Gauck auf der Goldwaage

Ich weiß, es nervt. Aber je län­ger die Debat­te um Joa­chim Gauck anhält, des­to weni­ger sehe ich, dass er auch nur gut dar­in wäre, gesell­schaft­li­chen Debat­ten anzu­sto­ßen. Einer, an dem man sich rei­ben kann, sagen die, die ihn jetzt aus grü­ner Sicht ver­tei­di­gen. Aber wer eine gro­ße Rei­bungs­flä­che bie­tet, wird leicht zum geis­ti­gen Brandstifter. 

Kon­kret wird das an einem lan­gen Zitat aus einem NZZ-Inter­view, das die publi­ka­ti­ve als Tran­skript ver­öf­fent­licht hat. Ein lan­ger, lan­ger Satz – eher ein Gedan­ken­strom – aus die­sem Zitat lohnt der nähe­ren Betrach­tung, dazu als Kon­text die bei­den Sät­ze zuvor. 

Das gan­ze eher als aka­de­mi­sche Übung – mir ist bewusst, dass ich hier haar­spal­te­risch (und doch metho­disch eher frei­hän­dig) Gaucks Wor­te auf die Gold­waa­ge lege. Ich fin­de es den­noch hilf­reich, sich ein­mal ganz genau anzu­schau­en, was Gauck sagt, und zu über­le­gen, was er damit mei­nen könn­te – auch, um sowas wie laten­te Deu­tungs­mus­ter frei­zu­le­gen. Mir ist klar, dass mei­ne Deu­tun­gen hier nicht frei von Vor­ein­ge­nom­men­heit sind – ich bit­te gege­be­nen­falls um begrün­de­ten Widerspruch.

Der Text­aus­schnitt beginnt mit der Fra­ge des Inter­view­ers, ob Gauck Wul­ffs »Der Islam gehört zu Deutsch­land« als Bun­des­prä­si­dent auch so gesagt hätte. 

[1] Also, das ist ein Problem der Wortwahl.

Unklar ist hier, auf was sich das »das« bezieht. Ich ver­mu­te, dass damit so etwa »eine Aus­sa­ge zum The­ma Inte­gra­ti­on, wie sie Chris­ti­an Wul­ff gesagt hat« gemeint ist. Er stimmt der Wort­wahl Wul­ffs nicht zu – sonst hät­te er nicht den Begriff »Pro­blem« ver­wen­det. Um über Inte­gra­ti­on zu reden, ist aus Gaucks Sicht dem­nach eine ande­re Wort­wahl notwendig.

[2] Ich weiß was er meint,

Da er die Wort­wahl pro­ble­ma­ti­sie­ren möch­te, defi­niert sich Gauck mit der Flos­kel »Ich weiß, was er meint« zunächst ein­mal als kun­di­ger Teil­neh­mer des Dis­kur­ses, der weiß, was Chris­ti­an Wul­ff war­um gesagt hat; gleich­zei­tig schwimmt hier die Pro­ble­ma­ti­sie­rung mit: Wenn jemand sagt, dass er weiß, was jemand ande­res meint, dann bedeu­tet das auch, dass jemand ande­res das so aus­ge­drückt hat, dass nicht sofort klar ist, was gemeint ist. Das wür­de hier also bedeu­ten: »Ich weiß, was Wul­ff sagen woll­te, ich ken­ne mich damit aus – und ich sage jetzt, wie das bes­ser gesagt wer­den kann.«

[3] und ich denke, dass er in dieser Beschreibung etwas, was irgendwann einmal sein wird, vorgezogen hat.

Die­se Deu­tung bestä­tigt sich im nächs­ten Halb­satz. Denn Wul­ff hat, so erklärt uns Gauck, den Feh­ler gemacht hat, »etwas, was irgend­wann ein­mal sein wird«, zeit­lich in die Gegen­wart ver­setzt zu haben. Anders gesagt: Gauck erklärt die Deu­tung »Der Islam gehört zu Deutsch­land« als Gegen­warts­be­schrei­bung für falsch. Allen­falls als Aus­blick in die (fer­ne) Zukunft, als Uto­pie (das »irgend­wann ein­mal«), hat sie ihre Berech­ti­gung. Zusam­men mit der von ihm ein­gangs ange­spro­che­nen pro­ble­ma­ti­schen Wort­wahl liegt damit nahe, dass Wul­ff aus Gaucks Sicht eigent­lich hät­te sagen müs­sen: »Der Islam wird/​kann eines Tages zu Deutsch­land gehören.« 

Das Pro­blem der Wort­wahl erscheint damit nun eigent­lich eben nicht als Pro­blem der Wort­wahl (Wul­ff hat sich falsch aus­ge­drückt, hat ein fal­sches Wort ver­wen­det), son­dern als ein Pro­blem unter­schied­li­cher Welt­deu­tun­gen. Gauck distan­ziert sich vom Wort­sinn des »Der Islam gehört zu Deutsch­land« und schiebt in sei­ner Deu­tung der Welt das Dazu­ge­hö­ren des Islams zu Deutsch­land als Mög­lich­keit in eine unkla­re Zukunft. Anders­her­um sagt er damit auch: »Heu­te gehört der Islam noch nicht zu Deutschland.«

Die­se Posi­ti­on erscheint nun natür­lich begrün­dungs­be­dürf­tig. Die nächs­ten Sät­ze die­nen der Legi­ti­ma­ti­on der von Wul­ff abwei­chen­den Weltdeutung.

[4] Denn wir würden uns eigentlich nicht helfen, wenn wir Fremdheit und Distanziertheit übersehen würden

Gauck unter­stellt, dass Wul­ff (und alle, die sei­ne Posi­ti­on hin­sicht­lich des Islams tei­len) »Fremd­heit und Distan­ziert­heit über­se­hen wür­den«. Er tadelt die­ses »über­se­hen« und betont, dass es »uns« (der Gesell­schaft? den Mehr­heits­deut­schen? dem Volk? dem Staat?) »eigent­lich nicht hel­fen« wür­de, die­se Fremd­heit zu übersehen.

Ich schrei­be hier, dass Gauck das Wul­ff unter­stellt. Für sich genom­men sagt der Satz »Der Islam gehört zu Deutsch­land« (der eigent­lich auch nicht genau so gefal­len ist) ja zunächst ein­mal gar nichts dar­über aus, ob der Islam fremd ist oder nicht. Er gehört dazu, wie – so in Wul­ffs Rede – eben auch die christ­li­che und jüdi­sche Tra­di­ti­on zu Deutsch­land dazu­ge­hö­ren, aber er kann trotz­dem eben­so fremd sein, wie erz­ka­tho­li­sche baye­ri­sche Bräu­che der Ham­bur­ge­rin fremd sind. Viel­leicht spre­chen Wul­ff und Gauck (so eine auf Face­book geäu­ßer­te Ver­mu­tung) auch von unter­schied­li­chen For­men der Dazu­ge­hö­rig­keit – eine for­ma­le Dazu­ge­hö­rig­keit im Sin­ne der Bür­ger­schaft, oder eine kul­tu­rel­le Dazu­ge­hö­rig­keit im Sin­ne einer Gemeinschaft. 

Zurück zum Zitat: In mei­ner Deu­tung tadelt Gauck also Wul­ff dafür, zu behaup­ten, dass der Islam schon heu­te zu Deutsch­land gehört. Dies sei nicht so, son­dern sei ein mög­li­ches zukünf­ti­ges Ziel. Wer sagt, dass der Islam heu­te schon zu Deutsch­land dazu­ge­hört, dem unter­stellt er, dass die­ser die Fremd­heit des Islams über­se­he. Die­se Fremd­heit soll nicht rhe­to­ri­sche ver­deckt wer­den, son­dern muss betont werden.

[5] in der guten Absicht, ein einladendes Land zu sein.

War­um glaubt Gauck, dass Wul­ff das so sagt; war­um glaubt Gauck, dass Wul­ff (und ande­re) die Fremd­heit des Islams ver­schwei­gen? Weil sie die »gute Absicht« hegen, »ein ein­la­den­des Land zu sein«. Die­ser Punkt ist inter­es­sant, weil es eben nicht die gute Absicht ist, die ver­schie­de­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen zusam­men­zu­brin­gen, oder die Gesell­schaft zusam­men­zu­hal­ten, son­dern die gute Absicht, als Land ein­la­dend zu sein. Hier stellt sich nun die Fra­ge, für wen das Land ein­la­dend sein soll. Dazu sagt Gauck nichts. Eine mög­li­che Deu­tung könn­te sich auf die­je­ni­gen bezie­hen, die hier sind oder hier­her­kom­men wol­len, aber fremd sind. Die gute Absicht wäre dann die gute Absicht, ein­la­dend für hier leben­de Nicht­deut­sche zu sein. Eine ande­re Deu­tung – die an die Ver­wen­dung des Wor­tes »Land« gekop­pelt ist, könn­te die sein, dass die gute Absicht sich dar­auf bezieht, Deutsch­land mit einem bestimm­ten Attri­but aus­zu­stat­ten, näm­lich dem, nach außen hin »ein­la­dend« zu wirken. 

Zusam­men mit dem ers­ten Halb­satz geht es dann also dar­um, dass die mit der »guten Absicht« nicht über die Fremd­heit des Islams reden möch­ten, weil dass dazu füh­ren wür­de, dass Deutsch­land weni­ger ein­la­dend wirkt.

Kurz noch ein Wort zur »guten Absicht«: Wer von einer guten Absicht redet, tut das oft, um dar­zu­stel­len, dass der fal­sche Weg gewählt wur­de, um ein Ziel zu errei­chen, oder sogar, dass ein Ziel in Angriff genom­men wird, das unrea­lis­tisch ist. Zuge­spitzt liegt in der »guten Absicht« – ähn­lich wie in der mit der Wort­wahl ver­knüpf­ten zeit­li­chen Ver­schie­bung – eine Ableh­nung der Inte­gra­ti­on bzw. des »ein­la­den­den Lan­des« als rea­lis­ti­schem Nahziel. 

[6] Diese gute Absicht ist ja lobenswert, aber

Gauck wie­der­holt hier noch ein­mal die gute Absicht (ein ein­la­den­des Land zu sein), und stellt sie zugleich als unrea­lis­tisch da. Die gute Absicht, ein ein­la­den­des Land sein zu wol­len, ist »ja« lobens­wert, »aber« es gibt Grün­de, die dage­gen spre­chen, die­se Absicht zu hegen und sie umset­zen zu wol­len. Das Lob ist ver­gif­tet – wer die gute Absicht des »ein­la­den­den Lan­des«, des »der Islam gehört zu Deutsch­land« als Ziel hat, ist, kurz gesagt, naiv.

Im Rest des Sat­zes wird das »aber« näher ausgeführt.

[7] wir haben doch ganz andere Traditionen,

Das ist noch ein­mal ein direk­ter Wider­spruch zu Wul­ff, der davon gespro­chen hat, dass der Islam wie die jüdi­sche und die christ­li­che Tra­di­ti­on zu Deutsch­land dazu­ge­hört. Für Gauck ist das nicht so. »Wir« – damit meint er ver­mut­lich »das deut­sche Volk« o.ä. – haben »doch« (also noch ein­mal eine Beto­nung des Aber, eine Abset­zung von der gute Absicht) »ganz ande­re Tra­di­tio­nen«. Die­se Tra­di­tio­nen sind Gauck näher und wich­ti­ger als das zeit­lich in die Zukunft ver­scho­be­ne Ziel des ein­la­den­den Landes.

Gauck betont hier das Motiv der Fremd­heit – die Tra­di­ti­on des Islam ist eine »ganz ande­re« (die mit­tel­al­ter­li­chen Berü­hungs­punk­te, die mono­the­is­ti­sche Gemein­sam­keit spielt dabei kei­ne Rol­le). Ande­re haben ähn­li­che Gedan­ken­gän­ge ein­mal mit dem Motiv der »Leit­kul­tur« verziert.

[8] und die Menschen in Europa, das sehen wir allüberall, nicht nur in Deutschland,

Der Inte­gra­ti­ons­dis­kurs wird ger­ne als Dis­kurs vol­ler Tabus ange­se­hen. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es Gauck wich­tig, einen Abstand zu tabui­siert erschei­nen­den Dis­kurs­ele­men­ten zu hal­ten. Das jeden­falls ist mei­ne Deu­tung dafür, war­um er hier den Hori­zont von Deutsch­land auf »all­über­all« »in Euro­pa« wei­tet. Er möch­te nicht über eine deut­sche Tra­di­ti­on reden, son­dern über eine euro­päi­sche, und sich als Euro­pä­er dar­stel­len. Even­tu­ell kommt hin­zu, dass das Inter­view mit der NZZ statt­fand, also einer schwei­ze­ri­schen Zeitung. 

Das zwei­te Argu­ment, war­um es für Gauck falsch ist, die »Fremd­heit« der isla­mi­schen Tra­di­ti­on in der »guten Absicht«, »ein ein­la­den­des Land zu sein«, zu igno­rie­ren, ist nun kein aka­de­mi­schen über Tra­di­tio­nen, son­dern bezieht sich auf »die Men­schen«, es ist also ein popu­lis­ti­sches. »Die Men­schen« sind hier ver­mut­lich ganz selbst­ver­ständ­lich nur die­je­ni­gen Men­schen »in Euro­pa«, die in den im ers­ten Argu­ment genann­ten Tra­di­tio­nen ste­hen. Die ande­ren gehö­ren (noch nicht?) dazu.

Gauck sagt nun, dass er eine Aus­sa­ge über ein übli­ches Phä­no­men machen möch­te, über etwas was »all­über­all« »in Euro­pa«, und »nicht nur« (dort aber ganz beson­ders?) »in Deutsch­land« beob­ach­tet wer­den kann.

[9] [die Menschen] sind allergisch, wenn sie das Gefühl haben, dass was auf dem Boden der europäischen Aufklärung und auch auf dem religiösen Boden Europas gewachsen ist, wenn das überfremdet wird,

All­über­all beob­ach­tet Gauck, dass Men­schen »all­er­gisch« »sind«, eigent­lich all­er­gisch auf etwas reagie­ren, etwa mit Rei­zun­gen. Die Men­schen in Euro­pa, die dazu­ge­hö­ren, reagie­ren gereizt auf ein »Gefühl« (d.h. das, was Gauck im nächs­ten Halb­satz beschreibt, muss nicht unbe­dingt der Wahr­heit ent­spre­chend, son­dern kann den Cha­rak­ter einer emo­tio­nal gefärb­ten Wahr­neh­mung haben). Dabei geht es dar­um, dass etwas »über­frem­det« wird (zu die­sem Begriff gleich mehr) – und zwar das, »was auf dem Boden der euro­päi­schen Auf­klä­rung und auch auf dem reli­giö­sen Boden Euro­pas gewach­sen ist«. (War­um eigent­lich redet er hier vom Boden – die Asso­zia­ti­on zu »Blut und Boden« liegt zumin­dest nicht ganz fern?!)

Gauck ver­wen­det hier ein orga­ni­sches Bild für die von ihm ein­ge­führ­ten Tra­di­tio­nen. Es gibt einen »Boden« Euro­pas, auf dem etwas wächst. Die­ser Boden wird zwei­fach beschrie­ben – als Boden der Auf­klä­rung, aber auch als reli­giö­ser Boden. Es ist anzu­neh­men, dass er mit dem reli­giö­sen Boden die jüdi­schen und christ­li­chen Tra­di­tio­nen meint, die er in ähn­li­cher Gewich­tung nennt wie die säku­la­re Tra­di­ti­on der Auf­klä­rung. Dem­nach wür­den Auf­klä­rung, Juden­tum und Chris­ten­tum (mög­li­cher­wei­se aber auch nur der luthera­ni­sche Pro­tes­tan­tis­mus) den Boden für etwas dar­stel­len, das gewach­sen ist – ich den­ke, dass er damit die heu­ti­ge euro­päi­sche Kul­tur meint (wie­der­um abzüg­lich der­je­ni­gen, die noch nicht dazu­ge­hö­ren). Gleich­zei­tig ver­weist das Bild dar­auf, dass wir heu­te Früch­te von etwas ern­ten, das in der Ver­gan­gen­heit gesät wurde. 

Dabei knüpft Gauck aller­dings an einen begrenz­ten Aus­schnitt der euro­päi­schen (bzw. deut­schen) Geschich­te an. Ein ande­rer mög­li­cher Anknüp­fungs­punkt könn­te die euro­päi­sche Anti­ke dar­stel­len. Auch das z.T. wider­sprüch­li­che Ver­hält­nis von Auf­klä­rung und Reli­gi­on wird nicht näher geklärt (im Vor­griff auf den Rest des Sat­zes ist es all­ler­dings denk­bar, dass für Gauck Auf­klä­rung v.a. die Erneue­rung des Chris­ten­tums in der pro­tes­tan­ti­schen Refor­ma­ti­on meint). 

Die­se kul­tu­rel­le Ern­te wird nun, so dass Gefühl der Men­schen »all­über­all« »in Euro­pa«, »über­frem­det«. Hier ver­lässt Gauck das orga­ni­sche Bild des Bodens, auf dem etwas gewach­sen ist. Etwas, näm­lich das auf die­sem Boden Gewach­se­ne, wird über­frem­det. Der Begriff »über­frem­det« erscheint hier, wört­lich genom­men, zunächst ein­mal sinn­los. Viel­leicht ist er so zu ver­ste­hen, dass dem Gewach­se­nen etwas Frem­des über­ge­stülpt wird – aber von wem, und warum?

Was ist fremd zu Auf­klä­rung und dem »reli­giö­sen Boden Euro­pas«? Ein­gangs spricht Gauck von der Fremd­heit und Distan­ziert­heit. Es liegt nahe, dass das, was hier als fremd über­ge­stülpt wird, das sel­be ist, also das Ande­re der »Men­schen« »in Euro­pa« – der Islam, oder all­ge­mei­ner, alles, was nicht in den Tra­di­ti­ons­li­ni­en der Auf­klä­rung und der judeo-christ­li­chen Reli­gio­nen steht.

Damit endet das zwei­te Argu­ment: Die »gute Absicht« des »ein­la­den­den Lan­des«, die dazu führt, dass der Islam als dazu­ge­hö­rig behan­delt wird, »ist zwar lobens­wert«, »aber« ihr wider­spricht die von Gauck so gese­he­ne Tat­sa­che, dass »Men­schen« »all­über­all« »in Euro­pa« »all­er­gisch« dar­auf reagie­ren, dass etwas nicht der christ­lich-jüdi­schen Tra­di­ti­ons­li­nie bzw. der Tra­di­ti­on der Auf­klä­rung ent­spricht. Das Argu­ment ist damit aller­dings tau­to­lo­gisch gewor­den: Letzt­lich sagt Gauck nur, dass »die Men­schen« den Islam als fremd emp­fin­den, weil sie ihn als fremd empfinden.

[10] um einen Begriff zu verwenden, der in Deutschland verpönt ist, aber ich verwende ihn hier ganz bewusst,

Wie­der­um weiß Gauck um die (ver­meint­li­chen) Tabus des Dis­kur­ses. Um die tau­to­lo­gi­sche Aus­sa­ge, dass der Islam fremd ist, weil er als fremd emp­fun­den wird, zu tref­fen, ver­wen­det er »ganz bewusst« den Begriff »über­frem­den«. Er insze­niert sich also als einer, der bewusst ein Tabu des Dis­kur­ses bricht, um eine im Dis­kurs unpo­pu­lä­re, aber in der Bevöl­ke­rung all­ge­mein­gül­ti­ge Bot­schaft aus­zu­spre­chen: Men­schen reagie­ren all­er­gisch auf den Islam, weil er nicht zu uns – zu unse­ren Tra­di­ti­ons­li­ni­en – gehört.

Und wie­der­um greift Gauck nach Euro­pa, um sich vom spe­zi­fisch deut­schen Dis­kurs zu lösen:

[11] denn ich habe in, sagen wir, älteren Zivilgesellschaften als Deutschland es ist, etwa in den städtischen Milieus von Rotterdam und Amsterdam oder Kopenhagen, wo wirklich die Menschen unverdächtig sind, Rassisten zu sein,

Er weiß, dass er sich, auch wenn er sich als Tabu­bre­cher insze­niert, eben­so vom Ras­sis­mus abgren­zen muss – sonst wäre sei­ne Aus­sa­ge ein­deu­tig ein­ord­nen­bar und damit igno­rier­bar. Wie nun von »Über­frem­dung« spre­chen, ohne als Ras­sist gebrand­markt zu weden? Gauck sagt, dass er den »in Deutsch­land ver­pön­ten« Begriff der »Über­frem­dung« mit der Begrün­dung ver­wen­det, dass es eben nicht nur Deut­sche sind (die ja schnell im Ver­dacht ste­hen, Ras­sis­ten zu sein), son­dern auch »älte­re Zivil­ge­sell­schaf­ten«, ja, die »städ­ti­schen Milieus von Rot­ter­dam und Ams­ter­dam und Kopen­ha­gen«, sind, in denen die vom ihm beob­ach­te­te all­er­gi­sche Reak­ti­on auf den Islam auftritt. 

Die­se Begrün­dung irri­tiert nun gleich auf zwei­er­lei Art und Wei­se. Zum einen ist es eben nicht so, dass die »städ­ti­schen Milieus von Rot­ter­dam, Ams­ter­dam und Kopen­ha­gen« dem Ras­sis­mus unver­däch­tig sind, wie Gauck behaup­tet. Ver­mut­lich spielt er auf die Erfol­ge rechts­po­pu­lis­ti­scher Par­tei­en in die­sen Städ­ten an – aber die sind eigent­lich klar als frem­den­feind­lich, min­des­tens als islam­feind­lich zu erken­nen. Oder aber es geht ihm, wenn er genau die­se Städ­te her­an­zieht, um Bei­spie­le von Städ­ten, die all­ge­mein als »mul­ti­kul­tu­rell« aner­kannt sind – dann aber stellt sich die Fra­ge, war­um genau die­se Städ­te nun dazu die­nen sol­len, die Begriffs­wahl der »Über­frem­dung« und die The­se, dass eine nicht dazu­ge­hö­ren­de Kul­tur über­ge­stülpt wird, zu begründen. 

Zum ande­ren irri­tiert, dass er zwar die Wort­wahl »Über­frem­dung« als begrün­dungs­be­dürf­tig klas­si­fi­ziert, aber eben eigent­lich kei­ne Begrün­dung lie­fert, war­um er nicht einen ande­ren Begriff gewählt hat, um dar­über zu reden, dass zu einer auf dem Boden von Auf­klä­rung und Reli­gi­on gewach­se­nen euro­päi­schen Kul­tur etwas hinzukommt. 

Letzt­lich begrün­det er sei­ne (in Deutsch­land ver­pön­te) Begriffs­wahl damit, dass es anders­wo in Euro­pa auch üblich sei, »all­er­gisch« auf »Über­frem­dung« zu reagieren.

[12] dieses tiefe Unbehagen alteingesessener Europäer gegenüber dieser Form von, ja, plötzlicher Koexistenz,

Die post­ko­lo­nia­le Geschich­te Euro­pas wird Gauck hier zur »plötz­li­chen Koexis­tenz« (mit wem, zeigt sich gleich), auf die die »alt­ein­ge­ses­se­nen Euro­pä­er« in Ams­ter­dam, Rot­ter­dam und Kopen­ha­gen mit »tie­fem Unbe­ha­gen« reagie­ren. (Wohl­ge­merkt: wir sind wei­ter in der Begrün­dung, war­um für das Argu­ment, dass der Islam nicht zu Euro­pa gehört, weil er nicht zu Euro­pa gehört, der Begriff »Über­frem­dung« pas­send ist).

[13] [plötzlicher Koexistenz] aber nicht mit einem System, mit dem wir jederzeit auf einer Wellenlänge kommunizieren, sondern,

Der Aus­lö­ser für das »tie­fe Unbe­ha­gen« ist die »plötz­li­che Koexis­tenz« mit einem frem­den Sys­tem. War­um ist das Sys­tem fremd? Weil es kei­nes ist, »mit dem wir jeder­zeit auf einer Wel­len­län­ge kom­mu­ni­zie­ren«, son­dern ein fremdes. 

Neben­bei bemerkt: Gauck wählt hier, des­we­gen erschien mir oben auch der Bezug zur »Leit­kul­tur« als pas­send, als Defi­ni­ti­on der eige­nen Iden­ti­tät etwas, »mit dem wir jeder­zeit auf einer Wel­len­län­ge kom­mu­ni­zie­ren« kön­nen. Wir, das sind die mit der gemein­sa­men Kul­tur (den nichts ande­res heißt es, auf einer Wel­len­län­ge zu kom­mu­ni­zie­ren: Die glei­chen kul­tu­rel­len Erwar­tun­gen und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­codes zu haben!) – die Frem­den sind alle, die nicht wir sind, weil sie einem ande­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­tem angehören. 

Ich ver­mu­te, dass das Bild der pro­ble­ma­ti­schen »Koexis­tenz mit einem frem­den Sys­tem« eine Leit­me­ta­pher im Gauck­schen Den­ken dar­stellt. Denn letzt­lich war die Ost­po­li­tik der BRD genau das: der Ver­such, die Koexis­tenz mit einem frem­den Sys­tem mög­lich fried­lich zu orga­ni­sie­ren. Das muss schief­ge­hen (ent­spre­chend äußert sich Gauck spä­ter im Inter­view – hier nicht dis­ku­tiert – auch zu den post­kom­mu­nis­ti­schen ost­eu­ro­päi­schen Trans­for­ma­ti­ons­län­dern, die eben­falls als frem­de Sys­te­me beschrie­ben wer­den). »Koexis­tenz« und »Sys­tem« sind dem Kal­ten Krieg entnommen.

[14] darum macht sich das am Islam fest,

Jetzt lässt Gauck den Hasen aus dem Sack: Das frem­de Sys­tem, zu dem die städ­ti­schen Milieus von Rot­ter­dam, Ams­ter­dam und Kopen­ha­gen zur »plötz­li­chen Koexis­tenz« gezwun­gen wur­den, was bei die­sen zu tie­fem Unbe­ha­gen führt, weil es inkom­pa­ti­bel zu euro­päi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­codes ist, das ganz außer­halb der reli­giö­sen und auf­klä­re­ri­schen Tra­di­ti­on Euro­pas steht, und das eben nicht dazu­ge­hö­ren kann, weil es nicht dazu­ge­hört, ist der Islam.

[15] da entsteht eine Debatte mit voraufgeklärten Politikvertretern,

Für Gauck ist der Islam fremd, weil 1. die »städ­ti­schen Milieus«, »die Men­schen« »über­all« »in Euro­pa«, »wir« in Deutsch­land dazu gezwun­gen wer­den, »mit vor­auf­ge­klär­ten Poli­tik­ver­tre­tern« zu spre­chen, obwohl die­se auf einer »ande­ren Wel­len­län­ge« fun­ken, also eigent­lich gar nicht mit uns kom­mu­ni­zie­ren können. 

Zum Islam kom­men hier zwei Bil­der ins Spiel. Zum einen wird mit »Poli­tik­ver­tre­tern« gespro­chen, nicht mit den »Men­schen«. Eine dem Islam ange­hö­ren­de Poli­tik­ver­tre­te­rin ist laut Web­site des Deut­schen Bun­des­ta­ges bei­spiels­wei­se die grü­ne Abge­ord­ne­te Ekin Deli­göz. Eine »vor­auf­ge­klär­te Politikvertreterin«? 

Oder meint Gauck mit »Poli­tik­ver­tre­tern« die Ver­tre­te­rIn­nen orga­ni­sier­ter Inter­es­sen der isla­mi­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft? Das Bild bleibt rätselhaft.

Zum zwei­ten sind die Ver­tre­te­rIn­nen des Islams »vor­auf­ge­klärt« – nota bene: Gauck redet hier nicht über den Islam als Reli­gi­on oder als kul­tu­rel­les Sys­tem, son­dern über die Per­so­nen, mit denen in eine – schein­bar poli­ti­sche – Debat­te ein­zu­tre­ten ist. Die­se Men­schen sind für ihn »vor­auf­ge­klärt«, sind also 1. nicht Teil der euro­päi­schen Tra­di­ti­ons­li­nie »Auf­klä­rung« und 2. nicht debat­ten­fä­hig, son­dern auf einer ande­ren Wel­len­län­ge anzusiedeln. 

[16] das ist weniger politisch, aber es ist vor der Aufklärung, was in Teilen unserer Moscheen hier verbreitet wird,

Ob Gauck merkt, dass sei­ne Aus­sa­ge zu den Poli­tik­ver­tre­tern schräg war, oder ob er mit »das ist weni­ger poli­tisch« eine zwei­te Begrün­dung anschlie­ßen will, lässt sich anhand des Tran­skripts nicht ent­schei­den. Viel­leicht fällt ihm auch auf, in was für ein Fahr­was­ser er im Ver­lauf sei­ner Argu­men­ta­ti­on gera­ten ist. 

Jeden­falls muss nicht auf die »poli­ti­sche« »Debat­te« ver­wie­sen wer­den, um die anhal­ten­de Fremd­heit des Islams zu begrün­den. Nein, es lässt sich auch reli­gi­ös argu­men­tie­ren: »es ist vor der Auf­klä­rung, was in Tei­len unse­rer Moscheen hier ver­brei­tet wird«. 

Mir fällt zunächst ein­mal auf, dass Gauck nun plötz­lich von »unse­ren« Moscheen redet. Zum einen war er eigent­lich argu­men­ta­tiv noch in Rot­ter­dam – das »unse­re« könn­te sich damit auf die in Euro­pa behei­ma­te­ten Moscheen bezie­hen, wohin­ge­ge­gen es sonst nahe­liegt, dass er mit »uns« eher »Deutsch­land« bezeich­net. Zum ande­ren wider­spricht das »unse­re« nun eigent­lich der Haupt­aus­sa­ge, dass der Islam nicht zu Deutsch­land dazu­ge­hört, weil er »uns« fremd ist. Wenn es »unse­re« Moscheen sind (im Gegen­satz zu den Moscheen z.B. in Paki­stan) – dann gehört der Islam doch irgend­wie zu »uns« dazu. Was Gauck aber – zumin­dest für die Gegen­wart – eigent­lich gera­de wider­le­gen will.

Auch an einem zwei­ten Punk­ten ist so etwas wie Zurück­ru­dern zu beob­ach­ten: Gauck redet, wäh­rend es vor­her »Men­schen« »all­über­all« »in Euro­pa« waren, die »über­frem­det« wer­den und dar­auf »all­er­gisch« bzw. mit »tie­fem Unbe­ha­gen« reagie­ren, nun gar nicht mehr davon, dass alle Moscheen vor der Auf­klä­rung ste­hen. Nein, er bemüht sich, zu dif­fe­ren­zie­ren: »in Tei­len unse­rer Moscheen« – das ist nun ent­we­der Distanz­rhe­to­rik, die zum erfolg­rei­chen Tabu­bruch gehört, oder aber ein inhalt­lich so gemein­tes Zurück­ru­dern: »das, was in Tei­len unse­rer Moscheen ver­brei­tet wird«, »ist vor der Aufklärung«. 

[17] und auch der Ansatz des Islam ist nicht durch eine Reformation gegangen, wie in Europa, und auch nicht durch eine europäische Aufklärung,

Euro­pas Früch­te sind Gauck zufol­ge auf dem Boden der euro­päi­schen Reli­gio­nen und der euro­päi­schen Auf­klä­rung gereift. Der »Ansatz des Islam« – also eine von meh­re­ren (Reli­gio­nen? Kul­tu­ren? Welt­an­schau­un­gen?) – kann dage­gen kei­nes von bei­dem auf­wei­sen. Er ist reli­gi­ös »nicht durch eine Refor­ma­ti­on gegan­gen« (Gauck unter­schlägt hier als pro­tes­tan­ti­scher Pfar­rer freund­li­cher­wei­se die ande­re gro­ße christ­li­che Kir­che in Euro­pa, die eben­so nicht durch eine Refor­ma­ti­on gegan­gen ist), und der Islam ist »auch nicht durch eine euro­päi­sche Auf­klä­rung« gegan­gen (da er ja nicht zu Euro­pa gehört, kann das eh gar nicht sein). 

Hier scheint Gauck nun tat­säch­lich dif­fe­ren­ziert: Wäh­rend der Islam als Reli­gi­on ins­ge­samt nicht auf­ge­klärt ist, betrifft die Ver­mitt­lung von vor­auf­ge­klär­tem Wis­sen nur einen Teil der Moscheen in Euro­pa. Mir erscheint es nicht ganz strin­gent in der Argu­men­ta­ti­on – wenn er strin­gent wäre, müss­te er sich gegen Moscheen aussprechen.

Auf­fäl­lig fin­de ich hier die hal­be Gleich­set­zung zwi­schen Refor­ma­ti­on und Auf­klä­rung, und die Unent­schie­den­heit, ob der Islam nun als Reli­gi­on oder als poli­ti­sche Hal­tung zu behan­deln ist; eben­so wie oben die christ­lich-jüdi­schen Tra­di­ti­ons­li­ni­en und die Tra­di­ti­on der Auf­klä­rung genannt wer­den. Hier wäre es inter­es­sant, was Gauck eigent­lich unter Auf­klä­rung ver­steht, und wie er das Zusam­men­spiel von Staat und Kir­che ver­steht. Klar wird jeden­falls, dass die Reli­gi­on, die für ihn zunächst ein­mal die Reli­gi­on über­haupt ist, der Pro­tes­tan­tis­mus als Reli­gi­on der Refor­ma­ti­on ist. Erah­nen lässt sich eine alt­eu­ro­päi­sche Rang­fol­ge der Zivi­li­siert­heit, an deren Spit­ze nord­eu­ro­päi­sche pro­tes­tan­ti­sche Staa­ten stehen.

Die Aus­sa­gen zu Auf­klä­rung und Refor­ma­ti­on die­nen hier dazu, den Islam als ein »Sys­tem« dar­zu­stel­len, das (noch nicht) zur Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den bereits wei­ter ent­wi­ckel­ten Sys­te­men bereit ist. Des­we­gen ist er »uns« fremd, nicht debat­ten­fä­hig und löst »tie­fes Unbe­ha­gen« aus, und des­we­gen ist es zwar »gute Absicht«, sich als »ein­la­den­des Land« dar­stel­len zu wol­len, aber letzt­lich Augen­wi­sche­rei, zu glau­ben, dass der Islam (so wie er sich heu­te dar­stellt) zu Deutsch­land dazu­ge­hö­ren könnte.

[18] und deshalb jetzt einen Zustand zu beschreiben, als wäre dieser kulturelle Schritt innerhalb der muslimischen Welt schon vollzogen, das täuscht uns über diese Fremdheit, die nach wie vor existiert, hinweg.

Anders gesagt: Erst wenn der Islam durch Refor­ma­ti­on und euro­päi­sche Auf­klä­rung durch­ge­gan­gen ist, wird es mög­lich sein, als »Men­schen« »all­über­all« »in Euro­pa« mit des­sen Ver­tre­te­rIn­nen in eine Debat­te ein­zu­tre­ten. Bis daher ist es bes­ser, sich nicht auf Inte­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen zu ver­stei­fen, son­dern lie­ber die »Fremd­heit, die nach wie vor exis­tiert« zu betonen.

Damit kom­me ich abschlie­ßend zu mei­ner Inter­pre­ta­ti­on die­ses Tex­tes. Wenn mei­ne Argu­men­ta­ti­on schlüs­sig ist, sagt Gauck, dass es naiv ist, so zu tun, als gehö­re der Islam schon zu Deutsch­land. Dies kön­ne allen­falls als Fern­ziel begrif­fen wer­den. Dass der Islam nicht dazu­ge­hört, lei­tet sich von der von ihm vie­ler­orts in Euro­pa gemach­ten Beob­ach­tung der »Über­frem­dung« ab. Dass die­se zu all­er­gi­schen Reak­tio­nen, zu tie­fem Unbe­ha­gen führt, ist für Gauck ver­ständ­lich, denn der Islam ist nicht durch das Duo aus Refor­ma­ti­on und euro­päi­scher Auf­klä­rung gegan­gen und damit in Euro­pa dis­kur­siv nicht anschluss­fä­hig. Erst einem refor­mier­ten Islam räumt er die Chan­ce ein, zu Euro­pa dazu­ge­hö­ren zu kön­nen – bis dahin blei­ben Men­schen, die die­ser Reli­gi­on ange­hö­ren, Frem­de für »uns«.

38 Antworten auf „Gauck auf der Goldwaage“

  1. Dan­ke für die Exege­se (die ich an der Stel­le nicht gemacht habe, auch wenn ich Gaucks Reden immer pro­ble­ma­tisch fin­de wenn er zu sehr ins natio­nal­kon­ser­va­ti­ve Schwa­dro­nie­ren vom Vater­land kommt) – nur eine Anmer­kung: Bei­de ande­ren gros­sen christ­li­chen Reli­gio­nen Euro­pas sind durch kei­ne Refor­ma­ti­on gegan­gen – neben der katho­li­schen auch die ortho­do­xe Kir­che nicht, die in jenen Län­dern Ost­eu­ro­pas prä­do­mi­nant ist, gegen die wir nach Gauck-mit-NZZ län­ger Feind­schaft hät­ten auf­recht erhal­ten sollen. 

    Gaucks Euro­pa endet übri­gens auch vor dem Bal­kan – Bos­ni­en, Koso­vo und Alba­ni­en sind Teil mei­nes Euro­pa, sind nach Mei­nung vie­ler (auch christ­de­mo­kra­ti­scher) Euro­pa­po­li­ti­ke­rIn­nen not­wen­di­ger­wei­se künf­ti­ge Mit­glie­der der EU – und isla­misch geprägt, was die Rede vom »christ­li­chen Euro­pa« gegen­über der Tür­kei eben­so unter­schlägt wie den Laizismus. 

    Gaucks Per­spek­ti­ve ist auf das ver­engt was er lan­ge Zeit sei­nes Lebens nicht hat­te: ein star­kes Deutsch­land auf das er stolz sein konn­te – und den Vater­be­zug in dem Wort »Vater­land« für den einst schmerz­haft vater­lo­sen Joa­chim Gauck.

  2. Die gan­ze Argu­men­ta­ti­on die­ses Arti­kels basiert auf der Annah­me, dass Gauck den Islam kri­ti­sert. Er ist voll von Inter­pre­ta­tio­nen die so gar­nicht im Text ste­hen, son­dern die der Aut­hor dort hin­ein inter­pre­tiert hat.

    [17] und auch der Ansatz des Islam ist nicht durch eine Refor­ma­ti­on gegan­gen, wie in Euro­pa, und auch nicht durch eine euro­päi­sche Aufklärung,

    hier­mit zieht er mMn kei­nen kom­pli­zier­ten Ver­gleich zu ande­ren Reli­gio­nen, wie es ihm hier unter­stellt wird, er sagt genau das was dort in den Wor­ten steht.
    Über den Islam gab es kei­ne euro­päi­sche Aufklärung.
    Da braucht man kei­ne Bos­haf­tig­keit rein­in­ter­pre­tie­ren, der Satz kann genau so ste­hen blei­ben. Der Groß­teil der Bevöl­ke­rung wur­de nicht über den Islam auf­ge­klärt und das ist das gro­ße Pro­blem bei der Inte­gra­ti­on. Wenn der Groß­teil der Bevöl­ke­rung nicht weiß was der Islam eigent­lich ist, wie kann er dann ein Teil von uns sein?
    Das Chris­ten­tum ist seit jeher Teil Euro­pas, es hat sei­nen Ursprung hier in Euro­pa, zusam­men mit sei­nen Leh­ren und Bräu­chen. Es braucht also für die­se Reli­gi­on kei­ne Auf­klä­rung, denn sie ist hier Zuhau­se. Der Islam mit sei­nen Bräu­chen ist uns Fremd und in der alge­mei­nen Bevöl­ke­rung wird er auch noch als fremd war­ge­nom­men. Das merkt man sofort, wenn man sich in eine vol­le S‑Bahn oder an einen gro­ßen Bahn­hof setzt und die Men­schen beobachtet.
    Als auf­ge­klär­ter Teil der Bevöl­ke­rung darf man nicht von sich auf die gesam­te Bevöl­ke­rung schlie­ßen, für die­se ist der Islam durch­aus fremd und für die­sen Teil der Bevöl­ke­rung fin­det eine über­frem­dung statt.

    [15] da ent­steht eine Debat­te mit vor­auf­ge­klär­ten Politikvertretern,

    Die­sen Teil­satz ver­ste­he ich auch deut­lich anders als im Arti­kel dar­ge­stellt, näm­lich anhand der Bedeu­tung der Wor­te, nicht was ich in die Wor­te hin­ein interpretiere.
    Die Debat­te der Inte­gra­ti­on wird geführt von vor­auf­ge­klär­ten Poli­ti­kern, bzw. vor­auf­ge­klär­ten Men­schen. Eine Betei­li­gung der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung die eben nicht auf­ge­klärt ist fin­det nicht statt. Nur die­je­ni­gen die Auf­ge­klärt sind dür­fen auch dar­über debattieren.

    [16] das ist weni­ger poli­tisch, aber es ist vor der Auf­klä­rung, was in Tei­len unse­rer Moscheen hier ver­brei­tet wird,

    Es gibt kei­ne flä­chen­de­cken­de Auf­klä­rung dar­über, was in unse­ren Moscheen ver­brei­tet wird. Die­se Auf­klä­rung fand noch nicht statt. Die Debat­te um den Islam fin­det statt, bevor die­se Auf­klä­rung inner­halb der Bevöl­ke­rung statt gefun­den hat. Es ist vor der Aufklärung.
    Der Aut­hor soll­te mehr lesen was dort steht, weni­ger was man meint was dort ste­hen soll. Eine Inter­pre­ta­ti­on sagt meist mehr über den Inter­pre­ten als über den Zitier­ten aus. Vor­ur­tei­le gegen­über Gauck las­sen sich sehr deut­lich herauslesen.

    1. Die Wor­te sind immer inter­pre­tier­bar. Dei­ne Deu­tung hängt dar­an, dass du »Auf­klä­rung« anders ver­stehst, als ich das tue. Ich gehe davon aus, dass Gauck sich auf die euro­päi­sche Geis­tes­epo­che der Auf­klä­rung bezieht (und mei­ne, dass der Text dann nur mei­ne Deu­tung her­gibt …). Dass die Bot­schaft des Tex­tes eine ganz ande­re wäre, wenn »Auf­klä­rung« sowas mei­nen wür­de wie »besser.informiert sein über«, ist klar. Aber dann dürf­te Gauck wei­ter oben nicht von Auf­klä­rung als europ. Tra­di­ti­on sprechen.

      Ich freue mich, über unter­schied­li­che Ver­ständ­nis­se des Zitats zu reden, kann mir aber kaum vor­stel­len, dass Gauck als Mann des Wor­tes mit den »vor­auf­ge­klär­ten Poli­tik­ver­tre­tern« nur etwas über unin­for­mier­te Men­schen sagen woll­te. Dann ist min­des­tens das »vor-« statt »un-« oder »wenig« selt­sam – »vor« ver­weist ja gera­de auf einen Pro­zess, an des­sen Ende ein Zustand steht, näm­lich der der Auf­ge­klärt­heit. His­to­risch ist die­ser Pro­zess das Zeit­al­ter der Aufklärung.

      1. Ich muss zuge­ben, dass ich den gro­ßen Satz nicht im vol­len ver­ste­hen kann. Das ist ein solch gro­ßes Schach­tel­satz­mons­ter, unmen­gen Kom­mas und ich habe das Gefühl Gauck springt mit­ten­drin aus dem Satz raus nur um ein – zwei Teil­satz spä­ter wie­der dort an zu setzen.
        Aber wenn man ich alle Sät­ze im Gan­zen betrach­te kom­me ich genau auf mei­ne Inter­pre­ta­ti­on der Sätze.
        Der Ver­weis dar­auf, dass Wul­ffs Wort­wahl mehr die Zukunft als die Gegen­wart beschreibt ist den­ke ich ziemhlich deut­lich. Er grenzt den Islam nicht aus, er sieht nur aktu­ell noch kei­ne Ein­heit mit dem Islam, kein Dazu­ge­hö­ren. Dem kann ich ohne zu Zögern zustimmen.

        [4] Denn wir wür­den uns eigent­lich nicht hel­fen, wenn wir Fremd­heit und Distan­ziert­heit über­se­hen würden
        [5] in der guten Absicht, ein ein­la­den­des Land zu sein.

        Die­ser Aus­sa­ge kann ich auch nur zustim­men. Der Islam ist für die Mehr­heit der Deut­schen fremd und distan­ziert. Rei­ne Islam­vier­tel in Groß­städ­ten und die Iso­la­ti­on vie­ler Aus­län­der, ob durch die Gesell­schaft oder selbst­ge­wählt, sind die Rea­li­tät der Gegen­wart. Die­se Pro­ble­ma­tik wird aber igno­riert, es wird nicht dar­über gespro­chen, es wird ver­schwie­gen, weil das das aus­län­der­freund­li­che Image Deutsch­lands beschä­di­gen könn­te. Das ändert aber nichts an der Rea­li­tät. Hier setzt auch der Mut Sar­ra­zins an, der die­ses The­ma in die Medi­en gebracht hat. Sar­ra­zins Aus­sa­gen sind zum gro­ßen Teil Müll, aber die­ser Mann ist nur ein wei­te­rer Beweis dafür, dass die­ses Pro­blem besteht und durch weg­schwei­gen nicht gelöst wird.

        Was Gauck mit euro­päi­scher Auf­ge­klärt­heit meint kann nur ver­mu­tet wer­den. Mög­lich wäh­re z.B. ein Bezug auf die Men­schen­rech­te, auf freie sexu­el­le Ent­fal­tung, auf Eman­zi­pa­ti­on, all die­se Berei­che in denen der Wes­ten bzw. Euro­pa sich selbst als auf­ge­klärt gegen­über dem Islam bzw. den öst­li­chen Län­dern ver­steht. Es muss kei­ne reli­giö­se Auf­klä­rung sein, die Gauck dort meint. ich kann aus dem Text­zu­sam­men­hang zumin­dest kei­nen Hang zum reli­giö­sen erken­nen. Nur ein­mal wird der reli­giö­se Boden Euro­pas erwähnt. In der Poli­tik wird häu­fig von Wur­zeln gespro­chen, euro­päi­sche Wur­zeln, christ­li­che Wur­zeln, Gauck wählt den Begriff Boden. Ob reli­giö­ser Boden nun eine alte Form der reli­giö­sen Wur­zeln sind weiß ich nicht, kann es mir aber vorstellen.

        Der Begriff vor­auf­ge­klärt ist mir am Anfang selt­sam vor­ge­kom­men. Ich inter­pre­tie­re ihn aber anders als du es viel­leicht ver­stan­den hast.
        »vor­auf­ge­klärt« ver­ste­he ich als »bereits aufgeklärt«

        1. Ich bin da eher auf Tills Sei­te. In sei­nem Satz­mons­ter ver­steigt Gauck sich zu oft dar­in, die­se »Auf­klä­rung« als geschicht­li­ches Ereig­nis anzu­füh­ren, womit auto­ma­tisch die Epo­che der Auf­klä­rung und ihre Fol­gen für die euro­päi­sche Gesell­schaft gemeint sein müs­sen. Hät­te Gauck die infor­ma­ti­ve Auf­klä­rungs­ar­beit gemeint, wäre dies nicht gesche­hen und er hät­te mit eini­ger Wahr­schein­lich­keit nicht Auf­klä­rung als Begriff gewählt, son­dern Infor­miert­heit oder Infor­ma­ti­on oder ein ähn­li­ches Wortgebilde.
          Dies lässt sich zusätz­lich dadurch bele­gen, dass die moder­nen Kir­chen immer ver­su­chen die Epo­che der Auf­klä­rung als sin­gu­lä­res Ereig­nis in Fol­ge der christ­li­chen Reli­giö­si­tät und Tra­di­ti­on in Euro­pa dar­zu­stel­len und für sich zu ver­ein­nah­men, sei­en dies Pro­tes­tan­ten oder Katho­li­ken (Ortho­do­xe nei­gen in mei­ner Auf­fas­sung dazu, die Auf­klä­rung kom­plett abzu­leh­nen). Dass das natür­lich nicht der Fall ist, sei mal dahin­ge­stellt, aber die­se Auf­fas­sung dürf­te Teil sei­ner Welt­an­schau­ung sein und das kommt, mei­ner Mei­nung nach, auch in sei­nen Aus­sa­gen genau so rüber, gera­de weil er die »Natür­lich­keit« der christ­lich-euro­päi­schen Kul­tur auf »unse­rem« Boden wie­der­holt so klar betont.

      2. Wor­d­Press hat ein­fach mei­nen Komm­tar gepos­tet oO Gibts da ein Tas­ten­kür­zen das ich aus Ver­se­hen gedrückt hab?

        […]
        Der Begriff vor­auf­ge­klärt ist mir am Anfang selt­sam vor­ge­kom­men. Ich inter­pre­tie­re ihn aber anders als du es viel­leicht ver­stan­den hast.
        »vor­auf­ge­klärt« ver­ste­he ich als »bereits auf­ge­klärt«, »vor­auf­ge­klär­te Poli­ti­ker­ver­tre­ter« sind also mei­nem Ver­ständ­nis nach eben sol­che Per­so­nen, die bereits über den Islam auf­ge­klärt sind. Die­se weni­gen, bereits auf­ge­klär­ten, Per­so­nen füh­ren die Dis­kus­si­on ob der Islam zu Deutsch­land gehört, bevor eine fle­chen­de­cken­de Auf­klä­rung in der Bevöl­ke­rung gesche­hen ist.

          1. Gauck lässt lei­der offen, wel­chen Aspekt der Auf­klä­rung er ver­tritt. Zumin­dest wird ihm Ema­nu­el Kants Defi­ni­ti­on bekannt sein, denn sie passt gut zu Gaucks Reden über »Ermäch­ti­gung« des Bürgers:

            „Auf­klä­rung ist der Aus­gang des Men­schen aus sei­ner selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit“. (sie­he Wikipedia-Artikel)

            Der pro­tes­tan­ti­sche Gauck schiebt die­se Unmün­dig­keit ver­mut­lich der Reli­gi­on in die Schu­he, sei es dem Katho­li­zis­mus oder eben dem Islam. Die Unter­schei­dung zwi­schen nicht-Auf­ge­klär­ten und bereits Vor­auf­ge­klär­ten ergibt unter dem Aspekt der Mün­dig­keit gegen­über der Reli­gi­on einen Sinn.
            Er könn­te damit z. B. auf die feh­len­de Tren­nung zwi­schen Kir­che und Staat/​Recht, ver­wei­sen die in vie­len isla­mi­schen Kul­tu­ren noch herrscht und das Den­ken vie­ler nicht auf­ge­klär­ter Mus­li­me prägt. Letz­te­res kann ich per­sön­lich mei­nem stu­den­ti­schen Mit­be­woh­ner beschei­ni­gen, der an sich ein intel­li­gen­ter, ver­nünf­ti­ger Zeit­ge­nos­se ist. Die Schwie­rig­kei­ten des dis­kur­si­ven Anschlus­ses konn­te ich haut­nah erle­ben. Sie wur­den jedoch vom Phä­no­men der »Befreun­dung« beglei­tet ;) Das fehlt bei Gauck völlig.

  3. Dan­ke für die­se aus­führ­li­che und dif­fe­ren­zier­te Ana­ly­se! Ich will aber an vier Stel­len wider­spre­chen /​ etwas anmerken.
    1. Gauck spricht nicht »allen­falls als Fern­ziel« davon, dass der Islam zu Deutsch­land gehö­ren wird, son­dern er spricht davon, dass der Islam – aller­dings »irgend­wann ein­mal« – zu Deutsch­land gehö­ren wird. Er wird also zu Deutsch­land gehö­ren (wenn man Gaucks Wor­te so ernst nimmt, wie Du das tust), und wir müs­sen ver­su­chen, dass das mög­lichst bald geschieht (mei­ne Interpretation).
    2. Gauck dif­fe­ren­ziert nicht hin­läng­lich zwi­schen Islam und Isla­mis­mus, spricht aller­dings von dem, »was in Tei­len unse­rer Moscheen hier ver­brei­tet wird«. Inso­fern möch­te ich ihn so inter­pre­tie­ren, dass er vom Isla­mis­mus spricht und nicht vom Islam. Die­se Unter­schei­dung hält er aber nicht durch und über­sieht dabei ins­be­son­de­re die neue­ren Ent­wick­lun­gen im Euro-Islam.
    3. Du machst im letz­ten Satz den Sprung vom Islam (oder dem Isla­mis­mus) als fremd und nicht dazu­ge­hö­rig hin zu »Men­schen, die die­ser Reli­gi­on ange­hö­ren« als fremd und nicht dazu­ge­hö­rig. Die­sen Sprung macht Gauck m.E. nicht, und als sozio­lo­gisch infor­mier­te Men­schen soll­ten wir den auch nicht machen. Sicher­lich wird das Ver­hal­ten von Men­schen als fremd erlebt, aber doch nicht das von allen Men­schen, die titu­lar dem Islam zuge­hö­ren (wobei es da ja gar kei­ne Titu­lar­zu­ge­hö­rig­keit gibt).
    Ich wür­de Gauck auf­grund die­ser Äuße­run­gen als isla­mis­mus-feind­lich bezeich­nen, Du wür­dest wahr­schein­lich islam-feind­lich sagen, weil er ja nicht hin­rei­chend dif­fe­ren­ziert. Aber dar­aus ein mos­lem- oder frem­den­feind­lich zu machen, hat m.E. mit Gold­waa­ge und dif­fe­ren­zier­ter Argu­men­ta­ti­on (die wir ja von ihm ein­for­dern) nix zu tun.
    4. Gauck sagt ganz am Anfang, dass WIR das nicht rich­tig orga­ni­siert haben. Er sieht also auch eine Bring­schuld der Auf­nah­me­ge­sell­schaft und der deut­schen Politik.
    In die­sem Zusam­men­hang fin­de ich auch wich­tig, was Gauck in DIE ZEIT 2010 gesagt hat:
    Gauck: Frü­her haben Aus­län­der­mi­lieus Unbe­ha­gen in mir aus­ge­löst. Ich dach­te: Ob die sich wohl inte­grie­ren? Aber als dann eini­ge Uni­ons­po­li­ti­ker ver­such­ten, die Angst vor dem Frem­den poli­tisch umzu­mün­zen, habe ich gedacht: So nicht! Es hat mein Herz ange­fasst, als ich an einer Uni­ver­si­tät in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten eine jun­ge Frau mit dunk­ler Haut­far­be aus Afri­ka und einen jun­gen Mann aus Asi­en getrof­fen habe, die auf mei­ne Fra­ge, wie lan­ge sie schon da sei­en, ant­wor­te­ten: Seit zwei, drei Jah­ren, aber wir sind jetzt Ame­ri­ka­ner. Sie strahl­ten mich an: That’s my country.
    ZEIT: War­um haben wir das noch nicht geschafft?
    Gauck: Viel­leicht, weil es vie­len Leu­ten so ging wie mir, weil sie Angst vor Frem­dem hat­ten, obwohl es uns gar nicht bedroht, son­dern nur anders ist. Über die­sen libe­ra­le­ren Blick bin ich eigent­lich ganz glück­lich. Viel­leicht hängt das auch damit zusam­men, dass ich gelernt habe, mit mei­nen Ängs­ten so umzu­ge­hen, dass ich ihnen nicht immer gleich folge.
    Mein Fazit: Gauck ist nicht frem­den- und nicht islam­feind­lich. Er ist isla­mis­mus-feind­lich, ver­wech­selt das aber an der Stel­le mit dem Islam und über­sieht da wich­ti­ge Ent­wick­lun­gen. Zugleich möch­te er, dass wir unse­re Gesell­schaft offen orga­ni­sie­ren und es schaf­fen, dass Migran­ten sich schnell bei uns wohl füh­len. Ange­sichts der »unauf­ge­klär­ten Tra­di­ti­on des Islam« (wür­de ich anders for­mu­lie­ren) sieht er das als beson­de­re Her­aus­for­de­rung, der wir uns stel­len müs­sen und die wir nicht ver­schwei­gen dür­fen. Die nöti­ge Dif­fe­ren­ziert­heit fehlt noch …

    1. Ver­mut­lich hast du recht. Was mich umtreibt, und was mich ver­mut­lich auch zu dem Sprung ver­lei­tet hat (wobei ich schon fin­de, dass Gauck sich min­des­tens noch schwer damit tut, dass es Bür­ge­rIn­nen als Tell des »uns« gibt, die nicht in sei­nen Tra­di­tio­nen ste­hen), ist in der Tat die Ver­wi­schung zwi­schen Islam und Isla­mis­mus. Da begibt er sich in schlech­te Gesell­schaft, der künf­ti­ge Bundespräsident.

    2. Du hast ver­mut­lich recht, dass das noch dif­fe­ren­zier­ter zu betrach­ten und dass ich mich am Schluss zu einem Inter­pre­ta­ti­ons­sprung hab hin­lei­ten las­sen, den Gauck – bei allem Koket­tie­ren mit sei­nem eige­nen »tie­fen Unbe­ha­gen« so nicht macht.

      1. Ja, schlech­te Gesell­schaft. Wobei Gauck sich an ver­schie­de­nen Stel­len schon recht deut­lich von Saar­a­zin­schem Popu­lis­mus abge­grenzt hat. Ich bin irgend­wie bei unse­rem zukünf­ti­gen Bun­des­prä­si­den­ten hoff­nungs­voll, dass er sich einer sol­chen Debat­te stel­len wür­de und dar­aus auch noch etwas lernt. Und hof­fent­lich der Rest der Gesell­schaft (und der Debat­te und irgend­wie dann auch ich) auch. Ich möch­te mich wohl nach unse­ren letz­ten zwei Prä­si­den­ten auf unse­ren nächs­ten noch ein biss­chen freuen …

  4. Hal­lo Till,
    den Schlüs­sel­ab­satz für das Ver­ständ­nis des von Gauck Gesag­ten hast Du gleich ganz weg­ge­las­sen. Er ist wich­tig für die Inter­pre­ta­ti­on. Und erklärt auch, war­um er Pro­ble­me mit Wul­ffs Satz hat.
    Er lautet: 

    »Gauck: Aber ein ande­res Pro­blem – da will ich Ihren Ein­wand mal posi­tiv auf­neh­men: Es ist eben nicht aus­ge­han­delt, ob wir die not­wen­di­ge Ein­wan­de­rung, die wir in Deutsch­land haben, so orga­ni­siert haben, dass Men­schen mit­ein­an­der in fried­li­cher Koexis­tenz und dann sogar in einer inte­grier­ten Bevöl­ke­rung leben, das ist nicht so. Und die­ses Defi­zit hat nun der Thi­lo Sar­ra­zin in einer zuge­spitz­ten Form auf­ge­grif­fen, und ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung ist ihm dank­bar! Also, wenn der jetzt die Ten­denz hät­te, eine eige­ne Par­tei zu grün­den, ich weiß ja nicht was dann pas­sie­ren würde.« 

    Quel­le: http://www.publikative.org/2012/02/21/voll-im-kontext-gauck-und-die-uberfremdung/.

    Du schreibst:

    [3] und ich den­ke, dass er in die­ser Beschrei­bung etwas, was irgend­wann ein­mal sein wird, vor­ge­zo­gen hat.

    Die­se Deu­tung bestä­tigt sich im nächs­ten Halb­satz. Denn Wul­ff hat, so erklärt uns Gauck, den Feh­ler gemacht hat, »etwas, was irgend­wann ein­mal sein wird«, zeit­lich in die Gegen­wart ver­setzt zu haben. Anders gesagt: Gauck erklärt die Deu­tung »Der Islam gehört zu Deutsch­land« als Gegen­warts­be­schrei­bung für falsch. Allen­falls als Aus­blick in die (fer­ne) Zukunft, als Uto­pie (das »irgend­wann ein­mal«), hat sie ihre Berech­ti­gung. Zusam­men mit der von ihm ein­gangs ange­spro­che­nen pro­ble­ma­ti­schen Wort­wahl liegt damit nahe, dass Wul­ff aus Gaucks Sicht eigent­lich hät­te sagen müs­sen: »Der Islam wird/​kann eines Tages zu Deutsch­land gehören.«
    Das Pro­blem der Wort­wahl erscheint damit nun eigent­lich eben nicht als Pro­blem der Wort­wahl (Wul­ff hat sich falsch aus­ge­drückt, hat ein fal­sches Wort ver­wen­det), son­dern als ein Pro­blem unter­schied­li­cher Weltdeutungen. 

    Nein, das ist kein Pro­blem der Welt­deu­tung, son­dern eben doch eines der Wort­deu­tung und sogar Text­deu­tung. Wenn man das von Gauck Gesag­te genau­so nor­ma­tiv ver­steht wie Wul­ffs Satz vom Islam, der zu Deutsch­land gehört, dann kommt man mög­li­cher­wei­se zu Dei­ner Inter­pre­ta­ti­on. Wenn man das aber deskrip­tiv deu­tet, dann wird man schnell mer­ken, dass Wul­ffs Satz die Rea­li­tät aus­blen­det und Gauck sie ein­bin­det. Denn der Islam gehört (in die­sem diskrip­ti­ven Sin­ne) nicht zu Deutsch­land. Wer etwas ande­res behaup­tet, möge sich a) die von Wul­ff aus­ge­lös­te Debat­te anschau­en und b) die­sen Satz in einer belie­bi­gen Knei­pe in der deut­schen Pro­vinz wie­der­ho­len. Gehör­te er tat­säch­lich dazu, wür­de sich heu­te nie­mand mehr an die­sen Satz erinnern.
    Dei­ne Inter­pre­ta­ti­on des Tex­tes von Gauck zeigt übri­gens sehr schön die Gren­zen der Inter­pre­ta­ti­on. Ist es mög­lich, die vor­han­de­ne Lese­rIn­nen­per­spek­ti­ve voll­stän­dig aus­zu­blen­den, einen Text voll­stän­dig unvor­ein­ge­nom­men zu lesen? Dein Wis­sen, Dei­ne Ahnun­gen von Gauck beein­flus­sen Dei­ne Inter­pre­ta­ti­on. Das ist schon mehr als der rei­ne text­li­che Kon­text. Offen­bar und das mei­ne ich ohne Vor­wurf, spricht aus Dei­ner Inter­pre­ta­ti­on auch ein Fremd­heits­ge­fühl. Da wird dann aus der Beto­nung (und aus man­cher Sicht Über­hö­hung) der Frei­heit schon mal schnell eine neo­li­be­ra­le Gesinnung.

    1. Hmm. Inter­es­san­te Fra­ge, ob das nor­ma­tiv oder deskrip­tiv gemeint ist. Wenn es deskrip­tiv sein soll­te (übri­gens lie­ße sich auch argu­men­tie­ren, dass Wul­ff for­mal deskrip­tiv war: der Islam gehört fak­tisch zu Deutsch­land, weil es hier x Mil­lio­nen Bür­ge­rIn­nen mit die­sem kul­tu­rel­len Hin­ter­grund gibt, und ich, Wul­ff, erken­ne das an) bleibt Gauck aber m.E. die Ant­wort auf die Fra­ge schul­dig, was den hier sei­ne bun­des­prä­si­den­ti­el­le Vor­stel­lung des Wo-wol­len-wir-hin ist. Und er macht sich m.E. eine latent frem­den­feind­li­che Welt­deu­tung zu eigen.

      1. Hal­lo Till,
        die Fra­ge ist auch, wie Gauck Wul­ffs Satz deu­tet. Mei­nes Erach­tens wer­tet er ihn genau­so deskrip­tiv wie das, was er selbst im Anschluss sagt. Dar­auf wei­sen meh­re­re Wor­te hin:

        NZZ: Jetzt hat Bun­des­prä­si­dent Wul­ff zum Tag der deut­schen Ein­heit gesagt, der Islam gehö­re zu Deutsch­land. Hät­ten Sie das in die­ser Funk­ti­on so auch gesagt?
        Gauck: Also, das ist ein Pro­blem der Wort­wahl. Ich weiß was er meint, und ich den­ke, dass er in die­ser Beschrei­bungetwas, was irgend­wann ein­mal sein wird, vor­ge­zo­gen hat. (…)
        Denn wir wür­den uns eigent­lich nicht hel­fen, wenn wir Fremd­heit und Distan­ziert­heit über­se­hen wür­den in der guten Absicht, ein ein­la­den­des Land zu sein [nicht: zu werden].

        Gauck wird erklä­ren müs­sen, was er als Bun­des­prä­si­dent unter Inte­gra­ti­on ver­steht und ob er das Wort dazu­ge­hö­ren auch zumin­dest in einem nor­ma­ti­ven Sin­ne benut­zen wür­de, sozu­sa­gen als poli­ti­sches Ziel, poli­ti­scher Anspruch.
        Mei­nes Erach­tens macht er sich kei­ne frem­den­feind­li­chen Deu­tun­gen zu eigen. Er beschreibt ein Gefühl der Fremd­heit über das wir bei Face­book schon dis­ku­tiert haben. Wo kommt denn der Wil­ders her? Der sat­telt auf die­sem Gefühl auf und miß­braucht es für sei­ne frem­den­feind­li­chen Absichten.
        Ver­ste­he mich nicht falsch: Ich mag nicht aus­schlie­ßen, dass Gauck eines Tages genau Dei­ne Inter­pre­ta­ti­on des Tex­tes bestä­tigt. Im Moment habe ich aber das Gefühl, dass er in Tei­len der Lin­ken miß­deu­tet wird. Denk mal drü­ber nach, wie die Reak­tio­nen wären, wenn die­se Sät­ze sagen wir von Weiz­sä­cker oder Rau gekom­men wären.

      2. Viel­leicht bleibt er sei­ne Vor­stel­lung vom »Wo wol­len wir denn hin?« schul­dig, aber muß er die geben? Muß er sie ins­be­son­de­re damals schon als »bun­des­prä­si­den­ti­el­le Vor­stel­lung« dar­le­gen? Gera­de in Anbe­tracht des Zeit­punkts, zu dem das Inter­view geführt wur­de, fin­de ich es pro­ble­ma­tisch, dar­in eine prä­si­den­ti­el­le Hal­tung ein­zu­for­dern. Auf­ge­zeich­net wur­de besag­tes Inter­view am 12.10.2010 – Wul­ff war noch kein hal­bes Jahr im Amt, die in Fra­ge ste­hen­de Islam­re­de gera­de eine Woche alt. Gauck konn­te damals nicht wirk­lich davon aus­ge­hen, noch jemals Bun­des­prä­si­dent zu werden.

  5. Also ich kann die Inter­pre­ta­ti­on Tills nach­voll­zie­hen und möch­te Jan auf fol­gen­den Umstand auf­merk­sam machen: Gauck hat ver­klau­su­liert (wie er es immer macht) zum Aus­druck gebracht: Der Islam gehört nicht zu Deutsch­land. Auch nicht in einer fer­nen Zukunft! (Du kannst aus all sei­nen State­ments her­aus­le­sen, dass Uto­pien für ihn Ent­wür­fe dum­mer Men­schen sind.)

    Wer sich ein­mal näher mit der Per­sön­lich­keit Gaucks befasst hat, sieht sehr deut­lich, dass sol­che Bei­spie­le wie aus dem Zeit-Inter­view kein inhalt­li­ches Wol­len, son­dern nur Mit­tel zum Zweck sind. Man nennt das auch Dem­ago­gie. Die wird bei ihm immer mit dem gro­ßen Pathos einer Geschich­te verbrämt.

    Gera­de das Bei­spiel der USA soll­te doch jedem klar machen, dass Inte­gra­ti­on nichts damit zu tun hat, wel­che Art vor­aus­schau­en­der Aus­län­der­po­li­tik betrie­ben wird. Sowas kennt man in US gar nicht.
    Tat­säch­lich ist man da sehr viel prag­ma­ti­scher und über­lässt es den Eth­ni­en sich zusammenzuraufen. 

    Wenn an der mexi­ka­ni­schen Gren­ze schon die Far­mer auf Jagd nach Grenz­gän­gern gehn, dann soll­te einem wohl klar sein, dass die USA nicht gera­de das Vor­bild für Euro­pa sein kön­nen. Im Übri­gen hat die Stim­mung auf einem Cam­pus nichts mit der Wirk­lich­keit in den eth­ni­schen Vier­teln der Groß­städ­te zu tun.

    Wer von Über­frem­dung und tie­fem Unbe­ha­gen der Euro­pä­er spricht, der will nicht, dass eines Tages ein strah­len­der Mos­lem auf dem Cam­pus sagt, jetzt bin ich Deut­scher, son­dern der will popu­lis­ti­sche Poli­tik zu eige­nen Guns­ten machen.

    1. Lie­ber Hartmut,
      Ich habe ein biss­chen Schwie­rig­kei­ten mit Dei­ner Argu­men­ta­ti­on. In dem Bei­trag von Till ging es doch dar­um, was Gauck in sei­nen Aus­füh­run­gen gemeint hat. Die­ser Fra­ge habe ich mich ange­schlos­sen und ande­re auch. Du schreibst jetzt, dass er das, was er sagt, über­haupt nicht meint, son­dern dass das nur Dem­ago­gie ist. Ich per­sön­lich bin bei sei­nem Zitat aus der ZEIT nicht auf die Idee gekom­men, dass das Dem­ago­gie wäre – es deckt sich auch mit ande­ren Zita­ten (sz, Tages­spie­gel, etc.). Aber wenn Du genau weißt, was er meint, ohne es zu sagen, dann erüb­rigt sich auch unse­re Dis­kus­si­on. Man kann dann Gauck ableh­nen wegen sei­ner Hal­tung zu Hartz IV oder zu Afgha­ni­stan (was ich bei­des nicht tue) oder wegen dem, was man meint, dass er meint, auch wenn er etwas ande­res sagt. Das sei Dir unbenommen.
      Dein Hin­weis, Gauck habe in die­sem Inter­view (nzz) zum Aus­druck gebracht, dass der Islam nicht zu Deutsch­land gehört und nie gehö­ren wird und erst recht nicht soll, geht für mei­ne Begrif­fe in die fal­sche Rich­tung. Wie Sau­si argu­men­tiert, redet Gauck hier von einer Beschrei­bung von der­zeit ablau­fen­den sozia­len Kon­flik­ten und beob­acht­ba­ren Fremd­heits­er­fah­run­gen (auf bei­den Sei­ten, was aber Gauck nicht so the­ma­ti­siert). Für mich steht da: Der Islam gehört (zumin­dest in man­chen Aus­wüch­sen) nicht in das Deutsch­land des offe­nen, rechts­staat­li­chen und demo­kra­ti­schen Mit­ein­an­ders, auf das ich stolz bin (zuge­ge­ben, die­se Qua­li­fi­zie­rung von Deutsch­land bei Gauck kommt jetzt aus dem sz-Inter­view). Den Satz, auf den Du Bezug genom­men hast »dass [Wul­ff] in die­ser Beschrei­bung etwas, was irgend­wann ein­mal sein wird [dass der Islam zu Deutsch­land gehört], vor­ge­zo­gen hat.« ver­mag ich nicht so zu lesen, wie Du das tust. Aber wenn man meint, dass er das anders meint, dann braucht man ja auch über den Satz nicht zu diskutieren.
      Bei dem Bei­spiel USA hat Gauck natür­lich nicht als Vor­bild dekla­riert, Migran­ten an der mexi­ka­ni­schen Gren­ze abzu­schie­ßen. Ja, in den USA ist nicht alles toll – ich habe dort ein Jahr gelebt und Vor­tei­le wie auch Nach­tei­le selbst erfah­ren. Zu den Vor­tei­len gehört tat­säch­lich, dass man (als männ­li­cher Deut­scher) dort nicht das Gefühl bekommt, da nicht hin­zu­ge­hö­ren. Gauck bezog es auf das glei­che Gefühl bei Men­schen aus Afri­ka und Asi­en und hat aus­drück­lich nicht gesagt: In den USA ist alles so viel bes­ser (Sozial‑, Kran­ken­ver­si­che­rungs­sys­tem, Steu­er­ge­setz­ge­bung, Ras­sen­ge­gen­sät­ze [die dort so und nicht anders hei­ßen], Popu­lis­mus in Medi­en und Poli­tik, Abknal­len von Mexi­ka­nern an der Grenze).
      In den USA wird aber sehr wohl viel über das Zusam­men­le­ben der Eth­ni­en nach­ge­dacht (anders als Du behaup­test), und dies auch in poli­ti­sche Maß­nah­men umge­münzt. Dort wer­den näm­lich – anders als hier – man­geln­de Inte­gra­ti­on und Chan­cen­un­gleich­heit zwi­schen eth­ni­schen Grup­pen nicht allei­ne auf den man­geln­den Wil­len /​ das man­geln­de Ver­mö­gen der Migran­ten (Sar­ra­zin, Rechts­ex­tre­me) oder auf die angeb­lich ableh­nen­de Hal­tung der Mehr­heits­be­völ­ke­rung (Mul­ti­kul­ti-Gedan­ke) zurück­ge­führt, son­dern auf Pro­ble­me in Bil­dungs­sys­tem, Stadt­pla­nung etc. Und wenn wir auf die­se Wei­se die noch feh­len­de Inte­gra­ti­on (nicht kul­tu­rel­le oder iden­ti­fi­ka­ti­ve, son­dern sozi­al­struk­tu­rel­le) von Migran­ten in Deutsch­land als poli­ti­sche Auf­ga­be betrach­ten, dann wäre schon sehr viel gewon­nen – und in die­sem Sin­ne lese ich ehr­lich gesagt auch die manch­mal etwas unaus­ge­go­re­nen Über­le­gun­gen von Gauck.
      Gut, über sei­ne Per­sön­lich­keit kann ich nicht viel sagen. Nur über das, was ich so von ihm lese und sehe.

      1. Lie­ber Jan,

        ich habe nicht geschrie­ben, »dass er das, was er sagt, über­haupt nicht meint«, son­dern ich habe geschrie­ben, dass ich die Aus­le­gung sei­ner Wor­te, als Zustim­mung in einer fer­nen Rea­li­tät für falsch halte.

        Im Übri­gen soll­test Du viel­leicht etwas mehr Klar­heit dar­über haben, dass die Inter­pre­ta­ti­on von Aus­sa­gen in Abse­hung von der Per­sön­lich­keit ganz sel­ten einen Wert hat. Inson­der­heit dann, wenn es sich um freie Rede handelt.

        Was die Per­sön­lich­keit Gaucks anlangt nur soviel: Bis zu sei­nem Kon­junk­tur­rit­ter­tum 1989 als bereits die Mes­sen gesun­gen waren, kann­te Herrn Gauck im Gegen­satz zu den in fol­gen­der Lis­te genann­ten Leu­ten in der ehe­ma­li­gen DDR (und hier mei­ne ich die Oppo­si­ti­on) niemand.

        http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Oppositionellen_in_der_DDR#Kirchliche_Opposition

        Sein Wider­stand in der DDR ist ein poli­ti­sches Mär­chen. Aus­gie­big von ihm beför­dert – der tat­säch­li­chen Geschich­te aber unbekannt.

        Hier die Num­mer mei­ner Sta­si-Akte: OPK VIII 68/​89 »Legen­de«

        PS. Mei­ne Aus­sa­ge zu den USA rela­ti­vie­re ich inso­fern, als dass sich über die­ses Land nicht wirk­lich ver­all­ge­mei­nern­de Aus­sa­gen machen las­sen. Das gilt aller­dings nicht nur für mich.

        1. Hmm, ich ken­ne mich da nicht aus, und weiß auch nicht, was Gauck groß­ar­ti­ges über sei­ne angeb­li­che Dis­si­den­ten-Zeit in der DDR gesagt oder geschrie­ben hat. Soweit ich weiß, hat er behaup­tet, inner­halb sei­ner Kir­chen­tä­tig­keit Frei­räu­me für eine etwas offe­ne­re Aus­ein­an­der­set­zung mit der DDR-Wirk­lich­keit zu suchen – und des­halb ist Gauck wohl auch schon recht früh und dann noch ein­mal rela­tiv spät 1988 vom MfS obser­viert /​ kon­tak­tiert wor­den. Er hat glau­be ich nie behaup­tet, mit den oppo­si­tio­nel­len Grup­pen in der DDR in Kon­takt gestan­den zu haben. Etwas wei­ter unten taucht er auf der Lis­te bei 1989-Revo­lu­tio­nä­ren auf, wie eine Rei­he von pro­mi­nen­ten Leu­ten wie Bär­bel Boh­ley etc. auch. Für mich noch kein Hin­weis auf Dem­ago­gie oder dar­auf, dass er nur so men­schen­freund­lich tut.
          Ich sehe ehr­lich gesagt auch nicht so ganz den Zusam­men­hang zu dem The­ma, der Dich dazu bringt, an der einen Stel­le die tie­fe­re Wahr­heit (den frem­den­feind­li­chen Gauck) und an der ande­ren die Dem­ago­gie (den offe­nen und auf­ge­schlos­se­nen Gauck) zu sehen. Für mich gehö­ren bei­de Äuße­run­gen zu Gauck, und des­we­gen inter­pre­tie­re ich die­se Äuße­run­gen (weil the­ma­tisch mit­ein­an­der ver­wandt) in der Zusammenschau.

          1. Weil heu­te Ascher­mitt­woch ist, mal ne volks­tüm­li­che Ant­wort auf die Fra­ge nach dem Zusam­men­hang mit der Goldwaage:

            Der Mann ist ein­fach ein fal­scher Fufzger.

            Um es mal zu ver­deut­li­chen, eine Fra­ge: Woher kommt es wohl, dass im In- und Aus­land die Pres­se in den letz­ten drei Tagen Herrn Gauck als Bür­ger­recht­ler der DDR glo­ri­fi­ziert, obwohl er – wie Du selbst schreibst – mit den oppo­si­tio­nel­len Grup­pen nicht in Kon­takt stand?

            Weil er klug genug ist, den Ein­druck zu erwe­cken, ohne es jedoch zu behaup­ten. Wie nennt man sol­che Leu­te gleich nochmal?

            Im Übri­gen fin­de ich es immer phan­tas­tisch wenn mir jemand aus der Fer­ne erklärt, was ich aus der Nähe erle­ben musste.

            P.S. – Ich hab die Bio­gra­fie von Gauck gele­sen, ich ken­ne sei­ne Arbeit (sie dien­te nach Ein­schät­zung einer SPD-Kom­mis­si­on nicht der Auf­klä­rung), ich ken­ne die DDR und ich ken­ne die Rol­le der Kir­chen in der DDR – und trotz­dem muss ich mir von Leu­ten, die das alles nicht ken­nen, Vor­trä­ge dar­über anhö­ren, wie ich Aus­sa­gen von Gauck zu bewer­ten habe. Lächer­lich – aber nicht zum Lachen!

  6. Ähn­lich, viel­leicht noch poin­tier­ter, argu­men­tie­ren doch auch die Rechts­po­pu­lis­ten, die der­zeit euro­pa­weit Erfol­ge fei­ern. Bis hin zu Brej­vik, und da wirds dann rich­tig fins­ter. Und wer begrüß­te Gaucks Aus­wahl hier­zu­lan­de gleich begeis­tert? Cice­ro, Jun­ge Frei­heit, PI, Sar­ra­zin. Aus dem Nach­bar­land mel­det sich auch noch die FPÖ erfreut zu Wort.

    Tut mir leid, lie­be Gauck-begeis­ter­te Mit­bür­ger, lie­be Grü­ne und Sozi­al­de­mo­kra­ten, für mich hat jemand, der den Gauck so fea­tured und mir als BP auf­drän­gen will, nicht mehr alle Lat­ten am Zaun: DAS soll die Rich­tung sein, in die die Rei­se geht?!

  7. Wenn ich mir den zusam­men­fas­sen­den Absatz so durch­le­se (gute Arbeit übri­gens, chapeau!),
    dann ist das eine abso­lut zutref­fen­de Beschrei­bung des Pro­blem­fel­des »Inte­gra­ti­on«.
    Es ist eine Ana­ly­se – nicht ange­nehm, aber rich­tig. Eben weil sie nicht leicht ver­dau­lich ist, löst sie eine Debat­te aus. Genau das ist sein Job als Bun­des­prä­si­dent: die Debat­te anzufeuern.
    Was jetzt fehlt, ist eine Wer­tung die­ses Zustands, ein Vor­schlag, was bes­ser wäre und eine Idee, was zu tun ist. Das ist nicht der Job des Prä­si­den­ten, son­dern der Poli­ti­ker. Der Job des Bun­des­prä­si­den­ten ist nicht, sich für oder gegen etwas zu posi­tio­nie­ren, son­dern zu prü­fen, ob die vor­ge­schla­ge­nen Lösun­gen (Geset­ze) grund­ge­setz­kon­form sind.
    Bei­spiel Vor­rats­da­ten­spei­che­rung, zu der er z.B. gesagt hat: Es sprä­che grund­sätz­lich nichts dage­gen, Frei­heits­rech­te ein­zu­schrän­ken um die Sicher­heit zu erhö­hen, aber man müs­se ein­deu­tig bele­gen, daß der Ver­lust von Bür­ger­rech­ten im rich­ti­gen Ver­hält­nis zu dem erwar­te­ten Sicher­heits­ge­winn steht. Und die­se Beleg feh­le ihm.
    Das ist exakt die Hal­tung, die man von einem Bun­des­prä­si­den­ten erwar­ten muss: »Ich soll die­ses Gesetz unter­schrei­ben? Dann beweist mir, daß der Nut­zen für das Land grö­ßer ist als der Schaden.«
    Die ihn jetzt vor­ge­schla­gen haben, wer­den sich noch wun­dern. Der Mann wird u.U. anstren­gend wer­den. Auch die Pres­se und die Bür­ger: »Volks­nah« geht anders. Ich kann mir nicht vor­stel­len, daß die Blöd-Zei­tung viel Geduld mit einem hat, der sol­che Schach­tel­sät­ze for­mu­liert und sich kon­se­quent einer kla­ren Posi­tio­nie­rung entzieht.

  8. Respekt für die her­vor­ra­gen­de Fleiss­ar­beit! Ich hof­fe, dass nicht eines Tages Äuße­run­gen von mir auf Dei­ne Gold­waa­ge kom­men :D
    Ich den­ke, man kann es auch ein Wenig anders und viel­leicht wohl­wol­len­der interpretieren:

    Die gan­ze Aus­sa­ge dreht sich um die Auf­klä­rung und lässt sich dann so zusam­men­fas­sen: Chris­ten­tum (und Juden­tum?) sind durch die euro­päi­sche Auf­klä­rung geprägt wor­den. Der nicht in Euro­pa behei­ma­te­te Islam nicht. Das ist der ent­schei­den­de Unter­schied und das macht ihn für uns Auf­ge­klär­te Euro­pä­er fremd. (Um die­se Fremd­heit zu über­win­den müss­te der Islam dies ver­mut­lich nach­ho­len.) Wul­ffs Feh­ler liegt dar­in, die­se Hür­de zu igno­rie­ren bzw. weg­zu­re­den weil sie stört. Wir weh­ren uns aber (zu Recht) und ver­tei­di­gen die­ses kul­tu­rel­le Erbe der Auf­klä­rung gegen ande­re Einflüsse.

    Ich fin­de, wenn man es dar­an auf­hängt, fügt sich eini­ges zusammen.
    Das heisst auch, dass er einen ganz hand­fes­ten Kri­tik­punkt am Islam fest­macht, der in sei­nen Augen ein erheb­li­ches Pro­blem ist. Mit dem Zitat von sausi:
    »Es ist eben nicht aus­ge­han­delt, ob wir die not­wen­di­ge Ein­wan­de­rung, (…) so orga­ni­siert haben, dass Men­schen mit­ein­an­der in fried­li­cher Koexis­tenz und dann sogar in einer inte­grier­ten Bevöl­ke­rung leben, das ist nicht so.«
    bedeu­tet das: wir müs­sen die Ein­wan­de­rung so orga­ni­sie­ren, dass der unauf­ge­klär­te Ein­fluss nicht zu groß wird. (Rea­li­siert wer­den kann das nur durch auf­ge­klär­te Ein­wan­de­rer bzw. Auf­klä­rung der Ein­wan­de­rer, oder?) Man könn­te sogar so weit gehen: ohne Auf­klä­rung kei­ne fried­li­che Koexistenz.

    In jedem Fall fehlt ihm bei einem Teil der Ein­wan­de­rer die Grund­la­ge zum gemein­sa­men Leben und die­se Grund­la­ge sol­len die sich aneig­nen, denn wir wollen/​sollen uns da nicht ändern und unser Erbe verteidigen.
    Auch das Bei­spiel aus den USA passt: mut­maß­lich auf­ge­klär­te Ein­wan­de­rer, also kein Problem.
    Und durch die Redu­zie­rung auf die­sen einen Aspekt, fühlt er sich nicht der all­ge­mei­nen Frem­den­feind­lich­keit oder des Ras­sis­mus verdächtig.

    Unab­hän­gig von alle­dem: man stel­le sich Gauck ein­fach als Ame­ri­ka­ner vor. Dann ist man schon sehr nah an sei­nen Ein­stel­lun­gen bezüg­lich Frei­heit, Eigen­ver­ant­wor­tung, Gerech­tig­keit usw.
    Dazu noch die star­ke Prä­gung durch sei­ne Bio­gra­phie und teil­wei­se eine Rück­stän­dig­keit um 10–15 Jah­re und das Paket Gauck ist fast perfekt.
    So zumin­dest ist mein (wenig fun­dier­ter) Eindruck.

    Die gro­ße Kri­ti­sche Fra­ge zu Gauck ist für mich: kann er posi­ti­ve Impul­se für die Zukunft geben? Kann er z.B. Demo­kra­tie auf der Basis von heu­te wei­ter denken?

    1. Exege­se: Falls du mal Bun­des­prä­si­dent wer­den willst,sonst nicht ;-)

      Islam: Dass der Islam nicht durch die euro­päi­sche Auf­klä­rung gegan­gen ist, mag größ­ten­teils stim­men (auch wenn die Geschich­te Euro­pas viel­fäl­ti­ger ist, als sie oft dar­ge­stellt wird). Aber sind des­we­gen alle Ein­wan­de­re­rIn­nen mit isla­mi­schen Wur­zeln, teils ja schon in der drit­ten Genera­ti­on hier behei­ma­tet, »vor­auf­ge­klärt«? Ich neh­me hier nach wie vor eine Gleich­set­zung zwischen.Islamismus als pol. Ideo­lo­gie, Islam als Religion/​Kultur und ein­zel­nen Men­schen mit isla­mi­schem Hin­ter­grund als »Frem­de« bei Gauck war (zumin­dest in die­sem Zitat). Die­se Gleich­set­zung beun­ru­higt mich.

  9. Mit »Auf­klä­rung« ist immer auch das »dar­über infor­miert« sein gemeint . 

    Bei der euro­päi­schen »Auf­klä­rung« ging es doch auch um nichts ande­res als das die Men­schen über sich selbst und ihren Bezug zur Reli­gi­on und Gesell­schaft auf­ge­klärt (d.h. infor­miert ) wurden . 

    Die­sen Ansatz hat es bis heu­te in den isla­mi­schen Län­dern und im Islam als sol­chen noch nicht gege­ben , des­we­gen ist uns deren Kul­tur so fremd und des­we­gen ist ihnen wie­der­um unse­re Kul­tur so fremd .
    Und des­we­gen wäre es gefähr­lich den Islam jetzt schon als Teil Deutsch­land zu inter­pre­tie­ren , den er hat erst­mal noch einen wei­ten Weg vor sich (Refor­ma­ti­on) – bevor er sich in die Rei­he mit ande­ren zahn­los gewor­de­nen Reli­gio­nen ein­rei­hen kann . 

    Ansons­ten setzt man eine Raub­kat­ze mit klei­nen Häs­chen in ein und den­sel­ben Stall.

    1. Ich ver­ste­he nicht, was die Refor­ma­ti­on damit zu tun hat.

      Ich wür­de auch mal ein gro­ßes Fra­ge­zei­chen davor set­zen, wie es mit der Auf­klä­rung aus­sieht. Lässt sich das wirk­lich sinn­voll nach Religion/​Konfession abgrenzen?

      Falls Mus­li­me nach Ihrer Ein­schät­zung nicht so auf­ge­klärt sind, müss­te zunächst geprüft wer­den, ob es so ist und falls ja, an was es dann liegt.
      Ein­fa­ches Bei­spiel: Men­schen mit klei­ner Schuh­grö­ße haben ein gerin­ge­res Ein­kom­men. Stimmt das? Ja. Wor­an liegt das? Dar­an, dass Frau­en klei­ne­re Füße haben und weni­ger ver­die­nen als Män­ner. Ist die Schuh­grö­ße also für das Ein­kom­men rele­vant? Nein. Das Geschlecht ist relevant.

      Ich glau­be, dass die Auf­klä­rung in Euro­pa zuhau­se ist und hier beson­ders geprägt hat. Expor­tiert wur­de sie ins­be­son­de­re in Län­der mit enger Bin­dung an Euro­pa wie z.B. Aus­tra­li­en. Weni­ger nach Chi­na, Jemen oder Botswana.

      Ich wür­de auch von dem sonst immer so abwä­gen­den und dif­fe­ren­zie­ren­den Gauck deut­lich mehr erwar­ten. Dass er das aus­ge­rech­net hier unter­lässt, legt die Ver­mu­tung einer per­sön­li­chen Abnei­gung dem Islam gegen­über nahe.

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