Düstere Zeiten – Wegsehen hilft nicht, Einbinden der Rechtsextremen erst recht nicht

Manch­mal bin ich selbst etwas irri­tiert über die Ungleich­zei­tig­keit. Die letz­ten paar Blog­bei­trä­ge: Urlaubs­bil­der von der bel­gi­schen Küs­te, ein biss­chen Eska­pis­mus in Form von Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy – und dazwi­schen die Wahl­er­geb­nis­se in Sach­sen-Anhalt und Meck­len­burg-Vor­pom­mern (und Ber­lin), und die damit ver­bun­de­nen Umbrü­che. Und so ger­ne ich das igno­rie­ren wür­de, was gera­de in Sach­sen-Anhalt pas­siert, so wenig hilft es, wegzusehen.

Gehei­me Wahl hin oder her, die Wahl­er­geb­nis­se in der kon­sti­tu­ie­ren­den Land­tags­sit­zung, bei der zwei Kan­di­da­ten der AfD und ein Kan­di­dat der CDU gewählt wur­den, der Kan­di­dat der SPD für das Land­tags­prä­si­di­um durch­ge­fal­len ist, las­sen mit Blick auf die Mehr­heits­ver­hält­nis­se im Land­tag Sach­sen-Anhalt nur den Schluss zu, dass unge­fähr ein Drit­tel der stark ver­klei­ner­ten CDU-Frak­ti­on die AfD-Kan­di­da­ten, auch den dezi­diert rechts­extre­men Till­schnei­der, mit­ge­wählt hat. Mög­li­cher­wei­se, um im Gegen­zug die Stim­men für den CDU-Bewer­ber zu erhal­ten, sol­che Deals gibt es. Oder, um es auf den Punkt zu brin­gen: ges­tern wur­de mit Stim­men aus der CDU ein AfD-ler zum Land­tags­prä­si­den­ten und ein dezi­diert rechts­extre­mer Afd-ler zum Land­tags­vi­ze­prä­si­den­ten in Sach­sen-Anhalt gewählt. 

Und das reiht sich ein in kon­ser­va­ti­ve Mehr­hei­ten mit rechts­extre­men Par­tei­en im euro­päi­schen Par­la­ment, um kli­ma- und sozi­al­po­li­ti­sche Errun­gen­schaf­ten zurück­zu­dre­hen. Es reiht sich ein in Mehr­hei­ten aus AfD und CDU in Kom­mu­nal­par­la­men­ten. Wir erin­nern uns an die Abstim­mung am Ende der letz­ten Wahl­pe­ri­ode im Deut­schen Bun­des­tag, als Merz eine Mehr­heit mit der AfD für einen Anti-Migra­ti­ons-Antrag orga­ni­siert hat. Und Stim­men wie die von Minis­ter­prä­si­dent Rhein, der dafür plä­diert, AfD-Kandidat*innen für den Vor­sitz von Aus­schüs­sen zu wäh­len, pas­sen eben­falls in die­ses Bild. Wer möch­te, kann auch das Drit­tel der baden-würt­tem­ber­gi­schen CDU dazu­zäh­len, dass trotz Zuge­ständ­nis­sen, trotz eines durch­aus kon­ser­va­tiv gepräg­ten Koali­ti­ons­ver­trags und trotz der Wahl von Tho­mas Strobl zum Land­tags­prä­si­den­ten in Baden-Würt­tem­berg Minis­ter­prä­si­dent Özd­emir nicht gewählt hat.

Aus CDU-Per­spek­ti­ve gedacht mag es ver­lo­ckend erschei­nen, die „ja eigent­lich“ „rech­ne­risch“ vor­han­de­ne rechts-kon­ser­va­ti­ve Mehr­heit umzu­set­zen. Aus einer sol­chen Per­spek­ti­ve sind die AfD-Abge­ord­ne­ten „nur“ ver­lo­re­ne Kon­ser­va­ti­ve, man­che kom­men ja sogar aus der Jun­gen Uni­on. Und das kön­nen doch kei­ne schlech­ten Men­schen sein? Ein biss­chen ein­bin­den, ein biss­chen Zuge­ständ­nis­se, und wir sind wie­der in der alten Bun­des­re­pu­blik, als Hel­mut Kohls CDU ein­mal 48 Pro­zent der Stim­men bekam. Nur: das stimmt halt nicht. Viel­leicht gibt es in den Rei­hen der AfD auch Men­schen, die fle­xi­bel genug wären, sich in einer CDU zu ver­ste­cken und ihre eigent­li­chen Über­zeu­gun­gen da nicht sicht­bar wer­den zu las­sen. Aber nach allem, was über das Per­so­nal der AfD bekannt ist, kann durch­aus davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass das inzwi­schen über­wie­gend ideo­lo­gisch gefes­tig­te Rechts­extre­me sind. Die das tun wol­len, was ideo­lo­gisch gefes­tig­te Rechts­extre­me tun – eth­ni­sche Säu­be­run­gen (da hat der Kanz­ler mal eine kla­re Aus­sa­ge getrof­fen), deutsch­na­tio­nal und völ­kisch geform­te Kul­tur- und Bil­dungs­po­li­tik, Aus­zeh­ren der Demo­kra­tie. Und die sich mit Blick auf die USA, auf Bra­si­li­en, auf Tsche­chi­en, auf Öster­reich, auf Frank­reich, … im Auf­wind sehen und sich nicht ein­bin­den las­sen werden.

Geschich­te wie­der­holt sich nicht. Trotz­dem ist es extrem beun­ru­hi­gend, sich anzu­schau­en, was in den 1920er und 1930er Jah­ren pas­siert ist. Die ers­te NSDAP-Regie­rung in einem Land in Deutsch­land regier­te 1932 im dama­li­gen Frei­staat Anhalt – unter­stützt von der Deutsch­na­tio­na­len Volks­par­tei. Und in der Wei­ma­rer Repu­blik stei­ger­te sich das Wahl­er­geb­nis der NSDAP von 3–6 Pro­zent in den 1920er Jah­ren auf 18, 37, dann 43 Pro­zent; zu Las­ten der DVP und der DNVP. Dem vor­aus­ge­gan­gen waren Ver­su­che der Ein­bin­dung und durch die NSDAP tole­rier­te Min­der­heits­re­gie­run­gen. Das Ergeb­nis ist bekannt. 

Wenn ich der CDU einen Tipp geben woll­te, wür­de ich ihr raten, zu lesen, was Vanes­sa Gie­se auf­ge­schrie­ben hat – zu den Hin­ter­grün­den der radi­ka­len Wahl­er­fol­ge, aber auch zu den Lücken im Par­tei­en­spek­trum, die nicht dadurch gefüllt wer­den, dass die CDU ver­sucht, die AfD zu kopieren. 

Aktu­ell haben wir es jeden­falls mit einer CDU zu tun, in der es Men­schen gibt, die mit der AfD koope­rie­ren. Ich hof­fe, dass die­se Hal­tung in der CDU noch nicht mehr­heits­fä­hig ist. Es wäre Sache des Kanz­lers, dem Ein­halt zu gebie­ten – Kon­junk­tiv, weil er die­se Füh­rungs­stär­ke nicht auf­bringt. Und wenn es der Kanz­ler nicht kann, dann wäre es doch, im Sin­ne der Ver­tei­di­gung unse­rer Demo­kra­tie, jetzt Zeit für lau­te Äuße­run­gen aus der Uni­on, von all den­je­ni­gen, die eine Kurs der Koope­ra­ti­on mit den Rechts­extre­men nicht unter­stüt­zen. Wo bleibt er?

Scheinbar einbetoniert

Eine Viel­zahl von Umfra­ge­insti­tu­ten ver­öf­fent­li­chen gera­de wöchent­lich ihre Wahl­um­fra­gen. Deren Aus­sa­ge­kraft ist einer­seits begrenzt – bei den letz­ten Wah­len gab es teil­wei­se erheb­li­che Abwei­chun­gen – ande­rer­seits sagen sie in der Sum­me und im Ver­gleich inner­halb der jewei­li­gen Umfra­ge doch etwas aus. 

Wer sich selbst ein Bild davon machen möch­te, fin­det bei vie­len Medi­en ein­ge­bet­te­te Dia­gram­me. Die Roh­da­ten stam­men oft von wahlrecht.de, die eine weit zurück­grei­fen­des Archiv der Sonn­tags­fra­ge-Umfra­gen aller gro­ßen Insti­tu­te pfle­gen (und das nicht nur für die Bun­des­tags­wahl, son­dern auch für Land­tags­wah­len und Abfra­gen zur Bun­des­tags­wahl in ein­zel­nen Län­dern). Eine beson­ders gelun­ge­ne Visua­li­sie­rung ist aus mei­ner Sicht der Pol­ly­tix-Wahl­trend.

„Schein­bar ein­be­to­niert“ wei­ter­le­sen

Kurz: Atempause

Erst gewinnt in Groß­bri­tan­ni­en Labour in einem Erd­rutsch­sieg, dann liegt in Frank­reich die „Neue Volks­front“ aus Lin­ken und Grü­nen an ers­ter Stel­le bei den vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len. Der Vor­marsch der Rech­ten scheint gestoppt, Grund zur Freu­de und Hoffnung.

Bei nähe­rem Hin­se­hen ist bei­des lei­der nicht viel mehr als eine Atem­pau­se. Das bri­ti­sche Wahl­er­geb­nis hat nicht nur mit gro­ßem Unmut über eine zu Pos­sen, Clow­ne­rie und Nicht­funk­tio­nie­ren nei­gen­de Tory-Par­tei zu tun, son­dern ist in Tei­len auch ein Arte­fakt des bri­ti­schen Mehr­heits­wahl­rechts, bei dem die rela­ti­ve Mehr­heit im Wahl­kreis zählt. So lag Labour nur bei 34 Pro­zent, die Tories bei 24 Pro­zent, und dann kommt schon die rechts­extre­me Reform-Par­tei mit 14 Pro­zent (Lib­Dem: 13 Pro­zent, Grü­ne 7 Pro­zent). Auch wenn sich das nicht 1:1 auf das Ergeb­nis in einem pro­por­tio­na­len Wahl­sys­tem umrech­nen lässt, weil dann sicher­lich die eine oder ande­re Wahl­ent­schei­dung anders aus­ge­fal­len wäre: Eine kla­re gesell­schaft­li­che Mehr­heit sieht anders aus, ent­spre­chend insta­bil dürf­te die Stim­mung sein, die jetzt noch Labour trägt. 

Das Mehr­heits­wahl­sys­tem in Frank­reich ist mit sei­nen zwei­ten Wahl­gän­gen etwas anders gela­gert; die­ser zwei­te Wahl­gang und die Brand­mau­er a la fran­cai­se, also die „repu­bli­ka­ni­sche Front“, mit dem Rück­zug dritt­plat­zier­ter Bewerber*innen, hat den Durch­marsch der Le-Pen-Bewe­gung ver­hin­dert. Trotz­dem kom­men RN und Ver­bün­de­te auf 125 Man­da­te (plus 17 der aus der Brand­mau­er aus­bre­chen­den Kon­ser­va­ti­ven), und auf den stärks­ten Stimm­an­teil (32 + 5 Pro­zent im 2. Wahl­gang). Die Nou­veau Front popu­lai­re (die in unse­rem Spek­trum von BSW über Lin­ke und SPD bis zu Grü­nen rei­chen wür­de), kommt zwar mit 178 Man­da­ten auf eine rela­ti­ve Sitz­mehr­heit, hat aber deut­lich weni­ger Stim­men als RN erhal­ten. Auch hier also teil­wei­se Wahl­rechts­ef­fek­te, und ein Ver­hin­dern eines noch stär­ke­ren RN-Ergeb­nis­ses durch das tak­ti­sche Bünd­nis fast aller übri­gen Par­tei­en. Mich erin­nert das an die letz­ten Wah­len in Sach­sen und Sachsen-Anhalt. 

Die Wahl­er­geb­nis­se sind ein Grund zur Freu­de, eine Atem­pau­se. Aber sie dür­fen nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass das Spek­trum von popu­lis­ti­scher bis faschis­ti­scher Rech­ter in Euro­pa wei­ter viel zu stark ist, dass – je nach Land – 20, 30, 40 Pro­zent die­se Par­tei­en wäh­len, und offen­sicht­lich nichts gelernt haben. Kurz­fris­tig hel­fen repu­bli­ka­ni­sche Fron­ten und demo­kra­ti­sche Brand­mau­ern. Auf Dau­er? (Und über Trump und die ihn eher stär­ken­den Eigen­hei­ten des US-Wahl­sys­tems ist damit noch gar nichts gesagt.)

Mehr so meh

Freiburg before Christmas

Im Rück­blick ist 2023 defi­ni­tiv kein beson­ders gelun­ge­nes Jahr, „meh“ trifft es ganz gut. 

Also, pri­vat war soweit alles ok, ich habe mich nach mehr als einem Jahr­zehnt Arbeit in der Frak­ti­on end­lich mal drum geküm­mert, eine Woh­nung in der Nähe von Stutt­gart – in Ess­lin­gen – zu fin­den (und bin jetzt auch mit dem gan­zen Umzie­hen, Ent­rüm­peln, Strei­chen, Woh­nungs­über­ge­ben fer­tig). Gleich­zei­tig brin­ge ich mich inten­si­ver in die Orts­po­li­tik hier in Gun­del­fin­gen ein. Die Kin­der gedei­hen und wer­den groß, den Kat­zen geht’s gut. Das Sci­ence-Fic­tion-Jahr war inter­es­sant und unter­halt­sam. Coro­na (nach drei Jah­ren ohne) hät­te mich jetzt nicht erwi­schen müssen. 

Je wei­ter raus­ge­zoomt wird, des­to ner­vi­ger erscheint mir 2023. Bür­ger­ent­scheid zur Stra­ßen­bahn ver­lo­ren. Mei­ne Par­tei wird im Land und Bund von allen Sei­ten ange­fein­det. Die Ampel-Regie­rung schlit­tert mehr so dahin, über­zeugt jeden­falls nicht. Die AfD glaubt, sie sei die Wie­der­ge­burt einer natio­na­len Volks­par­tei, die Bau­ern und Bäue­rin­nen grei­fen zu Pro­test­for­men aus den 1920er Jah­ren (und ima­gi­nie­ren sich in den Bau­ern­krieg zurück). Die Bun­des-CDU zer­schmet­tert mal eben die Grund­la­ge für Inves­ti­tio­nen und will von einer Reform der Schul­den­brem­se nichts wis­sen. Und die Lan­des-CDU wäre eigent­lich lie­ber kraft­vol­le Oppo­si­ti­on statt Regie­rungs­part­ner (naja, noch lie­ber wür­de sie den Minis­ter­prä­si­den­ten stel­len …). Alles eher Gegen­wind, alles nichts, was Freu­de berei­tet. Und von der Ukrai­ne oder Isra­el, von der Dik­ta­tur in Russ­land oder der gefähr­de­ten Demo­kra­tie in den USA oder von den dies­jäh­ri­gen Kli­ma­ex­tre­men rede ich erst gar nicht.

Über die­se all­ge­mein schwie­ri­ge Lage las­sen sich dann leicht die Pflan­zen der Hoff­nung über­se­hen, die kräf­tig wach­sen. Der Atom­aus­stieg hat nicht zum Koh­le­re­vi­val geführt, son­dern den Weg für Wind­strom frei­ge­macht. Die Aus­bau­zie­le bei Pho­to­vol­ta­ik wer­den 2023 über­erfüllt. Da bewegt sich viel, im Moment wirkt es jeden­falls so, als wäre allein auf­grund der Wirt­schaft­lich­keit die Wei­che gestellt für eine rapi­de grü­ner wer­den­de Ener­gie aus erneu­er­ba­ren Quel­len und mit Bat­te­rie­spei­chern. Und auch das Deutsch­land­ti­cket ist ein rich­tig gro­ßer Reform­schritt (über die Bahn und deren Infra­struk­tur reden wir jetzt lie­ber nicht). Oder, inter­na­tio­nal betrach­tet: der Sieg der demo­kra­ti­schen Kräf­te in Polen – auch das gibt Hoffnung. 

Wir haben 2023 gelernt, dass Musk ein fie­ser Typ ist, dass die Hal­tung zu Isra­el und Paläs­ti­na zwi­schen der inter­na­tio­na­len und der deut­schen Lin­ken (inkl. Kli­ma­be­we­gung) sehr unter­schied­lich ist, dass Merz zurück in die 1990er, 1980er oder 1950er möch­te und dass linea­res Fern­se­hen weit­ge­hend tot ist. Cory Doc­to­row hat den Begriff „ens­hi­ti­fi­ca­ti­on“ geprägt, um zu erklä­ren, war­um Inter­net­platt­for­men dazu nei­gen, nach eini­ger Zeit unbe­nutz­bar zu wer­den. Wie wir mit sozia­len Medi­en umge­hen wol­len, wis­sen wir auch 2023 noch nicht wirk­lich. Mast­o­don hat sich als net­te, ruhi­ge Ecke und tech­ni­sche Grund­la­gen­in­fra­struk­tur ent­puppt, die aber genau des­we­gen nicht hype-taug­lich ist. Ach ja: und 2023 war das Jahr, in der die dis­kur­si­ve Leit­tech­no­lo­gie „KI“ hieß. Einer­seits, weil ChatGPT & Co. tat­säch­lich ein­drucks­voll gezeigt haben, dass sie plau­si­bel wir­ken­de Tex­te und Bil­der gene­rie­ren kön­nen (als ob …), ande­rer­seits, weil über­all, wo letz­tes Jahr „Block­chain“ dran­ge­schrie­ben wur­de, jetzt „KI“ dran­steht. Und damit ist dann nicht immer ein LLM oder ähn­li­ches gemeint, son­dern manch­mal ein ganz schlich­ter Algorithmus. 

Pro­gno­se für 2024: der KI-Hype wird abflau­en, weil das mit dem Geld­ver­die­nen nicht so rich­tig klappt. Vor­her aber wird er wei­ter dazu bei­tra­gen, Such­ergeb­nis­se unbrauch­bar zu machen und die Welt mit den typi­schen super­po­si­ti­ven Fünf­satz­ab­sät­zen zu über­flu­ten. Auch 2024 wird nicht das Jahr, in dem Vir­tu­el­le Rea­li­tät oder auto­nom fah­ren­de Autos ihren Durch­bruch fei­ern wer­den (sie­he auch: Musk als fie­ser Typ, sie­he auch: schum­meln). Die Kom­mu­nal- und Euro­pa­wahl im Juni 2024 wird nicht groß­ar­tig, aber ok. Die Ampel wird trotz FDP-Mit­glie­der­be­fra­gung wei­ter­ma­chen. Die Land­tags­wah­len im Osten wer­den kata­stro­phal aus­ge­hen, wenn nicht vor­her noch was pas­siert. Eine Pro­gno­se dazu, wie es in den USA wei­ter­geht, wage ich nicht. Und Viren, der Kli­ma­wan­del und ähn­li­che Din­ge machen das, was sie auch in den letz­ten Jah­ren getan haben: sie fol­gen Natur­ge­set­zen und nicht dis­kur­si­ven Hochs und Tiefs. Was lei­der kei­ne gute Nach­richt ist. 

Sina Trink­wal­der spricht von den Geburts­we­hen eines neu­en Zeit­al­ters. Hof­fen wir, dass das eine zutref­fen­de Beschrei­bung unse­rer Zeit ist.

Kurz: Wahl in Island

Quelle: RÚV.is
Quel­le: RÚV.is

Wah­len anders­wo sind immer wie­der span­nend. Zum Bei­spiel habe ich ges­tern Nacht eini­ge Zeit auf der Web­site des islän­di­schen Rund­funks RÚV ver­bracht. Schließ­lich hat­te die inter­na­tio­na­le Pres­se dar­über berich­tet, dass hier die Welt­sen­sa­ti­on anste­hen kön­ne: die hier deut­lich weib­li­cher und links­li­be­ra­ler als in Deutsch­land auf­ge­stell­ten Pira­ten unter Bir­git­ta Jóns­dót­tir waren in den Umfra­gen zeit­wei­se stärks­te Kraft, Bir­git­ta wur­de schon zur nächs­ten Pre­mier­mi­nis­te­rin ausgerufen. 

Wäh­rend es direkt nach Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le (Mit­ter­nacht unse­rer Zeit) so aus­sah, also ob die Pira­ten zwar nicht stärks­te Kraft, aber mit 18 Pro­zent doch star­ke Zwei­te wer­den wür­den, und die vier Mit­te-Links-Par­tei­en (Píra­taf­l­ok­ku­rinn, also die Pira­ten [P]; Vin­strihrey­fin­gin — grænt fram­boð, die links-grü­ne Bewe­gung [V], Mit­glied in der Nor­di­schen Grü­nen Lin­ken; Sam­fyl­kin­gin – die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Alli­anz [S] und Björt fram­tíð [A], zu deutsch: Glän­zen­de Zukunft, eine pro-euro­päi­sche sozi­al­li­be­ra­le Par­tei) gemein­sam knapp eine Mehr­heit im islän­di­schen Alþin­gi (All-Thing) von 32 Sit­zen. Die übri­gen 31 Sit­ze ver­teil­ten sich auf die wei­ter­hin star­ken Kon­ser­va­ti­ven (Sjálfs­tæðis­f­l­ok­kur, Unab­hän­gig­keits­par­tei [D]), die Pro­gres­si­ven (Framsó­knar­f­l­ok­kur, Fort­schritts­par­tei [B]) – die bis­he­ri­ge Regie­rungs­ko­ali­ti­on – und die neu gegrün­de­te zen­tris­tisch-libe­ra­le (Wiki­pe­dia sagt: grün-libe­ra­len) Erneue­rungs­par­tei Við­reisn [C]. Im Lauf des Wahl­abends kehr­te sich die­ses Sitz­ver­hält­nis aller­dings um. Im Ergeb­nis lie­gen Links-Grü­ne vor den Pira­ten, und V+P+S+A haben zusam­men 27 Sit­ze, wäh­rend die bis­he­ri­ge Koali­ti­on (D+B) auf 29 Sit­ze kommt. Damit dürf­te Við­reisn ent­schei­den, wel­che Koali­ti­on die nächs­te Regie­rung stellt.

Neben star­ken Pira­ten (14,5%) und star­ken Links-Grü­nen (die kom­men aktu­ell auf 15,9%, immer noch das zweit­bes­te Ergeb­nis die­ses Bünd­nis­ses nach 2009) sowie den extre­men Ver­lus­ten der Pro­gres­si­ven (von 24,4% auf 11,5%), die sich dadurch erklä­ren, dass im Rah­men der Pana­ma-Papers auch Finanz­ge­schäf­te des bis­he­ri­ge Pre­miers Sig­mun­dur Davíð Gunn­laugs­son ans Licht getre­ten sind, die letzt­lich zu den Neu­wah­len führ­ten, fin­de ich an die­sem Ergeb­nis vor allem das Abschnei­den der Sozi­al­de­mo­kra­ten inter­es­sant. Ich ken­ne die Poli­tik der 300.000-Einwohner-Insel nicht genau genug, um etwas zu den Hin­ter­grün­den zu sagen – jeden­falls ist die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Alli­anz, die aus meh­re­ren klei­ne­ren lin­ken Par­tei­en ent­stan­den ist, von um die 30 Pro­zent von 1999 bis 2009 bei der letz­ten Wahl auf 12,9 Pro­zent 2013 und jetzt auf nur noch 5,7 Pro­zent abzu­sin­ken. Island steht hier ja nicht allei­ne – gene­rell scheint das 21. Jahr­hun­dert bis­her nicht gera­de das Jahr­hun­dert der Sozi­al­de­mo­kra­tie zu werden.

P.S.: Sie­he auch Wiki­pe­dia zu den islän­di­schen Par­la­ments­wah­len 2016.