Schlagwort-Archive: soziologie

Zwischenstation (Update 2)

Veröffentlicht unter Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Nur kurz ein Lebenszeichen (für alle, die meinen Microblogging-Twitter-Feed ignorieren): ich war bis gerade eben auf dem 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im beschaulichen Jena, und werde dann morgen zum grünen Listenaufstellungsparteitag für Baden-Württemberg fahren (Henning wird wohl live berichten). Zur Listenaufstellung jetzt nichts weiter, zum Soziologiekongress noch ein paar Eindrücke:

Von der BesucherInnen-Zahl her war der Kongress (diesmal unter dem Motto »Unsichere Zeiten«) groß und bunt wie immer. Insgesamt fand ich ihn sehr gelungen, vor allem auch die räumliche Nähe (fast alles in einem Gebäude, ganz anders als in Kassel vor zwei Jahren). Es gab eine gewisse Arhythmik im Programm: morgens oft nicht so ganz spannende Plenen parallel, nachmittags ungfähr 25 Veranstaltungen zur Auswahl, und abends ein nichts so ganz überschneidungsfreies Programm.

Im Vorfeld habe ich von Leuten mit anderem Fachhintergrund gehört, dass ein ganzwöchiger Kongress ja Luxus sei. Aber ich glaube, genau dieser Luxus macht viel für die (wie ich immer noch finde, sehr starke) Fachidentität aus. Nicht nur, dass so ein Kongress – er findet übrigens alle zwei Jahre statt – ein exzellenter Generator für zufällige Begegnungen (und den Überblick über das soziologische Publikationswesen) ist. Er trägt auch stark dazu bei, sich zu vergewissern, dass es da – bei allen Schulenbildungen und heftigen Hahnen-, Hennen- und Kückenkämpfen – eine weit geteilte gemeinsame Grundstimmung gibt. Er normalisiert den Modus der Verunsicherungserwartung und verstärkt die Wahrnehmung, dass es eben doch noch ziemlich viele andere gibt, die ähnliche Weltbeobachtungen anstellen. Also: Gemeinschaftsbildung (besonders gut sichtbar in der Abschlussveranstaltung, in der unter dem Motto »Männer auf verlorenem Posten« eine Soziologin und ein (sehr sozialwissenschaftlicher) Historiker sowie 1000 SoziologInnen mit einer provokant-biologistischen Medizinerin und Gerichtsgutachterin diskutierten. Sollte interdisziplinär sein, machte aber nochmal klar, dass es sehr, sehr viele Menschen gibt, die die Selbstverständlichkeit einer sozialen Konstruktion von Geschlechterrollen teilen und mit so Konstrukten wie der »natürlichen mütterlichen Fürsorge« und dem »beschützenden Mann« nichts anfangen können. Insofern spannend, und ein schönes Mittel zum imagined community building).

Was habe ich selbst auf dem Kongress gemacht?

1. Mir einige Sachen angehört – u.a. Irene Dölling, die noch mal sehr schön deutlich gemacht hat, wie postfordistische Entgrenzungen und die Aufhebung der Institutionen im Beckschen Individualismus letztlich natürlich auch sowas wie Geschlechterarrangements irritieren und verändern. Und die Debatte neben Nancy Fraser und Axel Honneth, die so mittelspannend war. Und noch ein paar Vorträge da und dort.

2. An den Veranstaltungen der Sektion Umweltsoziologie teilgenommen (die Plenarveranstaltung gemeinsam mit der Wissenschafts- und Techniksoziologie et al. hat mir gut gefallen, die »Neue Trends«-Sektion war etwas schräg, da hätte ich mir mehr erwartet, und die von mir mitorganisierte und moderierte Sektions+Nachwuchsgruppensitzung heute hat meine eigenen Erwartungen trotz einiger technischer Probleme zu Beginn deutlich übertroffen – dort gab es vier Vorträge zum Klimawandel, die, so mein vielleicht etwas voreingenommener Eindruck, insgesamt ein sehr rundes Bild der soziologischen Klimawandelsdebatte gegeben haben, und gezeigt haben, was Umweltsoziologie alles machen kann. Von der Wissenschaftsdekonstruktion bis zu Alltagspraktiken und Fragen der (misslungenen) Verhaltenssteuerung).

3. Sektionales Networking (Mitgliederversammlung der Sektion, Mittagstreffen der Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie in einem schön alternativen Gasthaus). Und natürlich viele Gespräche mit vielen Leuten.

4. Mich amüsiert, insbesondere mit »DIE STERNE« auf dem Kongresskonzert (gute Idee). ((Anekdote: Einlass nur mit Stempel auf der Eintrittskarte, der nachweist, dass die Extragebühr gezahlt wurde. Wusste ich nicht, bei mir ist kein Stempel, Momente der Verunsicherung, dann fällt mir ein, dass im Namensschild noch so ein Stück Papier steckte, das den Stempel verdeckt hat.))

5. Selbst was vorgetragen – zur postindustriellen Forstwirtschaft, in der Sektionssitzung der Sektion Land- und Agrarsoziologie. Deren Vorsitzender, was ich nicht wusste, und andere wohl auch nicht, u.a. auch Wald besitzt.

6. Beobachtungen über SoziologInnen angestellt (z.B. scheint es mir eine Koinzidenz zwischen philosophienahen bzw. stark theorieorientierten Vorträgen, der Ablehnung von Powerpoint (Vortrag heißt »vom Blatt vorlesen«) und der Bevorzugung leger-formalen Kleidung und Haarschnitte zu geben).

Und was habe ich nicht gemacht? U.a. nicht in die Veranstaltungen zur Internetsoziologie reingeschaut (immer hatte ich was anderes parallel). Schade, bin gespannt, ob sich da was erfahren lässt, wie es da lief (und zwar vor dem für 2010 zu erwartenden Kongressband).

Warum blogge ich das? Weil die Eindrücke noch frisch sind. Und als Merkposten, um rechtzeitig für den Kongress 2010 in Frankfurt die Unterkunft zu organisieren. Die war in Jena trotz lange vorheriger Buchung nämlich ziemlich weit draußen.

Update: (14.10.2008) Einen lesenswerten und etwas wissenschaftlicheren Bericht über die Ereignisse aus der Markt- und Wirtschaftssoziologie hat Tina Günther über den Kongress geschrieben (wie wir schon auf dem Bahnsteig in Weimar festgestellt haben, haben wir komplett unterschiedliche Veranstaltungen besucht). Umso interessanter, was dort passiert ist, wo ich nicht war.

Update 2: Und hier noch die von mir ebenfalls leider nicht besuchte Web 2.0-Veranstaltung.

Be the first to like.


Kurz: Naturrecht mal anders (Update)

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , , ,  

Jede Menge Wahlen und Wahlfolgen – Hamburg mit einem Kohlekraftwerk, Hessen mit dem Versuch, das Unwahrscheinliche zu wagen, Bayern mit einer leider unwahrscheinlichen Viererkoalition, Österreich mit einem dramatischen Rechtsruck, Brandenburg mit Statistikproblemen, usw.

Wären die Wahlen anders gelaufen, wenn die Natur im Sinne einer Latourianischen politischen Ökologie hätte mitstimmen dürfen? Wer weiß. Ganz so weit geht Ecuador nicht, aber spannend ist es trotzdem, was dort gerade geschieht. Das Nature-Blog »The Great Beyond« berichtet, dass in einer Volksabstimmung Natur mit eigenen Rechten in die Verfassung aufgenommen wurde:

Nature or Pachamama [the Andean earth goddess], where life is reproduced and exists, has the right to exist, persist, maintain and regenerate its vital cycles, structure, functions and its processes in evolution. Every person, people, community or nationality, will be able to demand the recognition of rights for nature before the public bodies.

Ich bin gespannt, wie und ob das durchgesetzt wird. Aber allein die Möglichkeit, stellvertretend, jedoch nicht anthropozentrisch für die Natur Rechte einzufordern, die hiermit ermöglicht wird, ist schon mal beachtenswert und öffnet Türen. Oder stellt provisorische Sitze im »Parlament der Dinge« bereit, um noch einmal Latour (der gerade den Unseld-Preis bekommen hat), heranzuziehen.

Update: (1.10.2008) Bei Telepolis findet sich ein Überblicksartikel, in dem die gesamte neue Verfassung Ecuadors vorgestellt wird. Die oben beschriebenen Rechte werden allerdings nicht erwähnt, dafür kommt »das indigene Gesellschaftsprinzip auf ›Sumak Kawsay‹« vor, »was auf Quechua ›gutes Leben‹ bedeutet«.

Be the first to like.


Vorurteile zählen beim Schulübergang stärker als Noten (Update)

Veröffentlicht unter Hochschulpolitik, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , ,  
The school II
Grundschule in Freiburg-Günterstal

Ich habe einige Dienste des »idw« abonniert, einem wissenschaftlichen Presseverteiler. Manchmal erreichen dann auch Pressemitteilungen meine Inbox, die gar nicht direkt in die von mir angegebenen Schwerpunktthemen fallen, aber trotzdem ziemlich spannend sind.

So hat eine Studie des Mainzer Soziologen Stefan Hradil empirisch unterfüttert, dass insbesondere der soziale Hintergrund bei der Erstellung von Schulübergangsempfehlungen zählt.

Was heißt das im Klartext? Das hier:

Kommt ein Kind aus einer niedrigen sozialen Schicht, wird es nicht die gleich hohe Bildungsempfehlung für die weiterführende Schule erhalten wie ein Kind aus einer hohen Sozialschicht, selbst wenn die beiden Kinder in der Grundschule die gleichen Noten erreichen. »Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen entscheiden offenbar nicht nur aufgrund von Schulleistungen über die Empfehlung, die sie für die weiterführende Schule nach der vierten Klasse abgeben, sondern auch aufgrund der sozialen Herkunft der Kinder«, teilt Univ.-Prof. Dr. Dr. Stefan Hradil vom Institut für Soziologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit. Dass dabei Kinder mit Migrationshintergrund häufig eine ungünstigere Bildungsempfehlung erhalten, ist nicht auf ihre fremdländische Herkunftsfamilie zurückzuführen, sondern auf den durchschnittlich niedrigeren Sozialstatus von Migranten.

Oder noch deutlicher:

Die Bildungsempfehlungen fallen dementsprechend aus. Kinder aus der Oberschicht erhalten zu 81 Prozent eine Gymnasialempfehlung, gegenüber nur 14 Prozent der Kinder aus Unterschichthaushalten.

Und:

Die Bildungsempfehlungen sind selbst dann eine Frage der sozialen Herkunft, wenn die Schüler und Schülerinnen die gleichen Leistungen bringen. Zwar sind die Noten selbst immer noch der wichtigste Einflussfaktor dafür, ob die Empfehlung für ein Gymnasium erteilt wird oder nicht. Betrachtet man aber nur Kinder beispielsweise mit der Durchschnittsnote 2,0, dann bekommen Kinder aus der niedrigsten Bildungs- und Einkommensgruppe nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent eine Gymnasialempfehlung, während in der höchsten Bildungs- und Einkommensgruppe nahezu alle Kinder, nämlich 97 Prozent, eine Empfehlung für das Gymnasium erhalten.

Die Ergebnisse beziehen sich nur auf Schulkinder aus Wiesbaden (alle, die 2007 in der vierten Klasse waren); aber ich stimme Hradil zu, dass eine Übertragbarkeit dieser Ergebnisse sehr wahrscheinlich ist – ähnliches zur Abhängigkeit von Bildungskarrieren und sozialem Hintergrund haben ja auch schon andere Studien gezeigt. Das heißt aber umgekehrt, nämlich hochschulpolitisch betrachtet, auch: einer der ersten und stärksten Filter für die Frage, ob jemand nachher zu den relativ wenigen Studierenden aus nicht-akademischen Herkunftsfamilien gehört, setzt genau hier ein: beim Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule.

Warum blogge ich das? Weil ich die Ergebnisse politisch wichtig finde – und als Beispiel dafür, dass auch ernsthaft betriebene Wissenschaft (da bin ich mir bei Hradil sicher!) große politische Effekte haben kann. Ich bin jedenfalls recht überzeugt davon, dass diese Ergebnisse schnell massenmedial aufgegriffen werden.

Update: (12.9.2008) Auch hier nochmal der Hinweis, dass der Titel ein bißchen provokativ gedacht ist und nicht ganz der Statistik der Studie entspricht. Die massenmediale Resonanz ist inzwischen eingetreten – SpOn berichtet sehr ausführlich, die taz interviewt einen an der Studie beteiligten Wissenschaftler, und auch bei ZEIT ONLINE ist was zu finden.

Be the first to like.


Über 6000 Seiten Soziologie – der DGS-Kongressband 2006 ist da

Veröffentlicht unter Lesenswert, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Die akademischen Publikationsmühlen mahlen langsam, aber rechtzeitig vor dem nächsten Kongress der Deutschen Gesellschaft in Soziologie (DGS), der im Oktober 2008 in Jena stattfinden wird, ist jetzt endlich der DGS-Kongressband 2006 »Die Umwelt der Gesellschaft« erschienen (und wurde jetzt den TagungsteilnehmerInnen zugestellt).

Kassel university campus I

Wie auch schon beim letzten Mal ist der Band so aufgebaut, dass – diesmal in zwei Teilbänden – die Texte zu den Mittagsvorlesungen und Plenarsitzungen in gedruckter Form erschienen sind (und zum einfacheren Zugriff auch auf CD), die Sitzungen der Sektionen, Arbeitsgruppen und ad-hoc-Gruppen dagegen nur auf der CD-ROM enthalten sind.

Wer sich das anschaut, weiss ich auch nicht so genau. Die CD-ROM enthält diesmal nicht nur die PDFs, sondern auch ein kleines Tool, um darin herumzublättern, nach AutorInnen oder nach dem Inhaltsverzeichnis geordnet. Außerdem gibt es auch eine Volltextsuche. Das macht die Datenflut – insgesamt über 6000 Druckseiten, 1350 davon auch tatsächlich auf Papier – etwas übersichtlicher, und ermöglicht es vielleicht tatsächlich, die für die eigene Arbeit relevanten Texte rauszusuchen (zu den dunkel erinnerten Vorträgen, oder auch zu denen, bei denen es nicht möglich war, hinzugehen).

Ich selbst war auf dem letztjährigen Kongress auch zweimal präsent: einmal als Mitorganisator der Ad-hoc-Gruppe »Natur und Gesellschaft in ein neues Verhältnis setzen – das Beispiel Wald« und einmal als Referent in der Ad-hoc-Gruppe »Naturgewalt, Gewalt gegen Natur, hybride Zivilisation?« der Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie (NGU). Witzigerweise scheint das DGS-Herausgeberteam um Prof. Rehberg das etwas durcheinander gebracht zu haben – mein umweltsoziologischer Text »Umwelt als Praxis« ist jedenfalls gleich zweimal auf der CD zu finden, einmal da, wo er hingehört, nämlich in der NGU-Sitzung, und einmal bei der Wald-Gruppe.

Einen Überblick über die Abstracts etc. gibt es übrigens auf der Kongresswebsite http://www.dgs2006.de.

* * *

Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Frankfurt am Main/New York: Campus. 2 Teilbände + CD-ROM, insgesamt über 6000 Seiten. 99 Euro. Bei amazon bestellen.

Westermayer, Till (2008): »Umwelt als Praxis – Reflexionen anlässlich einer praxistheoretischen Analyse von Umweltratgebern«, in Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, CD-ROM-Beilage. Frankfurt am Main, New York: Campus, S. 3641-3652 (hier als PDF).

Wonneberger, Eva; Westermayer, Till (2008): »Warum Wald ein gutes Beispiel dafür ist, das Verhältnis von Natur und Gesellschaft zu diskutieren – Einführende Thesen«, in Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, CD-ROM-Beilage. Frankfurt am Main, New York: Campus, S. 3769.

Warum blogge ich das? Sowohl wegen meines noch immer vorhandenen Erstaunens darüber, wie schwerfällig das Medium Papier im akademischen Bereich sein kann, als auch, um auf meinen gleich zweimal auf der CD-ROM zu findenden Beitrag hinzuweisen.

Be the first to like.


Von Luxusgrün zu Notwendigkeitsgrün?

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , ,  

Die taz berichtet heute über den schrumpfenden Umsatz der Bioläden; dabei geht es vor allem um die schon etwas ältere Konventionalisierungsdebatte, also Bioprodukte im Supermarkt. Interessanter finde ich einen zweiten Aspekten: nämlich den Zusammenhang der letzten »Öko-Wellen« mit dem wirtschaftlichen Aufschwung. Ich habe das ja die letzten Jahre etwas genauer verfolgt, und »cool green« ebenso wie Dinge wie das plötzliche Interesse Prominenter für den »Lifestyle of Health and Sustainability« (LOHAS) koinzidieren durchaus mit »keine andere Sorgen«. Umgekehrt wurde das Umweltthema Anfang der 1990er Jahre von Platz 1 der bundesdeutschen Sorgenhitliste verdrängt. Plötzlich ging es um soziale Sicherheit, Arbeitslosigkeit und dergleichen mehr.

Visiting "Demeterhof Hiss" – XIX
Hofladen – Luxusgrün?

Mit dem von einigen jetzt wahrgenommenen Rüberschwappen der Rezession von den USA hierher scheint es eine ähnliche Entwicklung zu geben. Jedenfalls kommentiert die Times »Suddenly being green is not cool anymore«. Kurz gesagt: das nötige Geld, um sich einen grünen Lebensstil leisten zu können und diesen als hip zu propagieren, ist (in Großbritannien) nicht mehr da, die Hypewelle um Luxusgrün scheint sich dem Ende zuzuneigen. Die Times-Kommentatorin Alice Thomson sieht darin aber auch etwas gutes:

But paradoxically, just as Britain is turning its back on the environment, the country is finally becoming greener. Fewer people are moving house so they are buying fewer new white goods such as washing machines and fridges. They may not be queueing up for £9 organic Poilâne bread, but for the first time in a decade they are discarding less food. They buy less impulsively and think more carefully before their weekly shop. Children are wearing hand-me-down uniforms rather than new ones made in sweatshops.

Mich erinnert das an die Beobachtung u.a. von Silke Kleinhückelkotten (wenn ich mich jetzt an den richtigen Text erinnere), dass die in der tatsächlichen Wirkung »grünsten« Milieus nicht die Postmaterialisten sind, sondern eher relativ arme, mit Sparsamkeitswerten aufgewachsene traditionelle Milieus. Das könnte als Gegenpol zum Luxusgrün auch als »Notwendigkeitsgrün« bezeichnet werden (oder auch als »unfreiwillige Umweltschützer«).

Allerdings hat Armut (über deren Unerwünschtheit geht es hier gar nicht) nicht nur ökologisch positive Effekte. Neben den von Thomson beschriebenen stehen die fehlenden Möglichkeiten, mittelfristig in öko-sparsame Produkte zu investieren. Thomson spricht von weitergenutzten Waschmaschinen und Kühlschränken – genau die sind aber ebenso wie schlechtgedämmte Wohnungen möglicherweise ein großes ökologisches Problem. Und wer gezwungen ist, die billigsten Nahrungsmittel zu wählen, schmeißt diese zwar vielleicht nicht weg, trägt aber trotzdem ungewollt zur Verstärkung industrieller Agrarwirtschaften und zu langen Transportkreisläufen bei. Notwendigkeitsgrün muss also nicht unbedingt funktionieren. Das kann an fehlenden idellen Werten liegen (Sparsamkeit und auch das von Thomson ebenfalls angeführte Beispiel, selbst Gemüse anzubauen, funktionieren nur mit entsprechendem Wissen), die fehlenden materiellen Werte können zu ökologischen Fehlallokationen führen, und fehlende Rahmenbedingungen (Discounter nimmt Bio wieder aus dem Angebot, um nur ein Beispiel zu wählen) zeigen die Abhängigkeitsstrukturen deutlich auf, unter denen Notwendigkeitsgrün steht.

Damit wird auch politischer Handlungsbedarf in allen drei Bereichen sichtbar: in der Popularisierung der Wissens- und Wertgrundlagen eines tragfähigen »Suffizienzlebensstil« (der ja – ebenso wie Subsistenz – durchaus mit Sparsamkeit und nicht Askese vermarktbar ist), in der Unterstützung ökologischer Investitonen bei fehlenden Einkommen (der Öko-Bonus geht in diese Richtung, aber auch mobile Energiespar-Beratungen sozialer Einrichtungen, die es neuerdings gibt), aber auch in der ordnungspolitischen Steuerung der Rahmenbedingungen (d.h. letztlich auch: Internalisierung externer Konsequenzen in Preisstrukturen, auch wenn das erst mal unsozial aussieht).

Soweit ein paar erste rohe Überlegungen zur Frage, ob das Ende der LOHAS-Welle erreicht ist, und was danach kommen könnte.

Warum blogge ich das? Mich interessiert der scheinbar konjunkturabhängige Zusammenhang von Umwelt und Milieu, aber auch die politische Frage, wie unter wirtschaftlich schwieriger werdenden Bedingungen Nachhaltigkeit gestaltet werden kann.

Be the first to like.


Seite 3/8    1 2 3 4  …  8