Operation Druckabbau

Landtag II

Ges­tern mor­gen titel­te ich noch »Erst wenn die CDU das ers­te AKW vom Netz nimmt, glau­be ich Mer­kel und Map­pus«.

Dann kam erst das Mer­kel-Mora­to­ri­um (das nicht nur aus der Sicht von Lob­by-Con­trol kei­nes ist) mit der Abschal­tung der Alt-AKWs für den Wahl­kampf – und gera­de eben schließ­lich die Ankün­di­gung von Map­pus im Stutt­gar­ter Land­tag, dass EnBW das AKW Neckarwestheim‑I dau­er­haft vom Netz neh­men wird. Im Live­ti­cker von SpOn heißt es dazu:

[15.11 Uhr] Das AKW Neckar­west­heim I wird für immer abge­schal­tet. Minis­ter­prä­si­dent Map­pus sag­te im Land­tag: »Neckar­west­heim I wird abge­schal­tet, dau­er­haft, und still­ge­legt«. Zuvor hat­te der Betrei­ber EnBW mit­ge­teilt, dass ein wirt­schaft­li­cher Wei­ter­be­trieb des Reak­tors vor­aus­sicht­lich nicht dar­stell­bar sei. 

So schnell kann’s gehen. Wo es eine Stun­de davor noch die Rede davon war, dass die EnBW Neckarwestheim‑I nur »frei­wil­lig und vor­rüber­ge­hend« vom Netz neh­men wol­le, und der SWR heu­te mor­gen noch berich­te­te, dass die EnBW nicht dar­über infor­miert sei, dass Neckar­west­heim I abge­schal­tet wer­den soll, und von der Kanz­le­rin per­sön­lich gefragt wer­den wol­le, ist es jetzt kein Pro­blem, das über Jahr­zehn­te immer wie­der im Mit­tel­punkt poli­ti­scher Pro­tes­te ste­hen­de AKW abzuschalten. 

Poli­tisch bewer­te ich das gan­ze wei­ter­hin als Ver­such, Druck im Wahl­kampf durch ein Not­ven­til abzulassen. 

Inhalt­lich ist es rich­tig, dass Neckar­west­heim I abge­schal­tet wird. Das wäre nach dem Atom­kom­pro­miss ohne Lauf­zeit­ver­län­ge­rung ja auch bereits gesche­hen. Aber es gibt ja noch mehr Atom­kraft­wer­ke in Baden-Würt­tem­berg. Was ist mit denen? Steht die CDU wei­ter­hin zur Aus­sa­ge »Viel­mehr brau­chen wir die Kern­ener­gie als ver­läss­li­che, kos­ten­güns­ti­ge und kli­ma­freund­li­che Brü­cken­tech­no­lo­gie.« (S. 54, Wahl­pro­gramm)? Und was hat Neckar­west­heim, was die ande­ren Lan­des-AKW nicht haben?

Nach­for­schens­wert wäre nicht zuletzt hier die Fra­ge, was hin­ter dem »finan­zi­ell nicht dar­stell­bar« der EnBW steckt. Heißt das letzt­lich: Neckar­west­heim run­ter­zu­fah­ren, über­prü­fen zu las­sen, evtl. auf­zu­rüs­ten und wie­der anzu­fah­ren wäre teu­rer gewor­den als die Rest­ren­di­te, die durch den dort noch pro­du­zier­ten Strom zu gewin­nen gewe­sen wäre? Oder geht’s da auch um Gesichts­wah­rung? Und was macht der Garan­tie­ak­ti­en­kurs jetzt? Dar­über hin­aus steckt da auch die Fra­ge dahin­ter, wie eigent­lich die Ent­schä­di­gung der Atom­kon­zer­ne dafür aus­sieht, dass sie beim »Mer­kel-Mora­to­ri­um« mitmachen. 

Psy­cho­lo­gisch inter­es­sant wäre es schließ­lich, einen Ein­blick in das Den­ken von Mer­kel und Map­pus zu erhal­ten. Steckt hin­ter dem Wahl­kampf­ma­nö­ver viel­leicht doch so etwas wie die plötz­li­che Erkennt­nis, dass an den Hor­ror­sze­na­rie­ren der Anti-AKW-Bewe­gung trotz aller gegen­tei­li­gen Exper­ten-Beschwö­run­gen etwas Wah­res dran sein könn­te? Eine Ver­un­si­che­rung? Und las­sen sich ande­re star­re und fak­ten­re­sis­ten­te Welt­bil­der der Poli­ti­ke­rIn­nen von Uni­on und FDP auf eine harm­lo­se­re Wei­se erschüt­tern als durch eine kata­stro­pha­le Tra­gö­die in Japan? Viel­leicht mit einer Denk­pau­se in der Opposition?

War­um blog­ge ich das? Weil sich auch hier die Ereig­nis­se über­schla­gen – glück­li­cher­wei­se in weit­aus weni­ger gefähr­li­chen Art und Wei­se als in Fuku­shi­ma gerade.

26 Antworten auf „Operation Druckabbau“

  1. Tja, so ist das mit den grü­nen Ver­spre­chen: »Erst wenn die CDU das ers­te AKW vom Netz nimmt, glau­be ich Mer­kel und Map­pus«. Nun wer­den vor­aus­sicht­lich gleich sie­ben AKW vom Netz genom­men, min­des­tens eins davon sogar end­gül­tig (und ich ver­mu­te mal, da wer­den in den nächs­ten Wochen noch mehr dazu­kom­men) und – Du glaubst es immer noch nicht…

    Wie steht es denn – ein­mal wahl­kampf­tak­tisch-böse gefragt – um die rot-grü­ne Betei­li­gung an Isar II? Wenn sogar Ste­fan Map­pus ein AKW still­le­gen lässt, müss­te das der rot-grü­nen Frak­ti­on in Mün­chen doch eigent­lich auch gelin­gen – oder?

    http://www.stern.de/politik/deutschland/atomkraftwerk-isar-ii-wie-spd-und-gruene-am-akw-verdienen-1606196.html

  2. Ich gebe zu – wenn ich gewusst hät­te, wie schnell hier plötz­lich Türen auf­ge­macht wer­den, die jah­re­lang mit Beton und Eisen ver­bar­ri­ka­diert waren, wäre ich bei der Wahl mei­ner Über­schrift ges­tern vor­sich­ti­ger gewesen. 

    Das »Mora­to­ri­um« hal­te ich sach­lich immer noch für Quatsch – es geht nicht dar­um, die AKWs alle noch­mal zu über­prü­fen, die Risi­ken und Pro­ble­me sind längst bekannt – nur woll­ten Mer­kel etc. die bis­her nicht hören. Das ist Wahl­kampf pur. Jeden­falls zäh­len die Mora­to­ri­ums-AKW für mich nicht, wenn es um die Glaub­wür­dig­keit der CDU geht. (Und die Fra­ge, ob Poli­tik allein durch die Kanz­le­rin gemacht wird, oder ob nicht z.B. Par­la­men­te auch eine Rol­le haben, ist noch­mal eine ganz andere).

    Mit Neckar­west­heim sieht es zuge­ge­be­ner­ma­ßen ein biss­chen anders aus. Mal abge­se­hen davon, dass die EnBW ja sagt, dass sie eine dau­er­haf­te Still­le­gung mit­macht, weil es sich finan­zi­ell für sie nicht lohnt, Neckar­west­heim so wei­ter­zu­be­trei­ben, ist das tat­säch­lich ein Ereig­nis. Wie gesagt – ohne die Lauf­zeit­ver­län­ge­rung wäre Neckarwestheim‑I schon abge­schal­tet, aber bes­ser zu spät als nie. Und klar: ich fin­de auch, dass die Stadt Mün­chen alles tun soll, um Isar-II abzuschalten.

    Mal unab­hän­gig vom Wahl­kampf: war­um bleibt bei mir trotz­dem ein ziem­lich gro­ßes Miss­trau­en? Weil es eine sehr punk­tu­el­le 180°-Kehrtwende ist (Neckar­west­heim wird abge­schal­tet, weil es plötz­lich, nach dem Beben in Japan, unsi­cher ist (und es sich für die EnBW nicht mehr lohnt, dort zu inves­tie­ren) – Phil­ipps­burg wird nur im Mora­to­ri­um vor­rüber­ge­hend vom Netz genom­men – Neckar­west­heim-II wird nicht in Fra­ge gestellt). Das ist doch kei­ne kon­sis­ten­te Poli­tik, son­dern Aktionismus. 

    Böse gesagt: die Ver­mu­tung, dass Neckarwestheim‑I für Map­pus ein Bau­ern­op­fer ist, erscheint mir immer noch deut­lich wahr­schein­li­cher als die im Blog­text ja schon ange­deu­te­te eben­falls mög­li­che Erklä­rung, dass es zu einem, na ja, »Erwe­ckungs­er­leb­nis« bei füh­ren­den CDU-Grö­ßen gekom­men ist. Aber viel­leicht magst du ja was dazu sagen, wie du das ein­schätzt. Unab­hän­gig vom Wahlkampf.

  3. Ich gehe – unab­hän­gig vom Wahl­kampf – nicht davon aus, dass die Erkennt­nis, dass Atom­kraft auch mit Risi­ken ver­bun­den ist, auf­grund der Fuku­shi­ma-Hava­rie plötz­lich »durch­ge­bro­chen« ist. Was jedoch pas­siert ist, ist dass ein ganz wesent­li­ches Argu­ment der Befür­wor­ter und Lob­by­is­ten – näm­lich das vom »sowje­ti­schen Schrott« sowie vom »rus­si­schen Expe­ri­ment« – durch die eben nicht durch ein Expe­ri­ment ver­ur­sach­te Hava­rie eines nach moder­nen west­li­chen Sicher­heits­stan­dards aus­ge­rüs­te­ten AKW sozu­sa­gen über Nacht weg­ge­fal­len ist. Mein Ein­druck ist, dass vie­le sich die Lauf­zeit­ver­län­ge­rung mit genau die­sen Argu­men­ten auch vor sich selbst schön­ge­re­det haben und nun erken­nen müs­sen, dass man damit zukünf­tig beim Wäh­ler nicht mehr auf­lau­fen kann. Mal ganz davon abge­se­hen, dass es in der Uni­on schon immer auch Atom­skep­ti­ker wie etwa Nor­bert Rött­gen gab – dem man das in den letz­ten Tagen wie­der über­deut­lich ange­merkt hat – die auf­grund der öffent­li­chen Dis­kus­si­on zur – wahl­tak­tisch – abso­lu­ten Unzeit nun auch par­tei­in­tern ein grö­ße­res Gewicht erhalten.

    Kurz­um: Ich den­ke, da kom­men vie­le Fak­to­ren zusam­men. Und ich ver­mu­te, dass es am Ende nicht bei Neckar­west­heim blei­ben wird, son­dern dass von den sie­ben »aus­ge­setz­ten« AKW am Ende der drei Mona­te nicht mehr als drei oder vier wie­der ans Netz gehen, womit wir mei­nes Wis­sens nach etwa auf dem Stand wären, den wir auch bei Bei­be­hal­tung des Atom­aus­stiegs hätten…

  4. »Psy­cho­lo­gisch inter­es­sant wäre es schließ­lich, einen Ein­blick in das Den­ken von Mer­kel und Map­pus zu erhal­ten. Steckt hin­ter dem Wahl­kampf­ma­nö­ver viel­leicht doch so etwas wie die plötz­li­che Erkennt­nis, dass an den Hor­ror­sze­na­rie­ren der Anti-AKW-Bewe­gung trotz aller gegen­tei­li­gen Exper­ten-Beschwö­run­gen etwas Wah­res dran sein könnte?«

    Nein.

    Schwarz-gelb hät­te auch gegen einen schwa­chen Kanz­ler­kan­di­da­ten wie Gabri­el kei­ne Chan­ce in 2013 (und jetzt vor­her in BW usw. auch nicht), wenn sie sich die­se offe­ne Flan­ke leis­ten wür­den. Das The­ma geht ja nicht weg. Das bleibt groß und wich­tig und emo­tio­na­li­siert. Und es ist ein The­ma, bei dem CDU/​FDP nur ver­lie­ren können. 

    Also ent­schär­fen sie es jetzt – ich wür­de davon aus­ge­hen, dass am Ende der drei Mona­te noch mehr Mei­ler für immer aus blei­ben. Ist das Atom-The­ma dann erst­mal aus dem Weg geräumt, kön­nen sie Fel­der beackern, mit denen sie Wah­len gewin­nen kön­nen – böse Mus­li­me, hohe Steu­ern, das Rie­sen-BIP usw.

  5. Im Ticker sehe ich übri­gens gera­de, dass auch Bib­lis A wahr­schein­lich nicht mehr zurück ans Netz soll, was ich mal als Bestä­ti­gung mei­ner vor­hin geäu­ßer­ten The­se auf­fas­se, dass es nicht bei Neckar­west­heim I blei­ben wird. Genau­es scheint zur Zeit aller­dings noch nicht bekannt zu sein.

  6. @Christian: Ich hal­te es gar nicht für so unwahr­schein­lich, dass letzt­lich die AKWs, die durch den rot-grü­nen Atom­kom­pro­miss eh aus­lau­fen wür­den, jetzt aus blei­ben. Trotz­dem blei­be ich dabei, dass die Lauf­zeit­ver­län­ge­rung zurück­ge­nom­men wer­den muss, und dass es eher dar­um gehen muss, den Aus­stieg zu beschleunigen.

    [Nach­trag: Laut tagesschau.de sol­len neben Neckarwestheim‑I (EnBW) auch Isar‑I (EON, Bay­ern) und die bei­den schles­wig-hol­stei­ni­schen Pan­nen-AKW Krüm­mel und Bruns­büt­tel (Vat­ten­fall) dau­er­haft abge­schal­tet wer­den. Was mit Bib­lis (RWE) nach Ablauf des »Mora­to­ri­ums« pas­siert, ist unklar – RWE scheint auch noch nicht so ganz bereit, den Kurs­wech­sel mitzutragen]

    [Noch ein Nach­trag: ganz inter­es­sant übri­gens die Pres­se­mit­tei­lung von EnBW dies­be­züg­lich – die star­tet mit »vor­über­ge­hend, frei­wil­lig« (aus Pie­täts­grün­den!) und endet mit »Wei­ter­be­trieb vor­aus­sicht­lich nicht mehr dar­stell­bar«. Aus­stieg mit Hintertür!]

  7. Ich glau­be durch­aus, dass es in der Sache auch in der Lan­des-CDU Mit­glie­der und Man­dats­trä­ger gibt, die schon immer skep­tisch waren was die Lauf­zeit­ver­län­ge­rung angeht – und dass es die­sen jetzt leich­ter fällt, ent­spre­chen­des auch dann zu sagen, wenn die Mikro­pho­ne oder (wie heu­te bei unse­rer Prä­senz vor dem Land­tag, der sich Map­pus durch flucht­ar­ti­ge Wen­de in die Tief­ga­ra­ge ent­zog) die Zei­tungs­blö­cke gezückt sind.

    Einer der nach­denk­li­che­ren CDU-Minis­ter äus­ser­te sich da, auch auf mei­ne Fra­gen hin, ganz in mei­nem Sin­ne. Dass er sich da nur tak­tisch für die Zeit-nach-Map­pus posi­tio­nie­ren woll­te, will ich ihm gar nicht unter­stel­len – für den star­ken Aus­bau der Erneu­er­ba­ren, vor allem Wind und Solar, hat er sich schon immer aus­ge­spro­chen und schon mehr­fach auch gros­se PV-Anla­gen mit ent­spre­chen­den Wor­ten eingeweiht.

  8. @Christian:

    Was jedoch pas­siert ist, ist dass ein ganz wesent­li­ches Argu­ment der Befür­wor­ter und Lob­by­is­ten – näm­lich das vom »sowje­ti­schen Schrott« sowie vom »rus­si­schen Expe­ri­ment« – durch die eben nicht durch ein Expe­ri­ment ver­ur­sach­te Hava­rie eines nach moder­nen west­li­chen Sicher­heits­stan­dards aus­ge­rüs­te­ten AKW sozu­sa­gen über Nacht weg­ge­fal­len ist. 

    Zunächst mal dan­ke für die offe­ne, unprä­ten­tiö­se Dar­stel­lung. Ich muss aller­dings sagen, wenn die­se Dar­stel­lung stimmt, zeugt sie von gren­zen­lo­ser tech­ni­scher Nai­vi­tät. Es ist erschre­ckend, dass auf­grund eines sol­chen »Bauch­ge­fühls« (sinn­ge­mäß: unse­re AKWs sind siche­rer als die der Rus­sen und wir stel­len uns weni­ger dil­le­tan­tisch bei deren Bedie­nung an), und nicht auf­grund eines tech­ni­schen Ver­ständ­nis­ses Poli­tik gemacht wird, und ich will das gar nicht auf die Uni­on beschränken.

    Gera­de stand das recht schön auf Fefes Blog: Shit hap­pens. Was schief gehen kann, geht schief. Also kann man nicht Tech­nik ver­wen­den, die im worst-case nicht beherrsch­bar ist und gan­ze Land­stri­che kon­ta­mi­niert. Man kann auch nicht z.B. den neur­al­gi­schen Punkt einer Demo­kra­tie, näm­lich die Wah­len, kom­plett elek­tro­nisch und ohne Stift und Papier durch­füh­ren. Weil in bei­den Fäl­len ein­fach die Fol­gen zu gra­vie­rend sind, wenn es zum worst-case kommt. (Im letz­te­ren Fal­le z.B. Wahlmanipulation.)

    Ich den­ke man kann sich im vor­hin­ein aus­rech­nen, wie worst-case Sze­na­ri­en aus­se­hen, und dem­entspre­chend abschät­zen, ob ein Ein­satz der Tech­nik zu ver­ant­wor­ten ist. War­um muss der worst-case erst *ein­tre­ten*, bevor ein Umden­ken statt­fin­det?? Wie naiv muss man sein??

  9. @blumentopf – Rich­tig, bis­lang fir­mier­ten sol­che Über­le­gung im Den­ken der CDU aber wohl eher unter Labels wie Dage­gen­par­tei oder Fortschrittsfeindschaft.

  10. @blumentopf: Falls dies falsch rüber­ge­kom­men sein soll­te: Unse­re AKW sind natür­lich defi­ni­tiv siche­rer als die der Rus­sen – und Expe­ri­men­te wie jenes, durch das die Tscher­no­byl-Hava­rie ver­ur­sacht wur­de, sind hier­zu­lan­de selbst­ver­ständ­lich ver­bo­ten (und ich gehe jetzt mal davon aus, dass sich die Betrei­ber an die­sen Vor­ga­ben auch ori­en­tie­ren). Die Erkennt­nis, die uns nun aller­dings die Hava­rie in Japan vor Augen führt ist die, dass trotz bes­se­rer Tech­nik, trotz höhe­rer Sicher­heits­stan­dards und ganz ohne irgend­wel­che Expe­ri­men­te oder sons­ti­ge Ver­let­zun­gen der Vor­schrif­ten eben doch ein schwe­rer Stör­fall auf­tre­ten kann.

    Und ja, natür­lich hät­te man das auch vor­her schon wis­sen kön­nen. In der Theo­rie. Es in der Rea­li­tät zu erle­ben, ist psy­cho­lo­gisch betrach­tet jedoch etwas gänz­lich ande­res. So wie im Grun­de ja auch jeder weiß, wel­che Kon­se­quen­zen das Rau­chen haben kann, es aber viel­leicht doch erst auf­gibt, nach­dem er erle­ben muss­te, wie ein Ver­wand­ter an Lun­gen­krebs stirbt. Men­schen sind so gestrickt – ob einem das nun gefällt oder nicht. Und dass auch die Poli­tik nicht immer ein völ­lig ratio­na­les Geschäft ist, soll­te ja eigent­lich für nie­man­den eine Über­ra­schung sein…

  11. Ange­sichts von Mer­kels Regie­rungs­er­klä­rung und ange­sichts der Tat­sa­che, dass aus einer Aus­set­zung der Lauf­zeit­ver­län­ge­rung jetzt doch nur ein vor­über­ge­hen­des Abschal­ten der ältes­ten AKWs im Ein­ver­neh­men mit den Kon­zer­nen – und der Mög­lich­keit, die Lauf­zei­ten der neus­ten AKWs ent­spre­chend auf­zu­sto­cken – gewor­den ist, bin ich inzwi­schen doch sehr davon über­zeugt, dass das eine gro­ße Scha­ra­de ist, und in keins­ter Wei­se einen Über­zeu­gungs­wan­del darstellt. 

    Dem­entspre­chend bin ich gespannt, ob es Mit­glie­der der Uni­on oder der FDP gibt, die im Bun­des­tag gleich dem grü­nen Antrag zustim­men, tat­säch­lich schnel­ler auszusteigen.

  12. Ich bin auch neben­bei am gucken. 

    Mer­kel sieht ziem­lich alt aus in der gan­zen Geschich­te. Ich glau­be aber nach wie vor, dass der Glaub­wür­dig­keits­scha­den ein­fach zu groß wäre, wenn sie in drei Mona­ten schon wie­der umschwenkt. Naja, spä­tes­tens 2013 nach der Wahl sieht eh wie­der alles ganz anders aus.

    Aber ganz gut fin­de ich ihre Bereit­schaft, den Aus­bau der Erneu­er­ba­ren beschleu­ni­gen zu wol­len. Da ist doch Kon­sens denkbar.

  13. Aktu­ell habe ich eher den Ein­druck, dass die Halb­werts­zeit von Mer­kels Atom­schwenk in der Grö­ßen­ord­nung von 3 Tagen liegt – am 27.3. ist sie wie­der die alte Atom­kanz­le­rin durch und durch.

    Und die Bereit­schaft, den Aus­bau der Erneu­er­ba­ren ist doch bis­her nichts als Rhe­to­rik. Mora­to­ri­um für die Sen­kung der EEG-Sät­ze oder sowas? Sehe ich nicht. [Nach­trag: schau dir dazu mal hier den Absatz zu Erneu­er­ba­ren an – es soll eine Kom­mis­si­on ein­ge­setzt wer­den, die dar­über nach­den­ken soll, wie der Aus­bau beschleu­nigt wer­den kön­ne. Mehr hei­ße Luft geht in so einem Moment fast nicht]

  14. Ja stimmt wohl, wuss­te gar nicht, dass die gera­de die Mit­tel für Sanie­rung usw. zusam­men­ge­stri­chen haben (hat Gabri­el gesagt). Das geht natür­lich gar nicht.

    Trotz­dem. Ich bin neu­lich auf einen Arti­kel gesto­ßen, in dem es um das Ener­gie-Kom­mit­te im House of Repre­sen­tait­ves in den USA ging, wo kein ein­zi­ger Repu­bli­ka­ner den Kli­ma­wan­del über­haupt akzep­tiert. Die wol­len gera­de die EPA (Umwelt­be­hör­de) kom­plett aus­trock­nen in der Haus­halts­de­bat­te. Vor die­sem Hin­ter­grund fin­de ich unse­re Kon­ser­va­ti­ven noch mode­rat in der Umwelt­po­li­tik. Da ist prin­zi­pi­ell schon die Ein­sicht da, das was pas­sie­ren muss. Das neh­me ich Mer­kel ab. Naja, sie gehört natür­lich trotz­dem abgewählt …

  15. In der gewöhn­lich gut infor­mier­ten FAZ steht es jetzt schwarz auf weiß:

    »In die­ser Run­de am Abend wur­de der Begriff des ›Mora­to­ri­ums‹ gebo­ren. Wahl­kampf­be­dingt wur­de der Wunsch nach einer poli­ti­schen Ges­te erho­ben, um deut­lich zu machen, wie sehr die Koali­ti­on die Sor­gen der Men­schen ernst neh­me. Also: Eini­ge Kern­kraft­wer­ke müss­ten ›vom Netz‹. Bib­lis A und Neckar­west­heim waren fest im Blick. […] Die Koali­ti­ons­frak­tio­nen hat­ten zu fol­gen. Ihre Vor­sit­zen­den baten, den Streit zwi­schen den Pro- und Con­tra-Lagern ein­zu­stel­len. Bit­te nicht pro­vo­zie­ren, lau­te­te die Mah­nung – Baden-Würt­tem­berg im Blick.«

  16. @Christian: Peter Tau­ber scheint da die abso­lu­te Aus­nah­me zu sein – ich habe mir gra­de mal das Abstim­mungs­ver­hal­ten der Uni­on ange­schaut, und es ist kata­stro­phal – jeden­falls deu­tet (bis auf die »wacke­ren 5«) nichts dar­auf hin, dass es zu einem Umden­ken gekom­men ist.

    Hier die Über­blicks­ta­bel­le, die sich auf die­se Doku­men­te beim Bun­des­tag stützt.

    @blumentopf: Klingt plausibel.

  17. @Till: Erst mal vie­len Dank für die Tabel­le. Habe mich über den Namen von Frank Hein­rich auf der Ja-Sei­te gefreut, der wegen sei­ner frü­he­ren Heils­ar­mee-Arbeit in Chem­nitz schon lan­ge der heim­li­che Held mei­ner Frau ist. Mir hat sie jeden­falls immer erzählt, der Mann hät­te fes­te Prin­zi­pi­en. Offen­bar scheint es ja so zu sein.

    Was die Fra­ge angeht, wie geschlos­sen die Uni­on in der Sache ist: Ich gehe davon aus, dass es noch mehr Atom­kraft-Geg­ner oder zumin­dest ‑Skep­ti­ker gibt, die sich nun nach und nach äußern wer­den. Wenn unser Spit­zen­kan­di­dat in Sach­sen-Anhalt fest­stellt:

    »Wir haben eine völ­lig neue Situa­ti­on auf die­ser Welt. Es ist immer davon aus­ge­gan­gen wor­den, dass so etwas wie in Japan nicht ein­tre­ten kann. Es ist aber ein­ge­tre­ten. Der Druck, schnel­ler aus der Atom­ener­gie aus­zu­stei­gen, wird wachsen.«

    dann macht mir das durch­aus Hoff­nung, dass sich auch auf ande­ren Ebe­nen der Uni­on ein Wan­del in Sachen Atom­kraft abzeich­net. Mich wür­de es jeden­falls freu­en, schließ­lich wür­de damit einer der weni­gen Punk­te weg­fal­len, die mich am aktu­el­len Uni­ons-Wahl­pro­gramm noch akut stören…

  18. Map­pus hat ja heu­te wäh­rend dem Inter­view im Süd­west­rund­funk zuge­ge­ben, dass das GKN wohl nicht mehr ans Netz geht, »weil es sich für die EnBW nicht mehr lohnt.« —> Uuuups!

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