Ich war die letzten paar Tage in Paris, die da entstandenen Fotos müssen aber noch sortiert und verarbeitet werden. Deswegen als Foto der Woche hier eine Dahlienblüte aus dem Juli; erstaunlicherweise bisher auch die einzige, obwohl die Dahlien gut gewachsen sind. Immerhin besser als letztes Jahr, als diese Dahlien gar nicht blühen wollten.
Klimaluxuslebensmittel
Heute geistert auf Twitter eine Grafik von ourworldindata.org herum, auf der die CO2-Äquivalente verschiedener Lebensmittel (je kg) dargestellt werden. So weit nichts großartig neues; OurWorldInData hat das gut aufbereitet und bietet auch verschiedene Optionen an, Lebensmittel in der Darstellung hinzuzufügen etc. Mal ungeachtet der Debatte um individuelle vs. politisch-strukturelle Entscheidungen gibt diese Darstellung einen Überblick darüber, wie treibhausrelevant verschiedene Lebensmittel sind – und bietet damit eine erste Orientierung.
Allerdings: die aufgeführten Lebensmittel werden in der Regel nicht in gleichen Mengen gegessen. Eigentlich müssten sie noch mit dem durchschnittlichen Jahresverbrauch (oder von mir aus Tagesverbrauch) normiert werden, um ein vollständiges Bild abzugeben. Ich mache das mal – mit dem Vorbehalt, das mir nicht ganz klar ist, ob sich die Angaben nach „commodities“ bei OurWorldInData einfach so in fertige Produkte umrechnen lassen – an einigen Beispielen deutlich:
| Lebensmittel | kg CO2-Äquivalent pro kg | Jahresverbrauch Deutschland pro Kopf (kg) | CO2 pro Jahr |
| Rindfleisch | 33,3 kg bis 99,5 kg, je nach Haltungsform | 9,4 kg (Statista) | 313,0 kg bis 945,3 kg |
| Käse | 23,9 kg | 25 kg (Statista) | 597,5 kg |
| Schweinefleisch | 12,3 kg | 31,0 kg (Statista) | 381,3 kg |
| Kaffee | 28,5 kg | 5,4 kg (Statista) | 153,9 kg |
| Weizen | 1,57 kg | 70 kg (Statista) | 109,9 kg |
| Schokolade | 10,8 kg (Milchschokolade) bis 46,6 kg (dunkle Schokolade, Rohprodukt) | 9,1 kg (Statista) | 98,3 kg bis 424,1 kg |
| Kartoffeln | 0,46 kg | 59,4 kg (BMEL) | 27,3 kg |
Oder nochmal anders: eine 100-g-Tafel Milchschokolade wäre demnach mit 1,1 kg CO2-Emissionen verknüpft, ein Schweinefleischprodukt mit 250 g mit etwa 3 kg CO2, ein Stück Käse mit 250 g mit 6 kg CO2 (pro Portion ab z.B. 30 g also 0,7 kg CO2) und eine 250-g-Packung Kaffee mit 7,1 kg (pro Tasse etwa 14 g Kaffeepulver, sagt das Netz, also 0,4 kg CO2). Eine Portion Tofu (z.B. eine Packung mit 200 g) verursacht demnach 0,6 kg CO2-Emissionen. Der CO2-Effekt einer Portion Kartoffeln (z.B. 200 g) ist dagegen mit 0,09 kg CO2 deutlich kleiner.
So werden die Zahlen für mich etwas besser vorstellbar. Ich will jetzt kein CO2-Budget pro Tag fürs Essen einführen, aber gerade mit Blick auf die derzeitigen durchschnittlichen Jahresverbräuche wird deutlich, wo größere und wo kleinere Baustellen liegen. Neben Fleisch – mir als Vegetarier individuell eher egal, strukturell ein Problem – entpuppen sich Käse, Kaffee und Schokolade als Klima-Luxusprodukte.
Generationengraben
Generationen sind ja eine soziologisch eher fragwürdige Gruppenbildung – längst nicht alle Menschen (in einem Land) mit in etwa den selben Geburtsjahrgängen teilen die selben Werte und Einstellungen oder leben unter den selben Bedingungen. Insofern sind Einteilungen wie „Boomer“, „Generation X“, „Generation Y“ oder „Generation Z“ mit Vorsicht zu genießen. Trotzdem gibt es so etwas wie vorherrschende politische Stimmungen, popkulturelle und diskursive Themen, die genauso wie Ereignisse (Mauerbau, Mauerfall, 9/11, Corona, …) und Änderungen der Lebensbedingungen (verfügbares Einkommen, erlebte Infrastruktur, …) in der Adoleszenz eine gemeinsame Prägung über andere soziodemografische Merkmale (Geschlecht, Klasse, Schicht, Ethnizität, …) plausibel erscheinen lassen. Soll heißen: auch wenn die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation wenig über eine einzelne Person aussagt, scheint es doch nicht ganz unsinnig zu sein, über Generationen im Plural zu sprechen, um Veränderungen der Lebensbedingungen (in einem Land) abzubilden.
Mit dem Geburtsjahrgang 1975 (den ich plus minus ein paar Jahre mit vielen Menschen teile, die jetzt beruflich und familiär „angekommen“ sind), wäre ich demnach ein Mitglied der „Generation X“ (1965–1980), eine Bezeichnung, die mit Douglas Couplands gleichnamigem Buch populär geworden ist – oder nach Florian Illies für Deutschland: „Generation Golf“. Neben diversen popkulturellen Eigenheiten (Fernsehprogramm!) und einer ganzen Reihe von sozialisationsrelevanten Subkulturen zeichnet sich die Generation X, zumindest wenn der Wikipedia geglaubt werden darf, dadurch aus,
„… dass ihr prophezeit wurde, dass sie sich erstmals ohne Kriegseinwirkung mit weniger Wohlstand und ökonomischer Sicherheit begnügen müsse als die Elterngenerationen, aber andererseits für deren ökonomische und ökologische Sünden büße.“
Das ist das „no future“, das in verschiedensten Ausprägungen seit der Jugend der Generation X über unseren Häuptern schwebt – Angst vor dem Atomkrieg, die Atomunfallangst nach Tschernobyl, ein zynisches Verhältnis zur Blümschen Rentensicherheit, usw. …
Aus heutiger Sicht scheint der große Generationengraben allerdings zwischen Babyboomern und Generation X auf der einen Seite und allen nachfolgenden Generationen – beginnend mit den Angehörigen der Millenial-„Generation Y“ – zu verlaufen. Wirtschaftlich hat das Ende des Kalten Kriegs und der Internetboom nochmal ein bisschen Aufschub verschafft, die harten ökologischen Folgen werden erst jetzt spürbar. Damit ist die Generation X bei aller Skepsis und bei aller selbstironischen Verliererbeschreibung aktuell Teil derjenigen, die die „gute alte Zeit“ weitertragen will, die am Einfamilienhäuschenideal festhält, die tief im Inneren doch an Wachstum und ein besseres Morgen glaubt. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen dafür, jetzt die wirtschaftlichen und politischen Weichen richtig zu stellen.
Der Generation Y, und erst recht der jetzt ins Berufs- und Erwachsenenleben eintretenden Generation Z, werden ganz andere Werte zugeschrieben. Selbstverwirklichung, selbstverständlich gewordene digitale Medien, der Rückzug ins Private, die neue Politisierung, Fachkräftemangel und Weltverbesserung. Die hart aufschlagende Klimakrise, Fridays for Future, die Pandemie, ein Ende des Endes der Geschichte, neue geopolitische Situationen, der russische Krieg und die bröckelnde wirtschaftliche Globalisierung bei selbstverständlichem individuellem Weltbürgertum … all das könnte die Lebenswelt beschreiben, in der die Angehörigen dieser Alterskohorten erwachsen werden.
Aus der Zukunft betrachtet, nehmen wir das Jahr 2050 oder 2070: Für die Angehörigen „meiner“ Generation sind die 2020er Jahre eine Zeitenwende, ein Ende der Gewissheit. Für uns hört etwas auf, bricht etwas ab. Eigentlich soll all diesen Umbrüche zum Trotz alles so weitergehen wie bisher – bitte! Und es gibt viele, die sich an diese Hoffnung klammern, bis hin zur Verdrängung der Katastrophe.
Für die jüngeren Generationen waren die 2020er Jahre ein Beginn, der Anfang von etwas Neuem, das erst entsteht und aufgebaut werden muss. Dieses Neue geht von der radikalen Akzeptanz der Klimakrise aus. Dadurch – und durch das Erleben der Krisenjahre – verschieben sich Prioritäten. Wer seine Adoleszenz zwischen 2000 und 2020 verbracht hat, lebt in einer fragileren Welt. Nicht nur das Klima ist zerbrechlich. Die Corona-Pandemie hat sozialen Zusammenhalt und die Arbeitswelt erschüttert. Die Abhängigkeit von globalen Lieferketten ruft Fragezeichen hervor. Ein „das war schon immer so“ ist in dieser neuen Situation nicht mehr akzeptabel – egal, ob es um Beruf, um Bildung, um Geschlechterverhältnisse oder anders geht. Extrem gut gebildete, selbstverständlich international vernetzte Angehörige der Generationen Y und Z haben im Rückblick die Chance ergriffen, eine neue Welt zu bauen. Nicht als Utopie, sondern aus schierer Notwendigkeit heraus.
Generationenbegriffe sind Versuche, sich ändernde Lebensbedingungen und Deutungsmuster zu verstehen. Sie treffen keine Aussagen über einzelne Personen. Insofern gibt es sicherlich Ältere, die Anschluss an das Mindset der Generationen Y/Z finden, und Jüngere, die auf Weiter so mit Häusle bauen setzen. In der Summe nehme ich hier aber eine Veränderung wahr – und eben einen großen Graben zwischen denen, die bis etwa 1980 geboren sind und an eine alte Welt verteidigen wollen, die immer so weiterläuft; und den Jüngeren, denen diese Hoffnung entrissen wurde.
Photo of the week: Garden geometry
Leseempfehlung: Ruthanna Emrys – A Half-Built Garden
Grade erst habe ich meine SF-Sammelbesprechung gepostet, die nächste dauert noch ein bisschen – aber von diesem Buch war ich so begeistert, dass ich es außerhalb der Reihe unbedingt ans Herzen legen möchte.
Ruthanna Emrys sagte mir bisher nichts, ihre vorherigen Werke scheinen eher in Richtung Horror-Subversion zu gehen, nicht unbedingt mein Feld. Mit A Half-Built Garden (2022) ist jetzt bei Tor ein lupenreiner Science-Fiction-Roman von ihr erschienen, der nicht nur an Le Guin erinnert – worauf bereits der Klappentext aufmerksam macht – sondern für mich auch Anklänge an Marge Piercys He, She and It (1992) aufweist, etwa mit Blick auf die jüdischen Feiertage und Rituale, die im Buch eine Rolle spielen, mit Cory Doctorows Walkaway (2017) einen Raum für zeitgenössische Utopien eröffnet, Kim Stanley Robinsons tiefen Blick für ökologische Zusammenhänge aufnimmt und eine Idee aus Karl Schroeders Stealing Worlds (2019) zu Ende denkt: die enge Vernetzung von Menschen und Natur, die in technologischer Umsetzung von Bruno Latours Aktor-Network-Theory stattfindet.
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