Mecklenburg-Vorpommern und Berlin

Nach der Wahl in Sach­sen-Anhalt (2,1 Mio. Ew.) fan­den ges­tern die Wah­len in Meck­len­burg-Vor­pom­mern (1,6 Mio. Ew.) und Ber­lin (3,7 Mio. Ew.) statt, jeweils bei sehr hohen Wahl­be­tei­li­gun­gen. Und auch die­se Wah­len haben das poli­ti­sche Koor­di­na­ten­sys­tem der Bun­des­re­pu­blik noch ein­mal gehö­rig durch­ge­schüt­telt. Zum denk­wür­di­gen Wahl­abend gehört auch das breit über­tra­gen­de State­ment des Kanz­lers um 18.15 Uhr, das bei mir eher für Stirn­run­zeln als für irgend­et­was ande­res sorgte.

Der Rei­he nach: in Meck­len­burg-Vor­pom­mern kam die AfD auf 38,2 Pro­zent (deut­lich mehr als in der ers­ten Pro­gno­se; 32 Sit­ze), die SPD auf 35,5 Pro­zent (29 Sit­ze), LINKE auf 6,5 Pro­zent (5 Sit­ze) und GRÜNE auf 5,7 Pro­zent (5 Sit­ze). Alle ande­ren Par­tei­en ver­pass­ten knapp (CDU (!), BSW) oder deut­lich (FDP) den Ein­zug in den Land­tag. Ein­zi­ge rech­ne­risch und poli­tisch plau­si­ble Macht­kon­stel­la­ti­on hier dürf­te Rot-Rot-Grün sein, wobei das kras­se Ungleich­ge­wicht zwi­schen der Schwe­sig-SPD einer­seits und den ande­ren bei­den Par­tei­en auch nicht ganz ein­fach ist. 

Zwei Anmer­kun­gen zu die­ser Wahl. Zum einen wür­de ich mich freu­en, wenn die Pres­se etc. damit auf­hö­ren wür­de, das stärks­te Wahl­er­geb­nis in unse­rem pro­por­tio­na­len Wahl­sys­tem mit einem „Wäh­ler­auf­trag“ gleich­zu­set­zen. Es ist nicht egal, dass die AfD um drei Sit­ze vor der SPD lan­de­te, wenn es etwa um The­men wie Land­tags­prä­si­dent­schaft oder Zugriffs­rech­te auf Aus­schuss­vor­sit­ze geht. Aber einen „Wäh­ler­auf­trag“ gibt es nicht. Die Regie­rung bil­det, wer eine*n Ministerpräsident*in vor­schlägt, die eine Mehr­heit im Land­tag fin­det. Und das wird in die­ser Kon­stel­la­ti­on eben nicht die AfD sein. 

Zwei­tens, die CDU. Dass aus den 5,5 bzw. 5,0 Pro­zent zu Beginn des Wahl­abends dann 4,9 Pro­zent wur­den, und damit die CDU wohl über­haupt zum ers­ten Mal in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik aus einem Land­tag raus­fliegt (Bay­ern zählt hier nicht), dürf­te eines der rele­van­tes­ten Ereig­nis­se die­ser Wahl sein. Ich befürch­te, dass die­ses Ergeb­nis die Flieh­kräf­te inner­halb der Uni­on erst recht anfeu­ert. Im bes­ten Fall gibt es eine Debat­te um die Fünf-Pro­zent-Hür­de, das ist aber nicht die Kon­se­quenz, die ich für rea­lis­tisch halte.

Der Kanz­ler ist ja – war­um auch immer – direkt nach den ers­ten Pro­gno­sen vor die Kame­ras getre­ten, um dann bei maxi­ma­ler Auf­merk­sam­keit eigent­lich nichts zu ver­kün­den. Da sah es noch so aus, als wäre die CDU knapp drin; ob er sich anders geäu­ßert hät­te, wenn ihm da schon das Wahl­er­geb­nis bekannt gewe­sen wäre? Ich ver­mu­te, selbst das hät­te nichts geändert. 

Nach wochen­lan­gem Gezer­re um die Fra­ge „Bleibt Merz Kanz­ler“ tritt die­ser also vor die Kame­ras, umrahmt von Deutsch­land- und Euro­pa­fah­nen, spricht von einem „Desas­ter“, davon, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men – und dann kommt kein Rück­tritt, son­dern ein „Wei­ter so“. Gegen Erfol­ge von „links und rechts“ sol­len „die Refor­men“ hel­fen, die zwar mit eini­gen Unzu­mut­bar­kei­ten ver­bun­den sind, mit Geduld und Durch­hal­te­ver­mö­gen von ihm, dem Kanz­ler und CDU-Vor­sit­zen­den, doch jetzt end­lich durch­ge­setzt wer­den. Mir ist nach wie vor nicht klar, war­um Refor­men, die im Kern vor allem har­te sozia­le Ein­schnit­te sind, Wähler*innen davon abhal­ten soll­ten, AfD zu wäh­len. Und bereits am Wahl­abend gab es dann – wie schon bei der Sach­sen-Anhalt-Wahl – Äuße­run­gen des Vize­kanz­lers, die genau in die ande­re Rich­tung gin­gen. Dass der Erhalt der SPD-geführ­ten Regie­rung in Meck­len­burg-Vor­pom­mern auch mit har­ter Abgren­zung zum Bund erreicht wur­de, dürf­te auch nicht zur Beru­hi­gung beitragen.

So rich­tig durch­dacht scheint mir das nicht zu sein. Ent­we­der glaubt Fried­rich Merz wirk­lich an das, was er da vor­trägt, dann ist er, par­don, ver­blen­det. Oder es war ein ver­zwei­fel­ter Ver­such, mit Durch­hal­te­pa­ro­len die Illu­si­on von Füh­rungs­stär­ke zu erzeu­gen. Das hat dann auch nicht funk­tio­niert. So oder so bleibt die Über­schrift, dass Merz sagt, dass er wei­ter­macht, die selt­sams­te Eil­mel­dung, die mir in die­sem Jahr bis­her begeg­net ist.

Über die Wahl im klei­ne­ren Bun­des­land etwas aus den Augen gerät das Ber­lin-Ergeb­nis. Die LINKE kommt auf 25,7 Pro­zent (etwa dop­pelt so viel wie zuvor; 47 Sit­ze), die bis­her regie­ren­de CDU sinkt auf 18,8 Pro­zent (34 Sit­ze), danach folgt die AfD mit 16,3 Pro­zent (auch hier: deut­li­che Zuge­win­ne; 29 Sit­ze), GRÜNE mit 14,3 Pro­zent (deut­li­che Ver­lus­te; 26 Sit­ze) und die SPD mit nur noch 12,1 Pro­zent (noch deut­li­che­re Ver­lus­te; 22 Sitze). 

Auch in Ber­lin – wie in Meck­len­burg-Vor­pom­mern – kam das BSW knapp nicht in das Abgeordnetenhaus.

(Neben­bei: Mir war nicht bewusst, dass das Abge­ord­ne­ten­haus in Ber­lin so groß ist – mit 158 Man­da­ten kommt es an die Grö­ße des baden-würt­tem­ber­gi­schen Land­tags heran.) 

Aus die­sem Wahl­er­geb­nis fol­gen zwei mög­li­che Regie­rungs­kon­stel­la­tio­nen für Ber­lin: LINKE + GRÜNE + SPD hät­ten eine deut­li­che Mehr­heit, aber auch der abge­wähl­te Senat aus CDU + SPD könn­te sich mit grü­ner Hil­fe ret­ten; CDU + GRÜNE + SPD hät­te zwei Stim­men über der Mehr­heit. Mal schau­en, wer in den nächs­ten Tagen mit wel­chen Argu­men­ten (oder mit wel­chen gefälsch­ten KI-State­ments …) ver­su­chen wird, doch noch die Wei­chen in Rich­tung der die zwei­ten Opti­on zu stel­len. Kon­flikt­the­men, die sich dafür eig­nen, eine links-geführ­te Regie­rung schon vor dem ers­ten Tag mit Schmutz zu bewer­fen, gibt es genug. 

Aus grü­ner Per­spek­ti­ve lohnt hier der Blick auf das Wahl­ver­hal­ten: vie­le bis­her „grü­ne“ Wahl­krei­se etwa in Mit­te und Kreuz­berg gin­gen – teil­wei­se mit mas­si­ven Ver­schie­bun­gen – an die LINKE, dafür gab es leich­te grü­ne Zuwäch­se in bis­her kon­ser­va­ti­ven Wahl­krei­sen. Eine, wenn man so will, „West­ver­schie­bung“. Ein­her ging die­se Wäh­ler­wan­de­rung GRÜNE -> LINKE mit extrem hohen Zustim­mungs­wer­ten für die LINKE bei jün­ge­ren Wähler*innen (16–24 Jah­re: 43% LINKE, 12% AFD, 11% GRÜNE; 25–34 Jah­re: 49% LINKE, 13% GRÜNE, 9% AFD). Das könn­te per­spek­ti­visch zu einem mas­si­ven Pro­blem für Bünd­nis 90/Die Grü­nen werden.

Abschlie­ßend: allen fünf Wah­len in die­sem Jahr gemein­sam sind zum einen extre­me Per­so­na­li­sie­rungs­ef­fek­te. Am Schluss gab es über­all Zwei­kämp­fe (BaWü: GRÜNE/CDU, RLP: CDU/SPD, LSA: AfD/CDU, MV: AfD/SPD, Ber­lin: LINKE/CDU), die dazu führ­ten, dass ande­re Par­tei­en an Zuspruch ver­lo­ren haben. Dass die SPD in Baden-Würt­tem­berg sich gera­de noch über die Fünf-Pro­zent-Hür­de geret­tet hat ist genau­so ein Effekt davon wie das Aus­schei­den der CDU aus dem Land­tag in Mecklenburg-Vorpommern.

Die zwei­te Gemein­sam­keit sind – lei­der – die Zuwäch­se für die AfD. Nicht über­all ist das so dra­ma­tisch wie in Sach­sen-Anhalt, aber in allen in die­sem Jahr gewähl­ten Land­tag gibt es eine grö­ßer und jeweils ein­fluss­rei­cher gewor­de­ne AfD-Frak­ti­on. Ins­ge­samt führt bei­des zu einem Ver­lust an par­la­men­ta­ri­scher Kul­tur und zu schwie­ri­ger wer­den­den poli­ti­schen Debatten. 

Wumms

Chestnut tree growing II

Dass die Wahl­nie­der­la­ge in Bran­den­burg ganz spur­los an der grü­nen Bun­des­spit­ze vor­bei­ge­hen wür­de, war nicht zu erwar­ten. Dass jetzt der gan­ze Vor­stand – die Vor­sit­zen­den und der Schatz­meis­ter, die poli­ti­sche Geschäfts­füh­re­rin und die bei­den wei­te­ren Vor­stands­mit­glie­der – sei­nen Rück­tritt ein­reicht, hat mich dann doch über­rascht. Aber: es ist die rich­ti­ge Reak­ti­on zum spä­tes­tens jetzt rich­ti­gen Zeit­punkt. Und dass der Vor­stand geschlos­sen zurück­tritt, ist dann doch wie­der etwas, was typisch grün ist: wir gewin­nen gemein­sam, und wir ver­lie­ren gemeinsam.

Ich zol­le Ricar­da und Omid und allen wei­te­ren Vor­stands­mit­glie­dern gro­ßen Respekt für die­sen Schritt. Ich bin mir sicher, dass ihnen die­ser Schritt nicht leicht gefal­len ist. Es ist ja immer auch ein biss­chen poli­ti­sche Traum­deu­te­rei, poli­ti­sche Pro­ble­me und Her­aus­for­de­run­gen allein auf die Per­so­nen – hier an der Spit­ze der Par­tei – zu pro­ji­zie­ren. Ich schät­ze alle Vor­stands­mit­glie­der, und ganz beson­ders Ricar­da und Omid. Das sind Gute! 

Gleich­zei­tig gehört zur Grö­ße eben auch, die Zei­chen der Zeit erken­nen zu kön­nen. Und die rufen laut­stark nach einer Neu­auf­stel­lung, nach einer Neu­erfin­dung. Das letz­te Mal ist die Par­tei Anfang 2018 durch eine sol­che Häu­tung gegan­gen, nach dem Schei­tern der Jamai­ka-Ver­hand­lun­gen, als Robert und Anna­le­na die Fun­da­men­te gelegt haben, die dann zur Regie­rungs­be­tei­li­gung 2021 geführt haben. Auch hier gilt: viel­leicht war es gar nicht nur die neue Idee von „grün“, die bei­de ver­kör­pert haben, viel­leicht war es auch ein Zeit­geist, der grü­ne Ideen hoch­ge­spült und grü­ne Poli­tik attrak­tiv erschei­nen las­sen hat. Den­noch hat die Neu­erfin­dung als „Bünd­nis­par­tei“ ihren Anteil dar­an: Grün als Pro­jekt, das für brei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung inter­es­sant sein kann und sich für brei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung interessiert.

Etwas hämisch schrei­ben Journalist*innen davon, dass Ricar­da und Omid nur einen Über­gangs­vor­stand gebil­det haben. Das springt zu kurz: sie haben mit­ge­hol­fen, die Koali­ti­on zu zim­mern und sie haben die Klam­mer zwi­schen Par­tei und Regie­rung geschlos­sen. Das immer im Gegen­wind der Unzu­frie­de­nen, mit per­sön­li­chen Anfein­dun­gen und aus der poli­ti­schen Kri­se her­aus. Kei­ne ein­fa­che Auf­ga­be. Und ob jemand ande­res die­se Zeit bes­ser gestal­tet und orga­ni­siert hät­te – das bezweif­le ich doch. 

Trotz­dem: es war zuneh­mend spür­bar, dass eine neue Idee für „Grün“ gebraucht wird, die über die Ver­tei­di­gung der Regie­rungs­be­tei­li­gung hin­aus­geht. Eine Idee, die dar­über hin­aus­geht, dass wir für Kli­ma­schutz und gegen Nazis sind, um es ganz platt zu sagen. 

Der Par­tei­tag im Novem­ber in Wies­ba­den bie­tet jetzt die Chan­ce, gleich in drei­fa­cher Hin­sicht eine Neu­erfin­dung hinzukriegen.

Ers­tens wird jetzt ein neu­er Vor­stand gewählt. Bis­her schwir­ren nur Namen für die Vor­sit­zen­den durch die poli­ti­sche Gerüch­te­kü­che. Ich bin gespannt, wer letzt­lich wirk­lich den Ring in den Hut wer­fen wird – und mit wel­chen Ideen eine sol­che Bewer­bung ver­bun­den wer­den wird. Poten­zia­le sehe ich vie­le. Und die nächs­ten Wochen bie­ten auch Raum dafür, sich zu profilieren.

Zwei­tens hat Robert – ich blei­be mal bei den Vor­na­men – ange­kün­digt, sei­ne mög­li­che Kanz­ler­kan­di­da­tur offen zur Debat­te zu stel­len. Zwi­schen Merz und Scholz hal­te ich ihn für ein Ange­bot, das glän­zen kann, wenn es rich­tig ange­gan­gen wird. 

Und drit­tens ist die­ser Par­tei­tag – auch vor den Ankün­di­gun­gen jetzt – einer, der in der poli­ti­schen Aus­spra­che die Chan­ce bie­tet, den in letz­ter Zeit ver­lau­fe­nen Kurs aus­zu­dis­ku­tie­ren und klar zu zie­hen. Es wäre zu kurz gedacht, das mit einer Ver­stän­di­gung über einen Kurs­wech­sel in der Migra­ti­ons­po­li­tik zu ver­wech­seln. Es geht auch um die Fra­ge, wie viel Eigen­stän­dig­keit in der Koali­ti­on sicht­bar sein soll, wie staats­tra­gend und wie grund­satz­treu wir auf­tre­ten, und wo wir mit­ge­hen und wo wir Nein sagen. Da schwellt sehr viel, im bes­ten Fal­le auch stell­ver­tre­tend für zumin­dest ein bestimm­tes Milieu – und das muss jen­seits von For­mel­kom­pro­mis­sen und Regie­rungs­zwän­gen mal geklärt werden.

Ich bin Dele­gier­ter für den Wies­ba­de­ner Par­tei­tag und habe nach mei­ner Wahl geschrie­ben, dass ich es mir nicht leicht gemacht habe, mich als Dele­gier­ter zur Kan­di­da­tur zu stel­len – weil ich erwar­te­te, dass die­ser Par­tei­tag einer der schwers­ten der grü­nen Geschich­te wird, einer mit dem rea­len Risi­ko, dass wir uns ent­we­der zer­le­gen oder einen Zustand des frus­trier­ten Rück­zugs erreichen. 

An der Lage hat sich – eigent­lich – nicht viel geän­dert. Es bleibt falsch, alles auf ein­zel­ne Per­so­nen zu pro­ji­zie­ren, was sys­te­misch und in einer Orga­ni­sa­ti­on falsch läuft. Trotz­dem öff­nen Rück­tritt und Wahl des Vor­stands ein Fens­ter. Ich sehe jetzt eine reel­le Chan­ce, dass die­ser Par­tei­tag im Rück­blick einer sein wird, auf dem wir uns als Par­tei neu erfun­den haben, auf dem wir knapp ein Jahr vor dem plan­mä­ßi­gen Bun­des­tags­wahl­ter­min gemein­sam und selbst­be­wusst sagen kön­nen: das ist grün, und dafür ste­hen wir! 

Das wäre es wert.