So sieht das Dach des Stuttgarter Hauptbahnhofs über den Gleisen bei schönstem Herbstwetter aus. Ästhetisch durchaus reizvoll, wenn auch wenig funktional. Ich bin gespannt, wie das entglaste Dach – ohne die Seitenflügel klappt es mit der Statik nicht mehr so richtig – mit Schnee, Regen und Schneeregen klarkommt, und wann die ersten Gleise wegen Glatteis gesperrt werden müssen. Angeblich soll es ja vor dem Wintereinbruch noch provisorisch abgedichtet werden – so ganz glaube ich da allerdings nicht dran. Kurzum: der Hauptbahnhof Stuttgart ist derzeit alles andere als ein angenehmer Aufenthaltsort. Und über entgleiste Züge an einer wohl etwas zu schnittigen Weiche rede ich mal gar nicht.
Bürgerliche Werte – oder wie wir uns unsere WählerInnen vorstellen (Teil II)
Fortsetzung von Teil I. Anfänge.
II. Werte, Lager und Milieus
Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten vierzig Jahre lassen sich auch anders beschreiben, auf einer noch grundsätzlicheren Ebene. Damit sind wir bei Ingelhart und dem Postmaterialismus. Eine wirtschaftlich und soziokönomisch einigermaßen gesättigte Gesellschaft entdeckt, dass es nicht unbedingt um „Haben“ geht. „Sein“ kommt ins Spiel – und differenziert sich weiter aus, in Richtung „Erlebniskonsum“ einerseits und in Richtung „Selbstentfaltung“ andererseits.
Aus diesen Grundorientierungen einerseits und dem sozialen Status – Bildung, Einkommen, Anerkennung, Einfluss; kurz: unten und oben – andererseits lässt sich ein Raster entwickeln. Das Marktforschungsinstitut SINUS hat das gemacht (und Bourdieu hat schon zuvor ähnliches getan, und andere auch) – übrigens wohl aus der Beobachtungen heraus, dass die politischen Differenzen der Bewegungen der 1980er Jahre sich durchaus auch in alltagsästhetischen Unterschieden, in unterschiedlichen Lebensstilpräferenzen niedergeschlagen haben. Am Schluss sind dann Wohnzimmerkataloge herausgekommen.
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Bürgerliche Werte – oder wie wir uns unsere WählerInnen vorstellen (Teil I)
I. Anfänge
Das Schwäbische Tagblatt nimmt die Wahl von Fritz Kuhn zum Oberbürgermeister von Stuttgart zum Anlass für eine Archivrecherche über die grünen Anfänge in Tübingen in den frühen 1980er Jahren. Bündnis 90/Die Grünen heute sind nicht mehr DIE GRÜNEN von 1983. Die überwiegende Mehrheit der Parteimitglieder ist viel später eingetreten und hat ihre eigenen Ideen in die Partei hineingebracht. Aber viele derjenigen, die heute im Scheinwerferlicht stehen, haben sehr direkt mit diesen Anfängen zu tun. Deswegen glaube ich, dass es für eine Debatte über das grüne Verhältnis zum Bürgertum sinnvoll ist, sich noch einmal vor Augen zu halten, wie diese Partei damals aussah.
Vielleicht an dieser Stelle ein kleiner autobiographischer Einschub. Ich bin 1975 in Tübingen geboren. Meine Eltern waren in der neu gegründeten Partei in dieser Stadt aktiv, bis wir – da war ich etwa acht Jahre alt – nach Abschluss der Promotion meines Vaters wegzogen. Unistadt eben, akademisches Milieu.
Auch wenn ich keine direkten Erinnerungen an die ersten Jahre der Grünen habe, gibt es allein schon daher bei mir ein Gefühl biographischer Verbundenheit zu den grünen Anfängen.
Wer waren diese Leute, die damals die grüne Partei gegründet haben? Unzufriedene mit einer SPD, die die in sie gesetzten Erwartungen in einen wirklichen demokratischen, sozialen und ökologischen Aufbruch nicht erfüllt haben. Fritz Kuhn war mal Juso. Konservative, auch Rechte, denen der Schutz des Lebens wichtig war – und denen die neue Partei bald zu links war. Die Überreste von 1968 und Menschen aus den Bewegungen, die sich in den 1970er Jahren gegründet haben. Frieden, Frauen, Umweltschutz. ProtestantInnen, die aus ihrem Glauben heraus zur solidarischen Entwicklungspolitik und zur Eine-Welt-Bewegung gefunden hatten. In den ASten und K‑Gruppen sozialisierte – Winfried Kretschmann und, ebenso, aber ganz anders, Reinhard Bütikofer. NaturwissenschaftlerInnen, die durch den blinden Fortschrittsglauben der herrschenden Lehre an den Hochschulen in die Politik gespült worden waren. EsoterikerInnen, für die Partei Selbsterfahrung war – oder ein Weg, um endlich einmal verschwörerisch Öffentlichkeit zu finden.
Kurz: In den Anfangsjahren war das wohl eine ziemlich wilde Mischung. Die sich in ihrer ganzen Vielfalt zusammengerauft hat, um den drängenden, konkreten Problemen der Zeit eine politische Stimme zu geben. Der Schutz der Lebensgrundlagen. Die atomare Bedrohung. Der Staat, der seine Bürgerinnen und Bürger nicht ernst nahm. Die erstarrte Gesellschaft grauhaariger Männer.
Was diese ganz unterschiedlichen Menschen zusammengebracht hat, war – neben den ganz konkreten Fragen, den Straßenbauten und Biotopen, den AKW-Standorten und Raketendepots – wohl zunächst einmal ein Zeitgeist, der in seiner Mischung aus Zukunftsangst und utopischer Hoffnung auf das Mögliche diametral zur offiziellen Haltung stand. Vielleicht ein Lebensgefühl.
Waren das schon Werte? Oder fanden die sich erst in der sich formierenden Partei (die auch mal den Slogan „nicht links, nichts rechts, sondern vorn“ gut fand)? Selbst „basisdemokratisch – ökologisch – sozial – gewaltfrei“ als Banner der Grundwerte war ja eigentlich nicht viel mehr als ein Kompromiss, ein Versuch mal aufzuschreiben, was alle so halbwegs teilen konnten, und was jede Einzelne dann doch anders betonte.
Allerdings ist diese Vielfalt zugleich eine grüne Stärke – noch heute. Im aktuellen gültigen Grundsatzprogramm von 2002 (pdf) werden dementsprechend die linken und liberalen, wertkonservativen und solidarischen Wurzeln der ökologischen Partei beschworen, wird aber auch dargestellt, wie sich aus dieser Heterogenität heraus eine gemeinsame politische Identität „grün“ entwickelt hat. Wer möchte, kann diese Identität unter Begriffe wie sozial-ökologisch, nachhaltig, generationengerecht, zukunftsorientiert stellen. Gleichzeitig bleiben die Wurzeln in ihrer Breite, die trotz der zahlenmäßig geringen Größe der Partei weitgehende diskursive Anschlussfähigkeit herstellen. Volkspartei en miniature, aber mit klaren Inhalten. Vielfalt, bei der es übrigens, nebenbei gesagt, überhaupt nicht schadet, diese auch immer wieder öffentlich sichtbar zu machen – nicht zuletzt personell.
Im Teil II. geht’s weiter mit Werten, Lagern und Milieus.
Kleines Experiment: Bürgerliche Werte – oder wie wir uns unsere WählerInnen vorstellen
Wie grade auf Twitter angekündigt, möchte ich gerne im Nachklapp der Kuhn-Wahl noch was über „Bürgerliche Werte – oder wie wir uns unsere WählerInnen vorstellen“ schreiben. Heute nicht mehr, muss morgen früh wieder nach Stuttgart fahren. Aber weil es schon so viele spannende Reaktionen allein auf die Ankündigung gab – vielleicht hat ja wer Ideen und Kommentare. Bevor der Text geschrieben ist. Dann wäre hier der richtige Platz dafür. (Allerdings kann ich da jetzt nicht moderieren).
Wer noch ein bisschen Hintergrund sucht: grünes Revolutiönle in der Süddeutschen, Unfried in der taz, Schulte in der taz, Werte-Studie Göttingen zum grünen Wahlsieg 2011, konservative Analyse der LpB (pdf ist ganz unten auf der Seite), Citoyen, Bourgeois, SINUS-Milieus (pdf) und politische Lager (pdf). Und das Lebensgefühl!
Photo of the week: #nk12

Bin auf dem #nk12 – das ist der netzpolitische Kongress der grünen Bundestagsfraktion. Noch ist’s Ankunftskaffee mit Loungemusik im schönen Paul-Löbe-Haus des Bundestags, gleich geht’s dicht gepackt mit Programm los. Highlight neben Künast, Roth und Trittin ist u.a. Lawrence Lessig mit einer Keynote, auf die ich schon gespannt bin.
Streams, Pads und so auf der Sonderseite der grünen Bundestagsfraktion.

