Schlagwort-Archive: geschichte

Datenbefreiung, oder: staatsmonopolistischer Netzkapitalismus

Veröffentlicht unter Digitales Leben, Politik & Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,  

Google räumt auf, und räumt dabei – zum Juli – auch den Google Reader ab. Wer das nicht kennt: das ist ein Tool, um Blogs und andere Nachrichtenquellen, sofern sie RSS-Feeds haben, synchronisiert zwischen mehreren Geräten zu lesen. Oder etwas weniger technisch: ein Tool, mit dem ich auf einen Blick sehe, welche Artikel in meinen Lieblingsblogs und welche Nachrichten von tagesschau.de ich noch nicht gelesen habe, und zwar egal, ob ich auf dem PC, auf dem Smartphone oder auf dem Tablet nachschaue. Zudem sehe ich auf einen Blick, ob meine Lieblingsblogs neue Einträge haben, muss also nicht der Reihe nach durchblättern, was es wo gibt.

Der Google Reader war mal mehr (das habe ich aber nie genutzt), und er ist nicht unersetzbar. Tatsächlich setze ich ihn erst aktiv ein, seit ich ein Smartphone benutze. Auf dem PC war das firefox-intere Handling durchaus ausreichend für mich, um diese gerade beschriebene Funktionalität zu erfüllen.

Trotzdem ärgert mich das Aus für den Google Reader, und da bin ich nicht alleine, auch wenn manche dem auch Gutes in Sachen Monopolvermeidung abgewinnen können.

Was ich konkret mache, mit welchem Tool ich meine Lieblingsblog-Feeds in Zukunft lesen werde, das weiß ich noch nicht. Irgendetwas wird sich finden.

Aber ich musste doch wieder an die Eisenbahn denken.

Weiterlesen

Be the first to like.
Share

flattr this!


Fundstück: Die Informationsgesellschaft ökologisch, sozial und demokratisch umgestalten (1996)

Veröffentlicht unter Digitales Leben, So grün, so grün | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Dass DIE GRÜNEN in ihrer Anfangszeit ein eher apokalyptisches Verhältnis zu Informationstechnik hatten, ist bekannt. Irgendwann hat sich das geändert. Ein wichtiges Dokument dieses Wandels ist mir heute wieder in die Hand gefallen – der im April 1996 von der 7. Ordentlichen Bundesversammlung (also dem Bundesparteitag) getroffene Beschluss »Die Informationsgesellschaft ökologisch, sozial und demokratisch gestalten – Leitgedanken zur Zukunft der Informationsgesellschaft«. Wenn ich mich richtig daran erinnere, war Manuel Kiper maßgeblich daran beteiligt. Wer möchte, kann in diesem Beschluss den Ausgangspunkt einer aktiven und progressiven netzpolitischen Positionierung von Bündnis 90/Die Grünen sehen. Das ist jetzt fast 17 Jahre her. Und vieles von dem, was in diesem Papier steht, ist auch heute noch aktuell.

Unten gibt es – schlecht mit dem Handy abfotografiert – den Inhalt dieses Beschlusses.

Update [03.03.2013]: @isarmatrose war so nett, beim Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung nach dem Originalbeschluss zu fragen. Der liegt eingescannt als PDF vor: Beschluss der 7. ordentlichen Bundesversammlung, 1.-3. März 1996: Die Informationsgesellschaft ökologisch, sozial und demokratisch gestalteten – und ist doch etwas lesefreundlicher als die Handyfotos der daraus entstandenen Broschüre. Auch das dem Beschlus zugrunde liegende Eckpunktepapier der Bundestagsfraktion von Kiper et al. (1995) liegt damit digital vor.

P.S.: Übrigens ist in dem Beschluss auch die Forderung nach einer »steuerfinanzierten Grundsicherung« enthalten – ein mit informationstechnischer Rationalisierung begründeter Griff nach dem Grundeinkommen. 1996! Nehmt dies, Piraten!

P.P.S.: @holgernohr weist darauf hin, dass es bereits 1995 ein entsprechendes Eckpunktepapier der Bundestagsfraktion gegeben haben muss, wie die Computerwoche berichtete.

P.P.P.S.: Das ganze ist übrigens zusammen mit einem medienpolitischen Programm (unter dem Titel »Die Zukunft der Medien ist Sache aller BürgerInnen«) in einer Broschüre erschienen. Nur falls sich jemand wundert, warum die Seitenzahlen mit 18 anfangen.

2 Personen gefällt dieser Eintrag.
Share

flattr this!


Ein Lehrstück?

Veröffentlicht unter Freiburg, Politik & Gesellschaft, So grün, so grün | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , ,  

Auftrag: grün 25
Original

Gestern hat das Theater Freiburg zum letzten Mal in dieser Spielzeit »Die Grünen. Eine Erfolgsgeschichte«* aufgeführt, und ich habe mir die Arbeit endlich mal angesehen (die nächste Chance dazu besteht erst wieder im Januar). Ich muss sagen: Ich bin durchaus angetan von dieser Form Theater. Die Inszenierung von Jarg Pataki und Viola Hasselberg versucht – ich würde sagen: mit Mitteln der qualitativen Sozialforschung, von der verdichtenden Diskursanalyse bis hin zum narrativen Interview** – die Frage zu beantworten, ob der Prozess der Parteiwerdung und Professionalisierung eine Zwangsläufigkeit ist. Zwischen die Szenen sind dementsprechend Zitate aus Robert Michels‹ Arbeiten zur Entstehung der Sozialdemokratie gesetzt, die ohne weiteres auch auf die grüne Institutionalisierung passen.

Die grüne Parteigeschichte seit Ende der 1970er Jahre wird in eine Abfolge von Szenen gesetzt, die es in ihrer Auswahl und Verdichtung, aber auch in den gewählten Bildern und Inszenierungsformen schaffen, den (notgedrungenen?) Anpassungsprozess auf den Punkt zu bringen. Am Anfang stehen heterogene und sich teilweise gar nicht grüne Bewegungsakteure, deren Einzug in den Bundestag umfangreiche Selbstfindungsdebatten unter massivem rhetorischen Beschuss von außen nach sich zieht. Die Partei bringt sich auf Linie und wird in der rot-grünen Regierungszeit zum eingespielten Machtapparat. Eindrucksvoll Joschka Fischers‹ Kosovorede im Zweikampf mit »Wer hat dich bloss so ruiniert« und Megaphonen. In der Gegenwart angelangt erscheinen Sonnenkönige mit Hofstaat und selbstverliebte Marketingexperten, die über die Vorzüge der Farbe grün philosophieren, wenn sie in der Inszenierung nachzeichen, wie Parteitage inszeniert werden – der Applausreflex beim auf Showreden getrimmten Publikum ist nur schwer zu unterdrücken.

Schlussbild im eisernen Käfig – ist das die Zukunft der grünen Partei? Oder steckt zwischen, hinter und neben der kritischen Theateraußensicht auf das professionalisierte grüne Innenleben auch heute noch ein Anspruch, eine Partei zu sein, deren Mitglieder nah an den sozialen Bewegungen dran sind, deren Apparate nicht hermetisch sind und deren Themen sich nicht auf die Optimierung von Wahlerfolgen begrenzen lassen?

Warum blogge ich das? Weil mich die Frage nach den (zwangläufigen) Strukturierungen politischer Parteien und den Handlungsfreiräumen innerhalb eines parlamentarischen Systems seit langem umtreibt.

* Ich mag ja die Doppeldeutigkeit dieses Titels.

** Die Inszenierung arbeitet fast nur mit vorgefundenen Texten – Zitaten aus Protokollen, Thesenpapieren und Interviews – ergänzt durch zumeist monologisch inszenierte Auszüge aus Geprächen mit »Zeitzeugen«, die nach dem Prinzip narrativer Interviews viel innere Logik und vielleicht ungewollt Gesagtes ans Tageslicht bringen.

4 Personen gefällt dieser Eintrag.
Share

flattr this!


Der schmale Grat der SPD

Veröffentlicht unter Politik & Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , ,  

Gerhard Schröder in the shadows

Irgendwann ist dann die SPD aufgewacht und hat festgestellt, dass diese komische Kellner-Partei ihr bedrohlich nahe rückt, in den Umfragen. Was also tun? Am besten nach der Butter schnappen, die auf dem Tablett der grünen Kellner liegt. Da ist zum Beispiel das Thema Volksentscheid. Was SPD-Chef Gabriel hier völlig richtig sagt: es wäre längst an der Zeit, mehr direkte Demokratie auch auf Bundesebene zuzulassen.* Schön und bequem aber auch, dass er den schwarzen Peter hier der Bundesregierung zuschieben kann. Überhaupt: es scheint bei der SPD gerade beliebt zu sein, nach Volksentscheiden zu rufen – beim sozialdemokratischen Wackelprojekt Stuttgart 21, und – wenn es ein Thema ist, zu dem die Massen gerade auf die Straße strömen – dann eben auch zum Atomausstieg.

Soweit ok. Dann aber sagt Gabriel in eben diesem oben zitierten Interview auch Dinge, die ich eher haaresträubend finde. Von Volkspartei und Volksentscheid geht’s da nämlich zu Volkes Meinung, sprich der beliebten Übung »Sarrazin kritisieren, aber man darf ja mal sagen, dass …«. Zwischen den Zeilen tun sich hier Abgründe auf in eine Partei nicht der Arbeiterklasse, sondern der verunsicherten Milieus »kleiner Leute«. Und da fallen dem SPD-Chef plötzlich lauter Dinge zur Stärkung der »Sicherheitsgefühls« ein, bei denen einem das Gruseln kommen kann:

Aber natürlich müssen wir auch fordern. Egal ob Deutscher oder Ausländer: Wer seine Kinder nicht regelmäßig und pünktlich in die Schule schickt, dem schicken wir die Polizei vorbei und der zahlt auch empfindliche Bußgelder – auch dann, wenn er Hartz-IV-Bezieher ist. Wer auf Dauer alle Integrationsangebote ablehnt, der kann ebenso wenig in Deutschland bleiben wie vom Ausland bezahlte Hassprediger in Moscheen.

Volkserziehung durch das großzügige (und großmäulige) Verteilen von Watschn? Bessere Bildung für alle durch Polizei und »empfindliche« Bußgelder (statt z.B. durch Schulsozialarbeit, bessere Schulen, Stadtteilpolitik, …)? Die Idee der »Gastarbeiter« mit Rückkehrzwang im neuen Gewande statt Einwanderungspolitik? Großzügiges Rauswerfen?

In der Apologie eines Gabriel-Fanboys bei Twitter klingt das dann so:

»Das Sicherheitsgefühl der Deutschen ist auch etwas, vor dem man Respekt haben muss.« (Sigmar Gabriel) – Innere Sicherheit ist ein sozialdemokratisches Kernthema, bzw. sollte eines sein. Die »kleinen Leute« sind auf Sicherheit angewiesen. Regeln und Gesetze gibt es nicht zum Spaß. Die müssen durchgesetzt werden. Ohne Sicherheit bringt Freiheit nichts. Die SPD muss wirklich dankbar sein, dass sie einen Vorsitzenden wie Sigmar Gabriel hat.

Provokation gelungen – aber was da durchschimmert an Glauben an den starken Staat, an die Gefährdung der Öffentlichkeit durch Toleranz und an nicht zuletzt einem seltsamen Rechtstaatsbewusstsein – also bitte! Natürlich sind Gesetze, die nicht durchgesetzt werden, sinnlos; das macht aber noch nicht jedes Gesetz, nur weil es im formal richtigen Verfahren beschlossen wurde, auch politisch sinnvoll und klaglos mitzutragen!

Wenn ich diese Randbeobachtungen zusammennehme, und meinen Eindruck ein bißchen zuspitze, dann kommt dabei das Bild einer SPD als Partei heraus, die an Volksbegehren und Volksentscheiden eigentlich nur den Populismus von »Volkes Stimme« gut findet; die noch immer daran zu knabbern hat, vor etwa hundert Jahren vom damaligen bürgerlichen Establishment als vaterlandslose Gesellen bezeichnet worden zu sein, und die in der Krise dann fast schon reflexhaft versucht, patriotischer und volkstreuer aufzutreten als sonst wer. Es könnte ihr ja sonst jemand einen Vorwurf machen.

Mit einer gewissen Berechtigung ließen sich sogar Schröders Agenda-2010-Reformen diesem Reflex zuordnen: nur ja die Regierungsfähigkeit beweisen, klar machen, dass »man« eine richtige Partei ist – also ob das nach über hundert Jahren irgendwer bezweifeln würde. Aber der Minderwertigkeitskomplex scheint tief zu sitzen, so tief, dass es immer dann, wenn es wichtig wäre, schwierig wird, an die verschütteten emanzipatorischen und letztlich auch liberalen Grundströmungen der deutschen Sozialdemokratie heranzukommen. Die setzt dann lieber auf Nummer sicher, auf Sicherheit, auf Einheit, auf Einigkeit, auf Recht – aber selten auf Freiheit.

Zu diesen Reflexen passt es dann auch, wenn die SPD in Nordrhein-Westfalen zur Minderheitenregierung getragen werden musste, und anderswo lieber Stabilität und CDU-Regierende in Kauf nimmt, statt sich für progressive Koalitionen zu öffnen.

Damit sind wir beim zweiten Trauma, dem der späten 1960er und 1970er Jahre, als die progressive Linke dann andere Orte gesucht und gefunden hat, es gar gewagt hat, sich als Partei zu formieren. Auch das zu überwinden scheint bei der SPD ein Prozess zu sein, der nur sehr langsam zu einem Abschluss kommt. Und die gesellschaftlichen Veränderungen, die seit den 1970er Jahren stattfinden, scheinen auch noch immer nicht wirklich begriffen worden zu sein, von den SozialdemokratInnen.

Ich glaube nicht, dass die SPD als Partei bald Geschichte sein wird. Als dominante gesellschaftliche Strömung hat sie ihre Blütezeit längst hinter sich; die Wahl in Schweden ist da nur ein i-Tüpfelchen. Ob sie es schafft, sich als Partei, die etwa ein Viertel der Stimmen auf sich vereinen kann, wirklich neu aufzustellen? Oder schleppt sie sich weiter, öltankergleich?

Warum blogge ich das? Aus Sorge um eine Partei, die wir dann doch zum Regieren brauchen.

* Was mich dabei allerdings auch irritiert: das es mal wieder nur darum gehen soll, richtig zu erklären, was als richtige Politik erkannt wurde, und Gabriel den Volksentscheid nicht als Partizipationsinstrument, sondern als Druck, Politik zu erklären, begründet.

3 Personen gefällt dieser Eintrag.
Share

flattr this!


Obama: Amerika zum Gernhaben

Veröffentlicht unter Politik & Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Eine der großen Seltsamkeiten gesellschaftlicher Zeit ist die Tatsache, dass es jeder Generation so vorkommt, als sei alles schon immer so gewesen. Seit Kindestagen war Kohl Kanzler. Umso größer die Freude und die (dann leider oft enttäuschten) Erwartungen, als die Grünen 1998 mit einem zweitklassigen Sozialdemokraten die Regierung stellten.

Und ebenso war Amerika – genauer gesagt: war die USA – schon immer »Das Reich des Bösen«. Reagan, Bush, mit Clinton ein zweitklassiger Sozialdemokrat als enttäuschter Hoffnungsschimmer, wieder Bush, Bush – die USA als Land des »bible belt«, der Waffenverherrlichung, das Land mit dem höchsten CO2-Ausstoss pro Kopf. Es war die USA, die sich zum unilateralen Weltpolizisten aufschwang, Kriege vom Zaun brach und Kyoto ignorierte. Die zum »War on terrorism« aufrief und dabei die ihr eigenen Freiheitsrechte beerdigte. Die multinationalen Konzerne – schon immer amerikanische. Zwischen Kulturimperalismus und rücksichtlosem Kapitalismus: alles USA. Das zur wahrgenommenen Wirklichkeit geronnene Klischee des linken Antiamerikanismus.

Barack & Michelle Obama go to Washington
Foto: jurvetson, CC-BY

Die Wahl und gestern die Inauguration Obamas lassen einen ein wenig begreifen, wie das vor 40 Jahren, also lange vor meiner selbst erinnerten Zeit, mit Kennedy war. Sie machten sichtbar, dass die USA eben auch – und da war Obamas pathetische »Hope-Rede« richtig spannend – eine Geschichte der Selbstemanzipation des Menschen verkörpern. Ein Bund der Ausgestossenen, ein Experimentierfeld der Demokratie, ein Land der Ausweitung von Freiheitsrechten.

Keine Angst – auch ich habe die USA auch in den letzten acht Jahren nicht so schwarz-weiß wahrgenommen. Ich habe sie als Land wahrgenommen, das viel weltpolitischen und bedrohlichen Unsinn anstellt, und als einen martialischen Ort, den ich nur ungern bereisen würde. Ich habe aber auch wahrgenommen, dass es eine lange Tradition der Bürgerbewegung und des Aktivismus gibt. Dass auch die Hippies, der SDS, das Silicon Valley und das MIT zur USA gehören. Dass neben dem mittleren Westen und texanischen Farmen verheißungsvolle Orte wie Seattle, San Francisco, Boston und Davis ebenso wie viele gemeinschaftlichen Experimente Teile der USA sind. Ich erinnere mich noch gut an meine Verwunderung darüber, wie z.B. ökologischer grassroot-Aktivismus und grandioses professionelle Politikmanagement zusammenpassen können, als ich die ersten Broschüren und Flyer aus der amerikanischen Umweltbewegung in der Hand hielt.

Irgendwie verbindet sich mit der Wahl Obamas die Hoffnung, dass dieser Teil der Vereinigten Staaten jetzt, wenn schon nicht mehrheitsfähig und tonangebend, doch zumindest ein bißchen wichtiger geworden ist. Obama hat seine Inauguration unter das Motto Hoffnung statt Angst gestellt. Dass alleine finde ich schon beeindruckend.

Auch wenn ich weiterhin gerne auf einen Teil des karnevalesken Pomps und des Säbelraschelns verzichte, ist es der professionelle Aktivismus, von dem sich die deutsche Politik ein ganzes Stück abschneiden kann. Das betrifft nicht nur change.gov, sondern auch die Frage, wie eine charismatische Figur mit direkter Beteiligung und Involviertheit vieler zusammenpassen. Es gibt die Aussage, dass die Grünen die amerikanischste der deutschen Parteien sein (gleichzeitig wird die »obama machine«, die er im Wahlkampf aufgebaut hat, inzwischen mit der Ortsverbands-Struktur der deutschen Volksparteien verglichen). Ich kann mir gut vorstellen, dass eine Mischung aus einer Politik der Hoffnung, einer professionalisierten Bewegungsorganisation und einem Auf-die-Menschen-Zugehen, einem Die-Menschen-Mitnehmen auch in Deutschland Sinn machen würde. Jenseits des »Yes we can« ist dies die Tiefenstruktur des Obama-Wahlkampfs, vielleicht auch der Obama-Regierungszeit. Die brauchen wir auch. Und die sehe ich (ganz im Gegensatz zu der in Robert A. Wilsons Romanen karrikierten ökologischen Politik einer »Revolution der gesenkten Erwartungen«) auch für grüne Politik als dringend notwendig an – eine progressive und manchmal auch populistische ökologische Politik der Hoffnung, nicht der Angst.

Große Hoffnungen können enttäuscht werden. Obama ist kein linker Demokrat, sondern Zentrist. Er hat die Republikaner in seine Regierung mit eingebunden und wird vieles, was jetzt auch von seinen AnhängerInnen gefordert wird, nicht umsetzen. Hier kommt das Beharrungsvermögen eines Systems mit hinein, die Meinung der Massen und die Schattenseite des charismatischen Populismus. Politik als schmutziges Geschäft. In einem Interview in der taz – ich meine, mit Ayers – wurde die Parole ausgegeben, jetzt nicht mit Kritteleien zu beginnen, sondern Obama erst einmal zu feiern – und sich bewusst zu sein, dass zu einer erfolgreichen progressiven Präsidentschaft auch eine erfolgreiche Bürgerbewegungslobby gehört, die ihn immer wieder in die richtige Richtung schubst. Ungefähr so stelle ich mir das Verhältnis zwischen Parlamentsparteien und Koalitionsregierungen einerseits und außerparlamentarischen Bewegungen andererseits vor, insofern passt dieses Bild gut.

Für heute also keine Angst vor enttäuschten Erwartungen, sondern die Hoffnung darauf, dass sich mit Obama – und für meine Kinder – eine Generationengeschichte eines vorbildhaften Amerikas entwickelt, das auch auf dieser Seite des Atlantiks gern gehabt wird, respektiert wird, bewundert wird. Dass einen sich selbst erhaltenden Kreislauf wachsender Hoffnung in Gang bringt, statt sich auf Angst und Furcht angewiesen zu fühlen.

Warum blogge ich das? Weil ich meine Gedanken angesichts der Inauguration loswerden wollte. Unbedingt.

Be the first to like.
Share

flattr this!


Seite 1/2    1 2