Zeit des Virus, Update V

Was hat sich geän­dert seit mei­nem letz­ten Update Anfang Mai? Eini­ges ist gleich geblie­ben – ich arbei­te nach wie vor im Home-Office, und die Tage sind trotz allem nach wie vor gut gefüllt. Nach wie vor gilt beim Ein­kauf und im ÖPNV eine Mas­ken­pflicht, und drau­ßen ein Abstands­ge­bot, auch wenn sich nicht alle dar­an halten. 

Mehr oder weni­ger ver­schwun­den sind die Coro­na-Demos – mög­li­cher­wei­se auch des­we­gen, weil mit bis vor kur­zem schnell sin­ken­den Infek­ti­ons­zah­len recht gro­ße Locke­rungs­schrit­te umge­setzt wur­den. Es ist wie­der mög­lich, sich mit meh­re­ren Per­so­nen zu tref­fen, Sport­ein­rich­tun­gen und Schwimm­bä­der dür­fen unter bestimm­ten Umstän­den auf­ma­chen, die ers­ten Thea­ter- und Kino­vor­füh­run­gen mit stark redu­zier­ter Sitz­zahl fin­den statt, und es ist in Aus­sicht gestellt, dass auch grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen bald wie­der statt­fin­den kön­nen, solan­ge es sich dabei nicht um feucht-fröh­li­che Volks­fes­te han­delt. Ach ja, und die Schu­len – aber dazu gleich. 

Ins­ge­samt hat sich die Stim­mung ver­scho­ben. Das Virus wird längst nicht mehr so ernst genom­men. Auch wenn es nicht so gut gelun­gen ist wie in Neu­see­land, so scheint Deutsch­land doch über den Berg zu sein. Es gibt zwar nach wie vor kei­nen Impf­stoff, aber aktu­ell – das ist doch fast schon wie­der ein Zustand wie vor dem Aus­bruch der Pan­de­mie. Das scheint mir jeden­falls die in vie­len Köp­fen vor­herr­schen­de Mei­nung zu sein. Dass Mas­ken dann nicht mehr so gern getra­gen wer­den, dass auf das neu gelern­te regel­mä­ßi­ge Hän­de­wa­schen schnell mal ver­zich­tet wird … das ver­wun­dert dann auch nicht. Und selbst die­je­ni­gen, die mit einer zwei­ten Wel­le rech­nen, neh­men die Zeit jetzt als Pau­se zwi­schen den Aus­brü­chen wahr.

Ein biss­chen geht es mir auch so. Wobei vie­les unge­wiss ist. Ich habe jetzt für den August eine Feri­en­woh­nung an der Nord­see gebucht – mit dem etwas flau­en Gefühl, dass es eigent­lich völ­lig unklar ist, ob im August lan­ge Zug­fahr­ten und Urlau­be mög­lich sind, oder eher nicht. Also mit einem schlech­ten Gefühl. Gleich­zei­tig war jetzt schon vie­les ausgebucht.

Mehr oder weni­ger durch? Dann kam Tön­nies, dann kam Ber­lin-Neu­kölln, dann kam Göt­tin­gen – jeweils mit mehr oder weni­ger iso­lier­ten Aus­brü­chen, die aber doch zei­gen, wie schnell die Infek­ti­ons­zah­len wie­der hoch­ge­hen kön­nen. Was mich irri­tiert: eigent­lich müss­te zumin­dest im Fall Tön­nies längst die loka­le Lock­down-Rege­lung grei­fen. Die Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz hat­te dazu einen Wert von 50 Infek­tio­nen / sie­ben Tage fest­ge­legt – der ist deut­lich über­schrit­ten. Und auch wenn das Infek­ti­ons­ge­sche­hen alle mei­ne Urtei­le über Schlacht­hö­fe bestä­tigt, so wür­de es mich doch extrem wun­dern, wenn die hun­der­te infi­zier­ten Beschäf­tig­ten das Virus in der Schlacht­fa­brik gelas­sen hät­ten und nicht mit nach Hau­se, in Schu­len, Ver­ei­ne und Got­tes­diens­te mit­ge­nom­men und wei­ter ver­brei­tet hät­ten. (Ich wür­de ja fast dazu raten, ein­fach mal alle Schlacht­fa­bri­ken für zwei Wochen zu schlie­ßen – wohl wis­send, dass dahin­ter agrar­in­dus­tri­el­le Wert­schöp­fungs­ket­ten ste­cken, die bis zur „Tier­pro­duk­ti­on“ reichen …)

Deut­lich macht das jeden­falls: das Wie­der­auf­flam­men des Virus kann schnell gehen. Dann wird sich zei­gen, ob die Coro­na-Warn-App (und die Digi­ta­li­sie­rung der Daten­ein­ga­be in den Gesund­heits­äm­tern) hilft, Infek­ti­ons­ket­ten schnell zu iden­ti­fi­zie­ren und ein­zu­däm­men. Bis­her bleibt die App – über zehn Mil­lio­nen Mal her­un­ter­ge­la­den – wohl auch auf­grund gerin­ger Fall­zah­len grün, aber das muss nicht so blei­ben. Apro­pos: dass die­se App Open-Source ist, auf einem daten­schutz­freund­li­chen dezen­tra­len Pro­to­koll auf­setzt, und dass es inten­si­ve Mög­lich­kei­ten zu Feed­back in der Ent­wick­lun­gen gege­ben hat, ist doch ganz beacht­lich. Viel­leicht ein Vor­bild für wei­te­re Soft­ware­pro­jek­te der öffent­li­chen Hand.

Ach ja, die Schu­len. Die brin­gen mit einer Tei­l­öff­nung Bewe­gung in den Tages­ab­lauf. Die sechs Wochen bis zu den baden-würt­tem­ber­gi­schen Som­mer­fe­ri­en fin­den im rol­lie­ren­den Prä­senz­un­ter­richt statt, d.h., um Abstands­re­geln ein­zu­hal­ten, ist jeweils die Hälf­te der Kin­der eine Woche in der Schu­le, die ande­re eine Woche zu Hau­se; bei den „Prä­senz­kin­dern“ gibt es noch dazu Früh- und Spät­schich­ten. Effek­tiv sind es dann gera­de mal vier Unter­richts­stun­den pro Tag Anwe­sen­heit in der Schu­le; der Fokus liegt auf den Haupt­fä­chern. In der Fern­un­ter­richts­wo­che gibt es dage­gen Neben­fa­ch­un­ter­richt auf Mood­le (was inso­fern ein biss­chen scha­de ist, als gera­de Fächer wie Bio­lo­gie, Phy­sik und Che­mie vom expe­ri­men­tel­len Machen leben). Ob die­ses Hin und Her zwi­schen Prä­senz und Fern­un­ter­richt letzt­lich mehr bringt als der zuneh­mend inten­si­ver betreu­te Distanz­un­ter­richt per Mood­le, bleibt abzu­war­ten. Auf jeden Fall führt er dazu, dass wir wie­der frü­her auf­ste­hen müs­sen – mei­ne Kin­der haben den Unter­richts­be­ginn um 8.00 Uhr erwischt, mit ent­spre­chen­dem Vor­lauf. Hat jetzt, in die­sen lan­gen Som­mer­ta­gen, auch posi­ti­ve Sei­ten. Und ob die Tat­sa­che, dass das eine Kind in den A‑Wochen, und das ande­re in den B‑Wochen in die Schu­le geht, eher ein Vor- oder ein Nach­teil ist, ist mir eben­falls noch nicht ganz klar. (Nach­teil: jede Woche an den Kin­der­ta­gen früh auf­ste­hen, Vor­teil: das jeweils ande­re Kind hat dann zu Hau­se wäh­rend der ver­kürz­ten Schul­zeit sei­ne Ruhe …). 

Nach den Som­mer­fe­ri­en soll es dann, heißt es, mög­li­cher­wei­se wie­der vol­len Prä­senz­un­ter­richt ohne Abstands­ge­bo­te geben. Ich glau­be noch nicht ganz dar­an – und hof­fe, dass die Kul­tus­bü­ro­kra­tie und die Schu­len die Som­mer­fe­ri­en auch dazu nut­zen, einen Plan B auf­zu­stel­len, der sys­te­ma­tisch und päd­ago­gisch sinn­voll 50 bis 100 Pro­zent Distanz­ler­nen auf eine klu­ge Grund­la­ge stellt. Ja, auch wenn dann nicht kon­trol­liert wer­den kann, ob Schü­le­rin X oder Schü­ler Y wirk­lich jede Test­auf­ga­be selbst gemacht hat – das wird ernst­haft als Argu­ment für den Prä­senz­un­ter­richt ange­führt; als ob es bei Schu­le vor allem dar­um gin­ge, Lern­stoff zu kontrollieren. 

Mög­li­cher­wei­se wird es mit der Prä­senz bei Kitas und Grund­schu­len anders aus­se­hen – das ist jeden­falls eine Deu­tung der „Kin­der­stu­die“ der baden-würt­tem­ber­gi­schen Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken. Die bezieht sich aber – unab­hän­gig von allen auf­grund der Situa­ti­on nicht anders mög­li­chen Ent­schei­dun­gen über das For­schungs­de­sign – nur auf Kin­der bis zehn Jah­re. Und Isra­el zeigt, dass eine Öff­nung der Schu­len durch­aus auch Pro­ble­me nach sich zieht. Inso­fern befürch­te ich, dass wir im Sep­tem­ber noch längst nicht wie­der beim stink­nor­ma­len Prä­senz­un­ter­richt lan­den wer­den – und hof­fe gleich­zei­tig, dass der not­ge­drun­ge­ne Digi­ta­li­sie­rungs­schub auch über „Coro­na“ hin­aus etwas an der Unter­richts­ge­stal­tung ändern wird.

Zeit des Virus, Update IV

May

Aus Lan­ge­wei­le bin ich heu­te ein­mal um das Rie­sel­feld, also den Stadt­teil Frei­burgs, in dem ich woh­ne, her­um spa­ziert. Was mir neu war: Das ist fast kom­plett jen­seits von Stra­ßen mög­lich; das, was ich bis­her als Stra­ßen­be­gleit­grün wahr­ge­nom­men habe, sind in Wirk­lich­keit auch am süd­öst­li­chen Rand des Stadt­teils klei­ne licht­durch­flu­te­te Wäld­chen mit viel Holun­der und Robi­nie, durch die sich sanf­te Wege schlängeln.

Anders gesagt: all­mäh­lich gehen mir die Spa­zier­we­ge aus. Das soll nicht hei­ßen, dass mei­ne Tage nicht gut gefüllt wären. Wenn die Kin­der da sind, ist es ein ziem­li­cher Kampf, Home-Office, Unter­stüt­zung der Kin­der und Din­ge wie Essen für alle Kochen unter einen Hut zu brin­gen. Wenn sie nicht da sind, ist der Tag mit Video­kon­fe­ren­zen, Mails und Tele­fo­na­ten (und am Ran­de noch ein biss­chen Par­tei­ar­beit) gut aus­ge­füllt. Über­haupt: dass jetzt auch Men­schen, bei denen ich das gar nicht erwar­tet hät­te – wie etwa unser Minis­ter­prä­si­dent – die Vor­tei­le von Video­kon­fe­ren­zen ent­de­cken, hin­ter­lässt bei mir eine gewis­se Hoff­nung, dass es auch in der Zeit nach Coro­na nicht mehr für jeden Zwei­stun­den­ter­min ein Deutsch­land­rei­se braucht. Oder, etwas loka­ler: vie­le Teilnehmer*innen des grü­nen Kreis­mit­glie­der­tref­fens im Flä­chen­land­kreis Breis­gau-Hoch­schwarz­wald stell­ten am Ende fest: geht so auch, und spart lan­ge Anfahr­ten aus dem Hoch­schwarz­wald oder dem Kai­ser­stuhl. (Und auch die Kin­der haben inzwi­schen ihre regel­mä­ßi­gen Video-Ter­mi­ne: die Pfad­fin­der machen eine Grup­pen­stun­de per Zoom, die Schu­le setzt auf Mood­le beim Lan­des­netz­werk bel­wue, dort ist Big­BlueBut­ton als Video­kon­fe­renz­sys­tem integriert.)

Also, die Tage sind gut gefüllt. Trotz­dem wird die Rou­ti­ne so ganz ohne Abwechs­lun­gen per Orts­wech­sel all­mäh­lich lang­wei­lig. Und ich mache mir Gedan­ken, ob ich mei­ne Bahn­card 100 ver­län­gern soll oder doch noch war­te. Denn auf abseh­ba­re Zeit sind wir, allen Locke­rungs­de­bat­ten zum Trotz, noch in einer vom Virus bestimm­ten Zeit, nicht in der Zeit des Danach. 

„Zeit des Virus, Update IV“ wei­ter­le­sen

Die große Schaltkonferenz

Bildschirme  mit Twitter und Stream des Parteitags, Micha Kellner und Gesine Agena sind zu sehen

Vor ziem­lich genau 20 Jah­ren fand der „Vir­tu­el­le Par­tei­tag“ der baden-würt­tem­ber­gi­schen Grü­nen statt. Die­se Pio­nier­leis­tung habe ich damals in mei­ner Magis­ter­ar­beit (eine Zusam­men­fas­sung fin­det sich hier und – ganz knapp – hier) genau­er ange­schaut. Was macht einen Par­tei­tag aus? Neben der par­tei­en­gesetz­lich fest­ge­schrie­be­nen Auf­ga­be der inner­par­tei­li­chen Mei­nungs­bil­dung (und Wah­len und Abstim­mun­gen) gehört dazu nach innen auch etwas, was ich als „inner­par­tei­li­che Sozia­li­sa­ti­on“ beschrei­ben wür­de: das „Fami­li­en­tref­fen“, Kon­tak­te knüp­fen, Netz­wer­ke bil­den. Und nach außen ist ein Par­tei­tag immer auch media­les Event, eine Mög­lich­keit, The­men zu set­zen, in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung vor­zu­kom­men. Bei­des ver­knüpft sich, wenn Journalist*innen, die eine Par­tei beob­ach­ten, auf dem Par­tei­tag direkt mit Dele­gier­ten spre­chen und ein Gefühl für die Stim­mung in der Mit­glied­schaft ent­wi­ckeln. Für Redner*innen auf der Büh­ne ist die Par­tei­tags­hal­le Echo­raum – es wird schnell klar, wo der Bei­fall tost und was eher auf müde Gesich­ter stößt. Die Par­tei erfährt sich selbst.

Ein Par­tei­tag ist also eine viel­schich­ti­ge Ange­le­gen­heit. Einen sol­chen vor 20 Jah­ren ins Netz zu ver­le­gen, hieß damals in Baden-Würt­tem­berg: über meh­re­re Tage lang in ver­schie­de­nen Dis­kus­si­ons­fo­ren inhalt­lich argu­men­tie­ren, um dann zu fes­ten Zeit­punk­ten mit einem gesi­cher­ten Ver­fah­ren Abstim­mun­gen unter den Dele­gier­ten durch­zu­füh­ren und so am Schluss zu einer Posi­tio­nie­rung zu kom­men, damals zu Laden­öff­nungs­zei­ten. Als einer der ers­ten Geh­ver­su­che der Par­tei­en im Netz war der Vir­tu­el­le Par­tei­tag ein über­re­gio­na­les Medi­en­er­eig­nis. Die Mei­nungs­bil­dung erfolg­te schrift­lich, kein Platz für gro­ße Reden. Damit zumin­dest ein biss­chen vom Ken­nen­ler­nen der ande­ren Dele­gier­ten und Mit­glie­der übrig blieb, gab es eine „Kaf­fee­ecke“, ein nicht the­ma­tisch fest­ge­leg­tes Dis­kus­si­ons­fo­rum. Das alles, wie gesagt, über einen län­ge­ren Zeit­raum gestreckt, also eher asyn­chron, und defi­ni­tiv textbasiert. 

Ein paar Jah­re spä­ter lan­de­te der Vir­tu­el­le Par­tei­tag zwar in der baden-würt­tem­ber­gi­schen Sat­zung, ein paar ande­re Lan­des­ver­bän­de mach­ten ähn­li­ches, aber ins­ge­samt blieb es beim ein­ma­li­gen Ver­such. Die Dif­fe­renz zu dem, wozu Par­tei­ta­ge in einer Par­tei die­nen, war dann doch zu groß. Zudem gibt es recht­li­che Hür­den (Wah­len sind nur in Ver­samm­lun­gen mög­lich), gehei­me Abstim­mun­gen sind kaum sicher umzu­set­zen, die Kos­ten waren ähn­lich hoch wie für die Anmie­tung einer Hal­le, und die Idee, dass sich jetzt plötz­lich gro­ße Tei­le der Mit­glie­der­schaft betei­li­gen, erfüll­te sich auch nicht – ein gro­ßer Anteil der Bei­trä­ge kam von weni­gen „Power­usern“. Über das Geschlech­ter­ver­hält­nis will ich jetzt gar nicht reden.

Kurz­um: bis vor kur­zen hät­te ich gesagt, dass es sich nicht lohnt, das For­mat Par­tei­tag im Netz nachzubauen. 

„Die gro­ße Schalt­kon­fe­renz“ wei­ter­le­sen

Zeit des Virus, Update II

All­mäh­lich ent­wi­ckeln sich neue Rou­ti­nen. Drau­ßen blü­hen die Obst­bäu­me und die For­sy­thi­en, die Wie­sen sind von Gän­se­blüm­chen über­sät. Drin­nen wech­seln sich Tage, an denen eine Video­kon­fe­renz auf die ande­re folgt, mit Tagen ab, an denen mei­ne Kin­der bei mir sind, und an denen die Frak­ti­ons­ar­beit in den Hin­ter­grund rückt.

Ich beob­ach­te, dass auch Tele­fo­na­te mit Kolleg*innen inzwi­schen häu­fi­ger als frü­her als Video­te­le­fo­nat statt­fin­den. Das mag eine Unacht­sam­keit sein, weil unser Tele­fon­sys­tem hier sei­ne Eigen­hei­ten hat, mag aber auch dem Wunsch ent­spre­chen, die Kol­le­gin bzw. den Kol­le­gen zumin­dest mal zu sehen. Und manch­mal ertap­pe ich mich dabei, die Tasche für das Pen­deln packen zu wol­len und früh ins Bett gehen zu wollen.

Aber das ist jetzt anders. Wir blei­ben län­ger wach und ste­hen spä­ter auf.

Die Kin­der dazu zu moti­vie­ren, die Auf­ga­ben­zet­tel abzu­ar­bei­ten, fällt wei­ter­hin schwer. Wenn schon Schu­le, dann doch lie­ber Dokus zu kom­plett ande­ren The­men anschau­en oder die Mathe­app durch­ar­bei­ten. Ich bin froh, dass der Schul­lei­ter der Schu­le mei­ner Kin­der in einem Rund­schrei­ben dar­auf hin­weist, dass die­ses Schul­jahr kein nor­ma­les Schul­jahr sein wird, und dass alle ihre Erwar­tun­gen ändern müssen.

Nach­mit­tags spielt R. nicht mit dem Nach­bars­jun­gen auf dem Hof, son­dern mit sei­nem Cou­sin aus Bonn auf einem Mine­craft-Ser­ver. Für Z. ist Whats­app der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal der Wahl, um mit ihren Freund*innen in Kon­takt zu bleiben.

Ich ver­su­che wei­ter­hin, die Woh­nung mög­lichst sel­ten zu ver­las­sen. Das hat zu einem auf­ge­räum­ten Bal­kon geführt und zu aus­ge­mis­te­ten Zei­tungs­sta­peln. Gut, dass es Twit­ter und Net­flix gibt, dass eBooks wei­ter lie­fer­bar sind, und gut, dass es Com­pu­ter­spie­le gibt, die ich mag (der­zeit neben Star­dew Val­ley v.a. Mini­me­tro). Ehr­lich gesagt: ganz so groß sind die Unter­schie­de in mei­ner Frei­zeit­ge­stal­tung nicht – manch­mal hat Intro­ver­tiert­heit auch Vorteile.

Raus­ge­gan­gen bin ich in den letz­ten Tagen ein­mal zum Ein­kau­fen und zwei­mal, um beim Rad­fah­ren bzw. Spa­zie­ren­ge­hen etwas fri­sche Luft und Bewe­gung zu bekom­men. Ich bin froh, in einem Bun­des­land zu leben, dass die nöti­gen Maß­nah­men zur Kon­takt­ver­mei­dung nicht unnö­tig streng aus­legt – anders als in Ber­lin sind Pick­nick­de­cken und Park­bän­ke nicht per se ver­bo­ten, anders als in Sach­sen wird die Ent­fer­nung zur Woh­nung nicht kon­trol­liert. Aller­dings kann es drau­ßen ganz schön voll sein – ges­tern, bei schö­nem Früh­lings­wet­ter, bot es sich dann an, von den Haupt­rou­ten abzu­zwei­gen, um nicht alle paar Meter jemand aus­wei­chen zu müssen.

Hefe gibt es wei­ter­hin nicht. Der net­te Bio­la­den ver­wan­delt sich nach und nach in eine Indus­trie­hal­le: Ple­xi­glas­schei­ben an der Kas­se, gelb-schwarz abge­kleb­te Sperr­zo­nen und Abstands­mar­kie­run­gen. Es ist recht leer. Beim Ein­kau­fen füh­le ich mich wei­ter­hin unsi­cher: Ist es ris­kant, das nicht abge­pack­te Gemü­se zu kau­fen? Wie vie­le Packun­gen Milch, wie viel Mehl ist ange­mes­sen? Ist es ein Pro­blem, den Stift für die bar­geld­lo­se Unter­schrift anzufassen?

War­um Hefe? Offen­bar bin ich nicht der ein­zi­ge, der jetzt ver­su­chen möch­te, selbst Brot zu backen, statt zum Bäcker zu gehen. Viel­leicht geht es dabei um das Gefühl, sich not­falls selbst ver­sor­gen zu kön­nen – „Angst­ba­cken“ nann­te das jemand auf Twitter.

Wie geht es wei­ter? Das Land befin­det sich im War­te­zu­stand. Die Zahl der neu­en Fäl­le steigt lang­sa­mer an als vor ein paar Tagen, aber es ist unklar, ob das ein Abfla­chen der Kur­ve ist oder nur ein Arte­fakt begrenz­ter Test­ka­pa­zi­tä­ten und eines ver­än­der­ten Test­re­gimes. Wäh­rend­des­sen stei­gen die Todes­fäl­le wei­ter expo­nen­ti­ell an. Der Blick nach Frank­reich, nach Ita­li­en, in die USA beun­ru­higt. Wir war­ten weiter.

Zeit des Virus

White and blue V

Wun­der­ba­res Früh­lings­wet­ter. Aber alles ist anders als normalerweise. 

Noch sind nur die gro­ßen Ver­an­stal­tun­gen behörd­lich ver­bo­ten. Aber es scheint mir nur eine Fra­ge von Tagen zu sein, bis auch in Deutsch­land dras­ti­sche Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um die Aus­brei­tung des Coro­na­vi­rus zu ver­lang­sa­men. Schul­schlie­ßun­gen, Besuchs­ver­bo­te in Kran­ken­häu­sern und Alten­hei­men, Schlie­ßun­gen von Cafes und Knei­pen. Grenz­schlie­ßun­gen und Ein­schrän­kun­gen der Rei­se- und Bewegungsfreiheit.

Das klingt dras­tisch, und das ist dras­tisch – aber es ist das, was Stand der Wis­sen­schaft ist, um tau­sen­de Tote zu ver­mei­den. Hören wir auf die Wissenschaft!

Das Coro­na­vi­rus ist zwar nur für einen klei­nen Teil der Ange­steck­ten töd­lich – aber es brei­tet sich aus. Und weil jede ange­steck­te Per­son im Schnitt zwei bis vier wei­te­re Per­so­nen ansteckt, brei­tet es sich nach einer expo­nen­ti­el­len Logik aus: inner­halb weni­ger Tage ver­dop­peln sich die Fall­zah­len. Das war in Wuhan so, das ist in Ita­li­en so, und das ist nach allem, was die Zah­len her­ge­ben, auch in Deutsch­land so. Expo­nen­ti­al­kur­ven pas­sen nicht zu unse­rem All­tags­ver­ständ­nis. Sie sind nicht intui­tiv – aber das ändert nichts an ihrer Gefähr­lich­keit. (Wer es nach­le­sen will: die Süd­deut­sche hat das her­vor­ra­gend aufbereitet). 

Um die Aus­brei­tung des Virus zu ver­lang­sa­men, um die Kur­ven so abzu­fla­chen, dass das Gesund­heits­sys­tem mit der Zahl schwe­rer Fäl­le zurecht kommt, ist es des­we­gen jetzt rich­tig, sozia­le Kon­tak­te zu mini­mie­ren. Egal, was das für jede und jeden von uns an Ein­schnit­ten bedeu­tet. #flat­ten­the­cur­ve

Des­we­gen habe ich über­haupt kein Ver­ständ­nis für die­je­ni­gen, die damit argu­men­tie­ren, dass das ja auch nur eine Art Grip­pe sei, oder die spitz­fin­dig Regeln unter­lau­fen und bei­spiels­wei­se bei einem Ver­an­stal­tungs­ver­bot ab 1000 Per­so­nen halt nur 999 rein­las­sen. Ich kann mir da nur an den Kopf fas­sen – Moment, auch das lie­ber nicht – weil 1000 natür­lich kei­ne magi­sche Gren­ze ist, unter­halb der das Virus sei­ne Anste­ckungs­ge­fahr ver­liert, son­dern eine tech­ni­sche Zahl. Ja, es geht auch um Ein­nah­me­aus­fäl­le und wirt­schaft­li­che Schä­den – bis hin zur Exis­tenz­be­dro­hung für bei­spiels­wei­se Künstler*innen und Messebauer*innen – und dafür braucht es Lösun­gen. Das Unter­lau­fen von Regeln kann aber kei­ne sol­che Lösung sein. Wer ver­nünf­tig ist, sagt ab, und macht zu.

Frei­burg ist eine ver­netz­te Stadt – das Elsass und die Schweiz sind eng mit uns ver­floch­ten. Jetzt ist das Elsass Risi­ko­ge­biet – aus­ge­hend von einem Tref­fen einer Frei­kir­che brei­tet sich das Virus mas­siv aus. Pendler*innen aus dem Elsass sol­len nicht mehr nach Süd­ba­den kom­men, Kin­der nicht mehr hier zur Schu­le gehen. Das sind har­te Ein­schnit­te in unse­re geleb­te euro­päi­sche Nor­ma­li­tät. (Und selbst im Klei­nen bemerk­bar – bei­spiels­wei­se kommt ein Teil des Gemü­ses im loka­len Bio­la­den von elsäs­si­schen Bau­ern­hö­fen – und ist aktu­ell nicht lieferbar.)

Ich arbei­te ganz regu­lär schon jetzt etwa die Hälf­te der Woche im Home-Office. Das hat eine gan­ze Men­ge Nach­tei­le, und ich freue mich über den direk­ten Aus­tausch mit Kolleg*innen, an den Tagen, an denen ich in Stutt­gart bin. Eigent­lich war mein März-Kalen­der voll – neben den Arbeits­ter­mi­nen in Stutt­gart gab es auch noch eine gan­ze Rei­he Par­tei­ter­mi­ne. Als Frak­ti­on woll­ten wir am Mon­tag unser vier­zig­jäh­ri­ges Jubi­lä­um fei­ern. Das haben wir schon vor zwei Wochen in den Juni ver­scho­ben. Damals haben noch eini­ge gelä­chelt oder gemeint, das sei doch eine Über­re­ak­ti­on. Jetzt mache ich mir Sor­gen, ob der Juni-Ter­min nicht noch zu früh ist. Par­tei-Arbeits­grup­pen zum Wahl­pro­gramm wer­den jetzt als Tele­fon­kon­fe­ren­zen statt­fin­den – über­haupt: Tele­fon- und teil­wei­se Video­kon­fe­ren­zen sind plötz­lich das Mit­tel der Wahl. Per­fekt läuft das noch nicht, aber als Pro­vi­so­ri­um kann eine Vor­stands- oder Arbeits­kreis­sit­zung auch in sol­chen For­ma­ten statt­fin­den. Und zum Glück sind wir über­wie­gend mit mobi­len Gerä­ten aus­ge­stat­tet, zum Glück gibt es die not­wen­di­ge Tech­nik im Landtagssystem. 

Im Umkehr­schluss kommt mir jetzt schon jede Fahrt nach Stutt­gart der­zeit wie ein ris­kan­tes Aben­teu­er vor – ohne Auto und ohne Füh­rer­schein bin ich auf den öffent­li­chen Ver­kehr ange­wie­sen. Inso­fern: ger­ne Home-Office, ger­ne Tele­fon- und Videokonferenzen.

Mal sehen, wie das wird, wenn dazu Schul­schlie­ßun­gen kom­men – ich befürch­te, das mir und mei­nen Kin­dern mei­ne klei­ne Woh­nung da bald sehr eng vor­kom­men wird. 

Als Frak­ti­on durf­ten wir jetzt bereits zwei­mal den Ernst­fall pro­ben – schon vor eini­gen Tagen gab es den ers­ten Ver­dachts­fall, der letzt­lich nega­tiv getes­tet wur­de. Trotz­dem lös­te das erst ein­mal eine Wel­le an Maß­nah­men aus, vor­sorg­li­cher­wei­se auch über die Emp­feh­lun­gen des Gesund­heits­am­tes hin­aus­ge­hend – Home-Office für alle. Was ist mit Part­nern und Part­ne­rin­nen, Kin­dern – sol­len die zur Schu­le gehen? -, ande­ren Men­schen, die ich getrof­fen habe? Wür­den die Vor­rä­te rei­chen, wenn aus der vor­sorg­li­chen Selbst­iso­la­ti­on eine ech­te Qua­ran­tä­ne wird? Ges­tern gab es dann erneut einen – zum Glück wie­der­um letzt­lich nega­ti­ven – Ver­dachts­fall. Ein Abge­ord­ne­ter hat­te Kon­takt zu einer posi­tiv getes­te­ten Per­son und zeig­te Erkäl­tungs­sym­pto­me – und war bei der gro­ßen Frak­ti­ons­sit­zung dabei. Das hat­te Fol­gen – unter ande­rem nahm der Minis­ter­prä­si­dent nicht an der gest­ri­gen Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz teil, die gesam­te Frak­ti­on blieb vor­sorg­lich der Land­tags­sit­zung fern, nach­dem ein Ver­such, die­se zu ver­ta­gen, an der Oppo­si­ti­on geschei­tert war. Und eben für alle Abge­ord­ne­ten und Mitarbeiter*innen wie­der die Fra­ge, wie sie das indi­vi­du­el­le Risi­ko ein­schät­zen, wie vor­sorg­lich sie wei­te­re Kon­takt­per­so­nen infor­mie­ren oder nicht. 

Das waren Pro­be­läu­fe. Poli­tik ist heu­te zu gro­ßen Tei­len ein Prä­senz­ge­schäft. Sit­zun­gen sind prä­senz­pflich­tig, und der All­tag von Politiker*innen besteht oft genug dar­aus, Hän­de zu schüt­teln und von Ver­an­stal­tung zu Ver­an­stal­tung zu gehen. Wie funk­tio­niert das, wenn social distancing ange­sagt ist (und Tests auf das Virus noch immer ein paar Stun­den brau­chen)? Ist es ver­ant­wort­lich, Hand­lungs­fä­hig­keit bewei­sen zu wol­len und Land­tags- und Aus­schuss­sit­zun­gen statt­fin­den zu las­sen, oder müs­sen auch die­se abge­sagt oder durch ande­re For­ma­te ersetzt wer­den? Ist das ein Fall für die Ein­be­ru­fung des Not­par­la­ments, oder braucht es so etwas wie Online-Abstim­mun­gen für die Parlamente?

Wir sind mit­ten in einer kri­sen­haf­ten Situa­ti­on. Es geht jetzt dar­um, die Aus­brei­tung des Virus zu ver­lang­sa­men und ein­zu­däm­men. Das wird schwierig.

Irgend­wann wird eine Zeit nach dem Virus da sein. Wenn die Ein­däm­mung gelun­gen ist. Wenn es einen Impf­stoff gibt. Es ist jetzt zu früh, Aus­sa­gen über die­se Zeit zu tref­fen. Mein Gefühl ist aber, dass es vie­les gibt, was wir jetzt ler­nen kön­nen. Dar­über, was wirk­lich wich­tig und was nice to have ist, aber auch dar­über, wo wir – im Gesund­heits­sys­tem, bei der digi­ta­len Infra­struk­tur, mög­li­cher­wei­se auch im Hin­blick auf die Ein­he­gung der Fol­gen glo­ba­ler Ver­net­zung – bes­ser auf­ge­stellt sein könn­ten. Mög­li­cher­wei­se wird die Zeit des Virus zu einem Kata­ly­sa­tor für Online-Lear­ning und Digi­ta­li­sie­rung, aber auch für ein robus­te­res, wider­stands­fä­hi­ge­res und soli­da­ri­sches Gemein­we­sen. Und letz­te­res ist etwas, das auch im Hin­blick auf die ande­re gro­ße Kri­se, die gera­de etwas in den Hin­ter­grund rückt, näm­lich den Kli­ma­kri­se, drin­gend not­wen­dig ist.