Versuch einer Rezension zu Ian McDonald, Hopeland (2023)

The Tower of London - V 124 Kapi­tel, und – in der Taschen­buch­aus­ga­be – rund 650 Sei­ten. Ein Wäl­zer, vor­neh­mer aus­ge­drückt: opus magnum, und ja, nicht nur, was den Umfang betrifft. Ian McDo­nald hat mit dem 2023 erschie­ne­nen Hope­land ein beein­dru­cken­des Buch geschrie­ben. Um es zu lesen, brauch­te ich aller­dings meh­re­re Anläufe. 

Das lag erst mal dar­an, dass ich mir nicht sicher war, mit was für einer Art Roman ich es hier zu tun hat­te. McDo­nald hat sehr unter­schied­li­che Bücher geschrie­ben. Einen ers­ten Kon­takt mit sei­nem Werk hat­te ich, als 1997 die deut­sche Über­set­zung von Cha­ga her­aus­kam: Sci­ence Fic­tion, die von Ali­ens in Kenia han­delt. River of Gods (2006) spielt in einem futu­ris­ti­schen Cyber­punk-Indi­en, und Brasyl (2007) in Süd­ame­ri­ka zwi­schen Fuß­ball, Medi­en und der Quan­ten­re­vo­lu­ti­on. Spä­ter habe ich dann auch eini­ge der eher fan­ta­sy-las­ti­gen frü­hen Roma­ne (King of Mor­ning, Queen of Day, 1991) von ihm gele­sen, und dann die steam­pun­ki­ge Pla­nes­run­ner-Young-Adult-Rei­he. Die nächs­te Tri­lo­gie, Luna: New Moon (2015) geht um Intri­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Fami­li­en­kon­zer­nen, die den Mond besie­delt und unter sich auf­ge­teilt haben. 

Was ist also zu erwar­ten, wenn McDo­nald zu einem Zeit­punkt, als Hopepunk/Solarpunk viral geht, einen Roman auf den Markt wirft, der Hope­land heißt und auf dem Titel (der Kind­le-Aus­ga­be) eine Art Kugel­blitz auf einer goti­schen Turm­spit­ze zeigt? Und des­sen ers­ten Sät­ze erst ein­mal rät­sel­haft blei­ben („Love falls from the sum­mer sky. … It is twen­ty-three minu­tes past twen­ty-two and Lon­don burns.“). Doch noch­mal Steam­punk, eine erwach­se­ne Fort­set­zung von Pla­nes­run­ner?

Und spä­ter, als ich begon­nen hat­te, den Roman zu lesen, und durch­aus fas­zi­niert davon war – auch, weil McDo­nald einen aus mei­ner Sicht her­aus­ra­gen­den Schreib­stil pflegt – muss­te ich mich dann doch immer wie­der über­win­den, um wei­ter­zu­le­sen. So ganz sicher, war­um, bin ich mir nicht. Mög­li­cher­wei­se, weil die Haupt­per­so­nen einem sowohl ans Herz wach­sen als auch mora­lisch mög­li­cher­wei­se frag­wür­dig sind (dazu gleich mehr). Oder ein­fach des­halb, weil McDo­nald über­rascht und das Buch immer wie­der neue und uner­war­te­te Haken schlägt?

(Das mit dem her­aus­ra­gen­den Stil geht nicht nur mit so – Cory Doc­to­row beschreibt Hope­land als „A novel so eeri­ly good it almost made me angry.“)

Wor­um geht es? Rück­bli­ckend wür­de ich sagen, dass Hope­land zu 25 Pro­zent Cli­ma­te Fic­tion, zu 20 Pro­zent ein Near-Future-Thril­ler, zu 20 Pro­zent uto­pi­sche Visi­on, zu 15 Pro­zent Familiensaga/Liebesgeschichte, zu 10 Pro­zent Magie, zu 5 Pro­zent Gegen­warts­dia­gno­se und zu 5 Pro­zent Musik ist. Nüch­tern beschrie­ben fol­gen wir zwei Haupt­fi­gu­ren (und dut­zend Neben­fi­gu­ren) über den Zeit­raum von 2011 bis 2033 (mit his­to­ri­schen Exkur­sen bis ins 17. [der rea­le eng­li­sche Archi­tekt Nicho­las Hawks­moor], 18. [ein fik­ti­ves poly­ne­si­sches Königs­haus] bzw. ins frü­he 20. Jahr­hun­dert [der ima­gi­nä­re – hm, Wie­ner Sek­ten­grün­der, dazu gleich mehr – Karl-Maria Lind­ner], und einem Epi­log aus dem Jahr 2981). Geo­gra­fisch betrach­tet haben Lon­don, das länd­li­che Irland, Island, Grön­land (bzw. Kalaal­lit Nunaat) die Ark­tis und das, soweit ich das den Kar­ten ent­neh­men kann, fik­ti­ve poly­ne­si­sche Atoll Ava’u (300 km nörd­lich von Ton­ga, 300 km süd­lich von Samoa …) ihren Auftritt. 

Auf die­ser Büh­ne beglei­ten wir Raisa Peri Ant­ares Hope­land und Amon Bright­bourne, die sich kurz nach den eben zitier­ten ers­ten Sät­zen vor einem von Riots erschüt­ter­ten Lon­don tref­fen. Raisa: kynnd der Hope­land-Fami­lie/-Sek­te/-Reli­gi­on, „her skin is light brown, her cheek­bones sharp, her face freck­led, her eyes green, her hair held back by a Nike head­band“, beim Ver­such, einen Wett­be­werb zu gewin­nen, der dar­in besteht, Lon­don in einer gera­den Linie schnellst­mög­lich zu durch­que­ren, um Erzmagier*in zu wer­den. Amon: musi­ka­lisch begab­ter Sproß der iri­schen Bright­bour­nes, rote Haa­re, Tweed, Bro­gues und Umhän­ge­ta­sche aus Leder, „I have a char­med life“ (und ja, das ist wört­lich zu neh­men, und die Kehr­sei­te davon ist ein Fluch, der Amon beglei­tet). Wenig spä­ter: ein „Star­ring“ der Hope­land-Fami­lie/-Sek­te/-Reli­gi­on an einem Ort, den nur Ein­ge­weih­te fin­den (und auch das ist wört­lich zu neh­men). Allen War­nun­gen zum Trotz ver­liebt Amon sich in Raisas Fami­lie, deren „hearths“ sich über den gan­zen Glo­bus erstre­cken. Zu der gehört auch Finn, Raisas Partner/Rivale – und dann nimmt der Roman sei­ne ers­te Abbie­gung, und was gera­de noch wie eine Roman­ze jun­ger Erwach­se­ner aus­sah, wird etwas anderes. 

Und das lässt sich nicht erzäh­len, ohne ein biss­chen zu spoi­lern, oder zumin­dest die Hand­lungs­strän­ge anzu­rei­ßen, die den Haupt­teil des Buches aus­ma­chen. Wer sich kom­plett über­ra­schen las­sen will, muss also hier auf­hö­ren zu lesen.

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Hoffnung am Ende der Welt

SEC, Glasgow - II

Die Welt drau­ßen ist mal wie­der ziem­lich am Ende. Zeit­ge­nös­si­sche Sci­ence Fic­tion reagiert dar­auf auf drei Arten: sie setzt sich ers­tens direkt damit aus­ein­an­der – da sind wir dann bei „Cli­Fi“, Cli­ma­te Fic­tion und Ver­wand­tem, sei es Kim Stan­ley Robin­son, sei es T.C. Boyle, sei es mit ande­rer Per­spek­ti­ve Neal Ste­phen­son. Oder bei Wer­ken, die ande­re Pro­ble­me, die wir gera­de haben, direkt lite­ra­risch ver­ar­bei­ten. Aus­gren­zung und Inklu­si­on beispielsweise. 

Die zwei­te Reak­ti­on ist Eska­pis­mus. Das muss nichts schlech­tes sein. Sci­ence Fic­tion lan­det dann bei­spiel­wei­se bei der neus­ten Form der Space Ope­ra. Einen sehr guten Über­blick dar­über, was da alles drun­ter passt, gibt Jona­than Stra­han in sei­ner gera­de erschie­ne­nen Antho­lo­gie New Adven­tures in Space Ope­ra. Mit Nor­man Spin­rad spricht er davon, dass es sich bei Space Ope­ra nach wie vor um „straight fan­ta­sy in sci­ence fic­tion drag“ han­delt. Das gilt auch für das, was in den 2020er Jah­ren pas­siert, nach dem Höhe­punkt der „new space ope­ra“. Nur dass die­se Tex­te diver­ser und mul­ti­per­spek­ti­vi­scher sind, und sich kri­ti­scher mit den Poli­ti­ken und Macht­ver­hält­nis­sen in den jeweils ima­gi­nier­ten Wel­ten aus­ein­an­der­set­zen, als dies davor der Fall war. 

Drit­tens, und damit sind wir beim The­ma die­ses Tex­tes, erschei­nen eine Viel­zahl von Geschich­ten und Büchern, die irgend­wo zwi­schen „cozy“, Hope­punk und Solar­punk ein­sor­tiert wer­den kön­nen. Obwohl es Über­schnei­dun­gen gibt, ist Solar­punk doch noch ein­mal etwas ande­res als Cli­ma­te Fic­tion, und ist „cozy“ SF&F nicht iden­tisch mit der 2020er-Fas­sung von Space Ope­ra. Wir kom­men gleich zu Defi­ni­tio­nen – hier sei aller­dings schon ein­mal gesagt, dass die­se Grenz­zie­hun­gen weni­ger hart sind, als sie manch­mal erschei­nen, und teil­wei­se noch im Ent­ste­hen befind­lich sind. Mir geht es vor allem dar­um, einen Blick auf etwas zu wer­fen, was ich als aktu­el­len Trend in Sci­ence Fic­tion (und ein­ge­schränkt: Fan­ta­sy) wahrnehme.

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Science Fiction und Fantasy – im Winter 2022/23 gelesen

January forest, dubious, Gundelfingen - III

Es ist höchs­te Zeit, aus mei­nem unsor­tier­ten Notiz­zet­tel mit den in die­sem Win­ter gele­se­nen bzw. ange­schau­ten Büchern und Fil­men mal einen ordent­li­chen Blog­ein­trag zu machen. Nicht zuletzt des­halb, weil lan­ge Win­ter­aben­de ja fast schon auto­ma­tisch nach Tee oder hei­ße Scho­ko­la­de, einem beque­men Ses­sel und mei­net­we­gen auch einer schnur­ren­de Kat­ze verlangen.

Unge­fähr so fühlt sich Legends & Lat­te von Tra­vis Bal­d­ree (2022) an – laut Unter­ti­tel han­delt es hier­bei um „high fan­ta­sy with low sta­kes“, und das trifft es ganz gut. Eine Ork-Kämp­fe­rin hat genug von Quests und Schlach­ten und eröff­net ein Café. Das ist eigent­lich schon alles. Kei­ne Intri­gen, kei­ne Macht­spiel­chen in Paläs­ten, kei­ne ver­zau­ber­ten Prin­zen – statt des­sen schau­en wir zu, wie „Legends & Lat­te“ ent­steht und zu einem Erfolg wird, weil ganz unter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten – alle mit Macken und Eigen­hei­ten – zusam­men­fin­den und zusam­men­wir­ken. Ein klei­nes biss­chen „high sta­kes“ gibt es dann doch noch, und eben­so ein biss­chen Lie­bes­ge­schich­te. Viel­leicht beschreibt „solar­pun­kig“ die­sen Stil, obwohl weder Pho­to­vol­ta­ik noch Uto­pien vor­kom­men. Mir hat’s jeden­falls gut gefallen. 

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Science Fiction/Fantasy im Vorfrühling 2022

On blue

Ist es in die­sen Zei­ten ange­bracht, Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur zu kon­su­mie­ren und Fil­me und Seri­en anzu­schau­en? Oder viel­leicht sogar not­wen­dig, als Aus­zeit von der mehr­fa­chen Kri­se, die sich rund um uns her­um entfaltet? 

Wie dem auch sei: ich habe in den letz­ten Wochen eini­ges gele­sen und ange­schaut, das sich zur Ablen­kung eignet. 

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