Fantastische Sommerabende, lau und schön … und viel zu warm für den April, oder?
Zeit des Virus, Update III
Allmählich wird aus der hektischen Betriebsamkeit der ersten Wochen etwas, das sich lang zieht, etwas, das nach Ausdauer und Warten ruft. Etwas, das noch kein Ende kennt, ein Drittes neben Krise und Normalbetrieb.
In den letzten drei Wochen, seit ich zuletzt über die „Zeit des Virus“ geschrieben habe, ist es gefühlt deutlich schwieriger und anstrengender geworden. Ostern hat ganz gut geklappt, Kernfamilienfeier, per Skype zugeschaltete Großeltern und Geschwister, gemeinsam verbrachte Zeit. Aber die Osterferien, die in Baden-Württemberg erst morgen enden, sind keine Ferien, weil die Kinder beide noch Schulstoff erledigen müssen, und weil auch die Fraktionsarbeit weitgehend „normal“ weiterläuft.
Auch bei mir gibt es zunehmend das Gefühl, dass es doch mal aufhören müsste mit diesem Lockdown, mit den ganzen Beschränkungen. Ich kann mir noch nicht so ganz vorstellen, wie die Kinder damit klar kommen sollen, weitere Wochen im „Home-Schooling“ zu verbringen. Für Montag sind die nächsten Aufgaben und Telefonate mit den Lehrer*innen angekündigt. „Macht doch mal was“ bleibt trotzdem an den Eltern hängen, und klar: es gibt so etwas wie einen Rhythmus, aber es sind doch Tage, an denen deutlich weniger passiert als es in der Schule der Fall wäre. Und zumindest R. ist zunehmend frustriert davon, wenn draußen auf dem Hof Kinder spielen und ich nur sage, dass wir es nicht möchten, dass er dazu geht.
Gefühlt also Eile, trotz aller Introvertierheit der Wunsch, dass die Zeit des Virus mal vorbei gehen möge. Und gleichzeitig im Kopf das Wissen darum, dass wir noch längst nicht über den Berg sind, der Ärger darüber, dass allein die Debatte um „Lockerungen“ bei einigen wohl dazu geführt hat, das alles nicht mehr ernst zu nehmen … ich möchte nicht wissen, was das für die Ansteckungszahlen in ein paar Tagen bedeutet.
Und wenn ich versuche, mir die verschiedenen Strategien, mit dem Virus umzugehen, vor Augen halte, dann wird klar: Herdenimmunität, der Aufbau eines natürlichen Schutzes bei einem großen Teil der Bevölkerung: das funktioniert nicht, jedenfalls nicht ohne eine Vielzahl an Toten in Kauf zu nehmen. Was jetzt passiert, ist das Senken der Weiterverbreitung auf ein Maß, mit dem das Gesundheitssystem klar kommt. Das sieht aktuell gut aus, die Neuinfektionen sind zurückgegangen und seit Tagen stabil, auch die Zahl der täglichen Todesfälle ist halbwegs stabil (zynisch, dass das eine gute Nachricht ist). Aber so weiter zu machen, heißt eben auch, einen Kern aus Kontaktvermeidung und harten Beschränkungen noch mindestens bis in den Herbst, vielleicht auch ins Frühjahr aufrecht zu erhalten. Und dann stehen sowohl Selbständige, die nichts verdienen, weil derzeit zum Beispiel niemand Auftritte von Künstler*innen bucht, vor einem Problem – genauso wie alle Eltern, die das Gewurstel der letzten Wochen bis weit in die Zukunft hinein weiterführen sollen. (Und nein, bei weitem nicht jeder Haushalt besteht aus Vater Alleinverdiener, der pädagogisch versierten Mutter Hobbylehrerin und den braven Kindern 1 und 2, die gerne mit dem Hund im Garten tollen). (Apropos: sehr gut dazu Annalena Baerbock in der taz).
Nahe liegende Lösungen für dieses Problem gibt es nicht, am besten wäre wohl eine Kombination aus echtem Teleunterricht für die Kinder (aber das muss technisch erst einmal klappen), einem rollierenden oder sonst irgendwie reduziertem System von Kita- und Schulöffnungen und Lohnersatzleistungen für alle, die so nicht arbeiten können. Und irgendwann dann die Impfung. Aber so oder so heißt dass, das es noch eine ganze Weile weitergeht mit dem Status quo.
Der kleine Hoffnungsfunke: die Zahl der Neuinfektionen und die Zahl der Infektionen pro Person nimmt so stark ab, dass wieder zu „Containment“ als Strategie gegriffen werden kann. Das hat aber zwei nicht ganz einfache Voraussetzungen. Zum einen braucht es schnelle Tests, auch auf Immunität, und Wissen darüber, wie die Dunkelziffern aussehen. Also Tests und Strichproben. Und zum anderen braucht es eine Einhaltung sowohl der jetzt geltenden Kontaktbeschränkungen wie auch der dann weiter notwendigen Hygieneregeln durch einen großen Teil der Bevölkerung, also Einsicht. Bei den Tests und Stichproben bin ich halbwegs zuversichtlich, bei der Einsicht habe ich derzeit so meine Zweifel. Der Heinsberg-Coup von Laschet ist diesbezüglich, um es deutlich zu sagen, hochgradig kontraproduktiv.
In der Presse und in der Fraktion – genauso wie in den sozialen Medien – gibt es derzeit eigentlich nur ein Thema. Auch das trägt dazu bei, dass diese Tage sich strecken. Es geht immer um Corona. In der Arbeit. In der Freizeit. Am Wochenende. In den „Ferien“. Usw. Klar gibt es Fluchtmomente – Computerspiele, Filme, Bücher – aber eigentlich ist das Virus dauerpräsent. Und das seit Wochen. Auch das macht diese Zeit schwierig. Vielleicht brauchen wir hier andere Räume.
Gleichzeitig empfinde ich es als schwierig, die Pandemie auszublenden. Beispiel Wahlprogramm – im Frühjahr 2021 sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Da jetzt ein Programm zu schreiben, das aussieht wie jedes andere, das wird nicht gehen. Nicht nur, weil die Wirtschaftslage und die Finanzlage des Landes eine andere sein werden, sondern auch deswegen, weil die Pandemie eine ganze Reihe von politischen Prioritäten umgeworfen hat. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Jetzt auf Antworten aus dem Jahr 2019 zu setzen, hätte ähnliche Effekte wie die grandios daneben gegangene „Alle reden von Deutschland – wir nicht“-Kampagne, die die West-Grünen nach der Wende aus dem Bundestag kickte. Es braucht also Sensibilität dafür, wie die Stimmung im Land im Frühjahr 2021 aussehen wird. Nur weiß das jetzt noch niemand. Politik wie üblich funktioniert auch deswegen gerade nicht.
Arne Jungjohann hatte auf Twitter mit Bezug auf Carolin Emckes Corona-Tagebuch nach generationendefinierenden historischen Ereignissen gefragt. Bisher hätte ich da mit Tschernobyl geantwortet, vielleicht mit der Wende, mit der ersten rot-grünen Bundesregierung, mit 9/11 oder auch mit Fukushima und allen Folgen, auch in der baden-württembergischen Landespolitik. Gut möglich, dass das Jahr 2020 in vielen Biografien diese Ereignisse überstrahlen wird und in der Geschichte der Zukunft der Punkt sein wird, an dem das alte 20. Jahrhundert dann wirklich geendet hat.
P.S.: Apriltage mit fast 30° Celsius, viel zu wenig Regen, Dürrewarnung – die andere große Krise ist weiterhin da.
Kurz: Brot für Faule
Wie ich schon geschrieben habe, ist eines der Dinge, die ich in den letzten Wochen gelernt habe, selber Brot zu backen. Genauer gesagt, dieses No-Knead-Brot, also Brot ohne Kneten.
Zutaten: 425 g Mehl, 325 ml Wasser, 10 g Salz, 1–2 g Trockenhefe
Mehl (ich nehme eine Mischung aus Vollkorn- und feinerem Weizenmehl) mit Salz (das ist etwa ein gehäufter Teelöffel) und Trockenhefe (ein Achtel einer 9‑g-Packung) in einer Schüssel gut mischen, Wasser hinzufügen, verrühren.
18 Stunden, ggf. auch länger, gehen lassen.
Den Teig „falten“, ggf. vorsichtig weiteres Mehl einarbeiten, bis eine seidige Konsistenz erreicht ist.
Weitere zwei Stunden gehen lassen.
Mit Wasser bestreichen und im heißen Backofen – ich bin inzwischen bei 225 °C Umluft – etwa 30 Minuten backen. Klopfprobe.
Anfangs habe ich in Ermangelung einer Cocotte oder eines Brotbacktopfes eine Kastenform verwendet; das ganze funktioniert aber, wie ich inzwischen festgestellt habe, auch ohne jede Form auf einem Backblech.
Warum Brot für Faule? Weil das Brot zwar fast einen Tag rumsteht, die eigentlichen Arbeitsschritte aber in wenigen Minuten erledigt sind. Das Ergebnis ist sehr lecker.
P.S.: Inzwischen habe ich mir einen gußeisernen Backtopf („Cocotte“) angeschafft, und das macht echt noch einmal einen Unterschied. Topf (ohne Deckel) mit auf 230 Grad oder mehr vorheizen, Teig in den heißen Topf geben (Achtung: sehr heiß! Vorsicht!), Deckel drauf, etwa 30 Minuten mit und dann noch 15 Minuten ohne Deckel backen. Gibt dann eine sehr schöne Kruste.
P.P.S. (30.10.2020): Normalerweise verwende ich 550er-Mehl für alles – Ofen auf 250 °C und 450er Mehl ergeben ein noch besseres Brot.
Zeit des Virus, Update II

Allmählich entwickeln sich neue Routinen. Draußen blühen die Obstbäume und die Forsythien, die Wiesen sind von Gänseblümchen übersät. Drinnen wechseln sich Tage, an denen eine Videokonferenz auf die andere folgt, mit Tagen ab, an denen meine Kinder bei mir sind, und an denen die Fraktionsarbeit in den Hintergrund rückt.
Ich beobachte, dass auch Telefonate mit Kolleg*innen inzwischen häufiger als früher als Videotelefonat stattfinden. Das mag eine Unachtsamkeit sein, weil unser Telefonsystem hier seine Eigenheiten hat, mag aber auch dem Wunsch entsprechen, die Kollegin bzw. den Kollegen zumindest mal zu sehen. Und manchmal ertappe ich mich dabei, die Tasche für das Pendeln packen zu wollen und früh ins Bett gehen zu wollen.
Aber das ist jetzt anders. Wir bleiben länger wach und stehen später auf.
Die Kinder dazu zu motivieren, die Aufgabenzettel abzuarbeiten, fällt weiterhin schwer. Wenn schon Schule, dann doch lieber Dokus zu komplett anderen Themen anschauen oder die Matheapp durcharbeiten. Ich bin froh, dass der Schulleiter der Schule meiner Kinder in einem Rundschreiben darauf hinweist, dass dieses Schuljahr kein normales Schuljahr sein wird, und dass alle ihre Erwartungen ändern müssen.
Nachmittags spielt R. nicht mit dem Nachbarsjungen auf dem Hof, sondern mit seinem Cousin aus Bonn auf einem Minecraft-Server. Für Z. ist Whatsapp der Kommunikationskanal der Wahl, um mit ihren Freund*innen in Kontakt zu bleiben.
Ich versuche weiterhin, die Wohnung möglichst selten zu verlassen. Das hat zu einem aufgeräumten Balkon geführt und zu ausgemisteten Zeitungsstapeln. Gut, dass es Twitter und Netflix gibt, dass eBooks weiter lieferbar sind, und gut, dass es Computerspiele gibt, die ich mag (derzeit neben Stardew Valley v.a. Minimetro). Ehrlich gesagt: ganz so groß sind die Unterschiede in meiner Freizeitgestaltung nicht – manchmal hat Introvertiertheit auch Vorteile.
Rausgegangen bin ich in den letzten Tagen einmal zum Einkaufen und zweimal, um beim Radfahren bzw. Spazierengehen etwas frische Luft und Bewegung zu bekommen. Ich bin froh, in einem Bundesland zu leben, dass die nötigen Maßnahmen zur Kontaktvermeidung nicht unnötig streng auslegt – anders als in Berlin sind Picknickdecken und Parkbänke nicht per se verboten, anders als in Sachsen wird die Entfernung zur Wohnung nicht kontrolliert. Allerdings kann es draußen ganz schön voll sein – gestern, bei schönem Frühlingswetter, bot es sich dann an, von den Hauptrouten abzuzweigen, um nicht alle paar Meter jemand ausweichen zu müssen.
Hefe gibt es weiterhin nicht. Der nette Bioladen verwandelt sich nach und nach in eine Industriehalle: Plexiglasscheiben an der Kasse, gelb-schwarz abgeklebte Sperrzonen und Abstandsmarkierungen. Es ist recht leer. Beim Einkaufen fühle ich mich weiterhin unsicher: Ist es riskant, das nicht abgepackte Gemüse zu kaufen? Wie viele Packungen Milch, wie viel Mehl ist angemessen? Ist es ein Problem, den Stift für die bargeldlose Unterschrift anzufassen?
Warum Hefe? Offenbar bin ich nicht der einzige, der jetzt versuchen möchte, selbst Brot zu backen, statt zum Bäcker zu gehen. Vielleicht geht es dabei um das Gefühl, sich notfalls selbst versorgen zu können – „Angstbacken“ nannte das jemand auf Twitter.
Wie geht es weiter? Das Land befindet sich im Wartezustand. Die Zahl der neuen Fälle steigt langsamer an als vor ein paar Tagen, aber es ist unklar, ob das ein Abflachen der Kurve ist oder nur ein Artefakt begrenzter Testkapazitäten und eines veränderten Testregimes. Währenddessen steigen die Todesfälle weiter exponentiell an. Der Blick nach Frankreich, nach Italien, in die USA beunruhigt. Wir warten weiter.
Zeit des Virus, Update I
Vor einer Woche schrieb ich über die Notwendigkeit von Maßnahmen, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Im Lauf dieser Woche ist einiges passiert – inzwischen gibt es in Freiburg de facto Ausgangssperren, das Betreten öffentlicher Straßen und Plätze ist nur noch in begründeten Fällen bzw. durch Gruppen von maximal drei Personen oder Familien erlaubt, der ÖPNV darf nur für dringend notwendige Fahrten genutzt werden. In Baden-Württemberg sind nach drei Rechtsverordnungen und Ansprachen des Ministerpräsidenten und der Kanzlerin Schulen und Kitas sind zu, die Spielplätze abgesperrt.
Bis auf den Einzelhandel für Lebensmittel und Apotheken (und ein paar weitere Ausnahmen) mussten alle Geschäfte schließen, Restaurants dürfen nur noch Essen „to go“ verkaufen. Zudem ist es heute, anders als es die Woche über war, kalt und regnerisch. All das trägt dazu bei, dass sich jetzt wirklich nur noch sehr wenige Menschen draußen bewegen. Die Fallzahlen steigen zunächst noch exponentiell an. Derweil tobt der wissenschaftliche Streit darüber, ob #flattenthecurve die richtige Strategie ist, und wenn ja, wie lange die strikten Beschränkungen des öffentlichen Lebens dauern müssen – absehbar ist, dass es auch über das Ende der Osterferien hinaus Einschränkungen geben muss. Schulpraktika und die Englandfahrt der Tochter wurden jedenfalls schon abgesagt.
Was nehme ich nun aus dieser bewegten Woche mit?
Bisher war Home-Office der Ausnahmefall, jetzt wird es zur Regel. Nur noch ein ganz rudimentärer Stab ist in der Fraktion, alle anderen Kolleg*innen arbeiten von zu Hause aus. Entsprechend fanden in dieser Woche dutzende Telefon- und Videokonferenzen statt (hier zahlt sich halbwegs gute Technik und Stummschaltdisziplin aus). Die Berater*innen-Runde mit rund 20 Leuten funktioniert gut als Videokonferenz, bei der Fraktionssitzung mit alles in allem 80 oder 90 Personen wird’s schon etwas schwieriger, aber auch das geht. Gelernt habe ich aber auch: nicht jede Kommunikation braucht gleich eine Videokonferenz, manchmal reicht die gute alte E‑Mail.
Was weniger gut funktioniert, ist die Kombination aus Home-Office und Kinderzuständigkeit. Ich habe den Luxus, dass das bei mir nur die halbe Woche der Fall ist. Die Kinder haben von der Schule Aufgabenpakete und Arbeitsblätter mitgebracht, die sie erledigen sollen. In der Theorie können sie das auch, schon in der Grundschule haben sie Freiarbeit gelernt, jetzt, in der weiterführenden Schule, geht viel über Arbeitspläne und individuelles Lernen. In der Praxis ist ihre Motivation dafür aber gering, so in halber seltsamer Ferienstimmung – alle Aktivitäten fallen aus – und ohne Möglichkeit, raus zu gehen, um Freunde zu treffen, sind Handy und Tablet extrem verlockend. Kinder motivieren oder konzentriert arbeiten – das geht nicht beides auf einmal. Mal sehen, wie sich das weiter einspielt. (Und ja: nicht nur ich, sondern auch die Kinder wollen Frühstück und Mittagessen und Abendessen und und und … auch das muss erledigt werden). Also: alles nicht so einfach. Und ein Mehr an Zeit für „endlich mal …“ finde ich zumindest nicht.
Raus gehen, um einzukaufen fühlt sich seltsam an. Überhaupt, raus gehen – oder lieber selbst dafür nicht? Seltsam fühlt sich’s an, weil der Laden voller Hinweise hängt, doch bitte Abstand zu halten, und weil beispielsweise der Kaffeeausschank abgestellt wurde, und auch, weil selbst im Bioladen einige Regale leer sind. Neben dem sprichwörtlichen Klopapier geht’s da um basale Dinge – Mehl, Nudeln, Zwiebeln, Hefe, Brot … Begleitet wird der Einkauf von Unsicherheit: Lieber abgepackte Produkte kaufen? Wie viel einzukaufen ist sozial angemessen? Wo lauert das Virus?
Nicht zuletzt: bedrückende Nachrichten aus dem Elsass und aus Italien. Und der sorgenvolle Blick auf die Verlaufskurve der Fälle.


