Kurz: Außergewöhnlich notwendig

Wie gebannt habe ich in den letz­ten Tagen die Nach­rich­ten aus Ungarn ver­folgt, und war damit wohl nicht allei­ne im glo­bal ver­netz­ten Auf und Ab der Gefüh­le. Gro­ße Freu­de dar­über, wie warm­her­zig die Flücht­lin­ge aus Buda­pest in Wien und Mün­chen auf­ge­nom­men wur­den, wie vie­le Frei­wil­li­ge (auch in Ungarn) sich enga­giert haben, wie unbü­ro­kra­tisch die Bah­nen auf ein­mal han­del­ten, und wie ein­fach es plötz­lich war, das Dub­lin-Abkom­men aus­zu­set­zen. Einer­seits. Und auf der ande­ren Sei­te dann Ver­zweif­lung dar­über, wie ein unga­ri­scher Regie­rungs­chef sich stur an Regeln hält, wie Flücht­lin­ge dabei als läs­ti­ges Pro­blem behan­delt wer­den, was dann auch das Vor­täu­schen fal­scher Tat­sa­chen und unmensch­li­che Zustän­de legi­ti­miert, und wie Mer­kel dann doch wie­der das „aus­nahms­wei­se“ betont, auf Ein­hal­tung der Regeln pocht und erklärt, dass das Dub­lin-Abkom­men eben doch nicht aus­ge­setzt sei.

Poli­tik­theo­re­tisch lie­ße sich jetzt hier ein Essay anhän­gen über das Ver­hält­nis von Regeln und Aus­nah­me­zu­stän­den, über huma­ni­tä­re Hil­fe und die sich dar­aus manch­mal erge­ben­den Not­wen­dig­keit, Regeln zu bre­chen und das Rich­ti­ge zu tun. Ich las­se das an die­ser Stel­le, will aber doch die Beob­ach­tung in den Raum wer­fen, dass mög­li­cher­wei­se ein Abkom­men, das nur dann men­schen­wür­dig ist, wenn es nicht ein­ge­hal­ten wird, kaputt sein könn­te. Viel­leicht lie­ße sich da was tun – und eine bes­se­re euro­päi­sche Gemein­schaft neu erschaffen.

Kurz: 26. August 2015

Wenn es kei­ne Nach­rich­ten gäbe, könn­te man in der Son­ne am See sit­zen, Ren­e­clau­den essen, und alles wäre wun­der­bar. So aber ist nix gut, und ich sit­ze hier und grüb­le dar­über nach, wie es so ist mit dem Ras­sis­mus, der Stim­mung und der Poli­tik. War­um es Wochen und Mona­te, einen Anschlag und mah­nen­de Wor­te braucht, bis Mer­kel sich ein­mal in einer Flücht­lings­un­ter­kunft sehen lässt. War­um ich und vie­le ande­re das Gefühl nicht los­wer­den, dass „lin­ke“ Akti­vi­tä­ten nach wie vor schnel­ler und här­ter poli­zei­lich ver­folgt wer­den als die Anschlä­ge und Volks­ver­het­zun­gen der „besorg­ten Bür­ger“. Wo hier – selbst wenn es mehr eine sym­bo­li­sche Ges­te wäre – Son­der­er­mitt­lungs­grup­pen und Poli­zei­staf­feln blei­ben. Wie groß­ar­tig das Enga­ge­ment vie­ler Ein­zel­ner ist, und wie beschä­mend, dass es die­ses braucht. Wie­so in der bun­des­wei­ten Debat­te nicht ankommt, dass Kret­sch­mann sehr deut­lich gesagt hat, dass das Boot nie voll ist. Ob sich 1993 wie­der­holt, und was dage­gen getan wer­den kann. Wie­so in man­chen Köp­fen der Grund­rechts­sta­tus des Asyls par­tout igno­riert wird. Ob die EU nicht eine Art Eva­ku­ie­rung Syri­ens orga­ni­sie­ren müss­te. War­um man­che jetzt sehr viel Wert auf Theo­rie­de­bat­ten legen. Und auch dar­über, ob die Land­kar­ten und Berich­te, die als Ursa­che für Anschlä­ge und Aus­schrei­tun­gen die unvoll­stän­di­ge Inte­gra­ti­on Ost­deutsch­lands sug­ge­rie­ren, Recht haben. Und wenn ja, was dar­aus eigent­lich für poli­ti­sche Kon­se­quen­zen zu zie­hen wären.

Die neuen Eurobasisdemokraten, oder: Zurück in die 1980er?

Moss macro

Eigent­lich gibt es zur Zeit wich­ti­ge­res als das Innen­le­ben der grü­nen Par­tei. Trotz­dem könn­te die 39. Ordent­li­che Bun­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz, die Ende Novem­ber in Hal­le statt­fin­det, inter­es­sant wer­den, lie­gen doch inzwi­schen eini­ge Anträ­ge Unzu­frie­de­ner vor. Ich den­ke dabei ins­be­son­de­re an den Antrag „Die Par­tei stra­te­gisch neu auf­stel­len, Fens­ter und Türen öff­nen!“ von Robert Zion und an den Antrag „Für eine umfas­sen­de Rück­kehr zu basis­de­mo­kra­ti­schen Struk­tu­ren“ von Frank Bro­zow­ski und ande­ren. Ins­ge­samt ste­hen inzwi­schen 146 Per­so­nen unter den Anträ­gen. Wor­um geht es?

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Kurz: Science Fiction weiterhin weltoffen

Im April schrieb ich über den Kul­tur­kampf um das ima­gi­nä­re Land – den Ver­such diver­ser Rechts­au­ßen­grup­pie­run­gen („Sad Pup­pies“, „Rabid Pup­pies“), das Sci­ence-Fic­tion-Fan­dom zu über­neh­men, und ins­be­son­de­re die „Hugo Awards“ für sich zu erobern. Dazu wur­den gesam­melt Stim­men für die Nomi­nie­run­gen für die­se Prei­se abge­ge­ben (um die 200 Stim­men reich­ten oft schon, um auf die vor­de­ren Plät­ze zu kom­men), so dass in vie­len Preis­ka­te­go­rien nur oder fast nur Ver­tre­te­rIn­nen der „Pup­pies“ zur Wahl stan­den. Seit­dem ist eini­ges pas­siert. Es wur­de mobi­li­siert, eini­ge von den „Pup­pies“ Nomi­nier­te woll­ten damit nichts zu tun haben, und zogen zurück, ande­re Vor­schlä­ge waren aus for­ma­len Grün­den nicht wähl­bar. Trotz­dem domi­nier­ten bei den Nomi­nie­run­gen in vie­len Kate­go­rien zunächst die „Puppy“-Nennungen.

Ges­tern abend (Orts­zeit) wur­den nun auf der World­Con die Ergeb­nis­se bekannt­ge­ge­ben. Und es zeigt sich: die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der knapp 6000 abstim­men­den SF-Fans begeis­tert sich für gut erzähl­te Sci­ence Fic­tion und ist dabei welt­of­fen und libe­ral. Nur etwa 10 % der Stim­men [ande­re Quel­len sagen: max. ein Drit­tel …] kamen von Anhän­ge­rIn­nen der „Pup­pies“. Letzt­lich konn­te sich in kei­ner Kate­go­rie ein ori­gi­nä­rer „Puppy“-Vorschlag durch­set­zen. Dafür wur­de fünf­mal – so oft wie nie zuvor – „No Award“ (kein Preis) auf Platz 1 gewählt, der Hugo in der jewei­li­gen Kate­go­rie also nicht ver­ge­ben. Beim bes­ten Roman hat Liu Cixins The Three-Body Pro­blem knapp vor Kathe­rin Addi­sons The Goblin Emper­or gewon­nen – 200 Stim­men Unter­schied. Bei­des sind auf jeden Fall lesens­wert und zei­gen die gan­ze Band­brei­te zeit­ge­nös­si­scher Sci­ence Fic­tion & Fan­ta­sy; ein leben­di­ges Genre! 

Ins­ge­samt ist die dies­jäh­ri­ge Hugo-Ver­lei­hung glimpf­lich* aus­ge­gan­gen. Ich rech­ne damit, dass die „Pup­pies“ sich nicht davon abhal­ten las­sen, auch im nächs­ten Jahr zu ver­su­chen, „ihre“ Cham­pi­ons kon­zer­tiert zu nomi­nie­ren. Gleich­zei­tig gehe ich davon aus, dass der Nomi­nie­rungs­pro­zess grö­ße­re Auf­merk­sam­keit als bis­her erfah­ren wird. 2014 haben sich in den gro­ßen Kate­go­rien knapp 2000 Per­so­nen dar­an betei­ligt, bei klei­ne­ren („Best Fan Wri­ter“ etc.) waren es eini­ge Hun­dert. Die­se Zah­len dürf­ten zuneh­men; ich gehe auch davon aus, dass es regel­rech­te „Nomi­nie­rungs­kam­pa­gnen“ geben wird, um den einen oder ande­ren guten Roman oder die eine oder ande­re gute SF-Geschich­te auf den Hugo-Stimm­zet­tel zu brin­gen – sofern das Nomi­nie­rungs­ver­fah­ren nicht geän­dert wird. Neben­bei zei­gen die Hugos, dass ein Prä­fe­renz­wahl­ver­fah­ren gut funk­tio­nie­ren kann.

* Glimpf­lich, weil ohne die Pup­py-Kam­pa­gne eine gan­ze Rei­he span­nen­der Leu­te und Geschich­ten zur Abstim­mung gestan­den wären.

P.S.: WIRED berich­tet in einer aus­führ­li­chen Repor­ta­ge über die gan­ze Sache.