Um die Zukunft und die Vergangenheit – so weit sie als Science Fiction bzw. als Fantasy imaginiert werden – findet derzeit, von der größeren Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ein Kulturkampf statt. Unbemerkt, aber nicht unwichtig, denn wo anders als in diesem Genre entsteht das kollektive Imaginäre? Ein heiß diskutiertes Symptom für diesen Kulturkampf sind die vor wenigen Tagen bekanntgegebenen Hugo-Nominierungen. Um das zu verstehen, ist allerdings etwas Hintergrund notwendig.
Flucht vom Planeten Erde
Anatol Stefanowitsch regte sich heute über, sagen wir mal, die technikbezogene Oberflächlichkeit der Menschheit auf. Also, dass z.B. sehr viel mehr Geld in Smartphoneschnickschnack fließt als in z.B. die bemannte Raumfahrt. Ich fasse seine Tweets mal zusammen:
Wir könnten längst auf dem Mars sein. Stattdessen lesen wir atemlose Nachrichten von einer Firmenzentrale namens „Spaceship Campus“. Und zwar der Firmenzentrale eines Konzerns für Unterhaltungselektronik, nicht etwa für Raumfahrt.
Dumm nur, dass diese Firmenzentrale längst Stahl‑, Glas- und Betonschrott sein wird, wenn uns klar wird, dass wir auf der Erde festsitzen. (Bzw., unsere Nachkommen, die dann zum Trost mit Bergen unseres Elektronikmülls spielen können.)
Aber viel wichtiger: Das neue iPhone, es wird vielleicht ein gekrümmte Display haben! Gekrümmt! Ist Wissenschaft nicht wundervoll?
Ich konnte dann nicht anders, als ihm zu widersprechen. Nicht, weil ich die Frage der Displaykrümmung des neuen iPhones besonders wichtig fände, sondern weil ich die Besiedlung anderer Planeten für ein ziemlich utopisches Vorhaben halte. Also für eines, das sich gut für – literarische – Utopien eignet (und natürlich noch viel besser für (New) Space Opera), das mir aber als Rettungskonzept für das Überleben der Menschheit doch höchst ungeeignet erscheint.
Was ich so lese, oder: gesellschaftskritische Science Fiction
Eigentlich wollte ich dazu nichts sagen, aber ich muss jetzt doch mal ein paar Worte über den Text „Magische Klassenkämpfer“ von Florian Schmidt (am 22.8. im Freitag erschienen) loswerden. Schmidt breitet dort die These aus, dass – platt gesagt – früher Science Fiction ein emanzipatorisches Genre war und heute im Dienst der Reaktion steht. Das ist falsch.
Äpfel und Birnen, Bücher und Filme
Das ist zum einen falsch, weil er Äpfel mit Birnen vergleicht. „Früher“ sind für ihn die – in der Tat spannenden, lesenswerten, hochgradig interessanten – Bücher von Ursula K. Le Guin (The Dispossessed), Joanna Russ (z.B. The Female Man) und Marge Piercy (Woman at the edge of time und He, she, and it). Das sind drei liberal-feministische AutorInnen, die sich auf hohem literarischen Niveau in den 1970er und 1980er Jahren mit den Möglichkeiten und Grenzen einer besseren Gesellschaft auseinandergesetzt haben. Ich habe sie sehr gerne gelesen.
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Streifzüge durchs Netz
Wer mir z.B. auf Twitter folgt, wird sich nicht darüber wundern, dass ich durchaus einige Zeit „im Internet“ (pdf) verbringen kann. Dass „das Internet“ dabei eher den Charakter eines fortlaufenden Stromes hat, ist eine der netteren (und addiktiveren) Eigenschaften speziell dieses Medienbündels. Blogs, Twitter, Facebook – all das sind Medien, die alle paar Minuten wieder etwas Neues bieten. Oder – und dann macht sich eine gewisse Verzweiflung breit – eben nicht.
Kurz: Politische Scheidelinien, 2042
Einer meiner SF-Lieblingsautoren, Charles Stross, bloggt gerne und ausführlich. Sein neuster Blogbeitrag dient letztlich dazu, die Frage zu stellen, wie sich die politischen Gewichte und Orientierungen in der nächsten Generation verschoben haben werden. Was vor hundert Jahren als randständige, radikale Meinung galt (z.B. das Frauenwahlrecht) ist heute Mainstream – und umgekehrt.
Ich finde das durchaus spannend, und greife deswegen Charles Stross Frage auf: Was werden in einer Generation, also z.B. im Jahr 2042, die großen Fragen sein, an denen sich die politischen Lager scheiden? Das würde ich gerne mit euch diskutieren.
Um das noch mit ein paar Daten auszuschmücken: Angela Merkel wäre dann 88 Jahre alt, Joschka Fischer 94 und Sigmar Gabriel 83. Selbst Cem Özdemir wäre bereits 77. Die deutsche Einheit ist dann über ein halbes Jahrhundert her, der Atomausstieg seit mehr als einer Dekade Realität, und die Terroranschläge vom 11. September 2011 2001 liegen für viele der 2042 politische Aktiven in einer Zeit vor ihrer Geburt. Die Piratenpartei – wenn es sie dann noch gibt – existiert seit 36 Jahren.
Woran und worin also unterscheiden sich – wenn es diese Achsen 2042 überhaupt noch gibt – dann rechts und links, liberal und konservativ? Welche heute radikalen Haltungen (spontan fällt mir das Grundeinkommen ein) sind 2042 im Mainstream angelangt, was von dem, was uns heute politisch selbstverständlich erscheint, wird dem „gesunden Menschenverstand“ in einer Generation ganz komisch erscheinen? Bühne frei!




