Versuch, die Haltung der CDU BW zur AfD nachzuvollziehen

Die CDU BW hat jetzt ja laut­stark die AfD zum Haupt­geg­ner erklärt. Die dpa berich­tet dazu u.a. mit die­sem Text:

„Die AfD has­se alles, was die Christ­de­mo­kra­ten an die­sem Land lieb­ten. Hagel sag­te, im Umgang mit den Rechts­po­pu­lis­ten habe man es sich viel­leicht in den letz­ten Jah­ren etwas zu bequem gemacht. Man habe geglaubt, man kön­ne die AfD schla­gen, indem man sie Igno­rie­re, aus­gren­ze oder Lich­ter­ket­ten veranstalte.“

Ich habe mal über­legt, war­um die CDU das tut. Und das hat ver­schie­de­ne Facet­ten, und bis auf die ers­te ist kei­ne davon so rich­tig schön:

1. Ich neh­me Hagel & Co. ab, dass sie die AfD und deren Poli­tik scheuß­lich fin­den und sich davon abgren­zen wol­len. Aber:

2. In einem Zwei­kampf CDU/Hagel vs. Grüne/Özdemir bie­tet es sich aus CDU-Sicht an, mög­lichst wenig über Grü­ne zu spre­chen. Dann lie­ber über die AfD. Im Ide­al­fall aus CDU-Sicht läuft das dann auf eine Zuspit­zung CDU vs. AfD zu, wie es im Osten bei eini­gen der letz­ten Wah­len zu beob­ach­ten war. Alle ande­ren wer­den mar­gi­na­li­siert. (Dabei ist und bleibt die AfD ein Schein­rie­se ohne Machtoption).

3. In den Umfra­gen ist die CDU – mit 29%, einem für Baden-Würt­tem­berg eher schlech­ten Wert … – aktu­ell die stärks­te Kraft. Wenn sie das blei­ben will, muss sie einer­seits die Abwan­de­rung poten­zi­el­ler Wähler*innen zu Grün ver­hin­dern (sie­he 2.) und ande­rer­seits Wähler*innen zurück­ge­win­nen, die zur AfD gegan­gen sind.

4. Das gilt für die aus CDU-Sicht ver­lo­ren gegan­gen Direkt­man­da­te umso mehr. Böse gesagt: eini­ge der grü­nen Direkt­man­da­te sind zustan­de gekom­men, weil zu vie­le von der CDU zur AfD gewech­selt sind, und dann 25 Pro­zent aus­ge­reicht haben, um das Man­dat zu erringen.

5. Inhalt­lich gibt es lei­der durch­aus Über­schnei­dun­gen zwi­schen CDU und AfD, zumin­dest in Tei­len der CDU. So erklärt sich auch die Rhe­to­rik im Zitat oben. Statt „Lich­ter­ket­ten“ oder Aus­gren­zen hel­fen nur inhalt­li­che Ange­bo­te an AfD-Wähler*innen. (Das ist empi­risch falsch, aber nach­voll­zieh­bar: es geht der CDU BW bei „AfD als Haupt­geg­ner“ nicht um die grund­sätz­li­che Ableh­nung der AfD, son­dern um die Rück­ge­win­nung von Wähler*innen. Des­we­gen wird har­te anti­fa­schis­ti­sche Kri­tik bis hin zu Brand­mau­er etc. eher kleingeredet/verurteilt – zudem fühlt sich die CDU hier, teil­wei­se zu Unrecht, teil­wei­se aber lei­der auch zu recht, mit­ge­meint, wenn aus anti­fa­schis­ti­scher Per­spek­ti­ve zu Demos auf­ge­ru­fen wird).

6. Aktu­ell ver­hin­dert eine star­ke AfD rechts-kon­ser­va­ti­ve Mehr­hei­ten im Par­la­ment (solan­ge nie­mand mit der AfD koaliert) und führt so zur Not­wen­dig­keit lager­über­grei­fen­der Koali­tio­nen der demo­kra­ti­schen Par­tei­en. Das ist aus CDU-Sicht unbe­frie­di­gend, weil immer mit unschö­nen Kom­pro­mis­sen ver­bun­den. Sie­he Ren­ten­de­bat­te im Bun­des­tag gera­de. Damit erge­ben sich, wenn ich die CDU-Per­spek­ti­ve ein­neh­me, zwei stra­te­gi­sche Optio­nen – über die in der Uni­on wohl gera­de zumin­dest unter­schwel­lig die Aus­ein­an­der­set­zun­gen laufen:

Lösung 1: Wähler*innen der AfD zurück zur CDU holen und damit Mehr­hei­ten rechts der Mit­te (oder zumin­dest mit sehr star­ker CDU) ermöglichen. 

Lösung 2: Per­spek­ti­visch auf einen Zeit­punkt hin­ar­bei­ten, bei dem eine „gezähm­te“ AfD koali­ti­ons­fä­hig ist – also letzt­lich Nor­ma­li­sie­rung der AfD.

Zumin­dest rhe­to­risch ver­trägt sich die Vari­an­te 2 nicht mit der rhe­to­ri­schen Abgren­zung zum „Haupt­geg­ner“. Aller­dings gelingt Abgren­zung nur, wenn weder die Türen zu wech­sel­wil­li­gen AfD-Wähler*innen noch zum Rechts­au­ßen-Rand der Uni­on zuge­schla­gen werden. 

Soweit mein Ver­such, nach­zu­voll­zie­hen, was die CDU da tut – und damit zurück zur grü­nen Per­spek­ti­ve auf die Land­tags­wahl 2026. Schließ­lich gibt es einen erfah­re­nen und kom­pe­ten­ten Kan­di­da­ten, der durch­aus auch für „bür­ger­li­che“ Wähler*innen attrak­tiv sein könn­te – und der heißt Cem Özdemir.

Zombie-Debatten und formative Schnippsel

Ich bin schon seit gerau­mer Zeit dabei, die Ord­ner, die ich von Umzug zu Umzug mit­ge­schleppt habe, zu digi­ta­li­sie­ren. Ande­re Men­schen wür­den ver­mut­lich eher zu „kann doch weg“ ten­die­ren, ich habe, und wenn ich mir unse­ren Kel­ler anschaue: durch­aus fami­li­är beein­flusst – eher eine Ten­denz zum Auf­he­ben. Also: Ord­ner digi­ta­li­sie­ren, alles mög­li­che kommt in den Dop­pel­sei­ten­ein­zugs­scan­ner (lang lebe DIN A4), und viel Volu­men hat natür­lich die Stu­di­en­zeit eingenommen. 

In den letz­ten Wochen bin ich nun im Gang rück­wärts in der Zeit um 1993 ange­kom­men. 1994 habe ich Abi gemacht, danach Zivil­dienst und dann im Herbst 1995 ange­fan­gen zu stu­die­ren. Par­al­lel war ich zu die­ser Zeit auf Lan­des­ebe­ne in der dama­li­gen Grün-Alter­na­ti­ven Jugend (GAJ) aktiv, es gab auch eine Frei­bur­ger Orts­grup­pe (zusam­men mit den letz­ten Res­ten von JungdemokratInnen/Junge Lin­ke), und Schü­ler­zei­tung, SMV – mit lokal­po­li­ti­schen Bezü­gen, eine Mei­nungs­um­fra­ge zum Bür­ger­ent­scheid „Litz­fürst“ schaff­te es sogar in die Schul­kon­fe­renz – und 1994 grün­de­te sich das Grün-Alter­na­ti­ve Jugend­bünd­nis GAJB, der Vor­läu­fer der heu­ti­gen Grü­nen Jugend. Viel los in die­ser Zeit also. Und vie­les, was ich ver­ges­sen hatte …

1993 habe ich ange­fan­gen, sys­te­ma­tisch Zei­tungs­aus­schnit­te zu sam­meln (und das bis Ende 1995 fort­ge­führt, danach wur­de es dann in Bezug auf die Zei­tungs­aus­schnit­te unsys­te­ma­ti­scher und in Bezug auf alles, was sozio­lo­gisch oder digi­tal­po­li­tisch inter­es­sant war, sys­te­ma­ti­scher – schließ­lich fing dann mein Stu­di­um an, und ich kam mit Biblio­gra­fien und der Idee von Lite­ra­tur­ver­wal­tungs­soft­ware in Kon­takt). Und die­ser Ord­ner Pres­se von 1993 bis 1995 ist in mehr­fa­cher Hin­sicht interessant.

Bio­gra­fisch, weil er einen ganz guten Über­blick gibt, was mich damals, in einer sicher­lich sehr prä­gen­den Zeit, inter­es­siert hat. Und zum ande­ren auch mit Blick auf die Wie­der­gän­ger. Vie­le Debat­ten tau­chen heu­te, drei­ßig Jah­re spä­ter, wie­der auf. Ich will das an ein paar Bei­spie­len verdeutlichen:

1993, gleich der ers­te auf­ge­ho­be­ne Arti­kel, ist aus der Badi­schen Zei­tung und berich­tet über eine „Schü­ler-Demo gegen Frem­den­haß“ mit gut 1000 Teil­neh­men­den („Ent­täu­schung über die gerin­ge Teil­neh­mer­zahl“). Inter­es­sant in dem Zusam­men­hang auch ein Flug­blatt des Frei­bur­ger Kreis­ver­bands der Grü­nen, das ich als Kon­zept­pa­pier zum Auf­kle­ben der Pres­se­schnipp­sel ver­wen­det hat­te. Das dürf­te eben­falls aus dem Jahr 1993 oder 1994 stam­men und trägt den Titel: „Der Feind steht rechts!“ (ein Zitat des Reichs­kanz­lers Wirth, 1922). Sam­mel­un­ter­künf­te für Asyl­su­chen­de eben­so wie die poli­ti­sche Annä­he­rung der CDU an die dama­li­gen „Repu­bli­ka­ner“ wer­den the­ma­ti­siert. Klingt lei­der alles brandaktuell.

Dann beschäf­ti­gen sich 1993 eini­ge Arti­kel mit dem Jugend­um­welt­fes­ti­val Auf­takt in Mag­de­burg, an dem ich auch teil­ge­nom­men hat­te. Umwelt­the­men neh­men in der Samm­lung einen gro­ßen Raum ein – Pres­se­be­rich­te zu diver­sen Pro­tes­ten (Cas­tor­trans­por­te!) eben­so wie zum 1995 in Frei­burg statt­fin­den­den Jugend­um­welt­kon­gress Jukß mit 1200 Jugend­li­chen aus ganz Deutsch­land. Für eine auto­freie Rem­part­stra­ße wur­de eben­falls demons­triert … auch das ein The­ma, das sich trotz Ver­bes­se­run­gen in der Ver­kehrs­füh­rung noch nicht erle­digt hat. Oder wie hier zu sehen im Sep­tem­ber 1995 eine Demo zu den dama­li­gen Atom­tests Frank­reichs auf dem Muru­roa-Atoll. (Und ja, der jun­ge Mann mit den lan­gen Haa­ren links bin ich … da hat sich in den 30 Jah­ren seit­dem auch ein biss­chen was geändert …). 

Atom­tests ist so ein Wie­der­gän­ger-The­ma, denn gera­de jetzt hat Trump ankün­digt, die ame­ri­ka­ni­schen Atom­bom­ben-Tests wie­der auf­neh­men zu wol­len. Nicht nur in die­ser Hin­sicht gibt es gewis­se Par­al­le­len. Und auch wenn „Kli­ma“ Mit­te der 1990er Jah­re noch nicht das beherr­schen­de The­ma war, so kommt die Kli­ma­kri­se doch vor; 1997 wird es dann zum Kyo­to-Pro­to­koll kom­men, als ers­ter Schritt auf dem Weg hin zu glo­ba­len Redu­zie­rung der Treibhausgasemissionen. 

Dabei deu­tet sich in der Samm­lung der Pres­se­aus­schnit­te auch schon eine Hin­wen­dung zur Wis­sen­schaft an: sind es anfangs eher die akti­vis­ti­schen The­men, kommt – auch durch den Zivil­dienst im Öko-Insti­tut – nach und nach auch der eine oder ande­re Bericht zu Umwelt­bi­lan­zen, Öko­la­bels und ähn­li­chen Fra­gen in den Pressespiegel.

Jugend­po­li­ti­sche Akti­vi­tä­ten im enge­ren Sin­ne spie­len natür­lich eine gro­ße Rol­le. So geht es um die damals anste­hen­de Abschaf­fung des 13. Schul­jahrs (Baden-Würt­tem­berg führt es die­ses Jahr wie­der ein) – die „Regio­na­le Schü­le­rIn­nen-Ver­samm­lung“ mit Alex­an­der Bonde (dann Vor­sit­zen­der des Lan­des­schü­ler­bei­rats, spä­ter MdB und dann Land­wirt­schafts­mi­nis­ter in Baden-Würt­tem­berg, heu­te Gene­ral­se­kre­tär der Deut­schen Bun­des­stif­tung Umwelt) orga­ni­siert dazu eini­ge Aktio­nen. Und Fran­zis­ka Brant­ner (heu­te MdB und grü­ne Bun­des­vor­sit­zen­de) gibt ein ers­tes Inter­view als 15-jäh­ri­ge, in der sie erklärt, was die Jugend­kon­fe­renz der Stadt Frei­burg brin­gen soll, und war­um es wich­tig ist, Jugend­li­chen selbst Gehör zu schen­ken. Die Grün­dung des Grün-Alter­na­ti­ven Jugend­bünd­nis­ses nimmt Raum ein (die FAZ guckt genau, ob es eine Abgren­zung zur dama­li­gen „PDS“ gibt, oder ob hier links­ra­di­ka­le Umtrie­be zu befürch­ten sind), und eben­so fin­den sich Aus­ris­se zu Que­re­len bei den Jusos, einem Emp­fang der Lan­des­re­gie­rung unter Minis­ter­prä­si­dent Teu­fel für Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen und der­glei­chen mehr. 

Aber nicht alles ist Poli­tik. Zwi­schen Fotos von Demos und Rand­no­ti­zen zu Ver­bän­den kom­men zuneh­mend mehr Arti­kel, die sich mit Digi­ta­li­sie­rung beschäf­ti­gen (auch hier half der Zivil­dienst und der Zugang zu diver­sen Zeit­schrif­ten, der damit ver­bun­den war). Erör­te­run­gen über Unzu­läng­lich­keit der Meta­pher der Daten­au­to­bahn, Hacker-Por­träts und ein Inter­view mit Joseph Wei­zen­baum sind nur eini­ge der Fund­stü­cke. Und pas­send zur vor weni­gen Tagen erschie­ne­nen letz­ten Papier­aus­ga­be der wochen­täg­li­chen taz habe ich auch die dama­li­ge Ankün­di­gung der ers­ten „digi­Taz“ auf­ge­ho­ben – samt Erläu­te­rung, was die­ses Inter­net eigent­lich ist, und der ein­gän­gi­gen Adres­se http://www.prz.tu-berlin.de/taz zum Auf­ruf der digi­ta­len Zei­tung. Par­al­lel dazu wird in ande­ren Zei­tungs­aus­ris­sen dar­über spe­ku­liert, ob mit dem bal­di­gen Ende der Zei­tung auf Papier und dem papier­lo­sen Büro zu rech­nen sei. Hat etwas län­ger gedauert …

Ein oder zwei Arti­kel zum The­ma Sci­ence Fic­tion waren auch in der Gemenge­la­ge vor­han­den. Dass mir vie­le der Din­ge, die ich damals inter­es­sant fand, wei­ter­hin inter­es­sant erschei­nen, wür­de ich ja durch­aus posi­tiv wer­ten – dass vie­le der poli­ti­schen Pro­ble­me, die damals rele­vant waren, heu­te immer noch oder wie­der rele­vant sind, erscheint dann schon besorg­nis­er­re­gen­der. Hier habe ich zuneh­mend das Gefühl, dass der Fort­schritt, wenn es ihn den gibt, sich in Wel­len bewegt. Und allein für die­se Erkennt­nis lohnt es sich doch, das eine oder ande­re auf­zu­he­ben, und sei es platz­spa­rend digital.

Politische Blasen, Umfragen und dergleichen mehr

Object, Stuttgart

Am 8. März 2026 fin­det in Baden-Würt­tem­berg die Land­tags­wahl statt, die Spit­zen­kan­di­da­ten im Kampf um das Amt des Minis­ter­prä­si­den­ten hei­ßen Cem Özd­emir (Grü­ne) und Manu­el Hagel (CDU). Der Bun­des­kanz­ler Merz (CDU) hat in einem öffent­li­chen Gespräch sinn­ge­mäß – und klar ras­sis­tisch – geäu­ßert, dass ihn etwas am Stadt­bild stö­re und mehr „Rück­füh­run­gen“ hier hel­fen würden.

Bei­de Fak­ten haben zunächst ein­mal nicht so viel mit­ein­an­der zu tun, auch wenn sich treff­lich über die Stra­te­gie und die Optio­nen der CDU dis­ku­tie­ren lie­ße. Das will ich aber hier und jetzt nicht machen.

Bei­den Aus­sa­gen gemein­sam ist, dass sie für mich kom­plett selbst­ver­ständ­li­che Wis­sens­ele­men­te sind: Das weiß doch jede*r, dass im nächs­ten März Land­tags­wahl ist. Die Fra­ge, ob/wie die per­sön­li­chen Umfra­ge­wer­te von Cem (viel, viel bes­ser als Hagel) mit den Par­tei­wer­ten (da liegt die CDU deut­lich vor uns Grü­nen) so in Ver­bin­dung gebracht wer­den kön­nen, dass die aktu­ell noch neun Pro­zent Dif­fe­renz zur CDU geschlos­sen wer­den, treibt das „poli­ti­sche Stutt­gart“ um. Und über Merz regen sich seit Tagen „alle“ auf Mast­o­don, in den poli­ti­schen Kom­men­tar­spal­ten und in der Tee­kü­che der Frak­ti­on auf.

Nur: ist halt nicht so. Wer nicht jeden Tag beruf­lich mit Poli­tik zu tun hat, weiß – in Baden-Würt­tem­berg – viel­leicht noch vage, dass dem­nächst Land­tags­wah­len sind und dass Kret­sch­mann nicht mehr antritt. Auch das ist aber nicht sicher. Und wer sich nicht bewusst für Poli­tik inter­es­siert, wird ver­mut­lich erst im Janu­ar, wenn Pla­ka­te hän­gen und Anzei­gen geschal­tet wer­den, davon mit­be­kom­men. Als ehe­ma­li­ger Bun­des­mi­nis­ter und lang­jäh­ri­ger Spit­zen­po­li­ti­ker der Grü­nen ist Cem Özd­emir bekannt genug, dass vie­le trotz­dem etwas zu „d’r Cem“ ein­fällt. Zu sei­nem Gegen­kand­dia­ten, dem CDU-Frak­ti­ons­chef und ehe­ma­li­gen Bank­an­ge­stell­ten aus dem Alb-Donau-Kreis, haben nur weni­ge Men­schen ein Bild. 

Was Grü­ne und CDU genau wol­len, wo die inhalt­li­chen Unter­schie­de lie­gen, wer wen in den letz­ten Mona­ten der 17. Legis­la­tur­pe­ri­ode aus­ma­nö­vriert und blo­ckiert – all das kommt im All­tag kaum vor. Dass im SWR über eine Land­tags­sit­zung berich­tet wird, hat zuneh­mend Sel­ten­heits­wert, und auch die baden-würt­tem­ber­gi­schen Tages­zei­tun­gen grei­fen nur sehr begrenzt das poli­ti­sche Gesche­hen in Stutt­gart auf – egal, ob es um das Poli­zei­ge­setz, die Umset­zung des Wech­sels von G8 auf G9 im Gym­na­si­um oder die Ver­knüp­fung der bei­den Tei­le des Natio­nal­parks geht. Die schlech­te Lage der Kom­mu­nen – davon mag der eine oder die ande­re schon mal gehört haben, erst recht, wenn es lokal dadurch zu Pro­ble­men kommt. Dass zwi­schen Land und Kom­mu­nen jetzt ein Ver­fah­ren aus­ge­han­delt wur­de? Weiß das jemand? Da geht es dar­um, dass 2/3 des Gel­des, dass der Bund für den Aus­bau und die Sanie­rung der Infra­struk­tur, also von Stra­ßen, Schie­nen, Gebäu­den usw., – durch neue Schul­den­auf­nah­men – zur Ver­fü­gung stellt, an die Kom­mu­nen wei­ter­ge­ge­ben wird, und zwar weit­ge­hend bedin­gungs­los. Das sind immer­hin fast neun Mrd. Euro, die da in den nächs­ten Jah­ren an die Kom­mu­nen gehen. Dazu wird es im Land­tag kurz vor der Wahl noch einen Nach­trags­haus­halt geben. Hoch­span­nend, und gleich­zei­tig etwas, was den meis­ten Men­schen ver­mut­lich völ­lig unbe­kannt ist.

Und selbst Auf­re­ger­the­men wie die unsäg­li­che Äuße­rung von Kanz­ler Merz gehen an sehr vie­len Men­schen schlicht vor­bei. Klar, da wur­de drü­ber berich­tet – aber wer guckt noch regel­mä­ßig in Nach­rich­ten­sen­dun­gen, auf ent­spre­chen­de Web­sites oder in Zei­tun­gen? Und wer dann nicht zufäl­li­ger­wei­se auf sozia­len Medi­en damit kon­fron­tiert wird, wird das nicht ein­ord­nen kön­nen (genau­so, wie gut gemach­te Kom­men­tie­run­gen im Meme-Style, die auf die­se Äuße­rung anspie­len, halt nur denen ver­ständ­lich sind, die davon schon mal gehört haben). 

Es gibt auch in einer Demo­kra­tie kei­ne Pflicht dazu, sich poli­tisch zu infor­mie­ren. Umso wich­ti­ger, sich immer wie­der klar zu machen, dass vie­le Mitbürger*innen im bes­ten Fall nichts von der poli­ti­schen Arbeit mit­be­kom­men, die in Stutt­gart, Ber­lin oder Brüs­sel läuft, und erst recht nichts von Insi­der­de­bat­ten und zuge­spitz­ten Empö­rungs­wel­len. Und im schlech­te­ren Fall wis­sen sie davon, weil ihnen ein Algo­rith­mus oder ein auf die fal­schen Quel­len zurück­grei­fen­der Chat­bot AfD-Pro­pa­gan­da und Des­in­for­ma­ti­on auf die Bild­schir­me spült. 

Soweit mei­ne etwas ernüch­tern­de sonn­täg­li­che Bestands­auf­nah­me. „Bes­ser kom­mu­ni­zie­ren“ ist da nur ein halb guter Vor­satz, wenn der Reso­nanz­raum, in dem erör­tert wird, was poli­tisch getan wird, immer klei­ner und mar­gi­na­ler wird. Volks- bzw. Arbei­ter­bil­dung, hieß eine Ant­wort, die im 19. Jahr­hun­dert auf eine ähn­li­che Pro­blem­dia­gno­se gefun­den wur­de, glau­be ich – mög­li­cher­wei­se braucht es mehr davon. Im öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk, bei Volks­hoch­schu­len und Biblio­the­ken, und an vie­len ande­ren Orten.

Kurz: Geistererscheinungen

Der Spie­gel berich­tet dar­über, dass die DB teil­wei­se ver­spä­te­te Züge aus dem Fahr­plan nimmt und sie leer als „Geis­ter­zü­ge“ fah­ren lässt, um die Ver­spä­tungs­bi­lanz bes­ser aus­se­hen zu lassen.

Und auch in ande­rer Form tau­chen Geis­ter­zü­ge, ‑bus­se und ‑bah­nen auf: näm­lich immer dann, wenn irgend­et­was schief läuft im Abgleich zwi­schen dem, was in der rea­len Welt her­um­fährt, und dem, was in der Daten­bank und dem Infor­ma­ti­ons­sys­tem ver­an­kert ist. Dann steht in der App, dass der Zug pünkt­lich los­ge­fah­ren ist und pünkt­lich die nächs­te Sta­ti­on errei­chen wird. Real war­te ich aber immer noch am Gleis, und es taucht erst mit viel Ver­spä­tung oder gar nicht ein Zug auf. Oder es wer­den vier Bus­se für den Schie­nen­er­satz­ver­kehr in der App gemel­det; real taucht davon einer auf und ver­schwin­det dann wie­der. Und über­haupt: war­um das Info­sys­tem im Zug, das Info­sys­tem am Bahn­hof, das Info­sys­tem in der DB-App und mög­li­cher­wei­se – da will man dann gar nicht zu viel spe­ku­lie­ren – die digi­ta­le Leit­stel­le der DB – unter­schied­li­che Infor­ma­tio­nen haben und ver­brei­ten, ruft bei mir immer wie­der Fra­ge­zei­chen hervor.

Das gibt es auch anders­her­um: der DB Navi­ga­tor kennt auf­grund eines Feh­lers nach Wie­der­in­be­trieb­nah­me einer Stre­cke die dort ver­keh­ren­den Nicht-DB-S-Bah­nen nicht und führt sie nicht auf, erst in den fol­gen­den Tagen wer­den sie nach und nach als „Son­der­ver­kehr“ wie­der auf­ge­nom­men. Real fah­ren sie die gan­ze Zeit ganz regu­lär. Und auch Fern­zü­ge, die nicht zur DB gehö­ren, wur­den zumin­dest frü­her infor­ma­ti­ons­tech­nisch ger­ne aus­ge­blen­det. Inzwi­schen scheint der Navi­ga­tor mir hier bes­ser gewor­den zu sein.

Von ande­ren Mis­matchs zwi­schen Daten­ban­ken und rea­ler Welt gar nicht zu reden. Die „Geis­ter­leh­rer“, also Stel­len für Lehrer*innen, die nicht besetzt wur­den, aber auch nicht als frei gemel­det wur­den, sind da hof­fent­lich ein Ein­zel­fall und kein sys­te­ma­ti­scher Miss­stand in einer Welt, in der digi­ta­le Zwil­lin­ge und irgend­wo erfass­te Infor­ma­tio­nen ger­ne ein­mal ein Eigen­le­ben beginnen. 

Photo of the week: Copenhagen (part II)

Dass ich Kopen­ha­gen als eine ent­spann­te und freund­li­che Groß­stadt ken­nen­ge­lernt habe, lag mög­li­cher­wei­se auch dar­an, dass ich zufäl­li­ger­wei­se genau in der Pri­de-Week da war. Mehr dazu, zu Chris­tia­nia, zu Muse­en und zu ein paar Impres­sio­nen unten.

Copenhagen Pride

Copenhagen Pride - XVI

Der Zug der Pri­de-Para­de begann in Fre­de­riks­berg – ein Teil Kopen­ha­gens, der aus his­to­ri­schen Grün­den eine eige­ne Gemein­de ist, etwas bür­ger­li­cher wirkt und sich ansons­ten naht­los in die Stadt ein­fügt. Neben LSBTIQ*-Verbänden waren vie­le gro­ße Orga­ni­sa­tio­nen (gro­ße Fir­men wie Micro­soft, Par­tei­en, die Stadt­ver­wal­tung, die Uni, die Leh­rer­ge­werk­schaft, Diplomat*innen) mit eige­nen Blö­cken bei der Pri­de dabei. Auf­fäl­lig: vie­le Kin­der, vie­le Fami­li­en – und sehr vie­le Las­ten­rä­der, die sich ja auch her­vor­ra­gend zum Trans­port von Musik­an­la­gen etc. eig­nen. Neben Pri­de-Flag­gen in allen Vari­an­ten gab es auch Soli­da­ri­tät mit der Ukrai­ne – und mit Paläs­ti­na. Däni­sche Beson­der­heit: Grön­land tauch­te mit einem eige­nen Block auf. Wie über­haupt das Ver­hält­nis zu den „däni­schen Kolo­nien“ eine gro­ße unge­lös­te Fra­ge ist, die mir sowohl in Chris­tia­nia, wo es ein eige­nes Grön­land-Haus gibt, als auch im Natio­nal­mu­se­um – mit Aus­stel­lung zum Kolo­nia­lis­mus – begeg­ne­te. Oder eben auf der Pri­de. Apro­pos: Wem die zu kom­mer­zi­ell und ange­passt war, der konn­te auch zur „Alter­na­ti­ve Pri­de“ in Ves­ter­bro gehen.

Christiania

Christiania - XIV

Angeb­lich ist der Freistaat/die Frei­stadt Chris­tia­nia inzwi­schen die zweit­stärks­te Tou­ris­ten­at­trak­ti­on Kopen­ha­gens (nach dem Tivo­li, den ich nicht besucht habe). Gleich­zei­tig: ein nach wie vor in Tei­len besetz­tes, weit­läu­fi­ges ehe­ma­li­ges Mili­tär­ge­län­de, und eine poli­tisch trotz Deals und einer gewis­sen Annä­he­rung seit 50 Jah­ren offe­ne Fra­ge. Ich habe Chris­tia­nia zwei­mal besucht, ein­mal „so“ und ein­mal im Rah­men einer geführ­ten Tour durch einen Bewoh­ner – letz­te­res kann ich auf jeden Fall emp­feh­len. Das Bild, das ich aus die­sen bei­den besu­chen (und dem dort gekauf­ten Buch „Post­cards from Chris­tia­nia“) mit­neh­me, ist ein ambivalentes. 

Chris­tia­nia ist als Gemeinschaft/Dorf mit rund 1000 Bewohner*innen, in einem Dut­zend „Stadt­tei­len“ selbst orga­ni­siert. Es leben dort vie­le Künstler*innen (und auch Lebenskünstler*innen), die Hip­pie-Ideen aus der Anfangs­zeit gibt es auch irgend­wie wei­ter­hin. Wer Bewohner*in wer­den möch­te, muss sich bewer­ben und von der jewei­li­gen Nach­bar­schaft aus­ge­wählt wer­den, in der ein Haus frei gewor­den ist. Der/die Aus­er­wähl­te* zahlt dann eine nied­ri­ge Mie­te sowie eine Abga­be in die Gemein­schafts­kas­se, muss sich um alles wei­te­re selbst küm­mern (ein wich­ti­ger zen­tra­ler Ort der Frei­stadt ist eine Art Bau­markt) und kann sich in die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on ein­brin­gen, die aus „mee­tings, mee­tings, mee­tings“ auf allen Ebe­nen besteht. Ent­schie­den wird im Kon­sens. Aller­dings gibt es wohl auch Spal­tun­gen – in Ver­hand­lun­gen mit dem däni­schen Staat wur­de der Kern­teil von Chris­tia­nia in eine Stif­tung über­führt, die weit­rei­chen­den Gebie­te um die­sen Kern her­um – ich war über­rascht, wie viel Natur (und Alt­las­ten) es hier gibt – sind dage­gen nach wie vor strit­tig, und aus Sicht eini­ger Akteu­re bes­tes Bau­land. Dar­um wird wei­ter poli­tisch gerun­gen, und dazu, ob der Deal mit dem Staat rich­tig war, gibt es wohl wei­ter­hin sehr unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen. Gleich­zei­tig gibt es durch­aus Abhän­gig­kei­ten, so gehen die Kin­der auf Schu­len außer­halb des Gebie­tes (im Gebiet sind dafür eini­ge Kin­der­gär­ten), und inzwi­schen wer­den wohl auch Steu­ern bezahlt und Bau­vor­schrif­ten beach­tet. Gleich­zei­tig zie­hen sich Poli­zei­über­grif­fe wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Der öffent­lich und tou­ris­tisch sicht­ba­re Teil von Chris­tia­nia ist vor allem der Ein­gangs­be­reich mit der berüch­tig­ten Pusher­street (und vie­len Clubs, Bars und dem über Chris­tia­nia hin­aus bekann­ten Nemo­land als Konzertveranstalter/Biergarten). Der Kon­sum (und Ver­kauf) von Can­na­bis wird wei­ter­hin gedul­det, Chris­tia­nia ver­sucht aber aktiv, Gangs und har­te Dro­gen drau­ßen­zu­hal­ten. Hier gab es wohl in der Ver­gan­gen­heit sowohl sei­tens des Staa­tes als auch sei­tens der orga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät äußerst unschö­ne Zuspit­zun­gen. Oder auch: die Gren­zen der Anar­chie wer­den sichtbar. 

Ein letz­ter, für mich span­nen­der Fakt: ein gro­ßer Teil der Christianit*innen arbei­tet außer­halb, oft in Selbst­stän­dig­keit. Dafür sind – wohl gera­de im tou­ris­ti­schen Teil des Gebiets – vie­le Men­schen beschäf­tigt, die gar nicht in Chris­tia­nia woh­nen (und trotz­dem nur den Ein­heits­lohn der Chris­tia­nia-Selbst­ver­wal­tung bekom­men). Dane­ben gibt es dann noch eine Schat­ten­öko­no­mie – nicht nur Pusher, die Can­na­bis ver­kau­fen, son­dern auch Flaschensammler*innen.

* Neben­be­mer­kung: ich fin­de es immer wie­der span­nend zu sehen, wie sehr inten­tio­na­le Gemein­schaf­ten, Öko­dör­fer, Pro­jek­te etc. – bis hin zum z.B. Miets­häu­ser­syn­di­kat – über Selek­ti­on funk­tio­nie­ren und genau da m.E. eine Ver­all­ge­mei­ner­bar­keit ver­mis­sen las­sen. Bzw.: hier wird Gesell­schaft vs. Gemein­schaft hart sichtbar.

Schlösser, Museen und Sehenswürdigkeiten

Nationalmuseum - XVIII (the 70s)
Nationalmuseum - III

Von der Viel­zahl der Muse­en, Schlös­ser und Sehens­wür­dig­kei­ten, die es in Kopen­ha­gen und in der Umge­bung gibt, konn­te ich natur­ge­mäß nur einen Bruch­teil anschau­en. Neben Schloss Kron­borg in Hel­sin­gør und dem Kunst­mu­se­um Loui­sia­na in Hum­le­bæk waren dies das däni­sche Archi­tek­tur­zen­trum, eine Instal­la­ti­on in den Cis­ter­ner­nen, das sehr sehens­wer­te Design­mu­se­um, der Turm der Erlö­ser­kir­che mit Blick auf gro­ße Tei­le der Stadt (und lan­gen Wartezeiten/gebuchten Slots), der bota­ni­sche Gar­ten samt Pal­men­haus. Oben zu sehen sind zwei Arte­fak­te aus dem Natio­nal­mu­se­um, das sich für tage­fül­len­de Besu­che eig­net. In dem Muse­um geht es um die däni­sche Geschich­te von der Vor­ge­schich­te (auf dem einen Foto: die Rekon­struk­ti­on eines Klei­des aus der Bron­ze­zeit) bis zur Gegen­wart (auf dem ande­ren Foto: die musea­li­sier­ten 70er Jah­re). Beson­ders beein­druckt hat mich die thea­ter­haft insze­nier­te „Viking Sorcer­ess“, die nahe­bringt, was sich aus Arte­fak­ten und den Eddas über das Den­ken der Men­schen der Wikin­ger­zeit rekon­stru­ie­ren lässt, und das gut insze­niert. Auch den Abschnitt zur Vor­ge­schich­te fand ich gut auf­ge­baut; der gro­ße Bogen über die Staa­ten­bil­dung bis zum Ende des Abso­lu­tis­mus und der Sozi­al­de­mo­kra­tie war dage­gen etwas viel. Wie schon erwähnt, gab es im Natio­nal­mu­se­um auch eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der däni­schen Kolo­ni­al­ge­schich­te, zu der neben Grön­land auch (klei­ne­re) Kolo­nien in Indi­en und Afri­ka gehör­ten. Stich­wort Sozi­al­de­mo­kra­tie: dazu kann ich das Arbei­ter­mu­se­um emp­feh­len, das im ehe­ma­li­gen Ver­samm­lungs­haus der däni­schen Arbei­ter­be­we­gung unter­ge­bracht ist. Neben der Geschich­te von Gewerk­schaf­ten und sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Par­tei geht es hier auch um die Arbeit und die Lebens­um­stän­de der Arbeiter*innen in gut gemach­ten (teil­wei­se aller­dings nur dänisch beschrif­te­ten) Installationen. 

Typisch Kopenhagen?

Nyhavn - I
Søren Kierkegaards Plads - IV
Rosenborg - IV
Railroad with skyline - II