Wahlanalyse zur Landtagswahl 2026

Knapp eine Woche nach der Wahl will ich dann doch ein paar Wor­te dazu in mein Blog packen. Wobei: aktu­ell wird lei­der jedes Wort auf die Gold­waa­ge gelegt, Stich­wort „Schmutz­kam­pa­gne“. Inso­fern blei­be ich mal weit­ge­hend bei dem, was sich halb­wegs fak­ten­ba­siert über das Wahl­er­geb­nis sagen lässt.

Ich hat­te fünf „Key Questions“:

1. Wer liegt vor­ne bei den Zweit­stim­men – Grü­ne mit Cem Özd­emir oder die CDU mit Manu­el Hagel?
2. Wie groß ist der Abstand zwi­schen Grü­nen und CDU? Und damit ver­bun­den: Ist bereits um 18 Uhr klar, in wel­che Rich­tung es geht, oder müs­sen wir bis spät in die Nacht warten?

In den ers­ten Pro­gno­sen um 18 Uhr sah das noch sehr deut­lich aus, zumin­dest bei der ARD, mit einem deut­li­chem Vor­sprung der Grü­nen vor der CDU. Das gab einer­seits rie­si­gen Jubel (die Staats­ga­le­rie, in der die grü­ne Wahl­par­ty statt­fand, wur­de da sehr laut), ande­rer­seits dann aber all­seits die besorg­te Fra­ge, ob die­ser Vor­sprung den hal­ten wür­de. Bis das tat­säch­li­che End­ergeb­nis fest­stand, dau­er­te es dann bis deut­lich nach Mit­ter­nacht, aber schon gegen 22 Uhr war klar: Grü­ne lie­gen bei den Zweit­stim­men unein­hol­bar vor­ne, und auch wenn es „nur“ rund 25.000 Stim­men sind (30,2 zu 29,7 Pro­zent), steht damit ein Ergeb­nis fest.

Für die Nach­welt hier noch­mals das vor­läu­fi­ge End­ergeb­nis: GRÜNE 30,2 (-2,4) Pro­zent, CDU 29,7 (+5,6) Pro­zent, SPD 5,5 (-5,5) Pro­zent, AfD 18,8 (+9,1) Pro­zent, Lin­ke und FDP jeweils mit 4,4 Pro­zent der Zweit­stim­men nicht im Land­tag. Wahl­be­tei­li­gung bei 69,6 Pro­zent, im Ver­gleich zur letz­ten Wahl deut­lich gestiegen

Die letz­te Umfra­ge vor der Wahl (ZDF-Polit­ba­ro­me­ter) sah Grü­ne und CDU jeweils bei 28 Pro­zent; hier gab es also auf bei­den Sei­ten noch ein­mal einen ordent­li­chen Mobi­li­sie­rungs­schub in den letz­ten Tagen und Stun­den. Das zeigt sich auch im Ver­gleich der Brief­wahl­stim­men zur Urnenwahl.

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Kurz zum „Umfrage-Beben“

Am Don­ners­tag­abend ver­öf­fent­lich­te der SWR den „Deutsch­land­Trend extra“ zur Land­tags­wahl in Baden-Würt­tem­berg und titel­te berech­tigt von einem „Umfra­ge-Beben“. Im Ver­gleich zur letz­ten Umfra­ge von Infra­test Dimap gab es hier deut­li­che Ver­än­de­run­gen – Grü­ne +4, CDU ‑1. Damit sind bei­de mit 27 Pro­zent­punk­ten zu 28 Pro­zent­punk­ten fast gleichauf.

Anläss­lich die­ser Umfra­ge habe ich den Rech­ner zum Wahl­recht aktua­li­siert und die Umfra­ge sowie eini­ger­ma­ßen plau­si­ble mög­li­che Direkt­man­da­te hin­zu­ge­füg­te. Annah­me hier: über das Land hin­weg ver­än­dern sich die Wahl­kreis­er­geb­nis­se ähn­lich wie das Landergebnis.

Wenn die Wahl am kom­men­den Sonn­tag tat­säch­lich so aus­ge­hen wür­de, kämen wir damit auf einen Land­tag mit „nur“ 133 Sit­zen (aktu­ell: 154), davon 39 Grü­ne und 41 CDU.

Wenn weni­ger Direkt­man­da­te für Grü­ne ange­nom­men wer­den, steigt die Land­tags­grö­ße – wer möch­te, kann im ver­link­ten Rech­ner damit experimentieren.

Schon vor den ver­gan­ge­nen Land­tags­wah­len gab es jeweils kurz vor­her noch­mal grü­ne Gewin­ne in den Umfra­gen. Auch in der Lang­frist­per­spek­ti­ve ist die aktu­el­le Umfra­ge jedoch herausragend:


Die span­nen­de Fra­ge ist jetzt, was in den nächs­ten sie­ben Tagen noch pas­siert. Vie­le haben schon Brief­wahl gemacht, ande­re sind noch unschlüs­sig. Mit der aktu­el­len Umfra­ge (und ähn­lich guten Zah­len beim ZDF/Forschungsgruppe Wah­len) ist es jeden­falls in den Bereich des Mög­li­chen gerückt, dass Cem Özd­emir der nächs­te Minis­ter­prä­si­dent Baden-Würt­tem­bergs wird. Dafür kommt es auf jede Zweit­stim­me an.

2025 im Blog

Reflection

Neben den Pho­tos der Woche und mei­nen fast monat­li­chen Sci­ence-Fic­tion-Rezen­sio­nen dient mein Blog ja auch dazu, fest­zu­hal­ten, was mir bedenkens‑, erin­ne­rungs- oder sonst­wie auf­he­bens­wert erscheint.

XXL? XXS? Oder doch ein ganz normal großer Landtag?

In die­ser Legis­la­tur­pe­ri­ode wur­de das Wahl­recht in Baden-Würt­tem­berg geän­dert – vom bis­he­ri­gen Ein­stim­men­wahl­recht mit Zweit­aus­zäh­lung zu einem Zwei­stim­men­wahl­recht. Dabei wur­de – anders als im aktu­el­len Bun­des­tags­wahl­recht – auf eine Kap­pung der Aus­gleichs­man­da­te oder eine Nicht­be­set­zung von Direkt­man­da­ten ver­zich­tet. Kon­kret sieht das Wahl­recht in Baden-Würt­tem­berg nun so aus:

  • Es gibt 70 Wahl­krei­se, in denen jeweils ein Direkt­man­dat ver­ge­ben wird.
  • Der Land­tag hat eine Soll­grö­ße von 120 Mandaten.
  • Die Anzahl der Man­da­te je Landesliste/Partei wird nach dem Höchst­zahl­ver­fah­ren Sain­te-Laguë/­Sche­pers ermit­telt, d.h. die erreich­ten Stim­men­zah­len wer­den für jede Lis­te der Rei­he nach durch 1, 3, 5, … geteilt und das Man­dat jeweils der aktu­el­len Höchst­zahl zuge­wie­sen, bis alle Man­da­te ver­ge­ben sind.
  • Wenn eine Par­tei mehr Direkt­man­da­te erringt, als ihr dem­nach zuste­hen, wird die Land­tags­grö­ße so lan­ge ver­grö­ßert, bis alle Man­da­te aus­ge­gli­chen sind.
  • Par­tei­en, die weni­ger als 5 % errei­chen, wer­den bei der lan­des­wei­ten Man­dats­ver­ga­be nicht berück­sich­tigt; evtl. errun­ge­ne Direkt­man­da­te wer­den von der Soll-Zahl abgezogen.
  • Wenn bei der Ver­tei­lung von Aus­gleichs­man­da­ten die Höchst­zah­len meh­re­rer Lis­ten beim letz­ten Sitz gleich sind, erhal­ten alle einen Sitz.

Die­ses Ver­fah­ren lässt sich natür­lich auch in einen Algo­rith­mus packen. Was ich getan habe – weil die FDP seit Ver­ab­schie­dung des Wahl­rechts durch die Gegend zieht und behaup­tet, dass der nächs­te Land­tag alle Dimen­sio­nen spren­gen wird und 200, ja 220 Man­da­te erhal­ten wird (Soll­zahl wie geschrie­ben: 120). 

Was stimmt: je nach­dem, wie vie­le Lis­ten ein­zie­hen und wie sich Direkt­man­da­te auf Lis­ten ver­tei­len (genau­er: je grö­ßer die Dis­kre­panz zwi­schen Zweit­stim­men und Direkt­man­da­ten ist), kann ein sehr gro­ßer Land­tag her­aus­kom­men. Sprich: wenn bei­spiels­wei­se Grü­ne 30 Pro­zent, aber kein ein­zi­ges Direkt­man­dat erzie­len, und ent­spre­chend vie­le Aus­gleichs­man­da­te ver­teilt wer­den müssen.

Ist das wahrscheinlich? 

Um das zu tes­ten, habe ich einen Rech­ner gebas­telt (der lokal in Java­script läuft, und ger­ne genutzt wer­den kann, um selbst ver­schie­de­ne Sze­na­ri­en auszuprobieren …). 

Wenn das Wahl­er­geb­nis 2021 und die dama­li­ge Direkt­man­dats­ver­tei­lung zugrun­de gelegt wird, kommt eine Land­tags­grö­ße von 156 her­aus – aktu­ell hat der Land­tag nach altem Wahl­recht 154 Man­da­te, also ein fast iden­ti­sches Ergebnis.

Wie sieht es nächs­tes Jahr im März aus? Was pas­siert, wenn die AfD viel stär­ker wird, die Lin­ke ein­zieht, die FDP (fast) aus dem Land­tag fliegt, Grü­ne Pro­zen­te ver­lie­ren usw.? 

Auch das lässt sich model­lie­ren. Und je nach­dem, wel­che Annah­men über die Ver­tei­lung der Direkt­man­da­te (Grüne/CDU/AfD) getrof­fen wer­den, kann dabei ein Land­tag her­aus­kom­men, der XXS ist. Bei­spiel: wenn die SWR-Trend-Wer­te aus dem Okto­ber genom­men wer­den, und ange­nom­men wird, dass 35 Direkt­man­da­te an die CDU gehen, 20 an Grü­ne und 15 an die AfD – dann wäre die Land­tags­grö­ße sogar genau bei den 120 Sit­zen, die das Wahl­sys­tem vorsieht.

Die sel­ben Pro­zent­wer­te, aber jetzt die Annah­me, dass 50 Direkt­man­da­te auf Grü­ne ent­fal­len (bei den im BW-Trend Okto­ber pro­gnos­ti­zier­ten nur 20 Pro­zent der Stim­men – also ein höchst unwahr­schein­li­ches Ergeb­nis!), und die rest­li­chen 20 auf die CDU (bei 29 Pro­zent der Stim­men): und schon ist der Land­tag dop­pelt so groß, und müss­te nun 231 Sit­ze umfassen. 

(Oder, um es voll­ends ins Absur­de zu stei­gern: die BW-Trend-Ergeb­nis­se, FDP lan­des­weit bei 5 Pro­zent, aber Gewin­ne­rin sämt­li­cher 70 Direkt­man­da­te. Dann hät­te der Land­tag theo­re­tisch 1279 Sit­ze. Prak­tisch haben die Par­tei­en Lis­ten, die bei 70 oder 80 Man­da­ten enden …)

Jetzt hof­fe ich, dass das Wahl­er­geb­nis im März aus grü­ner Sicht bes­ser aus­fällt als in die­ser Umfra­ge aus dem Okto­ber. Auch da gilt: solan­ge Direkt­man­da­te und Zweit­stim­men­er­geb­nis­se nicht zu weit aus­ein­an­der gehen, sind Land­tags­grö­ßen zwi­schen 130 und 160 Man­da­ten wahr­schein­lich. Das wäre in etwa der Sta­tus Quo, ein Land­tag in nor­ma­ler Grö­ße, nicht zu groß und nicht zu klein. 

Versuch, die Haltung der CDU BW zur AfD nachzuvollziehen

Die CDU BW hat jetzt ja laut­stark die AfD zum Haupt­geg­ner erklärt. Die dpa berich­tet dazu u.a. mit die­sem Text:

„Die AfD has­se alles, was die Christ­de­mo­kra­ten an die­sem Land lieb­ten. Hagel sag­te, im Umgang mit den Rechts­po­pu­lis­ten habe man es sich viel­leicht in den letz­ten Jah­ren etwas zu bequem gemacht. Man habe geglaubt, man kön­ne die AfD schla­gen, indem man sie Igno­rie­re, aus­gren­ze oder Lich­ter­ket­ten veranstalte.“

Ich habe mal über­legt, war­um die CDU das tut. Und das hat ver­schie­de­ne Facet­ten, und bis auf die ers­te ist kei­ne davon so rich­tig schön:

1. Ich neh­me Hagel & Co. ab, dass sie die AfD und deren Poli­tik scheuß­lich fin­den und sich davon abgren­zen wol­len. Aber:

2. In einem Zwei­kampf CDU/Hagel vs. Grüne/Özdemir bie­tet es sich aus CDU-Sicht an, mög­lichst wenig über Grü­ne zu spre­chen. Dann lie­ber über die AfD. Im Ide­al­fall aus CDU-Sicht läuft das dann auf eine Zuspit­zung CDU vs. AfD zu, wie es im Osten bei eini­gen der letz­ten Wah­len zu beob­ach­ten war. Alle ande­ren wer­den mar­gi­na­li­siert. (Dabei ist und bleibt die AfD ein Schein­rie­se ohne Machtoption).

3. In den Umfra­gen ist die CDU – mit 29%, einem für Baden-Würt­tem­berg eher schlech­ten Wert … – aktu­ell die stärks­te Kraft. Wenn sie das blei­ben will, muss sie einer­seits die Abwan­de­rung poten­zi­el­ler Wähler*innen zu Grün ver­hin­dern (sie­he 2.) und ande­rer­seits Wähler*innen zurück­ge­win­nen, die zur AfD gegan­gen sind.

4. Das gilt für die aus CDU-Sicht ver­lo­ren gegan­gen Direkt­man­da­te umso mehr. Böse gesagt: eini­ge der grü­nen Direkt­man­da­te sind zustan­de gekom­men, weil zu vie­le von der CDU zur AfD gewech­selt sind, und dann 25 Pro­zent aus­ge­reicht haben, um das Man­dat zu erringen.

5. Inhalt­lich gibt es lei­der durch­aus Über­schnei­dun­gen zwi­schen CDU und AfD, zumin­dest in Tei­len der CDU. So erklärt sich auch die Rhe­to­rik im Zitat oben. Statt „Lich­ter­ket­ten“ oder Aus­gren­zen hel­fen nur inhalt­li­che Ange­bo­te an AfD-Wähler*innen. (Das ist empi­risch falsch, aber nach­voll­zieh­bar: es geht der CDU BW bei „AfD als Haupt­geg­ner“ nicht um die grund­sätz­li­che Ableh­nung der AfD, son­dern um die Rück­ge­win­nung von Wähler*innen. Des­we­gen wird har­te anti­fa­schis­ti­sche Kri­tik bis hin zu Brand­mau­er etc. eher kleingeredet/verurteilt – zudem fühlt sich die CDU hier, teil­wei­se zu Unrecht, teil­wei­se aber lei­der auch zu recht, mit­ge­meint, wenn aus anti­fa­schis­ti­scher Per­spek­ti­ve zu Demos auf­ge­ru­fen wird).

6. Aktu­ell ver­hin­dert eine star­ke AfD rechts-kon­ser­va­ti­ve Mehr­hei­ten im Par­la­ment (solan­ge nie­mand mit der AfD koaliert) und führt so zur Not­wen­dig­keit lager­über­grei­fen­der Koali­tio­nen der demo­kra­ti­schen Par­tei­en. Das ist aus CDU-Sicht unbe­frie­di­gend, weil immer mit unschö­nen Kom­pro­mis­sen ver­bun­den. Sie­he Ren­ten­de­bat­te im Bun­des­tag gera­de. Damit erge­ben sich, wenn ich die CDU-Per­spek­ti­ve ein­neh­me, zwei stra­te­gi­sche Optio­nen – über die in der Uni­on wohl gera­de zumin­dest unter­schwel­lig die Aus­ein­an­der­set­zun­gen laufen:

Lösung 1: Wähler*innen der AfD zurück zur CDU holen und damit Mehr­hei­ten rechts der Mit­te (oder zumin­dest mit sehr star­ker CDU) ermöglichen. 

Lösung 2: Per­spek­ti­visch auf einen Zeit­punkt hin­ar­bei­ten, bei dem eine „gezähm­te“ AfD koali­ti­ons­fä­hig ist – also letzt­lich Nor­ma­li­sie­rung der AfD.

Zumin­dest rhe­to­risch ver­trägt sich die Vari­an­te 2 nicht mit der rhe­to­ri­schen Abgren­zung zum „Haupt­geg­ner“. Aller­dings gelingt Abgren­zung nur, wenn weder die Türen zu wech­sel­wil­li­gen AfD-Wähler*innen noch zum Rechts­au­ßen-Rand der Uni­on zuge­schla­gen werden. 

Soweit mein Ver­such, nach­zu­voll­zie­hen, was die CDU da tut – und damit zurück zur grü­nen Per­spek­ti­ve auf die Land­tags­wahl 2026. Schließ­lich gibt es einen erfah­re­nen und kom­pe­ten­ten Kan­di­da­ten, der durch­aus auch für „bür­ger­li­che“ Wähler*innen attrak­tiv sein könn­te – und der heißt Cem Özdemir.