Update zur Urabstimmung Parteireform

Ich hat­te ja bereits im März län­ger etwas zu den Sat­zungs­än­de­run­gen geschrie­ben, die als „Par­tei­re­form“ dis­ku­tiert wer­den. Die Urab­stim­mung dazu ist nun gestar­tet und läuft noch bis 30. Juni. Die­se sieht so aus, dass jedes Mit­glied – sofern nicht Brief­wahl bean­tragt wur­de – einen Zugangs­code für das Wahl­sys­tem (tech­nisch: Poly­as) bekom­men hat. Dort kann zu jeder der 17 Sat­zungs­än­de­run­gen mit Ja, Nein oder Ent­hal­tung (fak­tisch wirkt das im Blick auf die Mehr­heits­fin­dung wie eine Nein-Stim­me) abge­stimmt werden. 

Argu­men­te Pro und Con­tra zu den ein­zel­nen Abstim­mungs­fra­gen hat der Bun­des­ver­band in einem Rea­der zusam­men­ge­stellt. Zudem gibt es im Mit­glie­der­netz die Mög­lich­keit, die aus­führ­li­chen Stel­lung­nah­men ein­zu­se­hen. Mir fehlt ein zen­tra­ler Dis­kus­si­ons­ort – Diskussions„happen“ fin­den sich in Web­i­na­ren, in Ver­samm­lun­gen der ver­schie­de­nen Kreis­ver­bän­de, in dem einen oder ande­ren Chat (und auch in der par­tei­in­ter­nen Chat­be­grü­nung), aber eben, wenn ich jetzt nichts über­se­he, nir­gend­wo gebün­delt und in struk­tu­rier­ter Form (aka Antragsgrün). 

Was ich wahr­neh­me, klingt eher kri­tisch – oft auch kri­tisch dem gan­zen Pro­zess, den gewähl­ten Tools (die nicht Open Source sind …) und der Fra­ge, war­um die Par­tei­re­form per Urab­stim­mung mit ein­fa­cher Mehr­heit und nicht auf einer BDK mit 2/3‑Mehrheit läuft, gegen­über. Aber das mag, Stich­wort: es fehlt an einem zen­tra­len, struk­tu­rier­ten Dis­kus­si­ons­ort, eine sehr selek­ti­ve Wahr­neh­mung sein. 

Den Ver­such, das Ver­fah­ren schieds­ge­richt­lich (bzw. gar im ordent­li­chen gericht­li­chen Ver­fah­ren) zu kip­pen, hal­te ich eher für Quatsch. Span­nend fin­de ich hin­ge­gen den im hier ver­link­ten Blog des Ber­li­ner Zen­trum für Par­tei­en- und Par­la­ments­recht genann­ten Punkt, dass eine Sat­zungs­än­de­rung per Urab­stim­mung durch §9 Par­tei­en­gesetz aus­ge­schlos­sen ist, da die­se Zustän­dig­keit hier dem Par­tei­tag zuer­kannt wird. Par­tei­en­recht­lich – ich bin kein Jurist – wird das wohl unter­schied­lich aus­ge­legt, ent­we­der im Sin­ne von „nur der Par­tei­tag darf“ oder im Sin­ne von „auch der Par­tei­tag darf“. Jeden­falls schreibt das par­tei­in­ter­ne FAQ aktu­ell, dass kei­ne Bestä­ti­gung der Urab­stim­mungs­er­geb­nis­se durch einen Par­tei­tag vor­ge­se­hen ist, und stützt sich dabei wohl auf eine ande­re Aus­le­gung von §9 PartG. Ich hof­fe, dass wir hier nicht Schiff­bruch erleiden.

Gespannt bin ich, wie vie­le der 170.000 oder so Mit­glie­der an der Urab­stim­mung teil­neh­men. Einer­seits geht’s ja durch­aus um was, ande­rer­seits habe ich nicht den Ein­druck, dass das außer­halb einer klei­nen Bla­se über­haupt jemand inter­es­siert. Quo­ren gibt es nicht, aber wenn, sagen wir mal, nur 17.000 Mit­glie­der teil­neh­men, also zehn Pro­zent, und die eine oder ande­re Ände­rung nur knapp auf die Mehr­heit der Abstim­men­den kommt, wür­de ich durch­aus Fra­gen zur Legi­ti­mi­tät haben. Hm. 

Inhalt­lich hat­te ich ja bereit im März geschrie­ben, dass ich eini­ge der vor­ge­schla­ge­nen Ände­run­gen sehr sinn­voll fin­de und bei ande­ren eher skep­tisch bin. Ver­mut­lich wer­de ich auch ent­spre­chend abstim­men. Fol­gen­de Fra­gen ste­hen zur Wahl:

Nr. The­ma Mei­ne Tendenz
1 Öff­nung Grundmandat Ja (auch wenn ich das vor­ge­schla­ge­ne Ver­fah­ren kom­pli­ziert finde)
2 Infor­ma­ti­on zur Sonder-BDK Ja
3 Antrags­fris­ten Ja
4 Strei­chung Antrags­recht Ortsverbände Nein (hal­te die Strei­chung des Antrags­rechts für Orts­ver­bän­de in der Pra­xis eher für irrelevant)
5 Quo­rum Einzelantragsteller*innen Ja (auch wenn’s weh­tut, klingt das für mich nach einer sinn­vol­len Maßnahme)
6 Min­dest­quo­rum (nach Geschlecht) bei Antragsstellung Unent­schlos­sen, bin mir nicht sicher, ob das den erhoff­ten Effekt bringt
7 Antrag­stel­lung (Begren­zung Zahl der Anträge) Unent­schlos­sen, ent­we­der leicht zu umge­hen oder drakonisch
8 Stär­kung Antragskommission Eher Ja
9 Mit­glie­der­rat Ja (auch wenn mir das noch zu zöger­lich ist, ist es ein Anfang)
10 Län­der­rat / Parteirat Struk­tu­rell ein Kern­stück der Reform, bin noch nicht entschieden
11 Generalsekretär*in Ja
12 Vor­schlags­recht Bundesvorstands-Wahl Ja
13 Tren­nung von Amt und Man­dat I  Ten­den­zi­ell Ja
14 Tren­nung von Amt und Man­dat II Ja
15 Trans­pa­renz­pflich­ten I Ja
16 Trans­pa­renz­pflich­ten II Ja
17 Viel­falts­sta­tut Ten­den­zi­ell Ja, aber noch nicht wirk­lich ent­schie­den, ob ich das für ziel­füh­rend halte

Bevor ich abstim­me, muss ich noch über das The­ma Länderrat/Parteirat und die wei­te­re Locke­rung der Tren­nung von Amt und Man­dat nach­den­ken – falls jemand gera­de zum The­ma Länderrat/Parteirat noch gute Argu­men­te hat, freue ich mich darüber.

Parteitagsnachbericht: Aufstellung als Regierungspartei

Am Frei­tag und Sams­tag fand – mit Sit­zun­gen bis in die Nacht – die 47. Bun­des­de­le­gier­ten­ver­samm­lung von Bünd­nis 90/Die Grü­nen statt, also unser Bun­des­par­tei­tag. Im Mit­tel­punkt – auch der media­len Auf­merk­sam­keit – stan­den dabei die Neu­wah­len des sechs­köp­fi­gen Bun­des­vor­stands (mit Ricar­da Lang und Omid Nou­ri­pour als neu­en Vor­sit­zen­den) und des Par­tei­rats – also in etwa das, was in ande­ren Par­tei­en „Prä­si­di­um“ heißt. Gro­ßen Raum nah­men dane­ben Sat­zungs­än­de­run­gen sowie eine mehr­stün­di­ge Aktu­el­le Debat­te samt Ver­ab­schie­dung der schei­den­den Bun­des­vor­stands­mit­glie­der (Anna­le­na Baer­bock, Robert Habeck, Jami­la Schä­fer und Micha­el Kell­ner) ein. In der Aktu­el­len Debat­te ging es – nach einer letz­ten gemein­sa­men Rede von Anna­le­na und Robert – immer wie­der um die Ukrai­ne-Kri­se und die Hal­tung der Bun­des­re­gie­rung dazu, um die EU-Taxo­no­mie (dazu wur­de auch ein Antrag ver­ab­schie­det), aber auch um Erwar­tun­gen an die grü­ne Regie­rungs­be­tei­li­gung und um den Koalitionsvertrag.

Deut­li­cher Unter­ton: jetzt beginnt eine neue Ära. Die Häu­tung und Neu­auf­stel­lung der Par­tei, die so etwa 2015 begon­nen hat, und an der Micha einen gro­ßen Anteil hat, zu der ein neu­es Grund­satz­pro­gramm gehört und die mit der Wahl von Robert und Anna­le­na 2018 dann in den Boos­ter-Modus der Ver­än­de­rung schal­te­te, ist zunächst ein­mal erfolg­reich abge­schlos­sen. Wir sind mit 125.000 Mit­glie­dern kei­ne klei­ne Par­tei mehr. Wir regie­ren – end­lich wie­der – mit. Und wir ver­ste­hen uns – Minis­ter­prä­si­dent Kret­sch­mann tadel­te das – nicht als „Milieu­par­tei“, son­dern als Bünd­nis­par­tei, die kapiert hat, dass die not­wen­di­gen gro­ßen Ver­än­de­run­gen nur gemein­sam mit der Bevöl­ke­rung, der Wirt­schaft und der Zivil­ge­sell­schaft erreich­bar sind. Das alles gehört zur neu­en Rea­li­tät von Bünd­nis 90/Die Grü­nen – und das alles wird auch die Wahl­kämp­fe in die­sem Jahr (Saar­land, NRW, Schles­wig-Hol­stein, Nie­der­sa­chen) bestimmen. 

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In eigener Sache: Neue Arenen des Mit-Redens

Die Redak­ti­on der baden-würt­tem­ber­gi­schen grü­nen Mit­glie­der­zeit­schrift Grü­ne Blät­ter hat­te mich gebe­ten, für ihre Aus­ga­be „Gedan­ken & Spie­le – Ein Heft über grü­ne Per­spek­ti­ven“ ein paar Wor­te über inner­par­tei­li­che Betei­li­gung zu ver­lie­ren. Statt die aktu­el­len Betei­li­gungs­pro­jek­te der Bun­des­par­tei vor­zu­stel­len – das wäre ein Bei­trag für sich – habe ich mir das The­ma „Basis­de­mo­kra­tie“ als Aus­gangs­punkt genom­men, und über­legt, was das heu­te auch hei­ßen kann.

Der Bei­trag ist in den heu­te in den Brief­käs­ten lie­gen­den Grü­nen Blät­tern zu fin­den, aber auch unter https://www.gruene-bw.de/neue-arenen-des-mit-redens/ zu fin­den – oder direkt hier. Über eine Dis­kus­si­on freue ich mich.

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In eigener Sache: E‑Demokratie-Panel

Ich hat­te ja berich­tet, dass ich beim Kon­gress „Netz für alle“ von Rosa-Luxem­burg-Stif­tung und LINKE auf einem Panel zu „E‑Democracy: Betei­li­gung für alle oder Spiel­zeug für neue Eli­ten?“ war. Inzwi­schen wur­de das Video des Panels ver­öf­fent­licht. Wer also wis­sen will, wor­über sich Tere­sa Bücker, Hali­na Waw­zy­ni­ak und ich unter der Mode­ra­ti­on von Wen­ke Chris­toph – Ste­phan Urbach war lei­der krank­heits­be­dingt nicht dabei – unter­hal­ten haben, kann das jetzt anschauen.