Seltsamer Politikwissenschafter

Vor eini­ger Zeit hat­te ich hier glau­be ich schon mal was dar­über geschrie­ben, dass ein Poli­tik­wis­sen­schaft­ler meint, den ver­her­ren­den Ein­fluss von Ben­ja­min Blüm­chen auf die Jugend bewei­sen zu kön­nen (vgl. Stu­die BPB). Ins­be­son­de­re ging es dabei dar­um, dass Bür­ger­meis­ter nicht als Respekts­per­so­nen dar­ge­stellt wür­den und NGOs zu posi­tiv weg kämen.

Nun bin ich über eine idw-Pres­se­mit­tei­lung gestol­pert, in der über einen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler berich­tet wird, der die Ein­füh­rung eines Mehr­heits­wahl­rechts für Deutsch­land for­dert. Das sei nicht nur sta­bi­ler, son­dern auch gerech­ter, weil sonst „der Wahl­sie­ger (die Par­tei mit den meis­ten Wäh­ler­stim­men) häu­fig nicht die Regie­rung stel­len kann“. Nun ken­ne ich mich eigent­lich mit Poli­tik­wis­sen­schaf­ten aus, fin­de das aber einen über­aus dubio­sen Gerech­tig­keits­be­griff. Auch die Schluss­fol­ge­rung, dass ein sol­ches Wahl­sys­tem ja um eine klei­ne Lis­ten­wahl ergänzt wer­den kann, so dass die klei­nen Par­tei­en wei­ter im Bun­des­tag sit­zen, ohne jedoch zur Regie­rungs­bil­dung gebraucht zu wer­den, irritiert.

Der Name des Autoren die­ser Stu­die, Gerd Stroh­mei­er – no jokes with names – kam mir bekannt vor, und sie­he da: es ist der sel­be, der auch den ver­her­ren­den Ein­fluss früh­kind­li­cher Zei­chen­trick­fil­me unter­such­te. Und was Goog­le noch weiss: Stroh­mei­er ist auch Ver­trau­ens­do­zent der Orts­grup­pe Pas­sau der Hanns-Sei­del-Stif­tung. Die wie­der­um steht der CSU nahe. Ob dass etwas mit sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen zu tun hat, weiss ich nicht. Sie pas­sen jeden­falls gut zusammen.

Schließ­lich spuckt Goog­le auch die per­sön­li­che Vita Stroh­mei­ers aus, und die zeigt vor allem eines: eine rasan­te Kar­rie­re. Der Mann ist zwei Mona­te jün­ger als ich, hat sei­ne Dis­ser­ta­ti­on („Moder­ne Wahl­kämp­fe“) inner­halb von weni­ger als zwei Jah­ren geschrie­ben, sei­ne Habil („Veto­spie­ler“) hat etwas mehr als zwei Jah­re gebraucht. Magis­ter­ar­beit, Diss und Habil alle am glei­chen Insti­tut an der Uni­ver­si­tät Pas­sau. Neben­bei hat er noch diver­se Inter­net­pro­jek­te bei ZEIT und SPIEGEL online betreut. Das gan­ze wur­de durch die Hanns-Sei­del-Stif­tung unter­stützt. Der neue Stern am Wis­sen­schaft­ler­him­mel – oder doch eher einer, der weiss, wie mit pro­vo­kan­ten The­sen Medi­en­auf­merk­sam­keit gewon­nen wer­den kann, ganz egal, wie gut oder schlecht die­se belegt sind?

Kongresssplitter mit Sahne und Schokostreuseln

Der Zukunfts­kon­gress von Bünd­nis 90/Die Grü­nen ist vor­bei, und was habe ich mit­ge­nom­men? Ein paar Impressionen.

Stim­mung: der gan­ze Kon­gress fand in einer – gera­de im Ver­gleich zu den oft sehr stress­vol­len Par­tei­ta­gen – offe­nen und locke­ren Stim­mung statt. Das äußer­te sich zum Bei­spiel dar­in, dass es kaum Sicher­heits­vor­keh­run­gen gab (die letz­ten Par­tei­ta­gen hat­ten „dank“ Regie­rungs­be­tei­li­gung und Josch­ka Ein­lass­kon­trol­len, Absper­run­gen vor der Büh­ne, und auch tie­fe men­ta­le Grä­ben zwi­schen z.B. den Par­tei­vor­sit­zen­den und den Dele­gier­ten). Das war hier ganz anders. Trotz­dem wur­de ernst­haft, ehr­lich und enga­giert dis­ku­tiert. „Har­mo­ni­e­sül­ze“ als Gegen­ex­trem gab’s auch nur sel­ten (ein Nega­tiv­bei­spiel war das Panel Bil­dung, s.u.).

Markt der Möglichkeiten
Prä­sen­ta­ti­on der Ergebnisse
auf dem Markt der Möglichkeiten

Ergeb­nis­se: Den Haupt­teil des Kon­gres­ses mach­ten sechs The­men­blö­cke mit je acht bis zehn Work­shops aus. Zum Abschluss am Sonn­tag­mor­gen prä­sen­tier­te sich jeder die­ser The­men­blö­cke mit einem Markt­stand (von nett-bunt-hand­ge­strickt bis last-minu­te-Pro­fes­sio­na­li­tät). Da wur­de schon deut­lich, dass es gar nicht so ein­fach ist, die gro­ßen The­men Öko­lo­gie, Glo­ba­li­sie­rung, Bil­dung, Inte­gra­ti­on, Arbeit & Sozia­les und Euro­pa jeweils auf einen klei­nen Nen­ner zu brin­gen. Gemacht wur­de es trotz­dem; und ganz am Schluss dann rich­tig zuge­spitzt: ein Satz für jeweils zwei­ein­halb Stun­den Par­al­lel­dis­kus­si­on in viel­fäl­tigs­ten Work­shops (man­che eher mit infor­ma­ti­vem Cha­rak­ter, ande­re rich­tig kon­tro­vers). Klar, dass um die­se Sät­ze (die taz heu­te druckt sie alle ab; sie­he dazu auch hier) von den­je­ni­gen, die in der Nacht noch am Auf­ar­bei­ten und Vor­be­rei­ten waren inten­siv gestrit­ten wur­de. Im The­men­block Arbeit & Sozia­les („Zukunft sozia­ler Teil­ha­be und Arbeit“), in dem auch „mein“ Work­shop lag, haben wir uns letzt­lich auf einen Satz geeig­net, der sich, wie ich fin­de, als Leit­li­nie grü­ner Poli­tik in die­sem Feld durch­aus sehen las­sen kann, auch wenn er sicher nicht alle Work­shops zusam­men­bringt: „Befä­hi­gen statt Bevor­mun­den: Erwerb ist nicht genug“.

hier mal ganz partizipativ
Brain­stor­ming dazu, was die
Par­tei zur För­de­rung eines
Lebens­stil­wan­dels tun kann,
im Work­shop der BAG Energie

Streit­kul­tur: War der alte grü­ne Begriff für die Form inten­si­ver kon­struk­ti­ver Aus­ein­an­der­set­zung auch mit Leu­ten, die ganz anders den­ken. Wur­de hier gelebt statt ein­ge­for­dert, auch wenn der Streit der Run­de kri­ti­sie­ren­der Jour­na­lis­ten noch nicht weit genug ging.

Medi­en­auf­merk­sam­keit: War da.

Har­mo­ni­e­sül­ze: Am Bei­spiel des Panels Bil­dung. Ein Mensch aus dem fin­ni­schen Zen­tral­amt erläu­tert, dass das fin­ni­sche Bil­dungs­sys­tem auf der Grund­re­gel auf­baut, Qua­li­tät, Effi­zi­enz und Gerech­tig­keit gleich­zei­tig opti­mie­ren zu wol­len, was unter ande­rem heißt, dar­auf zu ach­ten, dass es den Kin­dern auch gut geht („Wohl­be­fin­den“) und dass die fin­ni­sche Ein­heits­schu­le erst mit sie­ben Jah­ren anfängt. Ein Mensch aus dem Deut­schen Insti­tut für Wirt­schaft sagt: die Wis­sen­schaft habe fest­ge­stellt, Men­schen ler­nen zwi­schen vier und fünf­zehn Jah­ren am bes­ten, des­we­gen müs­se der auf Bil­dungs­er­werb aus­ge­rich­te­te Kin­der­gar­ten zur Pflicht gemacht wer­den und alle Kin­der ab fünf ein­ge­schult wer­den. Außer­dem sei er dafür, mit der Selek­ti­on nach Hauptschule/Realschule/Gymnasium erst etwas spä­ter zu begin­nen. Fazit der Grü­nen: Wir sind uns ja alle einig. Fand ich nicht, und hier hät­te ich mir ein aus­dis­ku­tie­ren von Kon­tro­ver­sen sehr gewünscht.

Energieforum - Atrium: lebhafte Debatte
Leb­haf­te Debat­te in der
Pau­se im Atri­um des Energieforums

Alles wie frü­her: Ja, inso­fern es dar­um geht, sich wie­der dar­auf zu besin­nen, dass inhalt­li­che Radi­ka­li­tät (beharr­lich, nicht bor­niert­heit!) auch eine Stär­ke sein kann. Wenn z.B. Rein­hard Los­ke sich in einen Work­shop zu öko­lo­gi­schen Lebens­sti­len begibt und dort durch­aus dafür ist, dass Grü­ne das wie­der zu einem The­ma machen müs­sen. Aber auch das äuße­re: Ja, inso­fern der Insze­nie­rungs­an­teils des Kon­gres­ses weni­ger stark zur Gel­tung kam als bei Par­tei­ta­gen (Markt der Mög­lich­kei­ten, das durch­aus nach „öko“ aus­se­hen­de Essens­are­al drau­ßen). ((Oder dar­auf hin insze­niert war, spon­tan und unin­sze­niert aus­zu­se­hen)). Ja: wir sind bunt und viel­fäl­tig. Nein, weil in einem hyper­mo­der­nen Glas­bau getagt wur­de. Nein, weil die Welt sich ver­än­dert hat, und Grü­ne das begrif­fen haben. Und nein, weil der Schat­ten der Regie­rungs­zeit in der einen oder ande­ren Ecke durch­aus zu fin­den war.

Panel Arbeit/Soziale Teilhabe
Panel Arbeit/Soziale Teilhabe

Zukunft der Arbeit: Einer der gro­ßen Streit­punk­te. Auf dem Panel zur Zukunft der Arbeit über­zeug­ten mich Ska Kel­ler von der FYEG und die Sozio­lo­gin Jut­ta All­men­din­ger mit dem Hin­weis auf fle­xi­ble­re und unsi­che­re Arbeits­ver­läu­fe als Regel­fall der Arbeit der Zukunft weit­aus mehr als der Herr Huber von der IG Metall, der den Kern der Arbeit wei­ter­hin in der Indus­trie­ar­beit sieht, sich für Nor­mal­ar­beits­fik­tio­nen ver­kämpft und auf Nach­fra­ge „Indus­trie­ar­beit“ so umde­fi­niert, dass damit die Ver­wal­tungs­tä­tig­kei­ten in Indus­trie­be­trie­ben gemeint seien.

Grund­ein­kom­men: Eng damit ver­bun­den die Debat­te ums Grund­ein­kom­men. Was vie­le glau­be ich noch nicht kapiert haben, sind zwei Din­ge: Ers­tens die u.a. von Los­ke ins Spiel gebrach­te Ver­knüp­fung von Grund­ein­kom­men als Exis­tenz­si­che­rung und nach­hal­ti­ge­ren Lebens­sti­len, die erst in die­ser Ver­bin­dung für wei­te Bevöl­ke­rungs­krei­se die Mög­lich­keit bie­ten, Erfül­lung jen­seits von Kon­sum zu fin­den. Zwei­tens wur­de immer wie­der „Ende der Arbeit + Grund­ein­kom­men“ und „Arbeit wie bis­her + neue For­men der sozia­len Siche­rung wie Kom­bi­löh­ne und pro­gres­si­ve Sozi­al­ab­ga­ben“ gekop­pelt. Was dabei über­haupt nicht deut­lich wur­de: ein Grund­ein­kom­men muss nicht als Reak­ti­on dar­auf dis­ku­tiert wer­den, „dass uns die Arbeit aus­geht“. Viel­mehr ist es eine Mög­lich­keit, unter­be­zahl­te oder nicht bezahl­te Tätig­keits­fel­der in Wert zu set­zen (und so Arbeit zu schaf­fen), und zugleich in fle­xi­ble­ren und hete­ro­ge­nen Lebens­läu­fen Pha­sen der Nicht-Arbeit zu über­brü­cken. Als Bil­dungs­geld, als Erzie­hungs­geld, oder auch für den – gra­de in der Zei­tung zu lesen­den Fall – dass zwi­schen Abschluss des Refe­ren­da­ri­ats und Ein­stel­lung als Leh­re­rIn in BaWü zwei Mona­te Arbeits­lo­sig­keit lie­gen, für die Hartz-IV mit sei­nen komi­schen Vor­stel­lun­gen von För­de­rung und For­de­rung eben nicht das rich­ti­ge ist. Kurz gesagt: der Ver­such, die Idee Grund­ein­kom­men in alte For­men zu pres­sen, ist untauglich.

eher diskursiv
Zwei­te Run­de im Work­shop zur
Wissensgesellschaft

Wis­sens­ge­sell­schaft: Der von mir mit­or­ga­ni­sier­te Work­shop zur Wis­sens­ge­sell­schaft war gut besucht, Kat­ja Husen hat das gan­ze toll mode­riert, und gelernt haben wir wohl auch eini­ges. Was mir letzt­lich dann weni­ger gut gefal­len hat, als ich mir das gedacht habe, war die „insze­nier­te Kon­tro­ver­si­tät“. Der Work­shop war zwei­ge­teilt; im ers­ten Teil ging’s um Open­Ac­cess und Zugang zum Wis­sen, im zwei­ten Teil um die Zukunft der Hoch­schu­le, ins­be­son­de­re die Rol­le der Leh­re, unter dem Blick­win­kel der Hoch­schu­le als Ort der Wis­sens­pro­duk­ti­on. Eigent­lich soll­ten bei­de Tei­le kon­tro­vers ange­legt sein, de fac­to war es – aus Zufäl­len der Zusa­gen etc. her­aus – nur der ers­te Teil. Die Dis­kus­si­on zwi­schen Open­Ac­cess-Akti­vist und Bör­sen­ver­ein war leb­haft, hat Spaß gemacht, hat aber letzt­lich v.a. bestä­tigt, was wir eh schon wuss­ten. Der zwei­te Teil war für mich dafür viel span­nen­der: sowohl Susan­ne Baer (Vize­prä­si­den­tin HU Ber­lin) als auch Sascha Spo­un (Uni Lüne­burg) kamen letzt­lich zu einer Neu­de­fi­ni­ti­on der Uni­ver­si­tät als Ort der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung – inso­fern Hum­boldt – aber gera­de dar­in zuge­schnit­ten auf die Anfor­de­run­gen eines wis­sens­ge­sell­schaft­li­chen Arbeits­mark­tes (inso­fern eben durch­aus an „employa­bi­li­ty“ ori­en­tiert). Auch die bei­den waren sich glück­li­cher­wei­se nicht in allen Punk­ten einig – aber wie das dis­ku­tiert und ent­wi­ckelt wur­de, das fand ich überzeugend.

Sil­le­ris­mus: Auf­fäl­lig war die star­ke Prä­senz unse­res jüngs­ten Flü­gel­netz­werks, das sich um den Grund­satz­kom­mis­sar Peter Sil­ler scharrt. Die Sil­le­ris­tIn­nen (Eigen­be­zeich­nung „Rea­lis­mus & Sub­stanz“) waren nicht nur in den Debat­ten prä­sent, son­dern ver­teil­ten auch mas­siv die neus­te Auf­la­ge des tür­kis­grü­nen Büch­leins. Gele­sen habe ich’s noch nicht, aber wahr­schein­lich wird es mir damit ähn­lich gehen wie mit vie­len ande­ren Äuße­run­gen: inhalt­lich durch­aus vie­les, was ich auch so sehe, eini­ges, was ich ganz anders sehe, aber durch­zo­gen von einer gewis­sen Bes­ser­wis­se­rei und einem eigent­lich nicht begrün­de­ten Anspruch auf Defi­ni­ti­ons­macht. Im Auge behalten!

Gut: Slo­gan der Spar­kas­se, die den Kon­gress im Rah­men des Spon­so­rings mit Kaf­fee, Kek­sen und Scho­ko­la­de versorgte.

Am konservativsten von allen …

… ist die Jun­ge Uni­on Frei­burg (und damit schon wie­der so rich­tig nied­lich). Jeden­falls for­dern die in einer Pres­se­mit­tei­lung folgendes:

1. Strei­chung aller öffent­li­chen Gel­der für die KTS (Grund: ande­re Ein­rich­tun­gen bräuch­ten das Geld eher, die KTS hält sich nicht an Polizeibefehle)

2. Strei­chung aller öffent­li­chen Gel­der für die „sog. Schat­ten­par­ker“ (kei­ne Ahnung, ob die über­haupt wel­che krie­gen oder was die JU damit meint, Grund: ande­re Ein­rich­tun­gen bräuch­ten das Geld eher, die Schat­ten­par­ker hal­ten sich nicht an Polizeibefehle)

3. Kei­ne Koali­ti­on der CDU mit den Grü­nen (Grund: gefähr­li­che Anar­chis­ten­freun­de, die sich nur hin­ter einer bür­ger­li­chen Fas­sa­de verstecken)

Wäh­rend (1) und (2) so in etwa dem ent­spricht, was von einer ultra­kon­ser­va­ti­ven Grup­pe zu erwar­ten ist (und selbst aus die­ser Sicht ziem­lich däm­lich ist – die JU wür­de glau­be ich als ers­te pro­tes­tie­ren, wenn das KTS-Publi­kum nicht mehr vor­wie­gend in der KTS, son­dern vor­wie­gend z.B. in der Innen­stadt oder auf der Stra­ße zu fin­den wäre), ist die Aus­sa­gen zu (3) in der Pres­se­mit­tei­lung rich­tig amü­sant. Zitat:

„Frau Vie­then und die Grü­nen ver­su­chen wohl mit ihrer demons­tra­ti­ven Unter­stüt­zung der Anar­chis­ten und mit ihrer pole­mi­schen Kri­tik an der Frei­bur­ger Poli­zei wie­der Boden im lin­ken Lager gut zu machen, den sie beim Beschluss für den Ver­kauf der Frei­bur­ger Stadt­bau ver­lo­ren haben. Damit zei­gen die Grü­nen ihr wider­sprüch­li­ches Gesicht und machen sich unglaub­wür­dig“, so Dani­el Sander. […]

Die Äuße­run­gen von Frau Vie­then und Co. und deren Unter­stüt­zung der sinn­lo­sen und gefähr­li­chen Aktio­nen gegen den Staat hät­ten gezeigt, dass der bür­ger­li­che Anschein, den die Grü­nen beim Woh­nungs­ver­kauf gewon­nen hät­ten, nur Fas­sa­de sei. „Unter die­sen Umstän­den ist auf abseh­ba­re Zeit kei­ne kom­mu­na­le Koali­ti­on mit den Frei­bur­ger Grü­nen und der CDU denk­bar“, so Dani­el Sander.

Mal abge­se­hen davon, dass im baden-würt­tem­ber­gi­schen Kom­mu­nal­recht eh kei­ne Koali­tio­nen vor­ge­se­hen sind, und eine sach­be­zo­ge­ne Poli­tik anders aus­sieht, als in der pau­scha­len Ableh­nung jeder Zusam­men­ar­beit mit der stärks­ten Frak­ti­on, so scheint mir die CDU – und ins­be­son­de­re die JU – vor allem noch nicht ganz kapiert zu haben, dass es tat­säch­lich sowas wie eine „neue Bür­ger­lich­keit“ gibt, dass Grü­ne in Frei­burg längst nicht nur von Links­al­ter­na­ti­ven gewählt wer­den. Deutsch­land­weit wird das bei­spiels­wei­se in den Milieu­stu­di­en des SINUS-Insti­tuts deut­lich: bis Anfang der 1990er Jah­ren gab es dem­zu­fol­ge in Deutsch­land ein „Alter­na­ti­ves Milieu“, das etwa 4 % der Bevöl­ke­rung aus­mach­te, und eine Art (jugend­li­che) Sub­kul­tur dar­stell­te. In den aktu­el­len SINUS-Stu­di­en gibt es die­ses Milieu nicht mehr – dafür die „Post­ma­te­ri­el­len“, eines der gesell­schaft­li­chen Leit­mi­lieus und mit etwa 12 % min­des­tens so stark wie die Konservativen.

Die Exis­tenz die­ser „ver­bür­ger­lich­ten Alter­na­ti­ven“ – in Frei­burg sicher deut­lich mehr als 12 % – haben Tei­le der CDU/JU noch nicht begrif­fen. Sie lau­fen Feind­bil­dern aus den 1980ern hin­ter­her, die es so nicht mehr gibt. Und sie kapie­ren nicht, dass es inzwi­schen mög­lich ist, hohen Bil­dungs­sta­tus und hohes Ein­kom­men – mit allen Fol­ge­er­schei­nun­gen wie dem Wohn­ei­gen­tum etc. – also die alten Insi­gni­en des Bür­ger­tums – mit einem grün-bür­ger­rechts­li­be­ra­len Wer­te­mus­ter zu ver­bin­den, zu dem sowohl die Suche nach ver­nünf­ti­gen Haus­hal­ten als auch die Offen­heit für kul­tu­rel­le Expe­ri­men­te und alter­na­ti­ve Lebens­for­men gehört.

Paradigmenwechsel bei der Freiburger Polizei?

'Reclaim the streets' posterBis vor kur­zem hat sich die Poli­zei in Frei­bur­ger dadurch aus­ge­zeich­net, dass sie mit stu­den­ti­schen Demons­tra­tio­nen, links­al­ter­na­ti­ven Pro­tes­ten usw. meis­tens gut klar­ge­kom­men ist. Statt Gewalt­be­reit­schaft und Här­te zu demons­trie­ren, wur­de dees­ka­liert und ver­sucht, sich z.B. auch bei unan­ge­mel­de­ten Demos mit den Demons­trie­ren­den zu eini­gen. Das hat sicher­lich mit dazu bei­getra­gen, dass auch gro­ße und wüten­de Demos etc. letzt­lich fried­lich und ohne Ran­da­le über die Büh­ne gegan­gen sind. Inzwi­schen scheint das anders zu sein – die aktu­el­len Vor­fäl­le rund um das DIY-Fes­ti­val der KTS sind wohl nur die Spit­ze des Eis­bergs. Mir ist voll­kom­men unklar, war­um eine gute funk­tio­nie­ren­de Stra­te­gie zu Guns­ten eines in letz­ter Zeit häu­fig eher unver­hält­nis­mäs­sig zu nen­nen­den Vor­ge­hen auf­ge­ge­ben wird und wer dafür ver­ant­wort­lich ist (ich hof­fe, eini­ge grü­ne Gemein­de­rä­tIn­nen neh­men sich der Sache mal an). Frei­burg wür­de es jeden­falls gut zu Gesicht ste­hen, sich hier auf sei­ne ger­ne gerühm­ten libe­ra­len und tole­ran­ten Tra­di­tio­nen zu besin­nen. Dazu gehört auch, unbe­que­me Mei­nungs­äu­ße­run­gen zu dul­den – statt mit Kes­seln und Kabel­bin­dern dage­gen vorzugehen.

Dis­clai­mer: ich war weder bei der Demo noch sonst­wie beim DIY-Fes­ti­val, son­dern ken­ne nur Berich­te dar­über. Das dabei zu Tage tre­ten­de Bild scheint mir aber ziem­lich ein­deu­tig zu sein – und passt zu ähn­li­chen Vor­fäl­len in letz­ter Zeit.

> Arti­kel und Debat­te bei „fud­der“
> Pres­se­mit­tei­lun­gen und Infos der KTS
> Arti­kel in der taz von heute

Update: OB Die­ter Salo­mon stellt sich hin­ter den Poli­zei­ein­satz „und hat die Schnau­ze voll“ – auch eine Art der Vergangenheitsbewältigung.

Update 2: Ich sehe gra­de in der „fudder“-Diskussion einen (auf der BZ-Sei­te lei­der nur Abon­nen­tIn­nen zugäng­li­chen) Kom­men­tar (BZ von heu­te), der durch­aus lesens­wert ist.

Frei­burgs neue Linie? Poli­zei­ein­sät­ze am Wochenende

Die grü­ne Frak­ti­ons­chefin im Gemein­de­rat, Maria Vie­then, hat Recht. Seit gerau­mer Zeit fährt die Poli­zei eine här­te­re und nicht mehr die Frei­bur­ger Linie. Man muss kein Sym­pa­thi­sant jener Mit­tel­klas­se-Anar­chis­ten sein, die aus ganz Euro­pa ein­tru­del­ten, weil es hier ein biss­chen Poli­tik und viel Par­ty geben soll­te, um an der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der jüngs­ten Poli­z­ein­ein­sät­ze zu zwei­feln: Groß­auf­ge­bo­te, um am Frei­tag ein ille­ga­les Camp zu räu­men und am Sams­tag eine ange­kün­dig­te, aber nicht ange­mel­de­te Demons­tra­ti­on auf­zu­lö­sen. Vor allem in der Innen­stadt zur bes­ten Ein­kaufs­zeit gin­gen die Poli­zis­ten recht rup­pig zur Sache. Wer dabei war, konn­te kei­ne Gefahr erken­nen, die von den Spon­tis aus­ge­gan­gen wäre. Die Akti­on selbst beschwor die Gefahr der Eska­la­ti­on her­auf. Und genau da liegt der Unter­schied: In Frei­burg betrieb die Poli­zei seit Jah­ren erfolg­reich Dees­ka­la­ti­on. Die neue Marsch­rich­tung lässt Raum für Spe­ku­la­tio­nen: Ist das die Hand­schrift von Hei­ner Amann, der seit gut zwei Jah­ren Chef der Poli­zei­di­rek­ti­on ist? Will Stutt­gart dem grü­nen Frei­burg die libe­ra­len Flau­sen aus­trei­ben? Wel­che Rol­le spielt der Chef der städ­ti­schen Poli­zei­be­hör­de Wal­ter Rub­sa­men und wel­che sein Dezer­nent Otto Nei­deck (CDU)? Und wo steht der Ober­bür­ger­meis­ter? Die Poli­zei mag am Wochen­en­de für Ord­nung gesorgt haben, nicht aber für Ruhe: Nicht nur grü­ne Stadt­rä­te ver­lan­gen eine Erklärung.

Uwe Mauch

Update 3: Noch ein paar Links:

> Fotos und Kom­men­ta­re zu den Vor­fäl­len aus dem DIY-Camp (Indy­me­dia)
> Infos (1, 2, 3) von stattweb
> Web­site des DIY-Festivals
> Pho­tos von dem Polizeikessel

Mit wem im Sommerloch koalieren?

Manch­mal benimmt sich „mein“ grü­ner Lan­des­ver­band Baden-Würt­tem­berg so ste­reo­typ und kli­schee­haft, dass er des­we­gen fast schon wie­der lieb gewon­nen wer­den muss. So im Sin­ne eines schrä­gen Typens mit etli­chen Macken, der aber eigent­lich ganz süß ist. Der Anlass für die­se Sät­ze: eine ges­tern ver­schick­te Pres­se­mit­tei­lung der Lan­des­vor­sit­zen­den Andre­as Braun und Petra Selg, lei­der noch nicht auf der Web­site ver­linkt. Ich zitie­re mal die Haupt­aus­sa­ge (Her­vor­he­bung von mir):

Grüne Landesvorsitzende zu Koalitionsspekulationen auf Bundesebene: Farbenspiele sind Sommertheater

„Über­le­gun­gen zu rot-rot-grün auf Bun­des­ebe­ne hal­ten wir für rei­ne Spe­ku­la­tio­nen und nichts wei­ter als Som­mer­thea­ter“, erklär­ten die grü­nen Lan­des­vor­sit­zen­den Petra Selg und Andre­as Braun. „Ärger­lich sind sie trotz­dem, weil es kei­ner­lei Anlass gibt, dar­über zu spe­ku­lie­ren, auch nicht als ver­meint­li­ches The­ma für das media­le Sommerloch.“

„Wir Grü­nen in Baden-Würt­tem­berg haben zu einem rot-rot-grü­nen Bünd­nis auf Bun­des­ebe­ne eine kla­re Hal­tung“, beton­ten Selg und Braun: „Wir leh­nen nicht nur Spe­ku­la­tio­nen dar­über strikt ab und möch­ten sie deut­lich zurück­wei­sen, son­dern sehen auch nicht den rea­lis­ti­schen Kern einer sol­chen Überlegung.“ 

Was ist an die­ser Pres­se­mit­tei­lung irri­tie­rend? Ers­tens natür­lich die Ein­sei­tig­keit. Aber ange­sichts der Lie­be zu Schwarz-grün-Debat­ten bei eini­gen Par­tei­freun­den wun­dert es mich nicht so sehr, dass nur über rot-rot-grün gere­det wird. Irri­tie­ren­der fin­de ich zwei­tens, näm­lich den Ein­blick, den die­se Pres­se­mit­tei­lung in die Wahr­neh­mung der bei­den Lan­des­vor­sit­zen­den gibt. Anlass dafür, sich zu Wort zu mel­den, sind „Über­le­gun­gen zu rot-rot-grün auf Bun­des­ebe­ne“. Die sei­en ein media­les Som­mer­loch­the­ma und eigent­lich igno­rier­bar. Wer jetzt etwas nach­denkt, was denn im Som­mer­loch die­sen Jah­res schon so alles ver­hack­stückt wur­de, wird schnell dar­auf kom­men, dass kurz vor Äuße­run­gen etwa Trittins zu rot-rot-grün ande­re Spe­ku­la­tio­nen stan­den: u.a. der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Ber­nin­ger, aber auch Tei­le der FDP und der gro­ße heim­li­che Vor­sit­zen­de a.D. fan­den es vor zwei Wochen sexy, mal wie­der über Jamai­ka nach­zu­den­ken. Erst danach kamen dann Stim­men, auch ande­re rech­ne­risch mög­li­che Mehr­hei­ten anzu­schau­en. Scha­de eigent­lich, dass sich nie­mand zur rot-grün-gelb äußert …

Eine klei­ne chro­no­lo­gi­sche Pres­se­schau dazu:

Die Neu­auf­la­ge der Jamaika-Debatte
> Bericht in der Welt über Gesprä­che zwi­schen Fischer und Schäub­le, 12.07.2006
> Franz Wal­ter in Spie­gel Online zu bür­ger­li­chen Mehr­hei­ten, 13.07.2006
> Wes­ter­wel­le in der FAZ zum Jamai­ka, 15.07.2006

Reak­ti­on: lin­ke Koali­ti­on wäre doch auch ganz schön
> Trit­tin warnt in Spie­gel Online vor Jamai­ka, 22.07.2006

Zur Som­mer­loch­de­bat­te über „Koali­tio­nen der bür­ger­li­chen Mit­te“ gab es kei­ne Pres­se­mit­tei­lung, wie die oben zitier­te. Wenn wundert’s. Dabei scheint es mir viel wahr­schein­li­cher, dass ab Okto­ber in Ber­lin z.B. rot-rot-grün regiert wird, als dass es auf Lan­des- oder Bun­des­ebe­ne in nächs­ter Zeit zu schwarz-gelb-grün kommt. Aber hin­ter Stutt­gart scheint die Welt anders auszusehen.

> Pres­se­mit­tei­lun­gen Grü­ne BW