick, verlässt ihre kleine Wohnung, die sie zusammen mit ihrer Freundin/Bekannten Melissa bewohnt, nur selten und höchst ungern – stattdessen schickt sie „Waldos“ in die Welt, mit ihrem Bewusstsein verschmelzende Roboter, um mehr oder weniger legale Jobs zu erledigen. Bei einem dieser Jobs geht etwas schief, Golem-Ruby kann einem Unglück in einem Abbruchhaus gerade noch entkommen – und Ruby gerät unwillentlich in eine Intrige in der Welt der reichen „Envies“. Vieles liest sich sehr gegenwärtig, anderes (etwa der Blick auf das sekundengenau abgerechnete VR-Netz) ist in die Jahre gekommen. Glass Houses ist der erste Band der Trilogie „Avatars Dance“; ob/wann ich die zwei Folgebände lese, muss ich mal noch sehen. Glass Houses ist jedenfalls nicht nur als gerne übersehener Cyberpunk-Meilenstein, sondern auch für sich stehend lesenswert.
These Fragile Graces, This Fugitive Heart (2024) ist ein kurzer Roman von Izzy Wasserstein, der als „queer, noir technothriller“ beschrieben wird. Das Buch kann sowohl als große Metapher gelesen werden (die trans Hauptperson Dora trifft auf einen zunächst als männlich wahrgenommenen Klon ihrer selbst) wie auch als SF-Novelle mit Cyberpunk-Anleihen – es kommen Klone und Biotech-Firmen vor, die nicht vor rabiaten Methoden zurückschrecken, eine ziemlich düstere Nachbarschaft, und gehackt wird auch. Kern der Geschichte ist ein Mordfall in Doras ehemaligem anarchistischen Wohnprojekt, in das sie zurückkehrt, um diesen aufzuklären. Kansas City in den 2050er Jahren ist kein freundlicher Ort – die Straßen sind menschenleer und vom Klimawandel gekennzeichnet, wer wegziehen kann, zieht weg, und das anarchistische Wohnprojekt zerstreitet sich über die Frage, welche Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind. Noir, ok, aber dieses Amerika ist ziemlich düster – und geht von einem ebenso düsteren Menschenbild aus. Das hat mich bei dieser ansonsten lesenswerten Novelle etwas abgeschreckt.
Dass ein zu viel an Message nicht unbedingt gut ist, lässt sich schließlich in We Will Rise Again (2025) beobachten – einer Sammlung von Kurzgeschichten und Essays, die um Aktivismus in unterschiedlichen Settings (von Fantasy bis zu near future) kreisen, und wohl größtenteils auch im Zusammenwirken von Autor*innen und Aktivist*innen entstanden sind. Die Herausgeberinnen dieser Anthologie sind Karen Lord, Annalee Newitz und Malka Older – eigentlich vielversprechende Namen. Das Ergebnis ist jedoch, typisches Anthologieproblem, durchwachsen. Neben sehr guten Geschichten – etwa die in ein Fantasy-Setting versetzte Antikriegsgeschichte „Other Wars Elsewhere“ von R.B. Lemberg – finden sich auch eher qualvoll zu lesende Texte. Oder vielleicht hat mich auch der Überschuss an Aktivismus an der einen oder anderen Stelle abgeschreckt.
