Schlagwort-Archive: linksalternativ

Kurz: Sonderbares Berlin

Veröffentlicht unter Analoges Leben, Gestaltungsfragen | Verschlagwortet mit , , , , , , ,  

imageBerlin ist ja so ein bisschen eine hassgeliebte Stadt von mir. Vielleicht ist sie auch zu groß, um sie ganz zu greifen. Facetten blitzern auf und verschwinden wieder: das politisch-mediale Berlin in seiner inzestuösen Abschottung, das Touri-Berlin in verschiedenen Altersklassen, das Szene-Berlin (früher autonom, jetzt Hipster, aber immer uniform und konform). Und dazwischen ab und an auch etwas sehr Rauhes (in den Geschmacksrichtungen Ost und West).

Ich bin immer mal wieder in Berlin, meist politisch, manchmal auch privat, wie dieses Wochenende (ein paar Fotos). Klar sind es immer nur Ausschnitte, die ich da zu sehen kriege. Aber zusammen ergeben sie dann doch ein Gesamtbild.

Heute habe ich mir die Ausstellung West:Berlin angeschaut. Durchaus lohneswert – und lehrreich, was die Geschichte der bis heute durchschimmernden Exzeptionalität angeht. Inselstatus als Festung des freien Westens im Osten, Inselstatus als Rückzugsort und selbstgewähltes Gefängnis/Lautsprecher einer linksalternativen Bewegung. Beides hat eigene Praxen, Mythen und Identitätsbruchstücke generiert, die – so meine ich – in verschobener und verzerrter Form bis heute fortwirken, und erklären, warum in Berlin (im Guten wie im Bösen) manche Dinge anders laufen. Dahinziehen wollte ich nicht – interessant ist es allemal.

Be the first to like.


Zehn Bücher

Veröffentlicht unter Lesenswert | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Zehn Bücher

Während andere sich Eiswasser über den Kopf schütten, geht auch ein Kettenbrief herum, bei dem dazu aufgefordert wird, zehn Bücher zu nennen, die eine/n begleitet oder besonders berührt haben. Christel Opeker hat mich gebeten, dieser Aufforderung Folge zu leisten, was ich hiermit tun will. Wobei ich schon merke: Spontan zehn Bücher zu nennen, das ist gar nicht so einfach. Weil’s ja doch ein bisschen ein Selbstportrait zeichnet. Und weil es einfach zu viele Bücher gibt.

Ich lasse mal das auf dem Straßenflohmarkt gefundene Außerirdische-kommen-heimlich-auf-die-Erde-Buch weg, das mich als Zehn- oder Zwölfjährigen über einige Wochen ernsthaft verunsichert hatte und denke eher über Bücher nach, die mich in einem positiven Sinne beeindruckten. Wer möchte, darf in den Kommentaren über übergreifende Leitmotive spekulieren.

Die Sachbücher

1. Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, dt. 1969 – eine Darlegung des Sozialkonstruktivismus, die mein Verständnis von Welt ziemlich klar geprägt hat. Wenn es das eine praxistheoretische Buch gäbe, und nicht ganz viele Bücher und Aufsätze, würde ich die jetzt auch noch nennen (Pickering, Shove, Hörning, Reckwitz, Foucault, …). Und als ähnlichen, aber ungleichen Kontrapunkt Luhmann, etwa die Realität der Massenmedien.

2. Victor Papanek, Design for the real world. Human Ecology and Social Change, 1985 – stellvertretend für eine ganze Reihe von Büchern, die sich damit auseinandersetzen, wie ein anderes, leichteres Leben mit Technik möglich ist. Und überhaupt, eigentlich müsste ich hier die ganze Fischer-«anders leben«-Reihe aus den 1970ern und 1980ern aufführen, die ich meinen Eltern geklaut habe. Und Jungk. Und eine ganze Reihe neuerer »Öko-Bücher«.

3. Manuel Castells, Das Informationszeitalter, dt. 2003, 3 Bd. – eine in ihren Grundzügen immer noch gültige Diagnose unserer globalisierten Gesellschaft im vernetzten Informationskapitalismus. Und auch das pars pro toto.

4. Andrea Baier, Christa Müller und Karin Werner, Wovon Menschen leben, 2007 – Soziologie zum Anfassen, hier suffizienzorientiert. Ähnlich auch Ulrich Beck und Ulf Erdmann Ziegler, Eigenes Leben – Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben, 1997, da geht’s dann eher um den Einstieg in ganz unterschiedliche Lebenswirklichkeiten. Individualisierung, Lebensstile, und all sowas.

Science Fiction

5. Ursula K. Le Guin, The Dispossessed, 1974 – eine realistische Utopie, eine Annäherung an den, sagen wir mal, Anarchosyndikalismus (oder, in neuerer Terminologie, an freie Kooperationen im Sinne Christoph Spehrs) mit allen Vor- und Nachteilen im Gewand einer Science-Fiction-Geschichte. Und die Leute haben zwar Geschlechter, aber am Namen zu erkennen sind sie nicht. (Wie überhaupt das ganze Thema Zweigeschlechtlichkeit, Queering, … hier eher fehlt, weil wissenschaftliche Aufsätze und Kinofilme beides keine Bücher sind. Evtl. könnte ich Charles Stross’ Glasshouse aufführen. Aber diese Liste ist eh schon männerlastig genug. Nachtrag: Oder, aber das ist mir zu spät wieder eingefallen, dass ich das eigentlich in die Liste packen wollte – Marge Piercy, He, She and It,1991).

6. Kim Stanley Robinson, Forty Signs of Rain / Fifty Degrees Below / Sixty Days and Counting, 2004-2007 – Eine Klimawandel-Politik-Science-Fiction-Trilogie, ebenfalls mit einer gehörigen Prise utopischen Realismus. Auch Robinsons Mars-Trilogie könnte an dieser Stelle stehen.

7. William Gibson, Neuromancer, 1984, dt. 1987 – Wenn ich mich richtig erinnere, das erste richtige und ganz andere Science-Fiction-Buch, das ich gelesen habe. Das Buch, in dem der Cyberspace auf der Schreibmaschine erfunden wurde, und das ein Genre begründet hat. Schön auch der in meiner Ausgabe vorne drin klebende Zettel, »Der Schüler Till Westermayer, Klasse 9c, erhält für gute Leistungen im Schuljahr 1989 / 90 einen Preis.« (Runner-ups für diese Kategorie: Bruce Sterlings Schismatrix+, einiges von Michael Swanwick und John Shirley sowie Neal Stephensons Snow Crash). Und Idoru etc. fand ich auch sehr wichtig.

8. Neal Stephenson, The Diamond Age or, A Young Lady’s Illustrated Primer (dt. Diamond Age – Die Grenzwelt), 1995, dt. 1996 – Auch wenn ich Snow Crash davor gelesen habe, war das hier das wichtigere Buch für mich (ein Mädchen in einer u.a. neoviktorianischen Zukunft lernt mit Hilfe einer als Fibel getarnten AI genügend Strategie, um die Welt zu retten oder so). Auch aus Stephensons Anathem und aus seinem Baroque Cycle habe ich viel gelernt. Seine konventionelleren Thriller-Waffen-Geheimdienst-Bücher mag ich dagegen nicht so gerne.

9. Terry Pratchett, Wintersmith, 2006 – Weil Pratchetts Magie viel mit Realität zu tun hat.

10. Gudrun Pausewang, Die letzten Kinder von Schewenborn, 1983 – Ein Atomschlag auf Fulda – und dann? Wie auch ein paar ähnliche Bücher (auch die Wolke) ziemlich gruselige und vermutlich sehr realistische Jugendliteratur, die einiges zu meiner politischen Prägung beigetragen haben dürfte.

* * *

Soweit meine zehn Bücher. Was fehlt? Dune, den Herr der Ringe, den Anhalter, Games of Thrones sowie einige Bücher von Robert Anton Wilson hätte ich auch noch nennen können. Aber das wäre dann eher das Standardprogramm geworden. Und ja, es ist jetzt neben Soziologie und Ökologie nur Science Fiction geworden, und da auch nur ein winzigkleiner Ausschnitt; viele eher unterhaltsame als weltbewegende Bücher habe ich weggelassen. Aber selbst beim Nachdenken über »Hochliteratur« fällt mir abgesehen vom Kanon bis in die 1980er Jahre (viel Böll, aber auch Kafka, Tucholsky, …) vor allem magischer Realismus ein. Oder Ecos Historienschinken. Was dann auch nicht so weit weg ist von Science Fiction und Fantasy. Was auch immer das über mich aussagt ;-)

3 Personen gefällt dieser Eintrag.


Keine progressive Mehrheit im Novembernebel

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , ,  

Freiburg railway station landscape II

Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?

Das schrieb Bertolt Brecht 1953, also vor sechzig Jahren. Historisch ist der Vergleich etwas heikel, aber irgendwie kam mir das Gedicht heute in den Sinn.

Weiterlesen

Einer Person gefällt dieser Eintrag.


Das allmähliche Ende der alten Bundesrepublik: kein Nachruf

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft, So grün, so grün | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , ,  

1970s blanket

Heute erreichte uns die Nachricht, dass der Kabarettist Dieter Hildebrandt gestorben ist. Ich will mich an dieser Stelle nicht an einem Nachruf versuchen, denn das können andere weitaus besser, sondern dieses traurige Ereignis zum Anlass nehmen, ein paar Gedanken zum allmählichen Verbleichen der (links-alternativen) Selbstverständlichkeiten der alten Bundesrepublik – also der BRD, West Germany – niederzuschreiben. Als Kind der 1970er Jahre gehöre ich zu der Generation, für die politisches Kabarett synonym mit der Münchener Lach- und Schießgesellschaft, mit Hildebrandt und mit dem Scheibenwischer ist. Hildebrandts Tod ist das Verschwinden einer weiteren Institution der Bonner Republik.

Vielleicht ist es die nostalgische Verklärung, aber nicht nur das Kinderprogramm (ich sag nur Rappelkiste) und die Wissenschaftssendungen (egal, ob Hobbythek oder Knoff-hoff-Show) waren selbstverständlich unglaublich viel besser als alles, was heute so läuft, sondern selbstverständlich auch das Fernsehkabarett. Es war bei klaren Frontlinien bissig, hatte immer recht, traf den Punkt und schreckte vor billigem Klamauk zurück. Statt dessen gab’s auch mal fein ziselierte, nachdenklichere Töne. Die Primärsozialisation zahlt sich aus: So, und nicht anders, muss politisches Kabarett sein.

Weiterlesen

2 Personen gefällt dieser Eintrag.


Rein in die Kuschelecke? Raus aus der Kuschelecke!

Veröffentlicht unter Nachhaltiges Leben, Politik und Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,  

Dinosaurier und Bagger vor Museum

Während die SPD in Berlin ihr Deutschlandfest feierte – Anlass: 150 Jahre Sozialdemokratie – fand in Frankfurt am Main die »summer factory« des Instituts Solidarische Moderne e.V. (ISM) statt. Das ISM hat sich vor einigen Jahren als »Denkfabrik der Mosaiklinken« gegründet, zur intellektuellen Unterfütterung eines gemeinsamen rot-grün-roten Projekts, getragen von einzelnen Akteuren aus den entsprechenden drei Parteien und aus der real existierenden »Bewegungslinken«.

So ungefähr 100 Menschen aus dem ISM und seinem Umfeld trafen sich also in Frankfurt. Ein bisschen war das ganze auch eine Katzenjammerveranstaltung angesichts der Schwierigkeiten, gemeinsame rot-grün-rote Projekte nicht nur zu identifizieren, sondern daraus auch noch konkrete Politik zu machen. Die Aussichten für ein entsprechendes Bündnis nach der Bundestagswahl scheinen derzeit bekanntermaßen ja nicht die besten zu sein.

Ich bin zwar fast seit Gründung des ISM dort Mitglied (auch wenn ich den Namen nicht mag), war aber noch auf keiner ISM-Veranstaltung. Insofern wusste ich nicht so genau, was mich erwarten würde. Angelockt hatte mich in allererster Linie der Titel der »summer factory« (die im Übrigen mit Regen endete). Der Titel klang verheißungsvoll: »Strategische Bedingungen eines Politikwechsels: Sozialökologische Transformation«. Darunter konnte ich mir was vorstellen. Dachte ich jedenfalls.

Weiterlesen

2 Personen gefällt dieser Eintrag.


Seite 1/5    1 2 3 4 5