Als ich letzte Woche von den üblichen Routen abwich, um besser Outdoor-social-distancing betreiben zu können – nein, wirklich: die Wege vom Rieselfeld bis zum Opfinger See waren ziemlich voll mit Leuten, die wie ich das schöne Wetter genießen und mal raus kommen wollten – also, als ich deswegen dann etwas tiefer in den Wald geradelt bin, habe ich zum ersten Mal seit langem wieder ein Tagpfauenauge gesehen. Hübscher Schmetterling!
Photo of the week: Evening star
Zeit des Virus, Update II

Allmählich entwickeln sich neue Routinen. Draußen blühen die Obstbäume und die Forsythien, die Wiesen sind von Gänseblümchen übersät. Drinnen wechseln sich Tage, an denen eine Videokonferenz auf die andere folgt, mit Tagen ab, an denen meine Kinder bei mir sind, und an denen die Fraktionsarbeit in den Hintergrund rückt.
Ich beobachte, dass auch Telefonate mit Kolleg*innen inzwischen häufiger als früher als Videotelefonat stattfinden. Das mag eine Unachtsamkeit sein, weil unser Telefonsystem hier seine Eigenheiten hat, mag aber auch dem Wunsch entsprechen, die Kollegin bzw. den Kollegen zumindest mal zu sehen. Und manchmal ertappe ich mich dabei, die Tasche für das Pendeln packen zu wollen und früh ins Bett gehen zu wollen.
Aber das ist jetzt anders. Wir bleiben länger wach und stehen später auf.
Die Kinder dazu zu motivieren, die Aufgabenzettel abzuarbeiten, fällt weiterhin schwer. Wenn schon Schule, dann doch lieber Dokus zu komplett anderen Themen anschauen oder die Matheapp durcharbeiten. Ich bin froh, dass der Schulleiter der Schule meiner Kinder in einem Rundschreiben darauf hinweist, dass dieses Schuljahr kein normales Schuljahr sein wird, und dass alle ihre Erwartungen ändern müssen.
Nachmittags spielt R. nicht mit dem Nachbarsjungen auf dem Hof, sondern mit seinem Cousin aus Bonn auf einem Minecraft-Server. Für Z. ist Whatsapp der Kommunikationskanal der Wahl, um mit ihren Freund*innen in Kontakt zu bleiben.
Ich versuche weiterhin, die Wohnung möglichst selten zu verlassen. Das hat zu einem aufgeräumten Balkon geführt und zu ausgemisteten Zeitungsstapeln. Gut, dass es Twitter und Netflix gibt, dass eBooks weiter lieferbar sind, und gut, dass es Computerspiele gibt, die ich mag (derzeit neben Stardew Valley v.a. Minimetro). Ehrlich gesagt: ganz so groß sind die Unterschiede in meiner Freizeitgestaltung nicht – manchmal hat Introvertiertheit auch Vorteile.
Rausgegangen bin ich in den letzten Tagen einmal zum Einkaufen und zweimal, um beim Radfahren bzw. Spazierengehen etwas frische Luft und Bewegung zu bekommen. Ich bin froh, in einem Bundesland zu leben, dass die nötigen Maßnahmen zur Kontaktvermeidung nicht unnötig streng auslegt – anders als in Berlin sind Picknickdecken und Parkbänke nicht per se verboten, anders als in Sachsen wird die Entfernung zur Wohnung nicht kontrolliert. Allerdings kann es draußen ganz schön voll sein – gestern, bei schönem Frühlingswetter, bot es sich dann an, von den Hauptrouten abzuzweigen, um nicht alle paar Meter jemand ausweichen zu müssen.
Hefe gibt es weiterhin nicht. Der nette Bioladen verwandelt sich nach und nach in eine Industriehalle: Plexiglasscheiben an der Kasse, gelb-schwarz abgeklebte Sperrzonen und Abstandsmarkierungen. Es ist recht leer. Beim Einkaufen fühle ich mich weiterhin unsicher: Ist es riskant, das nicht abgepackte Gemüse zu kaufen? Wie viele Packungen Milch, wie viel Mehl ist angemessen? Ist es ein Problem, den Stift für die bargeldlose Unterschrift anzufassen?
Warum Hefe? Offenbar bin ich nicht der einzige, der jetzt versuchen möchte, selbst Brot zu backen, statt zum Bäcker zu gehen. Vielleicht geht es dabei um das Gefühl, sich notfalls selbst versorgen zu können – „Angstbacken“ nannte das jemand auf Twitter.
Wie geht es weiter? Das Land befindet sich im Wartezustand. Die Zahl der neuen Fälle steigt langsamer an als vor ein paar Tagen, aber es ist unklar, ob das ein Abflachen der Kurve ist oder nur ein Artefakt begrenzter Testkapazitäten und eines veränderten Testregimes. Währenddessen steigen die Todesfälle weiter exponentiell an. Der Blick nach Frankreich, nach Italien, in die USA beunruhigt. Wir warten weiter.
Photo of the week: Wild cherry
Zeit des Virus, Update I
Vor einer Woche schrieb ich über die Notwendigkeit von Maßnahmen, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Im Lauf dieser Woche ist einiges passiert – inzwischen gibt es in Freiburg de facto Ausgangssperren, das Betreten öffentlicher Straßen und Plätze ist nur noch in begründeten Fällen bzw. durch Gruppen von maximal drei Personen oder Familien erlaubt, der ÖPNV darf nur für dringend notwendige Fahrten genutzt werden. In Baden-Württemberg sind nach drei Rechtsverordnungen und Ansprachen des Ministerpräsidenten und der Kanzlerin Schulen und Kitas sind zu, die Spielplätze abgesperrt.
Bis auf den Einzelhandel für Lebensmittel und Apotheken (und ein paar weitere Ausnahmen) mussten alle Geschäfte schließen, Restaurants dürfen nur noch Essen „to go“ verkaufen. Zudem ist es heute, anders als es die Woche über war, kalt und regnerisch. All das trägt dazu bei, dass sich jetzt wirklich nur noch sehr wenige Menschen draußen bewegen. Die Fallzahlen steigen zunächst noch exponentiell an. Derweil tobt der wissenschaftliche Streit darüber, ob #flattenthecurve die richtige Strategie ist, und wenn ja, wie lange die strikten Beschränkungen des öffentlichen Lebens dauern müssen – absehbar ist, dass es auch über das Ende der Osterferien hinaus Einschränkungen geben muss. Schulpraktika und die Englandfahrt der Tochter wurden jedenfalls schon abgesagt.
Was nehme ich nun aus dieser bewegten Woche mit?
Bisher war Home-Office der Ausnahmefall, jetzt wird es zur Regel. Nur noch ein ganz rudimentärer Stab ist in der Fraktion, alle anderen Kolleg*innen arbeiten von zu Hause aus. Entsprechend fanden in dieser Woche dutzende Telefon- und Videokonferenzen statt (hier zahlt sich halbwegs gute Technik und Stummschaltdisziplin aus). Die Berater*innen-Runde mit rund 20 Leuten funktioniert gut als Videokonferenz, bei der Fraktionssitzung mit alles in allem 80 oder 90 Personen wird’s schon etwas schwieriger, aber auch das geht. Gelernt habe ich aber auch: nicht jede Kommunikation braucht gleich eine Videokonferenz, manchmal reicht die gute alte E‑Mail.
Was weniger gut funktioniert, ist die Kombination aus Home-Office und Kinderzuständigkeit. Ich habe den Luxus, dass das bei mir nur die halbe Woche der Fall ist. Die Kinder haben von der Schule Aufgabenpakete und Arbeitsblätter mitgebracht, die sie erledigen sollen. In der Theorie können sie das auch, schon in der Grundschule haben sie Freiarbeit gelernt, jetzt, in der weiterführenden Schule, geht viel über Arbeitspläne und individuelles Lernen. In der Praxis ist ihre Motivation dafür aber gering, so in halber seltsamer Ferienstimmung – alle Aktivitäten fallen aus – und ohne Möglichkeit, raus zu gehen, um Freunde zu treffen, sind Handy und Tablet extrem verlockend. Kinder motivieren oder konzentriert arbeiten – das geht nicht beides auf einmal. Mal sehen, wie sich das weiter einspielt. (Und ja: nicht nur ich, sondern auch die Kinder wollen Frühstück und Mittagessen und Abendessen und und und … auch das muss erledigt werden). Also: alles nicht so einfach. Und ein Mehr an Zeit für „endlich mal …“ finde ich zumindest nicht.
Raus gehen, um einzukaufen fühlt sich seltsam an. Überhaupt, raus gehen – oder lieber selbst dafür nicht? Seltsam fühlt sich’s an, weil der Laden voller Hinweise hängt, doch bitte Abstand zu halten, und weil beispielsweise der Kaffeeausschank abgestellt wurde, und auch, weil selbst im Bioladen einige Regale leer sind. Neben dem sprichwörtlichen Klopapier geht’s da um basale Dinge – Mehl, Nudeln, Zwiebeln, Hefe, Brot … Begleitet wird der Einkauf von Unsicherheit: Lieber abgepackte Produkte kaufen? Wie viel einzukaufen ist sozial angemessen? Wo lauert das Virus?
Nicht zuletzt: bedrückende Nachrichten aus dem Elsass und aus Italien. Und der sorgenvolle Blick auf die Verlaufskurve der Fälle.



