Nur Männer für Netzneutralität?

Dieser Beitrag wurde unter Digitales Leben, Politik und Gesellschaft, Soziologisch gesehen abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Heute Gestern morgen ist die Initiative pro Netzneutralität gestartet. Gute Sache! Und in Windeseile wurden aus den 21 ErstunterzeichnerInnen innerhalb eines halben Tages über 3000 Personen. So weit, so gut.

wpnetzneut
Zwei der drei Erstunterzeichnerinnen. Und einige der 18 Erstunterzeichner.

Was mich und auch andere irritiert hat, ist der Eindruck, der beim Durchscrollen der UnterzeichnerInnen-Liste entsteht: da stehen fast nur Männer. Ich hatte ja vor ein paar Tagen schon auf die Zahlen zur Netznutzung nach Geschlecht hingewiesen, und auch die Erfahrungen mit Netz-Arbeitskreisen oder dem Außenbild der Piratenpartei lassen eine Ungleichverteilung nach Geschlecht erwarten – aber so wie da?

Ich habe mal nachgezählt: unter den 600 UnterzeichnerInnen von Nr. 2807 bis 3406 sind 80 per Namen mehr oder weniger klar als Frauen erkennbar. Die übrigen 520 tragen männliche Namen, sind Pseudonyme und Organisationen oder anderweitig nicht klar geschlechtlich zuzuordnen. Zumindest für diesen Zeitraum sind es also 13% Frauennamen. Das ist schon mal ganz interessant, weil es höher liegt als meine Schätzung von 10%, die mir selbst wiederum eher zu hoch gegriffen erschien. Es sind also ein bißchen mehr Frauen unter den UnterzeichnerInnen als mann das wahrnimmt.

Jetzt könnte das ein Effekt der verschiedenen Tweets etc. sein, dass bisher nur Männer unterzeichnet haben. Deswegen habe ich nochmal 100 Einträge aus dem Beginn genommen (400 bis 499): Hier komme ich auf acht Namen, die ich jetzt erstmal als weiblich wahrnehmen würde (entsprechend also 8% aller UnterzeichnerInnen in dieser Stichprobe). Das entspricht schon eher dem ersten Eindruck.

Der Vollständigkeit halber das ganze Spiel nochmal mit 2200 bis 2299 – hier sind es ebenfalls 8%.

Erstes Zwischenfazit: die Aufrufe, dass auch Frauen doch bitte unterzeichnen sollen, scheinen etwas bewirkt zu haben – allzuviel aber auch nicht.

Ein interessanter Vergleich zwischen den drei Stichproben: in den ersten beiden (400 ff. und 2200 ff.) sind alle als Frauen identifzierte Unterzeichnende mit vollem Namen dabei. In der Stichprobe ab 2807 – also bei den neusten Einträgen – finde ich unter den 60 wahrscheinlichen Frauen 17, die nur mit Vornamen, Vornamen und abgekürztem Nachnamen oder mit Pseudonym auftreten. Das ist immerhin deutlich mehr als ein Viertel in dieser Gruppe.

Daraus ließe sich die These ableiten, dass die Selbstverständlichkeit, mit ganzem Namen, also identifizierbar aufzutreten, im Netz für Männer größer ist als für Frauen. Also ein: na gut, ich unterschreib das, aber doch nicht mit vollem Namen! Auch das hat eine gewisse Plausibilität. Um dieser These nachzugehen, müsste einmal gezählt werden, wie groß der Anteil pseudonymer Einträge bei den als männlich identifizierbaren Namen ist – da es dabei um 85-90% der jeweiligen Gruppe geht, war mir das für einen schnellen Blogeintrag heute abend zu aufwendig. Vielleicht mag ja jemand zählen und im Kommentar nachtragen.

Unabhängig davon, ob es nun 8 oder 13% Frauen unter den UnterzeichnerInnen sind, bleibt die Frage nach dem Warum. Anders gesagt: wie konnte sich Netzpolitik – immerhin ja ein sehr junges Politikfeld – als männliche Domäne entwickeln? Welchen Anteil haben die technikaffinen Wurzeln (CCC etc.) dabei? Gibt es sowas wie (aktive/unbewusste) Aussschlussmechanismen – Hackersexismus als Stichwort – und am wichtigsten: Wie kann Netzpolitik zu einem Feld werden, dass sich dieser Mechanismen bewusst ist und in dem aktiv daran gearbeitet wird, strukturell wie thematisch den Pfad »Männerbund« zu verlassen? (Nebenbei: auch die Alpha-Bloggern mit hoher Sichtbarkeit sind fast durchweg Männer – und tragen damit zur Pfadausbildung bei).

Gerade Netzneutralität ist ein gutes Beispiel: denn es ist ja gerade kein »technisches« Thema, auch wenn es erstmal technisch daherkommt, sondern die gesellschaftspolitische Frage danach, wie die Netzinfrastruktur politisch reguliert werden soll, was der Markt darf, und welche Möglichkeiten »unabhängige« InhaltsanbieterInnen in Zukunft haben werden. Das betrifft – meine ich jedenfalls – alle Menschen, ganz unabhängig vom Geschlecht.

Aber nochmal: stimmen diese Überlegungen? Und was ließe sich tun? Oder, anders gefragt: warum haben die Frauen (und Männer), die inhaltlich für Netzneutralität sind, und sich bisher nicht an der Kampagne beteiligt haben, daran noch nicht beteiligt?

Warum blogge ich das? Weil ich nach meiner Schätzung irgendwo zwischen 90 und 99% Männer dann doch mal schauen wollte, ob das stimmt – oder ob mir da meine eigene Geschlechtererwartungshaltungen einen Streich in der Wahrnehmung spielt. Und nachdem ich dann schon gezählt hatte, wollte ich das – typisch Mann? – auch mitteilen, obwohl’s nicht mehr als das Äquivalent einer hektischen und ungenauen Strichliste war …

Nachtrag: Bei der Mädchenmannschaft wird erörtert, warum Netzneutralität gerade aus queer-feministischer Perspektive ein Thema sein sollte.

Einer Person gefällt dieser Eintrag.
pixelstats trackingpixel

29 Antworten auf Nur Männer für Netzneutralität?

  1. Ulf Dunkel sagt:

    Tolle Analyse, Till. Deckt sich mit meinen Beobachtungen im Netz.

    Übrigens noch ne Beobachtung zum »Ausfüll-Verhalten« bei Internet-Bestellformularen:

    Frauen tragen viel häufiger sämtliche Daten ein, die gefragt werden, und kümmern sich nicht um http:// oder https:// beim Absenden.

    Männer geben oft nur das Nötigste an und nutzen öfter den Datentransfer via https://. Wenn aber jemand wie ich (aus Kostengründen) ein SSL-Eigenzertifikat für sichere Datenübertragung verwendet, gibt es von Frauen nur höfliche Nachfragen, ob das mit dem Zertifikat so in Ordnung sei, während Männer extrem reagieren, mit rüpelhaft-pöbelnden Mails, meterlangen juristischen Abhandlungen über ihre Rechte im Netz und die Datenunsicherheit im Allgemeinen wie im Besonderen.

  2. frauke sagt:

    Denk mal noch ein Stückchen weiter: Warum stellt sich diese Frage ein Mann?
    Internet ist nach außen hin extremst männlich, bisher. Die Gleichgeschlechtlichkeit, besser noch: die Geschlechteregalität, die gerade im Netz eine perfekte Chance hätte haben können, wurde/wird leichtfertig verspielt.
    Das wird sich (hoffentlich bald) ändern!!

  3. Ich will den Jungs ja nicht wieder einen vor den Latz knallen, aber ja, das kennen wir ja seit Jahren, dass die sich hinstellen und Papiere schreiben und dann wahlweise die eine oder die andere noch mit raufnehmen auf ihre Liste. Es gab ja auch nach der re:publica 2009 die Debatte um Frauen auf Podien und danach zB haben die Veranstalter – glaube ich – schon ein Bewusstsein entwickelt und haben auch bei der Planung der re:publica 2010 solches mit einbezogen.

    Drüber reden bringt also durchaus was, wenngleich möglicherweise nur in unseren, grundsätzlich für Geschlechterfragen offenen Kreisen.

    So oder so also: Man muss das Thema noch mehr zur Sprache bringen und immer wieder weibliche »Vorbilder« auf Podien und bei solchen Papieren einfordern. Und auch Einbinden in netzpolitische Arbeit: dass sich die Jungs mal Gedanken machen und, bevor sie eine solche Aktion starten, auch Frauen einbinden. (Und nicht nur als Name auf der Liste, was aber, wie ich sagte, schon besser ist als nichts.) Die könnten ja übrigens auch eigene, gute Ideen einbringen, möglicherweise gar geprägt durch ihre weibliche Sozialisation! ;-)

    Und warum es so ist, dass aktuell die Netzpolitik so männlich ist? Ich glaube, das hängt schon damit zusammen, dass es auch um Technik geht bei Netzpolitik, ja. Und leider, leider … na, das kennt man ja zu Genüge.

  4. Turtle sagt:

    Das Phaenomen kennt man nicht nur aus dem Netz. Beim Unterschriftensammeln fuer die BT-Wahl letzten Sommer oder derzeit fuer die Kampagne gegen Abgeordnetenbestechung, ist es (gefuehlt) in 9 von 10 Faellen bei einem Paerchen so, dass nur der Mann unterschreibt bzw. Frau erst unterschreibt, wenn Mann es getan hat. Bei Einzelpersonen und gleichgeschlechtlichen Gruppen sieht das schon wieder anders aus. Warum das so ist? Weiss ich auch nicht so wirklich.
    Einen kleinen Hinweis geben manche Frauen vielleicht: Grundsaetzlich sind viele Frauen schwerer davon zu ueberzeugen ihren Namen preiszugeben auch wenn sie von der Sache an sich ueberzeugt sind.

    Im Internet kommt sicher noch die Nutzerstruktur hinzu. Und dann stellt sich noch die Frage wie sich die Pro-Netzneutralitaet-Kampagne derzeit am meisten verbreitet? Twitter? Techblogs? Ich wuerde mal behaupten dass auch dort die Nutzer- und Leserstruktur eher maennlich ist. Macht schon jemand Werbung auf Facebook?

  5. Zur Frauen-und-Technik-Frage ein Lied zum Mitsingen:

    »Ich und mein Computer« von Deichkind.

    http://www.youtube.com/watch?v=-zI1jzarCCI

    Alle Mitsingen und über den Computer freuen, ihn als Freund sehen (oder auch als Freundin)!

  6. Till sagt:

    @Turtle: Twitter, Facebook sind – vermute ich – Hauptverbreitungskanäle: das sind nun allerdings beides Medien, die internetuntypisch relativ stark von Frauen genutzt werden.

    Ich habe übrigens (an grünen Infoständen etc.) eher die Erfahrung gemacht, dass bei Pärchen Frauen den Flyer annehmen, unterschreiben …

    @Julia: drei der üblichen verdächtigen Frauen stehen ja mit bei den Erstunterzeichnerinnen. Aber du hast recht: da liegt vermutlich ein Initialfehler. Selbstkritisch muss ich sagen, dass mir das z.B. bei der Netzpolitik-Debatte in BaWü auch erst im Nachhinein aufgefallen ist. Ebenso, wie ich erst nach der – deutlich männlich dominierten Debatte dazu auf dem Parteitag – mal überlegt habe, welche Rednerinnen (neben der Gastrednerin Constanze Kurz) vielleicht nochmal direkt hätten angesprochen werden können, dass Netzpolitik ja eigentlich ihr Thema ist. Kompetenz dazu gibt es nämlich durchaus – nur wird der Transfer von »Ich mach Bürgerrechtspolitik« oder »Ich mach Arbeits- und Wirtschaftspolitik« oder »Ich mach Umweltpolitik« zu »Das hat was mit diesem ominösen Themenbereich Netzpolitik zu tun« selten gemacht (war jedenfalls mein Eindruck nach einem kurzen Gespräch mit einer Bundestagsabgeordneten, die sich an der Debatte nicht beteiligt hat). Insofern ja: es liegt sicher auch daran, gleich von Anfang an darüber nachzudenken, wie Frauen und Männer beteiligt werden. (Vorbildlich hier die Einladungspolitik der Böll-Stiftung, die halt auch für Podien eine (weiche) Quote hat. Das heißt dann: bei der Planung einer Netzpol.-Veranstaltung ist jede/r gezwungen, sehr intensiv zu überlegen, welche Referentinnen eingeladen werden könnten).

  7. Katja sagt:

    Eine weitere Vermutung: Frauen unterschreiben politische Aufrufe vor allem, wenn sie einen ihrer Meinung nach gravierenden Missstand erkennen. Zum Beispiel die Hebammenpetition.
    Sie sind aber zurückhaltender, wenn es um ein Konzept wie das der Netzneutralität geht, wo sie das Gefühl haben, sie könnten von den Autoren übervorteilt werden, zu schnell einem Entwurf für eine Ordnung zuzustimmen, in der Neutralität vor allem ein Plädoyer dafür ist im Namen von Freiheitsrechten alles so zu lassen, wie’s ist.

    Die Erfahrung von Ulf, dass Frauen die Anonymität des Netzes weniger für verbale Attacken missbrauchen, teile ich.
    Das kann aber auch dazu führen, dass Frauen, die prinzipiell nicht mit Pseudonym unterschreiben, auf’s Unterschreiben ganz verzichten. Oder auch auf’s Schreiben.

  8. Helga sagt:

    Klar sind Frauen meist deutlich vorsichtiger, irgendetwas anzugeben. Seit Kindheit wird uns eingeimpft, auf unsere Getränke aufzupassen, damit keiner was reinschmeißt, bloß nicht zu sagen, dass wir alleine wohnen, wo wir wohnen, wenn wir jemanden kennenlernen – nachher kommt der und vergewaltigt uns (neben den genannnten Warnungen gibt es natürlich noch x andere). Das lässt sich nicht so einfach abstellen.

    Und wie alles andere ist auch der Umgang mit dem Internet mit einer Lernkurve verbunden. Inzwischen nutzen zwar viele Frauen das Internet, d.h. aber noch lange nicht, dass alle von ihnen auch schon auf Netzpolitik gestoßen sind. Hinzukommt dann leider, dass viele Angebote für Frauen sich auch im Internet dadurch auszeichnen, dass sie auf Politik komplett verzichten.

    Schließlich: Danke für die Erwähnung meines Beitrags, leider ist da gar kein Link, den ich hiermit nachreiche.

    http://maedchenmannschaft.net/netzpolitik-in-feministischem-kontext/

  9. Till sagt:

    @Helga: So, jetzt ist der Link auch oben da, wo er sein sollte. (HTML-Syntax zwischen Kind und Computer war dann wohl irgendwie eine Überforderung für mich).

    Neugierige Frage: ist das mit der »Erziehung« zur Vorsichtigkeit wirklich immer noch so?

    Zur Lernkurve: das erklärt, warum Frauen sich nicht beteiligen – aber es erklärt nicht, warum Männer sich beteiligen. Wie kommt der Link zwischen Computerspielerei, Technik, Technik, Technik und dann dem vagen politischen Engagement im Sinne »Petition unterschreiben« zustande? Auch die meisten »Angebote für Männer« sind ja unpolitisch.

  10. Helga sagt:

    @Till: Alle aufgeführten Beispiele sind mir tatsächlich so gesagt worden. Sogar vor knapp einer Woche wurde mir geraten, doch lieber nicht gleich nach Haus zu gehen. Nach einer Feier standen wir noch mit ein paar Leuten an der letzten gemeinsamen Kreuzung und zwei männlich Freunde meinten, da sei gerade so ein „verdächtig aussehender Mann” auf dem Bürgersteig lang gegangen (und das obwohl ich mich in mehreren Kampfsportarten auskenne und einen Metalleimer dabei hatte…, ist aber ne andere Geschichte).

    Unpolitische Angebote für Männer, etwa Men’s Health, sind erst in letzter Zeit entstanden und ahmen dezidiert die Frauenzeitschriften nach. Viele andere Angebote, die sich nicht explizit an Männer richten, dafür aber viel über Netzpolitik berichten, etwa Heise, sind einfach lange männer-dominiert. Da kommen dann sicher auch viele kleine Faktoren zusammen.
    Die teilweise sehr technischen Themen schrecken die ersten Frauen ab, sexistische Kommentare sind weit verbreitet (leider auch bei SpOn, Faz etc), „Frauenprobleme” wie Online-Stalking und sexualisierte Drohungen werden selten besprochen. Und natürlich sind Frauen heute noch diejenigen, die in erster Linie für die Kinderbetreuung zuständig sind, gerade bei den Debatten um z.B. Netzsperren wird das aber völlig vergessen, statt da konstruktiv anzusetzen. Das hat sicher viele Mütter die „Netzpolitik-Bewegung” sehr kritisch sehen lassen.

  11. Ulf Dunkel sagt:

    @Helga: Du schriebst: »Klar sind Frauen meist deutlich vorsichtiger, irgendetwas anzugeben.«

    Ich behauptete mit meinem Eingangsbeitrag zu diesem Blogthema das genaue Gegenteil, und zwar aus der Erfahrung, die ich im täglichen Umgang mit hier hereintrudelnden Bestellungen aus dem Internet mache.

    Frauen geben meistens zu allen Formularfeldern Daten an (schreiben bei »Fax:« auch schon mal »hab ich 2003 abgeschafft«), während Männer oft nicht mal ihren Vornamen wissen oder preisgeben wollen, geschweige denn ihre E-Mail-Adresse. (Die schicken dann anschließend Drohbriefe, warum ich nicht per E-Mail geantwortet habe.)

  12. Interessantes Thema. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch etwas mit einer unterschiedlichen Vorstellung von Politik zu tun hat, und habe das mal auf den Punkt gebracht »Politik verkörpern statt Stellung beziehen« – http://www.antjeschrupp.de/politik_verkoerpern_buch_ina.htm

  13. thinkpunk sagt:

    Zu den großen Fragen nach den Hintergründen des Ungleichverhältnisses habe ich seit der Alphablogger-Geschichte keine neuen Erkenntnisse gewonnen. Und wenn ich lese, wie hier mal wieder über Männer und Frauen als so und so handelnde Großgruppen spekuliert wird, habe ich den Eindruck, dass es anderen da nicht besser geht. ;)

    Mein persönlicher Grund als weiblich identifizierbare und an Netzneutralität interessierte Person noch nicht bei dieser Aktion mitgemacht zu haben, ist: Mir ist bisher unklar, was es konkret für das Anliegen bringt, meinen Namen auf irgendeine Webseite zu schreiben. Sollen damit hauptsächlich Mailadressen gesammelt werden, um später zu konkreten Aktionen mobilisieren zu können? Geht es um große Namen bei den Unterzeichnenden? Eine große Anzahl Interessierter in möglichst kurzer Zeit? Ich war ein paarmal auf der Seite, ohne dass ich über den Zweck Klarheit gewonnen hätte. Ich musste die Erklärung dreimal lesen, bis ich es zum letzten Satz geschafft habe, in dem erstmals eine Forderung steht. „Netzneutralität gesetzlich verankern“, juhu, endlich eine Aussage und so konkret. Mein Problem ist weniger, dass „die Jungs wieder so ein Papier geschrieben haben“, als dass mir Inhalt und Prozedere viel zu unkonkret sind.

    Dann erst kommt hinzu, dass ich meinen Namen ungern verbreite. (Wo dann eventuell die Mechanismen greifen, die Helga beschrieben hat.) Und bevor ich lange das Für und Wider abwäge, halte ich mich bei Sachen, die mich nicht gleich überzeugen, meist zurück. Für Offline-Unterschriftenaktionen gilt da ähnliches. Bei E-Petitionen (Hebammen etc.) ist es anders. Was das jetzt entscheidend damit zu tun hat, dass ich „eine Frau bin“…

  14. Helga sagt:

    @Ulf Dunkel: Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang Deine Erfahrungen stehen. Meiner Erfahrung nach ist die spätere Sichtbarkeit wichtig, wie auch, wer danach fragt. So sind die Profile von Frauen in sozialen Netzwerken deutlich häufiger nicht sichtbar für Fremde und bei solch öffentlichen Aktionen sind viele vorsichtig. Geht es um Angaben zu Gewinnspielen oder wenn die Angaben von Firmen, staatlichen Institutionen etc kommen, dann sieht das schon wieder anders aus. Gerade bei letzterem kommt dann wieder der Aspekt hinzu, dass Frauen es immer allen recht machen und bloß keine Probleme verursachen sollen. Auch das ist leider noch eine Vorgabe, die bis heute kleinen Mädchen eingeimpft wird.

  15. Till sagt:

    @thinkpunk: Danke für die Perspektive – meine eigene Praxis ist eher ein »schnell mal gucken, klingt sinnvoll, klar, dann unterschreib ich das auch«. Ohne mir irgendeinen Gedanken darüber zu machen, was mit meiner eMail-Adresse geschieht (klar, die brauchen die, um »richtige« Unterschriften zu haben, Opt-In; aber die werden schon keinen Mist damit machen, stehen ja für die richtige Sache), und – in dem Fall – ohne mir die eigentliche Erklärung bis ins Detail durchgelesen zu haben. Und dann noch schnell retweeten. Mit leisen Zweifeln daran, ob das Anliegen »zieht« (tut es …), und ob die Aktionsform »Unterschriftensammeln« nicht eigentlich ausgereizt ist.

    Soweit meine Praxis: Als Mann? Als im Netz eher extrovertiert auftretende Person? Als (netz)politisch Sozialisierter?

  16. Alex sagt:

    Ich denke die Zahlenverteilung zeigt vor allem eins: Netzpolitik hat es nicht geschafft sich wesentlich aus dem Dunst der Nerdszene herauszubewegen und spiegelt deshalb die dort herrschenden Verhältnisse.

  17. blumentopf sagt:

    Unabhängig von der Geschlechterverteilung, die Sinnhaftigkeit dieser Aktion ist mir absolut nicht eingängig, da muss ich mich thinkpunk anschließen.

    Rein technisch betrachtet: Dass Dienste oder IP-Adressbereiche mit Packetshaping, Priority Queuing etc. runtergebremst oder auf bestimmte Bandbreiten begrenzt werden, ist seit Jahrzehnten üblich. Sowas qua Gesetz verbieten zu wollen ist lächerlich und ein Fall von staatlicher Regelungswut.

  18. Till sagt:

    @blumentopf: So besonders einleuchtend finde ich »wird schon gemacht« nicht als Grund dafür, von einer Regulierung abzusehen.

    Aber unabhängig davon: ich gehe nicht davon aus, dass die im Netz aktiven Frauen den Aufruf deswegen nicht unterzeichnen, weil sie das Anliegen inhaltlich falsch finden (vielleicht unnötig, wie das oben Katja vermutet hat). Und auch bei anderen Netzaktivismen sehen die Zahlenverhältnisse ja ähnlich aus. Insofern tut die Sinnhaftigkeit der Aktion hier nur bedingt etwas zur Sache, oder?

  19. Irene sagt:

    Ich habe mich eben entschieden, nicht zu unterzeichnen. Ich bin zwar für Netzneutralität, aber dieses Manifest ist nicht meins.

    »Netzneutralität ist in unserer heutigen Gesellschaft sozial geboten. Sie verringert die digitale Spaltung, da die Übertragung von Internetinhalten nicht allein von der finanziellen Leistungsfähigkeit der Anbietenden oder Nutzenden abhängig ist. Netzneutralität sichert somit den Zugang zu Wissen und Informationen unabhängig von Herkunft, Aufenthaltsort, Einkommen, sozialer Schicht und ökonomischer Leistungsfähigkeit.«

    Das liest sich fast so, als sei Ungleichheit im Internet eine allein mit technischen Mitteln lösbare Frage, und das sehe ich anders. Und wieso die digitale Spaltung »verringert« wird, wenn im Prinzip alles bleibt so wie wir es kennen, hat sich wohl niemand so genau überlegt…

  20. Ulf Dunkel sagt:

    @Helga: Ich beziehe mich auf meine Erfahrungen als Softwarehändler, der fast 100 % seiner Bestellungen über das Internet von eigenen Bestellseiten bekommt und genau sieht, wer was ausfüllt.

    @blumentopf: »[…] die Sinnhaftigkeit dieser Aktion ist mir absolut nicht eingängig […]« – Wer so formuliert, hat damit sicher Probleme. ;-) SCNR

  21. Jan sagt:

    @ Julia Seeliger

    Ist das der hippe Grünen-Style Männer mit »Jungs« anzureden. Wo es doch gerade in deiner Partei sehr viel um Umgang »auf Augenhöhe« geht.

  22. Glargle sagt:

    Und schon zeigt uns Jan, weshalb Frauen im Netz extrem vorsichtig sind: kaum beteiligt sich frau irgendwo, geht es früher oder später mit aggressiven Kommentaren von männlicher Seite los, bis die Frauen keinen Bock mehr haben, sich blöd anmachen zu lassen. Und mann scheut – wie hier – auch nicht vor kleinkrämerischem Nitpicking zurück, um Frauen wegzubeißen.

    Seltsamerweise ist das in englischsprachigen Foren oder Blogs häufig weniger so, weshalb sich dort auch wesentlich eher Frauen einfinden und mitmachen. Soweit ich weiß, ist das Problem der Piratenpartei mit ihren dumpfbackigen Machomitgliedern auch nur in Deutschland so groß, in anderen Ländern gibt es das so nicht.

  23. blumentopf sagt:

    @Till:

    Ich hab halt zunehmend den Eindruck, dass es bei diesen Netzaktivismen nicht mehr um die Sache geht, dass sie zum Selbstzweck, zur Farce verkommen. Beinahe im Monatsrhythmus läuft eine neue Aktion, auf die die Politik- und Internet-Junkies begeistert aufspringen. Letztes Jahr war’s die Zensursula, im Juni war’s der Gauck, jetzt ist’s die Netzneutralität.

    Skeptisch stimmt dabei vor allem, dass immer wieder bestimmte Personen wie die »Alpha-Blogger«, zunehmend aber auch Vertreter politischer Parteien solche Aktionen zur Selbstprofilierung nutzen. Damit meine ich jetzt nicht dich, sondern die auf den ersten Plätzen dieser Unterschriftenliste. Ich habe den Eindruck, hier rangeln sich einige Leute, die als Internetexperten oder Vertreter der Community gesehen werden wollen, um die vordersten Listenplätze, und alle, die bei solchen Netzaktivismen »dabei sein« wollen, tragen sich dann auch gleich mit ein. Mit dem Wort »rangeln« – so empfinde ich es halt – ist ja so eine gewisse Ellbogenmentalität konnotiert, und das ist dann doch wieder irgendwo typisch Mann.

    In dem Hurrageschrei gehen die wenigen nachdenklichen und skeptischen Stimmen, wie etwa von Lutz Donnerhacke, praktisch unter. Anscheinend schalten die Allerwenigsten ihr Hirn ein, bevor sie da unterschreiben.

    Aus technischer Sicht ist diese Initiative, zumindest in der Pauschalität ihrer Forderung, schlicht Nonsens. Man hat immer Engpässe im Netz, man hat nie immer ausreichend Bandbreite zur Verfügung, man kommt also um Priorisierung von Verkehr oft nicht herum. Setzt man daher die Forderung dieser Initiative um, ist kein ordnungsgemäßer Netzbetrieb mehr möglich.

    Für mich wird die Absurdität dieser Initiative in erster Linie dadurch ersichtlich, weil ich mit den technischen Hintergründen, also Bandbreitenmanagement, schon zu tun hatte. Aber man muss das nicht zwingend auf der technischen Ebene verstehen, man/frau kann auch schlicht auf der sozialen Ebene das Verhalten der Handelnden analysieren, also die Profilierung der Alpha-Blogger und das »piling onto« der Netzaktivisten aus der zweiten Reihe und dritten Reihe, und wird zu den gleichen Schlüssen kommen. Dass frau mehrheitlich was Besseres zu tun hat als da mitzumachen, ist mir durchaus verständlich.

  24. Jan sagt:

    @ GlargleIn

    Krieg dich mal wieder ein. Wenn hier ein Kommentator durchgehend von Mädchen und Männern geschrieben hätte, wie würde deine Reaktion dann ausfallen, kleinkrämerisches Nitpicking? Nein, dann würdest du, ganz empört, den widerlichen Sexismus dieses Kommentators anprangern, der es noch nicht einmal schafft, erwachsene Frauen als solche wahrzunehmen.

    Aber beim Sexismus gegen Männer, da haben die selbsternannnten GleichberechtigerInnen dann ganz viel sozialkompetente Empathie.

  25. Ulf Dunkel sagt:

    @Jan: Entspann´ Dich doch einfach. Zum einen hat Julia wohl ein bisschen zuviel Mainstream-Fastfood in letzter Zeit genossen, davon wird selbst eine Seeliger nicht seliger. Zum anderen ist unsere Sprache so männlich geprägt, dass es für die »Augenhöhe« völlig okay ist, wenn Frauen uns ab und zu auf das zurückholen, was viele von uns tatsächlich nur sind: Große Jungs, die nur spielen wollen.

  26. Irene sagt:

    Fefe hat das ganze Manifest durchgekaut:
    http://blog.fefe.de/?ts=b298da31

  27. Till sagt:

    @Irene & blumentopf: danke für die weiterführenden Hinweise zum Thema, finde ich durchaus lesenswert.

    @blumentopf: Hmmm. Du beschreibst das Wie des Verhaltens von (männlichen) Alpha-Bloggern und Beta/Gamma-Netzaktivisten im Vergleich zu (weiblichen) Bloggerinnen und Netzaktivistinnen – aber dem Warum bringt uns das nicht näher, oder?

  28. Jörg Rupp sagt:

    ich finde, Fefe hat es nicht verstanden. Das Internet ist eben nicht nur u.a. ein Kommunikationsplatz, sondern auch u.a.ein Marktplatz. Und Netzneutralität ist der Ausdruck, dass neben der Großbäckerei auch noch ein kleiner Bäcker mit ner Spezialsorte Brot den gleichen Zugang zum Marktplatz hat. Das ist alleine schon tw. dadruch aufgehoben, dass viele nicht in der Lage sind, ordentlich Seiten mit Suchmaschinenoptimierung zu programmieren – mithin auch eine Ökonomiefrage.
    Dieses dogmatische Gerede vom Onlineshopping verweigert sich der Tatsache, dass o.g. Bäcker hier noch ne zusätzliche Möglichkeit findet, seine Ware zu vertreiben oder sich bekannt zu machen.
    Und ich bin in jeder Partei froh, wenn sich was bewegt, auch bei uns. Den Vorwurf an die Länder, in denen wir mitregieren, ist absolut berechtigt. Aber daraus aus: »ich glaub euch nicht mehr bis in die Steinzeit« (zwar an die SPD, aber hier sind wir sicher mitgemeint) grenzt aus und übersieht, dass es auch in Parteien Prozesse gibt, die zu Meinungs- und Handlungsänderungen führen können. Glaubte ICH das nicht, hätte ich nach Afghanistan oder in Sachen Genderpolitik nie bei den GRÜNEN bleiben können. »Unser« Internet schließt ein, dass es kein »Euer« gibt – denn »wir« sind alle. Jeder hat seine eigenen Beweggründe, ein Medium zu nutzen. Dies zu (ver-)beurteilen, ist überheblich – und falsch.

  29. Jan, es geht da nicht um Grüne. Es geht um die Erstunterzeichner. Ich habe meine Gründe für die Art und Weise zu formulieren.

    Zu deiner sehr »persönlichen« Kritik an meiner Formulierung: Bist du von Hass zerfressen, reflektierst du deinen Kommunikationsstil nicht oder hat dein seltsames Posting noch ganz andere Gründe?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *