Wenn es keine Nachrichten gäbe, könnte man in der Sonne am See sitzen, Reneclauden essen, und alles wäre wunderbar. So aber ist nix gut, und ich sitze hier und grüble darüber nach, wie es so ist mit dem Rassismus, der Stimmung und der Politik. Warum es Wochen und Monate, einen Anschlag und mahnende Worte braucht, bis Merkel sich einmal in einer Flüchtlingsunterkunft sehen lässt. Warum ich und viele andere das Gefühl nicht loswerden, dass „linke“ Aktivitäten nach wie vor schneller und härter polizeilich verfolgt werden als die Anschläge und Volksverhetzungen der „besorgten Bürger“. Wo hier – selbst wenn es mehr eine symbolische Geste wäre – Sonderermittlungsgruppen und Polizeistaffeln bleiben. Wie großartig das Engagement vieler Einzelner ist, und wie beschämend, dass es dieses braucht. Wieso in der bundesweiten Debatte nicht ankommt, dass Kretschmann sehr deutlich gesagt hat, dass das Boot nie voll ist. Ob sich 1993 wiederholt, und was dagegen getan werden kann. Wieso in manchen Köpfen der Grundrechtsstatus des Asyls partout ignoriert wird. Ob die EU nicht eine Art Evakuierung Syriens organisieren müsste. Warum manche jetzt sehr viel Wert auf Theoriedebatten legen. Und auch darüber, ob die Landkarten und Berichte, die als Ursache für Anschläge und Ausschreitungen die unvollständige Integration Ostdeutschlands suggerieren, Recht haben. Und wenn ja, was daraus eigentlich für politische Konsequenzen zu ziehen wären.
Kurz: Klassenfrage
Als Bahn-Vielfahrer bin ich fast immer in der 2. Klasse unterwegs – weil mir die BahnCard 100 für die 2. Klasse mit über 4000 Euro pro Jahr schon teuer genug ist, aber auch, weil ich es einfach nie anders kennengelernt habe: Als Kind war es natürlich immer die 2. Klasse in IC und Nachtzug, wenn wir von Süd- nach Norddeutschland gefahren sind. Und später, als das anfing damit, zu Jugendverbandskongressen und Parteitagen, noch etwas später: zu Unidienstreisen, quer durchs Land zu fahren, war ebenso selbstverständlich, dass die Fahrtkostenerstattung sich auf die 2. Klasse bezog.
Wenn ich, wie jetzt grade, dank eines Upgrade-Gutscheins für treue Kunden, dann doch einmal in der 1. Klasse sitze, hat das was von fremden Terrain. Vertraut und zugehörig fühlt sich das nicht an. Bequemere Sitze und mehr Platz – das hätte ich auch gerne bei meinem Pendelalltag. Kostenlose Zeitungen, auch nett. Schwerer tue ich mich da schon mit der Servicekultur und der damit verbundenen aufgesetzten Ultrafreundlichkeit, der emsigen und ständigen Sorge um das Wohlbefinden der Reisenden – Sie werden am Platz bedient, eine kleine Aufmerksamkeit vielleicht, hätten Sie noch einen Wunsch? (Ähnlich fremdelnd ergeht es mir, wenn ich in vielsternige Hotels gerate …).
Das ist schlicht nicht meine Welt. Mit einer bourdieuschen Brille zu beobachten, wie die Angehörigen der 1. Klasse dieses Bedientwerden ganz selbstverständlich finden, ja überhaupt: wie sie sich geben, und dabei eine feine, inkorporierte Eleganz ausstrahlen – das ist durchaus interessant und zugleich ein schöner Beleg für milieuspezifischen Habitus und für die Existenz einer gewissen Klassengesellschaft auch in Deutschland. Was weit über Fragen der Zugehörigkeit hinaus Konsequenzen hat.
Der elektrische Chauffeur
Laut der groß angelegten Studie Mobilität in Deutschland 2008 hatte zum Befragungszeitpunkt etwa sieben Prozent der Bevölkerung ab 17 Jahren keinen Führerschein. Wie das 2015 aussieht, werden wir erst nächstes Jahr wissen, eine Neuauflage dieser Befragung ist derzeit in Arbeit. Die Größenordnung wird ähnlich sein; im Jahr 2002 waren es etwa 7,5 Prozent.
Ich finde das interessant, weil ich selbst zu diesen etwa sieben Prozent gehöre. Keinen Führerschein zu machen, war – als ich 18, 19, 20 Jahre alt war – eine bewusste Entscheidung im Sinne eines ökologischen Lebensstils. Nach dem Motto, dass, wer einen Führerschein hat, auch Auto fahren will.
Warum willst du nicht hier bleiben? – Darum!
Eigentlich ist das mit den Geschlechterverhältnissen hier in Deutschland doch schon ganz ordentlich, oder? Also so im Vergleich zu anderen Ländern. Tja, denkste – der Blick von außen ist dann doch erhellend. Deswegen folgt hier ein (anonymisierter) Rant einer Bekannten von mir, die seit vielen Jahren in den USA lebt, dort eine erfolgreiche Professorin ist, und jetzt für ein Jahr wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist. Ihre Erfahrungen damit, wie tief eingegraben überkommene Geschlechterrollen hierzulande sind – selbst oder gerade in einem akademischen Kontext:
Before I moved back to Germany I did not consider myself a feminist, just a woman, who expects to be treated equally. That’s all. After a year back in Germany I feel like a radical feminist activist.
The main reason I could not see myself living in Germany again permanently is because of gender roles. Overall I see men here a lot more equally involved in household chores, the care of the children, it is not uncommon for men to take paternity leave; yet even many of those men still boss their female partners around telling them how to do what when or ordering for them in the restaurant. I conducted interviews here with Germans about their identity, in an attempt to understand, how people in Germany define Germanness and themselves as Germans. One man (married to an accomplished female doctor) responded to the question “wer sind Sie und wie würden Sie sich beschreiben” with the following “Ich bin Chef. Ich bin der Chef bei der Arbeit. Chef meines Hauses und Chef meiner Familie.” And that is the attitude I saw in many places.
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Was das Cicero-Intellektuellen-Ranking über den deutschen Diskurs verrät
In einer Klickstrecke stellt Cicero die „500 wichtigsten deutschen Intellektuellen“ vor. Genauere Aussagen zur hinter diesem Ranking stehenden Methode gibt es nicht, wohl aber den Hinweis darauf, dass PolitikerInnen außen vor gelassen wurden, da es sonst ein „Politikerranking“ geworden wäre. Vermutlich wurden irgendwie die Erwähnungen in Leitmedien gezählt.
Das Ergebnis ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen stellt es zwanglos in Frage, wer oder was überhaupt ein Intellektueller oder eine Intellektuelle ist. Bei einer ganzen Reihe der aufgeführten PublizistInnen, JournalistInnen, SchriftstellerInnen und WissenschaftlerInnen scheint mir deren Intellektuelleneigenschaft einem sich selbst verstärkenden Zirkelschluss zu unterliegen: diese Menschen sind im Diskurs wichtig, weil sie gerne in Talkshows eingeladen werden – und sie werden gerne in Talkshows eingeladen, weil sie ja offensichtlich im Diskurs wichtig sind. Neben dem Personal des Talkshowdauerdienstes finden sich in der Liste selbstverständlich auch Menschen, die ich tatsächlich als intellektuelle Stimme im Diskurs wahrnehme. Aber eben längst nicht alle.
Zum anderen zeigt die Liste eines sehr deutlich. Vermutlich gibt sie den deutschen Mediendiskurs zwischen Talkshow und Feuilleton, Konferenzzirkus und Keynotes gut und wahrheitsgetreu wieder. Das mögen nicht alles Intellektuelle sein, aber es sind die, die öffentlich reden und dabei Resonanz finden.
Ich habe jetzt nicht gezählt – dafür wäre Datenjournalismus hilfreich, Cicero -, hatte beim Durchklicken aber das empirisch gesättigte Gefühl, dass der Frauenanteil in der Liste unterhalb von zehn Prozent liegen muss. Für die ersten fünfzig, sechzig Plätze liegt er ziemlich genau bei zehn Prozent.
Das ließe sich jetzt auf andere Diskriminierungsmerkmale ausdehnen. Was Cicero nolens volens liefert, ist ein eindrücklicher, wohl statistisch abgesicherter Beweis für das Meinungskartell älterer Herren in Deutschland. Auch ältere Herren können kluge, progressive Ideen haben – aber wenn die Liste eine Aussage über den deutschen Diskurs trifft, dann wohl doch die, dass eine gewisse Gräue, Müdigkeit und Erstarrheit des „Diskurses“ – und damit der dominierenden medial vermittelten Weltdeutung – nicht unplausibel ist. Und: viele aufgeführte WeltdeuterInnen und Popintellektuelle deuten die Welt seit einigen Jahrzehnten. Nach, so ist es anzunehmen, doch weitgehend ähnlichen Mustern.
Was das für gesellschaftliche Folgen hat, und ob es anders möglich wäre, müsste einmal in einer Talkshow besprochen werden. Oder lieber nicht.
Warum blogge ich das? Weil mich die geballte intellektuelle Kompetenz, die Cicero hier zusammengetragen hat, irritiert hat. Dank an J.W. für den Hinweis auf das Ranking!


