
Vor einiger Zeit war ich zuletzt im Wurzelwerk, der internen grünen Vernetzungsplattform. Jetzt habe ich mich mal wieder eingeloggt, und es hat sich tatsächlich ein bißchen was getan. Darum geht’s hier – und um die Frage, ob das Wurzelwerk inzwischen als Plattform zum Schreiben von Anträgen geeignet ist.
Aber zuerst mal zum Einloggen selber. Das war aus zwei Gründen qualvoll. Erstens sind wohl die Logins zwischenzeitlich mal ungestellt worden (selbst schuld, wer so lange nicht reingeht), und zweitens gibt es zwar eine Möglichkeit, sich ein vergessenes Passwort zuschicken zu lassen (bzw. neu generieren zu lassen), aber die ist nicht gerade selbsterklärend (es gibt keinen Link »Passwort vergessen«, sondern dazu muss erst die Seite netz.gruene.de aufgerufen werden. Ich weiss zwar technisch in etwa, warum das so ist (weil die Zugangsdaten an der Mitgliederdatenbank hängen und nicht nur für das Wurzelwerk genutzt werden), finde es aber trotzdem unnötig umständlich. Die erste Hürde bleibt also.
Was mir gut gefällt, ist die Tatsache, dass es eine FAQ gibt – und eine gut sichtbare und zumindest ein bißchen aktive Gruppe Rettet das Wurzelwerk!, die versucht, Neulingen den Einstieg zu erleichtern und das Wurzelwerk nutzerfreundlicher zu machen. Das scheint aber ganz ehrenamtlich und von der Basis her zu laufen, wenn ich es richtig verstehe. Es gibt, nebenbei bemerkt, inzwischen auch einen Twitter-Account Wurzelwerk – der war aber kurz vor der Sommerpause vor der Bundestagswahl 2009 zum letzten Mal aktiv.
Zum Thema Aktivität: was mich freut, ist z.B. der Bereich des Landesverbandes, auf dem jetzt tatsächlich nützliche interne Infos stehen – z.B. die Termine und Orte der nächsten Parteitage. Hier werden aktiv Sachen eingepflegt, das ist gut so. Ob das intern sein muss oder wie bei der Piratenpartei nicht einfach öffentlich zugänglich sein könnte, ist eine andere Frage.
Besser geworden ist definitiv die Optik und das Benutzerinterface, auch wenn die arge Kleinschrift noch überwiegt. Wichtig ist auch, dass es inzwischen die Möglichkeit gibt, über Kontaktanfragen, Gruppenbeitritte etc. per eMail informiert zu werden. Auch wenn ich die letzten Monate nicht ins Wurzelwerk gegangen war, wusste ich, dass da Leute versucht hatten, mich zu kontaktieren. Und auch die Möglichkeit, endlich extern auf interne Seiten verlinken zu können – aufrufbar natürlich nur, wenn eingeloggt – hat etwas.
Weniger überzeugend finde ich die Geschwindigkeit – und das, obwohl derzeit ja immer nur wenige gleichzeitig eingeloggt sind. Die hat zwei Aspekte. Zum einen die tatsächliche Geschwindigkeit, bis eine Seite geladen und aufgebaut ist. Das scheint mir – mit Firefox – ziemlich lange zu dauern, selbst im Vergleich zu Facebook, dass da manchmal auch nicht gerade schnell zu Potte kommt. Zum anderen gibt es so etwas wie die gefühlte Geschwindigkeit. Damit meine ich z.B., dass iPhone und iPad auch deswegen so »geschmeidig« rüberkommen, weil nichts ruckelt, sondern weich und effektvoll überblendet wird – während beispielsweise noch eine Applikation geladen wird. Das Wurzelwerk ist leider noch das genaue Gegenteil dieser Smoothness. Wenn ich »meine Gruppen« aufrufe, erscheint beispielsweise erst einmal zu jeder Gruppe der Volltext der Beschreibung, der dann wieder eingeklappt wird. Bis die Seite steht, ruckelt es also zunächst einmal wild hin und her. Da ist irgendwas an der CSS-Programmierung nicht so perfekt, wie es sein könnte. Es gäbe noch mehr zu bemäkeln, aber das lasse ich jetzt mal.
Ach so – der Grund, warum ich jetzt doch mal wieder ins Wurzelwerk geschaut habe. Der ist profan: ich bin auf der Suche nach einer geeigneten Plattform, um Antragsschreib- und -diskussionsprozesse für die baden-württembergischen Grünen zu virtualisieren. Eigentlich müsste das Wurzelwerk diese Plattform sein (nicht zuletzt, weil ja auch die grünen Landesverbände dafür zahlen). Zudem hat es den Vorteil, mit der Mitgliederverwaltung verknüpft zu sein und so den Zugang auf Parteimitglieder erstens einschränken zu können und zweitens sicherzustellen, dass unter dem Account »Till Westermayer« auch tatsächlich ich schreibe – und alle beteiligten davon ausgehen können, dass das so ist.
Für den oben genannten Zweck bietet das Wurzelwerk weitere Vorteile. So gibt es ein einigermaßen brauchbare Wikitool, das in beliebige Gruppen integriert werden kann. Damit sollte es möglich sein, gemeinsam an Texten zu arbeiten. Was mir fehlt, ist – neben den bestehenden Zugangshürden in der Technik und im Interface und der Befürchtung, dass das System nicht schnell und flüssig genug ist, damit es auch in einer größeren Runde noch Spaß macht, an Anträgen zu arbeiten, vor allem eine nahtlose Integration verschiedener für die Diskussion von Anträgen wichtigen Funktionalitäten. Für mich wären das:
1. Kooperative Texterstellung und Bearbeitung – hier gibt es die Wiki-Funktionalität. Noch schöner fände ich sowas wie etherpad.com oder Google Docs, also einen Texteditor, der von mehreren Leuten gleichzeitig bedient werden kann und markiert, was wer schreibt. Wikis sind ok, Etherpad wäre IMHO attraktiver, weil echtzeitiger.
2. Diskussion – da gibt es Foren, die ich überkomplex finde, aber die ausreichen. Foren und Wikis können in einer Gruppe verbunden werden, sind aber trotzdem zum Beispiel nicht gleichzeitig sichtbar. Zudem hat das Wurzelwerk wohl ein Problem damit, wenn mehrere Fenster oder Tabs geöffnet sind und in einem davon nichts passiert – dann loggen sich nach 30 Minuten alle aus, wenn ich das richtig verstanden habe. Wenn Foren (oder auch ein Chat) direkt neben der Texterstellung laufen würden, würde das mehr Spaß machen.
3. Abstimmungen – es gibt Voting-Tools, die scheinen mir aber ungeeignet. Muss also über Wikis/Foren simuliert werden.
4. Intergration: wie schon angesprochen, eigentlich müssten 1, 2 und 3 (und vielleicht auch 4 und 5) nahtlos in einem System und bei Bedarf optisch nebeneinander laufen, statt an getrennten Stellen – und möglicherweise auch noch extern – stattzufinden.
Das macht mich etwas skeptisch, ob das Wurzelwerk tatsächlich gut geeignet ist. Die Alternative wäre, sowas wie die »Liquid-Democracy«-Tools der Piratenpartei, die Abstimmung und Antragserstellung miteinander verknüpfen, zu adaptieren. Da stört mich allerdings die Tatsache, dass diese erstens auch sehr komplex in der Bedienung sind, und zweitens das verwendete Abstimmungs- und Delegationsverfahren für uns nicht unbedingt passt. Zudem fällt der große Wurzelwerk-Vorteil der Authentifizierung der Beteiligten weg, bzw. die Zugänge müssten noch mal extra kontrolliert und eingerichtet werden.
Anders gesagt: wenn jemand ein möglichst freies, bedienfreundliches und flexibles System zur kollaborativen Antragsbearbeitung kennt, das mit einem LDAP-Server zur Authentifizierung verknüpfbar ist – bitte melden! Oder wenn jemand ein derartiges Plugin für das Wurzelwerk hat …
Warum blogge ich das? Ein Mindestmaß an Transparenz, und die Idee, dass genau hier die Träume elektronischer Partizipation auf dem Beton des Nutzerinterface zerplatzen.
Ergänzung: Ich hatte das zwar zum Jahresende schon gesehen, aber wieder verdrängt: Etherpad wurde von Google gekauft, soll in Google Wave einfließen – und ist jetzt Open Source. Es gibt auch schon ein paar Alternativ-Kopien. Und mit der Offenlegung des Sourcecodes besteht natürlich theoretisch die Möglichkeit, sowas – also einen Echtzeittexteditor für Viele – in Wurzelwerk einzubauen. Ob das praktisch machbar ist? Keine Ahnung.







