Das Jahr ist zwar noch nicht ganz vorbei, aber ich präsentiere doch einfach jetzt schon den ultimativen, kennzahlengesättigten Rückblick auf mein Blogjahr 2013.
Was das Cicero-Intellektuellen-Ranking über den deutschen Diskurs verrät
In einer Klickstrecke stellt Cicero die „500 wichtigsten deutschen Intellektuellen“ vor. Genauere Aussagen zur hinter diesem Ranking stehenden Methode gibt es nicht, wohl aber den Hinweis darauf, dass PolitikerInnen außen vor gelassen wurden, da es sonst ein „Politikerranking“ geworden wäre. Vermutlich wurden irgendwie die Erwähnungen in Leitmedien gezählt.
Das Ergebnis ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen stellt es zwanglos in Frage, wer oder was überhaupt ein Intellektueller oder eine Intellektuelle ist. Bei einer ganzen Reihe der aufgeführten PublizistInnen, JournalistInnen, SchriftstellerInnen und WissenschaftlerInnen scheint mir deren Intellektuelleneigenschaft einem sich selbst verstärkenden Zirkelschluss zu unterliegen: diese Menschen sind im Diskurs wichtig, weil sie gerne in Talkshows eingeladen werden – und sie werden gerne in Talkshows eingeladen, weil sie ja offensichtlich im Diskurs wichtig sind. Neben dem Personal des Talkshowdauerdienstes finden sich in der Liste selbstverständlich auch Menschen, die ich tatsächlich als intellektuelle Stimme im Diskurs wahrnehme. Aber eben längst nicht alle.
Zum anderen zeigt die Liste eines sehr deutlich. Vermutlich gibt sie den deutschen Mediendiskurs zwischen Talkshow und Feuilleton, Konferenzzirkus und Keynotes gut und wahrheitsgetreu wieder. Das mögen nicht alles Intellektuelle sein, aber es sind die, die öffentlich reden und dabei Resonanz finden.
Ich habe jetzt nicht gezählt – dafür wäre Datenjournalismus hilfreich, Cicero -, hatte beim Durchklicken aber das empirisch gesättigte Gefühl, dass der Frauenanteil in der Liste unterhalb von zehn Prozent liegen muss. Für die ersten fünfzig, sechzig Plätze liegt er ziemlich genau bei zehn Prozent.
Das ließe sich jetzt auf andere Diskriminierungsmerkmale ausdehnen. Was Cicero nolens volens liefert, ist ein eindrücklicher, wohl statistisch abgesicherter Beweis für das Meinungskartell älterer Herren in Deutschland. Auch ältere Herren können kluge, progressive Ideen haben – aber wenn die Liste eine Aussage über den deutschen Diskurs trifft, dann wohl doch die, dass eine gewisse Gräue, Müdigkeit und Erstarrheit des „Diskurses“ – und damit der dominierenden medial vermittelten Weltdeutung – nicht unplausibel ist. Und: viele aufgeführte WeltdeuterInnen und Popintellektuelle deuten die Welt seit einigen Jahrzehnten. Nach, so ist es anzunehmen, doch weitgehend ähnlichen Mustern.
Was das für gesellschaftliche Folgen hat, und ob es anders möglich wäre, müsste einmal in einer Talkshow besprochen werden. Oder lieber nicht.
Warum blogge ich das? Weil mich die geballte intellektuelle Kompetenz, die Cicero hier zusammengetragen hat, irritiert hat. Dank an J.W. für den Hinweis auf das Ranking!
Photo of the week: Night at the railway station II
Eine kurze Frage zum Jahreswechsel
Vor ein paar Tagen warf ich mit Fragen um mich. Dankenswerterweise wurden die sogar beantwortet (Hendryk, Eberhard, Ella). Zum Jahreswechsel möchte ich eine der Fragen, die ich da gestellt hatte, noch einmal herauspicken und sie (euch allen) erneut stellen – auch deswegen, weil ich die Antworten beachtenswert fand, und gespannt bin, ob andere (weniger grüne) Menschen das anders sehen.
Hier also die Frage. Antworten dazu gerne in den Kommentaren:
Glaubst du, dass es insgesamt und überhaupt so weitergehen kann? Und wenn nicht: was ziehst du für Schlüsse daraus?
Freiheit, grün gedeutet
Eine Folge der grünen Neuaufstellung nach der Bundestagswahl ist die intensivierte Suche nach den Wurzeln der zweiten Säule, nach dem emanzipatorischen Freiheitsbegriff. Dieses Suchvorhaben führte jetzt zu einem autorenpapierernen Aufschlag; unter dem Titel „Die Farbe der Freiheit ist Grün“ deuten Kai Gehring, Irene Mihalic, Can Erdal, Lucas Gerrits, Rasmus Andresen, Andreas Bühler, Daniel Mouratidis, Özcan Mutlu, Ulle Schauws, Jan Schnorrenberg, Anne Tiedemann, David Vaulont, Robert Zion Freiheit als einen zentralen grünen Grundwert aus.
Wir denken, dass es an der Zeit ist, das freiheitliche Profil unserer Partei stärker als bisher herauszustellen. Mit unserem Zugang zu diesem Thema haben wir ein Alleinstellungsmerkmal im politischen Wettbewerb, dass wir nicht unter den Scheffel stellen sollten. Unser Papier liefert keine fertigen Programme oder Initiativen. Wir wollen eine lebendige, interdisziplinäre Debatte über die Chancen einer freiheitlichen grünen Politik anstoßen. Ein Anfang ist gemacht, das Ende ist offen. Unsere Vision ist die gleiche Freiheit für alle – nur das ist gerecht und fair. Wir wollen weiter die Verantwortung eines/r Jeden für die Zukunft als positiven Grundwert verstehen und transportieren. Zugleich plädieren wir dafür, unseren Nachhaltigkeitsbegriff so zu vermitteln, dass er die Freiheit in den Mittelpunkt stellt und solidarische und ökologische Politik miteinander verbindet. Mit unserer Freiheitserzählung und unserem Freiheitshandeln wollen und können wir mehr Menschen für Grüne begeistern und u.a. das progressive weltoffene Bürgertum für uns gewinnen.
Ich finde das Ergebnis überzeugend, auch wenn das eine oder andere fehlt – dazu gleich noch mehr – oder vielleicht nicht pointiert genug ist. Insofern unterstütze ich das Papier gerne. Wer das auch möchte, kann dies im Kommentarbereich von gruen-und-frei.de kundtun.



