Sachsen-Anhalt

Die stark gestie­ge­nen Wahl­be­tei­li­gung war ein ers­tes Warn­si­gnal. Das Ergeb­nis der Land­tags­wahl in Sach­sen-Anhalt dann nicht weit weg von der schlimmst­mög­li­chen Vari­an­te einer direk­ten AfD-Mehr­heit. Statt des­sen (mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Iro­nie des Schick­sals) eine AfD mit 39 Sit­zen – drei weni­ger als die abso­lu­te Mehr­heit von 42 Sit­zen – und auf der ande­ren Sei­te CDU, SPD, Grü­ne und Lin­ke mit zusam­men eben­falls 39 Sit­zen. Die rest­li­chen fünf Man­da­te ent­fal­len auf das BSW, das mit 5,3 Pro­zent recht knapp neu in den Land­tag gekom­men ist. Und damit prompt eine Rol­le als Züng­lein an der Waa­ge bekommt.

Die Lan­des­ver­fas­sung Sach­sen-Anhalts sieht vor, dass es zwei Wahl­gän­ge zum Minis­ter­prä­si­den­ten­amt gibt, bei denen eine abso­lu­te Mehr­heit not­wen­dig ist. Bis 2020 gab es zudem noch eine har­te Frist, wann die­se Wahl spä­tes­tens statt­zu­fin­den hat; das wur­de gestri­chen. Eine Frist gibt es jetzt nur noch für das Zusam­men­tre­ten des Land­tags zur kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung – übri­gens ein­ge­la­den nicht durch eine Alters­prä­si­den­tin, son­dern durch den amtie­ren­den Land­tags­prä­si­den­ten von der CDU. Die­se kon­sti­tu­ie­ren­de Sit­zung muss spä­tes­tens am 6. Okto­ber stattfinden.

Wenn in den bei­den Wahl­gän­gen kei­ne abso­lu­te Mehr­heit erreicht wird, gibt es zunächst eine Abstim­mung über die Selbst­auf­lö­sung des Land­tags. Auch hier­zu ist eine abso­lu­te Mehr­heit not­wen­dig. Schei­tert die­se Abstim­mung, kommt es schließ­lich zum drit­ten Wahl­gang, bei dem die rela­ti­ve Mehr­heit ausreicht.

In die­sem drit­ten Wahl­gang hät­te bei Ent­hal­tung des BSW und akti­ver Betei­li­gung aller ande­rer Abge­ord­ne­ter ein­schließ­lich der Lin­ken weder der Kan­di­dat der AfD noch eine Kan­di­da­tin für CDU, SPD, Grü­ne und Lin­ke eine Mehr­heit. Damit blie­be die bis­he­ri­ge CDU-geführ­te Regie­rung geschäfts­füh­rend – und ohne Mehr­heit im Land­tag – im Amt.

Anders sieht es aus, sobald Abge­ord­ne­te des BSW aktiv für einen AfD-Kan­di­da­ten stim­men, oder wenn Abge­ord­ne­te der Lin­ken sich ent­hal­ten. Dann wäre recht schnell der Weg für einen AfD-MP frei, der dann Minister*innen ernen­nen könnte.

Was wäre noch denk­bar? Tei­le der CDU könn­ten, ver­rannt in das Gefühl, eine „demo­kra­ti­sche“ Wahl unter­stüt­zen zu müs­sen, und viel­leicht auch inhalt­lich näher an der AfD, als uns das lieb sein kann, eine Min­der­heits­re­gie­rung eines AfD-MPs unter­stüt­zen. Damit wür­de die CDU im Bund ver­mut­lich end­gül­tig implo­die­ren. Aber ob das das Kal­kül von Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten leitet?

Die ein­zi­ge halb­wegs rea­lis­ti­sche posi­ti­ve Wen­dung, die mir noch ein­fällt, wäre tat­säch­lich eine über­par­tei­li­che Per­son, auf die sich die Par­tei­en von BSW bis CDU eini­gen, um dann eine tech­no­kra­ti­sche Regie­rung ein­zu­set­zen. Son­der­lich sta­bil wäre das nicht. 

Neben der Regie­rungs­fra­ge zwi­schen Cha­os und Sturz in blaubrau­ne Zei­ten (auch wenn die AfD bei wei­tem nicht alles umset­zen könn­te, was sie sich vor­ge­nom­men hat, weil vie­les davon nicht in Lan­des­kom­pe­tenz liegt oder Ver­fas­sungs­än­de­run­gen vor­aus­set­zen wür­de, bleibt genug, was eine AfD-geführ­te Regie­rung schlim­mes tun könn­te) hän­gen an 44 Pro­zent AfD noch eine gan­ze Rei­he ande­rer Fra­gen. Das beginnt beim Land­tags­prä­si­den­ten, geht über die meist pro­por­tio­nal aus­ge­rich­te­te Beset­zung exter­ner Gre­mi­en bis zur Fra­ge der Aus­schuss­grö­ße. Alles kei­ne schö­nen Aus­sich­ten. Und ein Land­tag, in dem die Arbeit etwa der acht grü­nen MdL alles ande­re als ver­gnü­gungs­steu­er­pflich­tig wer­den wird.

Wenn die Nach­wahl­be­fra­gun­gen halb­wegs stim­men, hat die AfD ins­be­son­de­re Nichtwähler*innen mobi­li­siert. Ihre höchs­ten Wer­te erreicht sie im (aus­blu­ten­den) länd­li­chen Raum. Das schlech­tes­te Ergeb­nis von „nur“ 18 Pro­zent dage­gen in einem der Wahl­krei­se im Hal­le – Grü­ne kom­men hier auf 33 Pro­zent, in Hal­le und Mag­de­burg konn­te die Lin­ke zudem Direkt­man­da­te errin­gen. Beson­ders gute Wer­te erreich­te die AfD unter Men­schen mit for­mal nied­ri­ger Bil­dung, unter Män­nern und in der mitt­le­ren Alters­grup­pe. Zudem haben vie­le Men­schen, die ihre eige­ne Lage sozi­al als schlecht bewer­ten, AfD gewählt.

Ich ver­mu­te, dass gera­de die­se sozio­de­mo­gra­fi­schen Grup­pen im Fal­le einer AfD-Regie­rung eher noch schlech­ter daste­hen wer­den – und dass sie, Stich­wort kogni­ti­ve Dis­so­nanz, dies dann trotz­dem nicht der AfD zuschrei­ben wer­den, son­dern ande­re Schul­di­ge fin­den werden.

Den­je­ni­gen in Sach­sen-Anhalt, die nicht AfD gewählt haben, kann ich nur einen lan­gen Atem und Durch­hal­te­ver­mö­gen wün­schen. Und ja: wir müs­sen auch dar­über nach­den­ken, was an prak­ti­scher Soli­da­ri­tät not­wen­dig sein wird, um z.B. sozia­le, demo­kra­ti­sche und öko­lo­gi­sche Pro­jek­te zu unter­stüt­zen, deren Finan­zie­rung ein­ge­stellt wird. (Apro­pos: das sind genau die Grund­sät­ze, zu denen die Lan­des­ver­fas­sung Sach­sen-Anhalt alle Insti­tu­tio­nen verpflichtet.)

Und dann gibt es die ande­ren bei­den Punk­te. Ich glau­be nicht dar­an, dass eine mög­li­che AfD-Regie­rung sich schnell ent­zau­bern wird. Sie wur­de nicht für Inhal­te gewählt, son­dern – jeden­falls von vie­len – wohl eher für ein bestimm­tes Gefühl. Das kann die AfD auch bedie­nen, wenn sie ganz objek­tiv Murks baut. Dar­auf soll­ten wir uns also nicht verlassen.

Und das ande­re sind die Inter­de­pen­den­zen. Sach­sen-Anhalt ist eines von 16 Bun­des­län­dern, die in ganz unter­schied­li­chen For­ma­ten im ste­ten Aus­tausch ste­hen und viel der Poli­tik in Lan­des­kom­pe­tenz unter­ein­an­der abstim­men. Was wird da pas­sie­ren – und wel­che Fol­gen wird das für fünf­zehn ande­re Bun­des­län­der haben, wenn ein Land hart nach rechts zieht? Schon jetzt mer­ken wir ja, wie erfolg­reich die AfD dar­in ist, das Sag­ba­re zu ver­schie­ben und die Poli­tik aus der Oppo­si­ti­on her­aus zu beein­flus­sen; über diver­se media­le Trans­mis­si­ons­rie­men genau­so wie auf­grund der Uni­ons­stra­te­gie, Feu­er mit Feu­er zu bekämp­fen und Tei­le der AfD-Pro­gram­ma­tik und Spra­che zu übernehmen.

Selbst wenn es bei Sach­sen-Anhalt bleibt, die Wah­len im Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ber­lin anders aus­ge­hen und wir kei­ne Domi­no­ef­fek­te in Thü­rin­gen und Sach­sen beob­ach­ten, betrifft uns das alle. Eine gesi­chert rechts­extre­me Par­tei in die­ser Stär­ke bleibt nicht ohne Wir­kung. (Viel­leicht wäre Radio­ak­ti­vi­tät die bes­se­re Meta­pher als Feuer.)

Es wird jetzt eine Rei­he von Demos geben. Die Zivil­ge­sell­schaft han­delt, und das ist gut so. Aber solan­ge die Medi­en glau­ben, eine gute Sto­ry sei wich­ti­ger als die Fra­ge, ob sie damit bei­tra­gen, unse­re Demo­kra­tie zu gefähr­den; solan­ge Journalist*innen und Beamt*innen „vor­sichts­hal­ber“ schon mal zurück­ru­dern; solan­ge die drei zustän­di­gen Insti­tu­tio­nen vor einem Prüf­ver­fah­ren vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt zurück­schre­cken, – solan­ge das so ist, reicht zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment nicht aus, um die blaue Gefahr wie­der zurückzudrängen.

Optimistische Politik statt AfD: Lasst uns mehr Star Trek wagen

Wind power with rainbow

Bei der Prä­si­dent­schafts­wahl in Öster­reich wur­de ein FPÖ-Prä­si­dent Hofer nur knapp ver­hin­dert, mit 50,3 Pro­zent der Stim­men set­ze sich der Grü­ne Alex­an­der Van der Bel­len am Schluss, nach Aus­zäh­lung der Brief­wahl­stim­men, doch noch durch. Die Trenn­li­ni­en lie­gen dabei ähn­lich wie auch bei der Wäh­ler­schaft der AfD: (jun­ge) Män­ner, for­mal weni­ger Gebil­de­te, Land statt Stadt, nied­ri­ger Aus­län­der­an­teil – das sind alles Fak­to­ren, die eine rech­te Wahl wahr­schein­li­cher machen.
„Opti­mis­ti­sche Poli­tik statt AfD: Lasst uns mehr Star Trek wagen“ wei­ter­le­sen

Koalitionsvertragswordles

wordle.net ist ein Tool, dass die häu­figs­ten Wör­ter aus Tex­ten in einer Wort­wol­ke (Grö­ße ent­spricht häu­fig) visua­li­sie­ren kann. Ich habe Word­le mal für die 200 häu­figs­ten Wör­ter über die Koali­ti­ons­ver­trä­ge aus Baden-Würt­tem­berg (Grün-Schwarz), Rhein­land-Pfalz (Rot-Grün-Gelb) und Sach­sen-Anhalt (Schwarz-Rot-Grün) drü­ber­lau­fen lassen. 

Die Aus­sa­ge­kraft der Ergeb­nis­se mögen ande­re beur­tei­len – auf­fäl­lig ist, dass das mit Abstand häu­figs­te Wort jeweils der Lan­des­na­me ist, und dass Ver­ben wie „unter­stüt­zen“, „för­dern“, „stär­ken“ (in Baden-Würt­tem­berg auch „ermög­li­chen“ und „wei­ter­ent­wi­ckeln“) eine gro­ße Bedeu­tung zukommt. Bei den Sub­stan­ti­ven sind vor allen poli­ti­schen The­men­fel­dern die „Men­schen“, das „Land“ und (in Sach­sen-Anhalt und Rhein­land-PFalz) die „Koali­ti­ons­part­ner“ zu nen­nen. Erst danach tau­chen dann „Unter­neh­men“ und „Hoch­schu­len“, „Schu­len“ und „Kom­mu­nen“ sowie The­men wie „Inte­gra­ti­on“, „Digi­ta­li­sie­rung“ (BW) und „Arbeit“ (RLP) auf.
Wordle Baden-Württemberg

Wordle

Wordle Sachsen-Anhalt

(Etwas auf­wän­di­ger wäre die Fra­ge, was pas­siert, wenn alle Begrif­fe weg­ge­nom­men wer­den, die in allen drei Koali­ti­ons­ver­trä­gen auf­tau­chen. Ob dann ein Pro­fil übrigbleibt?)

Kurz: Fukushima-Effekt

Wenn in die­sen Tagen Wah­len für Grü­ne schlecht aus­ge­hen – wie aktu­ell bei der Kom­mu­nal­wahl in Hes­sen – wird ger­ne der „Fuku­shi­ma-Effekt“ als Begrün­dung ange­führt. Auch nächs­tes Wochen­en­de wer­den wir in Sach­sen-Anhalt und Rhein­land-Pfalz davon hören. Ich fin­de das nur bedingt über­zeu­gend. Dass gro­ße grü­ne Zuge­win­ne 2011 – fak­tisch das Erschlie­ßen neu­er Wäh­ler­mi­lieus – etwas mit der japa­ni­schen Atom­ka­ta­stro­phe zu tun haben, ist plau­si­bel. Dass die­se Zuge­win­ne jetzt wie­der weg­schmel­zen, heißt, anders aus­ge­drückt: es ist nicht gelun­gen, die­se neu­en Milieus und Wäh­ler­grup­pen nach­hal­tig zu bin­den. Und da kann kein japa­ni­scher Reak­tor und kei­ne Atom­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung etwas dafür, son­dern da liegt die Ver­ant­wor­tung zuerst ein­mal bei den jewei­li­gen grü­nen Verbänden. 

Selbst­ver­ständ­lich leben wir in schwie­ri­gen Zei­ten. Selbst­ver­ständ­lich gibt es ein dra­ma­ti­sches und beängs­ti­gen­des Anwach­sen der Stim­men für AfD und ande­re rechts­extre­me Par­tei­en. Es gibt einen Rechts­ruck und eine selt­sam poli­tik­mü­de Stim­mung im Land. Auch das sind Fak­to­ren, die grü­ne Ver­lus­te erklä­ren kön­nen. Letzt­lich aber blei­be ich bei der Aus­sa­ge: Wenn es stimmt, dass Fuku­shi­ma (oder hier in Baden-Würt­tem­berg: Stutt­gart 21) Men­schen dazu gebracht hat, zum ers­ten Mal in ihrem Leben grün zu wäh­len, und wenn es stimmt, dass die grü­nen Ver­lus­te zu einem gro­ßen Teil daher rüh­ren, dass die­se Wähler*innen das nicht wie­der­holt haben – dann ist das unse­re Ver­ant­wor­tung als Par­tei. Und das heißt auch, dass wir uns als grü­ne Par­tei – bun­des­weit! – die Fra­ge stel­len müs­sen, ob ein Kurs der nach­hal­ti­gen und lang­fris­tig trag­fä­hi­gen Erwei­te­rung der Wäh­ler­mi­lieus gewollt ist oder nicht.