Kurz: Zufällige Bewegung, oder: Ich als Elementarteilchen

TristesseDie kür­zes­te – also, schnells­te – Stra­ßen­bahn­ver­bin­dung zwi­schen dem Rie­sel­feld und dem Frei­bur­ger Haupt­bahn­hof sieht vor, an der Hal­te­stel­le Am Lin­den­wäld­le umzu­stei­gen. Da war­ten dann die Bah­nen auch halb­wegs auf­ein­an­der. Das sel­be gilt natür­lich für den Rück­weg vom Bahn­hof ins Rie­sel­feld. Abends aller­dings bin ich etwas erra­tisch in mei­ner Stra­ßen­bahn­nut­zung. Nicht, weil die Ver­bin­dung nicht auch da gut auf­ein­an­der abge­stimmt wäre – meist sind es ein bis zwei Minu­ten, bis die Anschluss­bahn kommt – son­dern weil ich dann manch­mal den­ke, dass es doch eigent­lich gut wäre, mich zu bewe­gen. Also, nicht in strö­men­dem Regen oder bei eisi­ger Käl­te. So unge­fähr jedes zwei­te Mal ent­schei­de ich mich gegen die Bahn und für den Fuß­weg ins Rie­sel­feld. Wegen der Bewe­gung. Was ich schon schrieb. Und weil die Bank auf dem Weg liegt, ich also noch Geld holen kann. Und weil es mir uner­träg­lich erscheint, zwei Minu­ten auf die nächs­te Bahn zu war­ten. Oder weil ich nach zwei Stun­den im Zug und zehn Minu­ten in der Stra­ßen­bahn ein­fach genug vom Gedrän­ge und der beson­de­ren Indoor-Atmo­sphä­re des öffent­li­chen Ver­kehrs habe. Meist über­holt die Stra­ßen­bahn mich dann – mal direkt vor der Ampel, die ins Rie­sel­feld führt, mal erst irgend­wann im Stadt­teil. Inter­es­san­ter­wei­se geht mir das nur abends so. Mor­gens könn­te ich theo­re­tisch ja auch bis zur Hal­te­stel­le Am Lin­den­wäld­le lau­fen. Die Argu­men­te wären die­sel­ben. Aber da geht es dar­um, die Bahn nicht zu ver­pas­sen. Des­we­gen war­te ich mor­gens gedul­dig und schlaf­trun­ken. Und gehe lie­ber abends ein paar Schrit­te zu Fuß. An man­chen Tagen jedenfalls. 

P.S.: Einen Schritt­zäh­ler habe ich nicht. Hiel­te ich auch eher für Quatsch. Und nach­dem mein Fair­pho­ne kei­ne im Hin­ter­grund lau­fen­den Bewe­gungs­mess­ap­ps mag, schei­det das auch aus. Inso­fern – stellt euch das vor – weiß ich gar nicht, wie vie­le Schrit­te ich am Tag gehe. Und kann das auch nicht zur ratio­na­len Ent­schei­dun­gen Stra­ßen­bahn ja/nein heranziehen!

Kurz: Moral sorgt für Ärger

Einen Gedan­ken, den Peter Unfried von der taz beim grü­nen Frei­heits­kon­gress auf­ge­wor­fen hat, möch­te ich hier doch noch ein­mal auf­grei­fen: Die feh­len­de Über­zeu­gungs­kraft des grü­nen Pro­jekts sei auf einen Über­schuss an Moral zurück­zu­füh­ren, und zwar extern uns Grü­nen zuge­spro­che­ner Moral. Statt auf Moral sei auf Kul­tur­wan­del zu set­zen, wenn es drum gehe, öko­lo­gi­sche Gedan­ken poli­tisch anschluss­fä­hig zu machen. Solan­ge dage­gen – so wür­de ich das aus­drü­cken – im Code von Moral/Unmoral kom­mu­ni­ziert wer­de, wer­den fal­sche Rah­mun­gen auf­ge­ru­fen und fal­sche Erwar­tun­gen geweckt. Solan­ge wir den Ein­druck erwe­cken, Men­schen bekeh­ren zu wol­len, pro­du­zie­ren wir Wider­stän­de. Gleich­zei­tig kann dann ganz ein­fach jedes „grü­ne Fehl­ver­hal­ten“ zum Siehs­te-Bei­spiel umge­wid­met wer­den. Da muss gar nicht auf das Bei­spiel Veggie­day zurück­ge­grif­fen wer­den; auch das all­täg­li­che Ver­kehrs­ver­hal­ten ist für die­sen bewuss­ten mora­li­schen Fehl­schluss anfäl­lig: Ha, der Minis­ter ist gar nicht Rad gefah­ren? Oho, die grü­ne Abge­ord­ne­te ist geflo­gen – dabei wollt ihr doch …!

Jetzt lie­ße sich leicht argu­men­tie­ren, dass das ja gar nicht so sei. Wir wol­len ja nie­mand umer­zie­hen. Jeden­falls beteu­ern wir das stän­dig. Das fie­se hier ist aber gera­de, dass es über­haupt nicht dar­um geht, was wir Grü­ne sagen (wol­len), son­dern dar­um, wie ande­re das, was wir sagen, deu­ten und wahr­neh­men. Der Text von spek­tral­li­nie dazu, dass wir’s bes­ser wis­sen, passt an die­ser Stel­le ganz gut … und ver­mut­lich wür­de sich auch eine Re-Lek­tü­re von Luh­manns Öko­lo­gi­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on aus den 1980er Jah­ren loh­nen, auch da ging es, wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, schon um die­ses Problem.

Tja, und was ler­nen wir jetzt dar­aus, was ist die Moral von der Geschich­te? Kön­nen wir für ein gutes Leben strei­ten, ohne dass das mora­lisch gele­sen wird? Ist grü­ne Poli­tik, die auf „du sollst“-Aussagen ver­zich­tet, über­haupt noch glaub­wür­dig? Oder wer­den wir gera­de dann stark, wenn wir uns von den immer wie­der ange­führ­ten per­sön­li­chen Kon­sum­mus­tern und Lebens­sti­len lösen, und statt des­sen bewusst poli­tisch argu­men­tie­ren? Soll hei­ßen: Wir haben das Ziel, die CO2-Emis­sio­nen deut­lich zu redu­zie­ren. Ob Men­schen sich indi­vi­du­ell dafür ent­schei­den, Fleisch zu essen oder nicht, ist uns egal – das ist kei­ne poli­ti­sche Fra­ge. Poli­tisch wären dage­gen die Fra­gen, ob Mas­sen­tier­hal­tung unter­stützt wird oder nicht (also im Sin­ne von Sub­ven­tio­nen und auch von Ord­nungs­po­li­tik), ob Rad­ex­press­we­ge gebaut wer­den oder nicht, und wel­che Grenz­wer­te für Auto­mo­bi­le gel­ten sol­len. Ob eine sol­che Her­an­ge­hens­wei­se gelin­gen kann (die ja durch­aus auch den grü­nen „Mar­ken­kern“ berührt), erscheint mir der­zeit noch offen zu sein. Böse aus­ge­legt wer­den kann alles. Aber zumin­dest da, wo wir selbst das Heft der Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Hand haben, scheint es mir sehr sinn­voll zu sein, immer wie­der zu tes­ten, ob wir – als Par­tei! – gera­de über Poli­tik oder über Moral sprechen.

Photo of the week: Let the sunshine in

Let the sunshine in

 
So gefällt mir der Herbst. Apro­pos Herbst: Luxus ist für mich, vor dem Arbei­ten mor­gens erst noch mal eine hal­be Stun­de mit dem Rad durch den Herbst­son­nen­schein fah­ren zu kön­nen, Krä­hen, Gän­se, Eich­hörn­chen und Schmet­ter­lin­ge zu beob­ach­ten und ein paar Wal­nüs­se einzusammeln.

Klassentreffen

School buildingEs waren durch­aus gemisch­te Gefüh­le, mit denen ich zum 20-jäh­ri­gen Tref­fen mei­nes Abitur­jahr­gangs gegan­gen bin. Das hat ja doch immer was von Bilanz­pres­se­kon­fe­renz. Wobei, soweit sich das fest­stel­len ließ, mei­ne Abi­klas­se kei­ne Berühmt­hei­ten her­vor­ge­bracht hat. Ber­lin, Leip­zig, Ham­burg, USA, aber vie­le sind doch hier in der Gegend geblie­ben oder wie­der zurück­ge­kehrt. Eine gan­ze Rei­he boden­stän­di­ger, respek­ta­bler Beru­fe. Gerad­li­nig­keit. Fast über­all Kin­der, zwi­schen ganz klein und schon aus dem Gröbs­ten raus. Baby­fo­tos wer­den her­um­ge­zeigt, Hoch­zei­ten als Mei­len­stei­ne berich­tet. Zwi­schen den Zei­len: mit der Ver­ein­bar­keit, das ist so eine Sache. Ererb­te, gekauf­te oder neu gebau­te Häu­ser. Im Gro­ßen und Gan­zen haben wir uns eingerichtet. 

In der Abizei­tung hat­ten wir Fra­ge­bö­gen aus­ge­füllt. Was sind dei­ne Zukunfts­plä­ne? Wir waren kurz­sich­tig. Zivil­dienst. Erst­mal Urlaub. Und ziel­stre­big. Rea­lis­tisch. Da ste­hen kei­ne Träu­me, in die­ser Zei­le, da ste­hen Fächer­kom­bi­na­tio­nen. Die dann auch ein­ge­tre­ten sind. Und heu­te? Haben wir Zie­le über den Tag hinaus?

Sind wir eine Gene­ra­ti­on Mit­tel­maß, die nicht so ger­ne ein Risi­ko ein­geht? Oder eine mit Maß, die ohne über­zo­ge­ne Ansprü­che durch­aus zufrie­den ist mit den Ver­hält­nis­sen? Poli­tik inter­es­siert uns nicht (naja, mich schon). Land­tag, was machst du da? Kein Abge­ord­ne­ter, ach so. Und wie ist der Kret­sch­mann so? Aber die Bildungspolitik! 

Span­nend ist, wer nicht da ist. Wer den Kon­takt auf­recht erhal­ten hat, und wer in neue Wel­ten auf­ge­bro­chen ist, abge­hau­en ist, raus­ge­gan­gen ist. Zurück­ge­kom­men ist? Wer Din­ge gesucht hat, die es in der hei­len Welt des ‚Gymi‘ so nicht gab. Wer was davon mit­ge­nom­men hat. 

Zwan­zig Jah­re, aber haben wir uns über­haupt ver­än­dert? Mit treu­her­zi­gem Sozio­lo­gen­blick, insti­tu­tio­na­li­sier­tem Außen­sei­ter­tum, wun­de­re ich mich dar­über, wie sta­bil unse­re Per­sön­lich­keits­mus­ter sind, wie schnell ein­ge­üb­te Grup­pen­dy­na­mi­ken aus Jah­ren gemein­sa­mer Schul­zeit abruf­be­reit sind. (Und auch im Schul­ge­bäu­de hat noch vie­les den glei­chen alten Charme der 1970er Jah­re aus Sicht­be­ton und Knall­far­ben – bis wir dann vor dem Smart­board ste­hen). Hat gar die Schu­le, die­se Schu­le, uns zu dem gemacht, was wir sind? Und was ist dann in den zwan­zig Jah­ren danach mit uns passiert?

Klar dut­zen wir uns alle. Auch wenn wir das sonst nicht tun wür­den. Und wir wis­sen noch immer, wie wer und wer wie reagie­ren wird. Für einen Tag, für einen Abend passt das schon. Alle zwan­zig Jah­re mal. Wir ver­ste­hen uns.

Wie viel kann die­ser Ober­flä­che zuge­mu­tet wer­den? Was liegt dahin­ter? Trägt der Schein, oder täuscht er? Sind wir viel­leicht am Ende gar nicht so lang­wei­lig und vor­her­seh­bar, wie zuerst gedacht? Ver­stellt mir mei­ne wohl gepfleg­te Fremd­heit den Blick? 

Wir erzäh­len uns Bio­gra­fien. Zufall und Ver­letz­lich­keit kom­men ins Spiel. Da und dort schrä­ge Wege, Glück und Pech. Die­sen Roman muss ein ande­rer schrei­ben – aber ihn zu lesen, das wäre was. 

War­um blog­ge ich das? Wegen der eige­nen Welten.