Kurz zur Karfreitagsdebatte

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Inspiring spring VIAn einigen Stellen im Netz (z.B. hier) wird – aus aktuellem Anlass – wieder darüber diskutiert, ob das Tanzverbot für die Osterfeiertage noch zeitgemäß ist, und ob diejenigen, die sich für eine Abschaffung einsetzen (z.B. hier), das dürfen oder nicht, ohne gleich den ganzen Feiertag aufzugeben.

Als Atheist mache ich es mir da vielleicht zu einfach, aber ich nehme Ostern nicht als christliches Fest wahr. Sondern als säkularisierte (staatliche) Frühlingsfeiertage. Wie die begangen werden, sollte jedem und jeder selbst überlassen sein. Oder anders gesagt: zur Religionsfreiheit gehört für mich auch, dass die AnhängerInnen der dominierenden Religion es tolerieren müssten, dass andere Menschen an einem christlichen Trauertag (wie dem Karfreitag) fröhlich sind. Oder nochmal anders gesagt: was ich an der Debatte nicht einsehen mag, ist die implizite Logik, dass die Angehörigen der dominanten Religion in einem Staat ohne Staatsreligion über das Handeln anderer bestimmen.

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31 Antworten auf Kurz zur Karfreitagsdebatte

  1. Lars Fischer sagt:

    Eben.

    Allerdings kann ich die Diskussion schon deswegen nicht so recht nachvollziehen, weil ich es als Nordlicht eh nicht anders kenne. Langes Wochenende ist langes Wochenende und wird entsprechend genutzt.

    (vielleicht sollten wir mal dem Stifter des Feiertages danken und ne Pilatus-Party machen?)

  2. Ich sehe die Sache als Grüner Christ ein wenig differenzierter.

    Ja, jeder sollte die Freiheit haben dürfen, sein Religoin ausleben zu können bzw. seine Nicht-Religion.
    Allerdings ist Ostern eindeutig ein christlicher Feiertag und eben kein säkularer wie der 3. Oktober.
    Wer also mit den bisherigen Gegebenheiten brechen möchte und an Karfreitag feiern will, sollte dies auch konsequent durchziehen und an Ostermontag arbeiten gehen. Wer keinen Grund hat am Freitag zu trauern, hat meiner Meinung auch keinen Grund am Montag zu feiern.
    Ich spreche mich nicht gegen die Abschaffung von Ostern als Feiertag aus, verlange aber von den Kritikern der »stillen Feiertage« die angebrachte Konsequenz. Sich nur die Rosinen heraus picken zu wollen ist scheinheilig.

  3. Till sagt:

    @Phillip: Ostern ist zunächst mal ein staatlicher (bzw. staatlich geregelter) Feiertag. Dass da Geschäfte geschlossen haben etc., betrifft mich genauso wie dich, ganz unabhängig von religiösen Überzeugungen. Die interessante Frage ist doch nun: »Gehört« der Feiertag einer Gruppe, die entscheiden darf, was da gemacht wird – auch für alle anderen?

  4. Lars Fischer sagt:

    Im Grunde wäre es ganz einfach: Das ganze Gesumse komplett abschaffen, dafür eine Woche Urlaub mehr für alle. Wer seinen Religionskram feiern will kann ja freinehmen.

  5. Till sagt:

    @Lars: Ach, so ein paar staatlich geregelte Feiertage sind schon gut – funktionierten in den letzten Jahren bei mir jedenfalls deutlich besser als »Urlaub nehmen«.

  6. Christian sagt:

    Ich finde, mit ein wenig Rücksichtnahme auf die Empfindungen Dritter liegt man eigentlich nie falsch. Die Karfreitagsverbote sollen ja nun wirklich nicht bewirken, dass man am Karfreitag als Nicht-Christ nicht fröhlich(!) sein darf, sondern lediglich den einen oder anderen Auswuchs wie etwa eine öffentliche Spaß- und Lachparade unterbinden, die man ja aber auch an 364 anderen Tagen im Jahr durchführen könnte. An einem einzigen Tag im Jahr auf öffentliche Bespaßungen zu verzichten, sollte ja in unserer spaßgesättigten Gesellschaft eigentlich kein Problem sein. Zumal es mir schon ein wenig seltsam vorkommt, wenn Leute das immerhin ja durch eine religiöse Tradition begründete »lange Wochenende« natürlich nur zu gerne in Anspruch nehmen, der Religionsgemeinschaft selbst dann aber unbedingt noch irgendwie auf die Füße treten wollen. Ich halte es da mit Phillip: Wer am Karfreitag unbedingt öffentlich(!) einen draufmachen will, könnte doch am Ostermontag auch arbeiten gehen…

    Aber klar, eigentlich dürfte es das Verbot nicht geben. So wie ich eigentlich auch das Recht hätte, das große Schweine-Grillfest am Aschura direkt gegenüber der Moschee zu veranstalten – aber wäre es wirklich nötig, soetwas auch durchzuziehen, nur weil man es theoretisch kann oder können müsste? Muss dass denn sein? Oder fahre ich besser, wenn ich hier und da auch mal auf andere Gruppen Rücksicht nehme, und mir im Gegenzug dann auch Rücksichtnahme einfordern kann, wenn es um meine Interessen geht? Ich dachte immer, gerade die Grünen hätten da eigentlich andere Vorstellungen von zivilem Miteinander…

  7. Till sagt:

    @Christian: Es geht ja nicht um einen einzigen Tag – je nach Land ist es die ganze Osterzeit, der Totensonntag wird ähnlich geregelt – und, was ich auch bisher nicht wusste, auch für die übrigen Feiertage gelten gravierende Einschränkungen (z.B. keine der Unterhaltung dienenden öffentlichen Veranstaltungen während des Hauptgottesdienstes an allen Feiertagen außer 1. Mai und Einheitstag, Feiertagsgesetz BaWü, §7). Zumindest formal wird da sehr viel mehr geregelt als ein Mindestmaß an gegenseitiger Rücksichtsnahme.

    Und nochmal zur Rücksichtsnahme: eine Regelung, die z.B. im Umkreis um Kirchen öffentliche Feiern an Feiertagen verbietet, könnte ich ja nachvollziehen. Aber warum soll eine Disco in einem Industriegebiet über Karfreitag (und z.T., vgl. Hessen, über Ostern insgesamt) ihren Betrieb einstellen müssen, weil ganz andere Menschen an ganz anderen Orten diese Tage feierlich begehen wollen?

    [P.S.: Die diesbezüglichen Gesetze und Vorschriften sind hier nachlesbar.]

  8. Lukas sagt:

    ich finde es ja besonders absurd, dass es druch das tanzverbot auch christliche traditionen betroffen sind. denn nach strenger auslegung sind vom tanzverbot ja auch gospels & spirituals verboten, die ja oft tänzerische elemente enthalten.

    von daher normiert das tanzverbot unser alt hergebrachtes (=konservatives) christentum in deutschland und erschwert die öffnung für neuere christliche strömungen.

  9. Christian sagt:

    @Till: »Keine der Unterhaltung dienenden öffentlichen Veranstaltungen während des Hauptgottesdienstes an allen Feiertagen außer 1. Mai und Einheitstag.« Da bleiben, wenn ich §1 richtig interpretiere, noch 9 Feiertage übrig, macht genau 9 von 8.760 Stunden (bzw. 8.784 Stunden im Schaltjahr), an denen keine öffentlichen Spaßveranstaltungen durchgeführt werden dürfen. Ist das jetzt wirklich eine so gravierende Einschränkung, dass sich die politische Diskussion darüber lohnt?

  10. M Darge sagt:

    Für mich gehört das einfach zur Kultur, im Netz wird doch auch auf Netiquette geachtet – und zwar in steigendem Maße. Doch ein Tanzverbot sollte seinem eigentlichen Zweck dienen. In unserer schnelllebigen Zeit ist es ohnehin schwierig zur Ruhe zu kommen. Wenn man sich bei einer Andacht über Lärm in der Nachbarschaft beschweren muss, ist das meditative Moment dahin und kann auch nicht wiederhergestellt werden. Die Frage ist, wie weit das auf Diskotheken zutrifft. Dort herrscht meist ein solcher Höllenlärm, dass sie als unterirdische Bunker am Stadtrand gebaut werden und von außen unhörbar sind.

    Das »Tanzverbot« im eigentlichen Sinn bezieht sich auf die gesellschaftliche Veranstaltung, sehen und gesehen werden. Wer fehlt gehört eben nicht dazu. Pech für Christen, die sich outen wenn sie Karfreitags verhindert sind.

    Die Feiertage kommen wie die Jahreszeiten und geben dem Leben einen Rhythmus. Ich kann mich der Argumentation von Phillip Krassnig voll anschließen.

    Noch etwas, unsere Kirche hat weder Turm noch Glocken, weil die Nachbarn beim Bau dagegen geklagt haben (wie gegen Minarette). Doch einem Nachbarn reicht das noch nicht. Er ruft die Polizei, wenn bei gemeindlichen Veranstaltungen nicht die Fenster geschlossen werden, damit er auch garantiert nichts hört. Soviel zur Toleranz mancher Atheisten.

  11. Till sagt:

    @Christian: Klar, ’ne politische Debatte lohnt sich immer. Mal abgesehen davon, dass ich mir durchus vorstelle, dass es Hauptgottesdienste gibt, die länger als eine Stunde dauern, finde ich die Regelungen weiterhin anachronistisch. So im 1000-Einwohner-Dorf mit Kirche, Tanzhaus und Fußballclub kann ich mir sogar vorstellen, dass sie Sinn machen. In einer Großstadt? Warum sollte da eine Lesung im Theater am zweiten Weihnachtstag zur Zeit des Hauptgottesdienstes verboten sein? Warum eine Sportveranstaltung erst um 11 Uhr beginnen?

    Mir geht’s nicht um die paar Stunden oder die zwei Tage – letztlich ist’s ein typischer Fall von Regulation an einer Stelle, wo es absolut nicht notwendig ist. Selbst im 1000-Ew.-Dorf nicht – wenn dort der überwiegende Teil der Fußballclub-Mitglieder in die Kirche gehen, werden sie kein Spiel an einem Feiertag vor 11 Uhr ansetzen – wenn nicht, dann spricht nichts dagegen. Usw.

  12. Christian sagt:

    @Till: Dafür, dass eine Lesung im Theater verboten sein sollte, gibt es natürlich überhaupt keinen Grund – und falls dies tatsächlich so geregelt sein sollte, wird es wohl Zeit für eine Änderung.

    Für wie wahrscheinlich hältst Du es denn aber, dass die Leute, die nach einer Abschaffung derartiger Regeln rufen, dies tun, weil sie auch diese eine Stunde noch gerne nutzen würden, um eine weitere Lesung im Theater zu organisieren? Und wie wahrscheinlich ist es demgegenüber, dass aus gewissen Kreisen im Falle einer Lockerung sofort die erste dezidiert antikirchliche Party als Gegenveranstaltung möglichst parallel zum Hauptgottesdienst und möglichst nah an der Kirche angemeldet wird? Um was wetten wir, dass es auch nicht lange dauert, bis uns die »Geiz-ist-geil«-Discounter dann mit dem »Karfreitags-Mega-Party-Shopping-Day« beglücken? Wäre denn dann wirklich etwas Positives erreicht?

  13. Hanno sagt:

    Die interessante Frage hat ja noch gar niemand gestellt:
    Wird im jetzt grünen Baden-Württemberg dem christlichen Fundamentalismus Einhalt geboten und das Feiertagstanzverbot abgeschafft?
    (und ja, ich benutze den Begriff Fundamentalismus hier sehr bewusst – denn der fängt exakt da an, wo Anhänger einer Religion versuchen, ihre Regeln nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere gelten lassen zu wollen)

  14. Lars Fischer sagt:

    @Christian:

    Ich würde an diesem Punkt gerne mal daran erinnern, dass es eben nicht irgendwelche »antikirchlichen« Kreise waren, die friedliches Miteinander und Rücksichtnahme aufgekündigt haben. Insofern führst du hier eine Strohmann-Debatte. Es geht nicht darum, dass irgendwer Christen ärgern will, sondern dass Christen ihre privaten Normen gegenüber Leuten durchsetzen wollen, die ihnen überhaupt nichts getan haben.

  15. Till sagt:

    @Christian: Dem Gesetzestext nach wäre auch die Lesung im Theater betroffen. Und wie Lars schon sagt (konnte das leider erst heute freischalten, war krankheitsbedingt nicht am Rechner) – das kommt nicht aus AtheistInnen-Kreisen, sondern von Leuten, die gerne feiern wollen.

    @Hanno: Gehört leider zu dem Paket »Kretschmann«, dass das eher kein Thema wird, denke ich.

  16. Christian sagt:

    @Lars: Wieso schließen denn aber auch Clubs unter Kenntnis der Gesetzeslage nicht kündbare Verträge mit Künstlern? Das scheint mir wirklich ziemlich unvernünftig zu sein. Ich finde ja auch nicht jedes Parkverbot richtig, aber wenn ich meine Karre trotzdem dort abstelle… Das würde mich auch irritieren, wenn ich dort Ordnungsdezernent wäre – auch wenn ich die unaufgeregte Position der CDU in diesem Fall natürlich sinnvoller finde.

    @Till: »…sondern von Leuten, die gerne feiern wollen.« Und die haben echt keine andere Chance dies zu tun als am Karfreitag. Ich verstehe das nicht – ist denn ein einziger Tag Rücksichtnahme im ganzen Jahr für manche schon zuviel? Ist das wirklich die grüne Linie – und wäre sie es auch, wenn es um Rücksichtnahme auf einen islamischen Feiertag ginge? In vielen evangelischen Kitas und Schulen wird beispielsweise aus Rücksichtnahme auf muslimische Familien zu bestimmten Zeiten auf den Konsum von Schweinefleisch verzichtet – das hatten die Grünen, soweit ich mich erinnere, ausdrücklich als Geste der religiösen Toleranz begrüßt. Also: Einen Monat kein Schweinefleisch für alle ist eine gute, da tolerante Idee, aber einen Abend keine Mega-Party in der Disco ist nicht auszuhalten?

  17. Till sagt:

    @Christian: Wie gesagt, ich bezweifle, dass die Störung des stillen Feiertags durch die Großdisdko am Stadtrand für die KirchgängerInnen tatsächlich bemerkbar wäre – da liegt auch der Hauptunterschied zur Rücksichtnahme auf muslimische Feiertage in Kitas und Schulen.*

    * Zum Thema Ernährung in Kitas und Schulen aus Sicht eines überzeugten Vegetarieres angesichts extrem geringer Wahlfreiheit dort sage ich jetzt mal nichts.

  18. Christian sagt:

    Pressemitteilung von MdB Sigrid Beer:

    »Für mich als Christin ist und bleibt der Karfreitag ein Stolperstein in der Gesellschaft. Und das ist auch gut so. In unserem gesellschaftlichen Alltag nehmen Hektik und Konsum häufig viel Raum ein. Deshalb braucht diese Gesellschaft auch einen stillen Feiertag wie den Karfreitag, an dem sie auf sich selbst zurückgeworfen wird. Dieser Tag bietet allen die Gelegenheit, sich Zeit zur Besinnung zu nehmen und über die Werte menschlichen Zusammenlebens nachzudenken. Ob dies aus christlicher Motivation geschieht oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Jede und jeder kann diesen Feiertag individuell gestalten.

    Wir als Grüne begegnen den Christinnen und Christen in Nordrhein-Westfalen mit der gleichen Toleranz und dem gleichen Respekt wie allen Anders- oder Nichtgläubigen. Zu diesem Respekt gehört auch die Achtung vor religiösen Feiertagen. Am Feiertagsgesetz ist keine Änderung vorgesehen.«

    http://www.ruhrbarone.de/karfreitag-grune-bleiben-fromm/

    Fall erledigt (nehme ich mal an). Jetzt können wir uns wieder wichtigeren Themen zuwenden :-)

  19. Jens sagt:

    @Christian
    Sicher gibt es wichtigere Themen, aber die gibt es immer. Mir scheint es so, dass es Gläubigen gar nicht auffällt, wie oft Nicht-Gläubige mit religiösen Zwängen konfrontiert werden. Mir geht es da ums Prinzip: Ich werde weder am Karfreitag trauern noch am Ostermontag feiern, sondern wohl am Computer sitzen und versuchen meine Habilitation zu Ende zu schreiben. Dass ich jetzt am Donnerstag Abend statt am Freitag ins Stadion muss, ist da eigentlich egal – einen triftigen Grund dafür sehe ich aber auch nicht. OK, von mir aus kann man das als Geste werten an diejenigen, die ihren Glauben pflegen und trotzdem nicht ein Spiel verpassen möchten.

    Es endet aber doch nicht damit, sondern, das erfährt man als Eltern manchmal eindringlicher als man möchte, betrifft beispielsweise die Schule. Ich finde es nicht in Ordnung, dass ein Kreuz im Klassenzimmer hängt; ich finde es nicht in Ordnung, dass außerhalb des Religionsunterrichts gebetet wird (und bei den Personen, die das praktizieren, sollte man besser nicht dagegen aufbegehren)…

    Die Regelung der stillen Feiertage ist für mich daher schlicht ein typisches Beispiel dafür, dass sich der Einfluss der Religion (oder eher noch der Kirchen) dort geltend macht, wo er nichts zu suchen hat: im Bereich staatlicher Institutionen. Ich akzeptiere ja schon, dass ein großer Teil meiner freien Tage religiös festgelegt wird, dass ich am Sonntag nicht einkaufen kann, aber aus dem Bett geklingelt werden darf, dass Prozessionen die Straße blockieren usw. Ungläubige sind in dieser Hinsicht eher unsichtbar und verlangen anderen im öffentlichen Raum – so wie ich es sehe – letztlich nie Toleranz ab, weil sie – obwohl eine immer größere Menge – nicht als Gruppe organisiert auftreten. Daher finde die Forderung, dass man hier Toleranz üben solle, letztlich grotesk.

  20. Tichodroma sagt:

    Ich werde mich dem öffentlichen Spaß hingeben, am Freitag im Kino den unvergleichlichen Peter Sellers in »The Party« vom ebenfalls unvergleichlichen Blake Edwards zu genießen.

    »Birdie Num Num«

  21. Max sagt:

    Aus meiner Sicht ist die Lage so:

    Die Feiertage sind zwar staatlich. Aber sie sind nicht willkürlich, sondern eben auf christliche Feiertage gelegt und waren historisch dafür gedacht, dass die Leute die Riten feiern können. Und dazu gehört eben die Trauer.

    Die Konsequenz aus der Erlaubnis müsste sein: Alle Feiertage abschaffen und sinnvoller über das Jahr verteilen ;)

    Abgesehen davon gibt es ja genügend Möglichkeiten, sich trotzdem zu vergnügen, selbst wenn man nicht tanzen kann. Es dürfte eigentlich niemand zu kurz kommen.

  22. M Darge sagt:

    @Lars Fischer, wenn man den Artikel in der Frankfurter Rundschau ließt, kommt einem schon die kalte Wut hoch. Aus dem an sich, als Minderheitenschutz gedachten Feierverbot, macht der FDP Ordnungsdezernent eine unsinnige Spaßbremse, die den Christen mehr schadet als sonst was. Das Ergebnis der Onlineumfrage zeigt, dass Atheist zu sein, zur Zeit hip ist, Hauptsache Party.

    Schaut man sich die Umfrage genauer an, wollen doppelt so viele das Tanzverbot auf wenige Stunden am Karfreitag begrenzen. Den restlichen 9% geht es wohl weniger um christliche Befindlichkeit, sondern darum, gegen den Mainstream zu sein. Denn aus christlicher Sicht ist der Karsamstag (und nicht etwa Ostersamstag) gar kein Feiertag, wobei sich hier katholische und evangelische Kirche deutlich unterscheiden und Ostern gilt als freudigstes Fest überhaupt, weshalb ein Feierverbot absurd wäre.

    Um aber auf Tills Blog zurück zu kommen, habe ich mir das Thema bei Wikipedia angesehen. Dort zeigt sich, dass die Bundesländer ganz unterschiedlich damit umgehen. Es sind eigentlich nur zwei Länder, die etwas über das Ziel hinausschießen, Hessen und noch schlimmer Baden Württemberg. In NRW ist eigentlich nur der Karfreitag betroffen, der sehr ausgiebig verboten ist (6 Stunden am Donnerstag davor und 6 Stunden am Samstag danach) und der Heilige Abend. Der allerdings erst an 16:00 Uhr. Mal ehrlich, wer ist an diesem Tag nicht mit seiner Familie zusammen? Weiter gilt das Verbot nur an drei Tagen, Allerheiligen, dem Volkstrauertag und dem Ewigkeitssonntag, wobei der Volkstrauertag kein kirchliches Fest ist. Doch an diesen Tagen gilt das Verbot nur bis 18:00. Wer bitteschön und welche Disco feiert schon tagsüber?

    Neben HE und BW dürfen sich die Bayern zu Recht ärgern. Doch was Tradition und Kirche anbelangt, sind die Leute von südlich von Süddeutschland einiges an Leid gewohnt.

  23. Christian sagt:

    @Jens: Ich verstehe ja die Gründe derjenigen, die sich Karfreitagsverbote kritisieren durchaus, so richtig überzeugt hat mich allerdings noch nichts. Nehmen wir die Prinzipien: Wie oben geschrieben hätte ich prinzipiell vermutlich auch das Recht auf das große Schweinefleischgrillen am Aschura direkt gegenüber der Moschee, trotzdem käme es mir nie in den Sinn, dieses Recht auch einzufordern. Der Grund dafür ist einfache gesellschaftliche Rücksichtnahme, die für mich das »prinzipiell dürfte ich ja« einfach toppt. Ob man das in Gesetze gießen muss, ist eine ganz andere Frage, dass jemandem durch den Wegfall der abendlichen Disko-Option an einem von 365 Tagen im Jahr ein großer Schaden entsteht, sehe ich jedenfalls nicht.

    Oder nehmen wir die Kreuze im Klassenzimmer: Die sind nun wirklich durch alle Instanzen hinweg bekämpft wurden, seit 2009 liegt nun ein endgültiges, nicht mehr anfechtbares Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vor, demzufolge die Kreuze völlig in Ordnung sind:

    http://diepresse.com/home/bildung/schule/hoehereschulen/642667/EGMR_Kreuz-im-Klassenzimmer-ist-rechtens

    Trotzdem wird das Thema nicht fallengelassen, sondern immer wieder behauptet, eigentlich wäre es ja nicht rechtens, dass da ein Kreuz etc. pp. Auch der Grund für diesen ständigen Kampf gegen die religiösen Privilegien ist mir ehrlich gesagt noch immer schleierhaft; ich sehe auch nicht, wie sich durch ein »weg damit!« irgendwas in der Gesellschaft verbessern würde.

    »…und bei den Personen, die das praktizieren, sollte man besser nicht dagegen aufbegehren…«

    Und das in einem grünen Blog. Da staune ich ja. Die meisten Vertreter der wohl angesprochenen Gruppe kann man übrigens durchaus ansprechen und offen kritisieren, ohne dass einem deshalb etwas Böses widerfährt – zumindest meiner Erfahrung nach. Extremisten fallen nur – egal in welcher Gruppe – einfach mehr auf.

    »Ungläubige sind in dieser Hinsicht eher unsichtbar und verlangen anderen im öffentlichen Raum – so wie ich es sehe – letztlich nie Toleranz ab.«

    Schwer zu sagen, da teilweise der Standpunkt vertreten wird, im öffentlichen Raum dürfe von Religion Nullkommanix zu sehen oder zu bemerken sein. Auch solche Forderungen haben meines Erachtens nach etwas mit mangelnder Toleranz zu tun – ich ertrage im öffentlichen Raum auch viele politische und weltanschauliche Sichten, die ich nicht teile – warum keine religiösen. Ich finde, das gehört zu einer pluralistischen Gesellschaft einfach dazu…

  24. Jens sagt:

    @Christian
    Deine Posts zeigen mir, wie wichtig es ist, diese Sache weiter zu diskutieren, da man als Christ offensichtlich doch viele Dinge als ›nicht so gravierend‹ ansieht, die man als Nicht-Christ erlebt.

    1. Zwischen den Zeilen stand es doch schon: Ich habe so meine Erfahrungen mit dem Beten in der Grundschule. Als ich darauf hinwies, dass ich nicht will, dass mein Sohn aufstehen und mitbeten soll, wurde mir das bayerische Schulgesetz vor die Nase gehalten, das die Schule auffordere im christlichen Sinn zu erziehen. Wie das Kleingedruckte mit der Berücksichtigung der Interessen anderer ausgelegt wird, konnte ich dann erleben. Das Problem mit diesem in der Schule ausgestellten Glauben ist die zugrundeliegende Überzeugung, dass man recht hat und das Recht hat, seine Überzeugungen auf andere zu übertragen. Gerade Grundschulen sind ein Raum, indem versucht wird die Kinder zu erreichen, die zu Hause eben nicht mehr ausreichend christlich erzogen werden. Kurz: Leider konnte man auf dieser Schule nicht länger bleiben, wir mussten also umziehen. Im übrigen: Genausowenig wie ich in durch meine Steuergelder finanzierten Institutionen den Glauben anderer Leute ins Gesicht gedrückt bekommen will, möchte ich ihnen mein Nicht-Glauben erklären. Das ist es, worum es geht. Und in welchem Glauben oder Nicht-Glauben Kinder zu erziehen sind, hat der Staat meiner Meinung nach nicht vorzuschreiben.

    2. Dass der Europäische Gerichtshof gesagt hat, dass man keinen Anspruch auf ein Klassenzimmer hat, in dem kein Kreuz hängt, ist mir bekannt. Es handelt sich dabei um eine juristische Entscheidung, zu der ich mich immer noch so oder so positionieren kann. Ich halte sie für falsch. Es handelt sich damit um ein persönliches Bekenntnis, das für mich im Klassenraum nichts zu suchen hat. Da darf der Lehrer oder die Lehrerin auch kein Porträt von Marx oder ein Wahlplakat der Grünen auf hängen. Und es wäre wahrscheinlich auch nicht gedeckt, wenn dort ein Schild hinge, ich bin überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Das meine ich mit der asymmetrischen Forderung nach Toleranz.

    3. Ich habe nichts gegen Zeichen des Religiösen im öffentlichen Raum. In Südbaden, wo ich lebe, hängt (mit Ausnahme von Freiburg) an jedem zweiten Haus ein Kreuz, das Freiburger Münster soll bleiben, ich habe auch gläubige Freunde und wenn meine Studierenden ein Kreuz tragen, dann sollen sie das tun. Ich will bloß nicht, dass mir religiöses Handeln vorgeschrieben wird. Wer entscheidet denn, ob ich in der Hektik des Alltags einen »Stolpersteine« oder einen »Tag der Besinnung« brauche? Das ist nicht Sache des Staates.

    4. Das Argument, dass man ohne gesetzliche Verbote die Gottesdienste stören würde, geht nun wirklich völlig am Kern vorbei. Intolerant wäre es tatsächlich, wenn ich absichtlich am Karfreitag vor die Kirche ziehe, Party mache und Fleisch brate, um die Gottesdienstbesucher zu provozieren. Da überschätzt Du aber das Sendungsbewusstsein sehr – mir fiele wirklich kein Atheist oder Agnostiker ein, der sich das herausnehmen würde. Darum geht es dem Gesetz ja auch nicht, sonst wäre es anders formuliert.

  25. Christian sagt:

    @Jens: Vielen Dank für die ausführliche Antwort. In der Tat empfinde ich viele der dargelegten Dinge als »nicht so gravierend«, was man natürlich meiner Kirchenzugehörigkeit zuschreiben könnte, eigentlich aber Ergebnis meiner festen Überzeugung ist, dass man die Konfrontation mit anderen Ansichten und Weltbildern eben irgendwo aushalten muss – auch wenn sie einen in der Schule oder in anderen staatlichen Einrichtungen trifft und an sich unwillkommen ist. Insbesondere denke ich nicht, dass Eltern ein Anrecht darauf haben, dass die Schule die Kinder ideologisch in ihrem Sinne erzieht. Das betrifft die Evangelikalen, deren Kinder in der Schule etwas von Evolution hören ebenso wie die Atheisten, deren Kinder irgendwo in der Schule ein Kreuz hängen sehen wie eben auch konservative AKW-Befürworter, die damit leben müssen, dass ein grün angehauchter Lehrer ihren Kindern auch mal was von Fukushima erzählt….

    Will sagen: Es gibt in einer pluralistischen Gesellschaft kein Recht darauf, nicht mit nicht genehmen Weltanschauungen und Ideologien konfrontiert zu werden – auch nicht von »oben«. Sollten etwa die Linken hier in Sachsen-Anhalt irgendwann doch noch eine Mehrheit bekommen, könnte ich es auch nicht verhindern, dass ein Minister oder Staatssekretär sich öffentlich über die großen Vorteile des Sozialismus auslässt. Aus der Tatsache, dass ich eine andere Sicht der Dinge habe, kann ich meines Erachtens nach noch nicht das Recht ableiten, dass ich selbst oder meine (hypothetischen) Kinder nie mit anderslautenden Ansichten behelligt werden, seien sie nun politischer, religiöser oder philosophischer Natur…

    Zu den konkreten Beispielen sei gesagt: (1) Kinder in der Schule zum Beten zwingen ist natürlich eine völlig unmögliche Maßnahme und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht durch das bayerische Schulgesetz gedeckt. Einen »Betzwang« christlich-theologisch zu untermauern, stelle ich mir völlig unmöglich vor – in diesem Punkt sind wir uns also völlig einig. Hat sich diesbezüglich mal jemand beim örtlichen Kirchenvertreter beschwert? Der kann eine solche Praxis eigentlich gar nicht gut heißen…

    (2) Die Sache mit dem Kreuz ist meines Erachtens nach eine andere, da es sich hier nicht um ein persönliches Bekenntnis des Lehrers sondern um ein tradiertes Kulturgut handelt, das per se sicherlich auch kein Kind in dem einen oder anderen Sinne beeinflusst. Ein Raum mit Kreuz macht mit so wenig gläubig wie eine Garage mich zum Auto macht – oder Counterstrike-Spielen zum Amokläufer.

    (3) Mit einem »Tag der Ruhe« wird einem ja kein religiöses Handeln vorgeschrieben, schließlich kann man sich problemlos mit einem Kasten Bier auf der Couch fläzen und sich den ganzen Tag Sitcoms reinziehen. Untersagt sind nur bestimmte Formen des öffentlichen Feierns, die andere in ihrer Andacht stören könnten – und da sind wir wieder bei dem Punkt der gesellschaftlichen Rücksichtnahme. Wo jemandem eine religiöse Handlung aufgezwungen wird, sind natürlich Grenzen überschritten – ich kann aber nicht erkennen, inwiefern ein Kreuz im Raum oder ein Verbot lauter Feiern an einem Abend des Jahres schon eine religiöse Zwangshandlung konstituieren könnte…

    (4) Dass der organisierte Atheismus kein Sendungsbewusstsein hat, wage ich dann doch zu bezweifeln ;-) Allein schon aus pluralistischen Gesichtspunkten steht ihm der übrigens absolut zu, solange gewisse Grenzen eingehalten werden. Die Buskampagne etwa war meines Wissens nach doch recht erfolgreich…

  26. Christian sagt:

    Fühlte mich heute bei der Lektüre eines der bekannteren atheistischen Blogs an diesen Post erinnert, daher sozusagen noch ein Nach-Kommentar als post scriptum: Solange die Grünen sich nicht bedingungslos für PID aussprechen und vermutlich auch in allen anderen Fragen eine exakte Gegenposition zur Kirche einnehmen, werden sie für Teile der atheistischen Community untragbar sein und bleiben – selbst wenn sie das Tanzverbot abschaffen:

    »Kein Wunder, dass die Grünen mehr Muslime in Deutschland haben wollen, wenn die Umwertung aller Werte ihr Programm ist. Alles, was jahrhundertelang als schlecht galt, das gilt auf einmal als ein „Ausdruck menschlicher Vielfalt“. Egal, was es ist! Es wird nicht mehr lange dauern, dann verlangen die Grünen die staatliche Förderung von Morden, denn auch Mord ist ein „Ausdruck menschlicher Vielfalt“. Man stelle sich eine Gesellschaft ohne Morde vor. Wie langweilig, wie konservativ, wie homogen und vielfaltsfrei. Und Vielfalt als solche ist bereits gut. Kinderfi***n ist ein Ausdruck menschlicher Vielfalt.«

    http://feuerbringer.com/2011/05/31/grune-wollen-behinderungen-fordern/

    Kann das wirklich eure Klientel sein, für die ihr gegen das Tanzverbot mobilmachen wollt…?

    • Till sagt:

      Darf ich das mit einem schlichten »Meinungspluralismus innerhalb einer linken Volkspartei« beantworten?

      • Christian sagt:

        @Till: Ich weiß nicht. Käme ich denn bei »Moslems sind Kinderf****r« bei Dir allein schon mit dem Verweis auf den »Meinungspluralismus innerhalb einer konservativen Volkspartei« vom Haken…? Selbst in linken Volksparteien gibt es für Ähnliches ja schon mal (erfolglose) Ausschussverfahren. Im Übrigen halte ich angesichts solcher und ähnlicher Texte die hier weiter oben getroffene Aussage, es sei nicht zu erwarten, dass jemand die Aufhebung des Tanzverbotes unbotmäßig nutzen könnte, um die nächste Karfreitagsparty direkt vor der Kirche zu organisieren, für mehr als fragwürdig…

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  28. André sagt:

    Es ist schon interessant, wie in Deutschland die Feiertage mit religiösem Hintergrund verteidigt werden. Nur so als Info: im katholischen Italien ist Karfreitag ein ganz normaler Arbeitstag, nur der Ostermontag wird für Familienausflüge genutzt. Auch im katholischen Österreich ist der Karfreitag kein Feiertag. Ich frage mich wirklich, warum wir in Deutschland soviel Rücksicht auf Befindlichkeiten nehmen, die nicht mehr dem Mehrheitsweltanschauung der Bevölkerung entspricht – oder wer glaubt ernsthaft, dass am Karfreitag der fleischgewordene Gott gestorben ist? (plus die ganze Himmelfahrtsgeschichte danach) Aber wenn es dem Religionsfrieden im Lande dient und sich die Kirchen sonst aus dem öffentlichen Leben raushalten, Ok. Ah, Moment… ;)

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