Science Fiction und Fantasy – Winter Edition 2025/26

Triangles

Irgend­wie hat sich nach mei­nen letz­ten Sam­mel­re­zen­sio­nen doch eini­ges ange­sam­melt, was ich an SF und Fan­ta­sy gele­sen und ange­schaut habe. 

Inno­va­tiv fand ich Emi­ly Teshs neu­en Roman The Incan­de­s­cent (2025). Tesh hat 2024 den Hugo für ihre anti­fa­schis­ti­sche Space Ope­ra Some Despe­ra­te Glo­ry bekom­men. Ihr neu­er Roman ist etwas ganz ande­res, aber trotz­dem sehr lesens­wert. Sie selbst beschreibt ihn als „Nao­mi Novik’s Scho­lo­mance series meets Plain Bad Hero­i­nes in this sap­p­hic dark aca­de­mia fan­ta­sy“, das passt schon ganz gut. Ich hät­te noch „Hog­warts from tea­cher per­spec­ti­ve“ hin­zu­ge­fügt. Ein tra­di­ti­ons­rei­ches eng­li­sches Inter­nat, an dem Schüler*innen (vor allem aus der Ober­schicht, aber es gibt auch ein paar auf­grund beson­de­rer magi­scher Fähig­kei­ten dazu­ge­nom­me­ner Good­will-Fäl­le) neben dem übli­chen Pri­vat­schul­cur­ri­cu­lum auch die ver­schie­de­nen Arten der Magie ken­nen­ler­nen, die hier ins­be­son­de­re mit Trans­ak­tio­nen mit Dämo­nen zu tun haben. Dr. Wal­den, die Haupt­per­son, lehrt eine der Spiel­ar­ten der Magie, näm­lich „Invo­ca­ti­on“, also die Beschwö­rung. Das tut sie mit einer gewis­sen Begeis­te­rung und viel päd­ago­gi­schem Ethos – und gleich­zei­tig ist sie stell­ver­tre­ten­de Schul­lei­te­rin (o.ä.) und hat einen Hau­fen orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­ga­ben, zu denen es gehört, das etwas anti­quier­te Dämo­nen­ab­wehr­sys­tem der Schu­le zu prü­fen und auf Stand zu brin­gen. Zeit für eine Lie­bes­ge­schich­te bleibt da eigent­lich nicht, erst recht nicht zu einer Ange­hö­ri­gen der magi­schen Poli­zei. Das ist das Spiel­feld, auf dem sich ein Roman ent­fal­tet, der nicht nur viel über Schu­le und Coming of Age zu sagen hat, son­dern auch das Gen­re „magi­sche Schu­le“ auf den Kopf stellt. Und das höchst unterhaltsam. 

The Tain­ted Cup (2024) von Robert Jack­son Ben­nett ist auf mei­ne Lese­lis­te gera­ten, weil der Roman 2025 den Hugo gewon­nen hat. Struk­tu­rell folgt es der Mur­der Mys­tery – eine so genia­le wie exen­tri­sche Detek­ti­vin Ana und ihr uner­fah­re­ren Assis­ten­ten Din (durch des­sen Augen wir die Geschich­te sehen) müs­sen einen Mord­fall lösen. Nach und nach wird deut­lich, dass es um weit­aus mehr geht als um den ver­gif­te­ten Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen, der in einer Vil­la auf­ge­fun­den wur­de, die einer ade­li­gen Fami­lie gehört: die Nach­for­schun­gen könn­ten das gan­ze Land erschüt­tern. Inno­va­tiv ist die Fan­ta­sy-Welt, das Empire of Kha­num, in die Ben­nett die­se Mur­der Mys­tery ver­legt – zum einen ist da der Kampf des Impe­ri­ums gegen die Levia­tha­ne, gewal­ti­ge See­mons­ter, die von Fes­tungs­an­la­gen und Mau­ern in den äuße­ren Pro­vin­zen auf­ge­hal­ten wer­den. Zum ande­ren ist das Grund­ele­ment, das das gan­ze Impe­ri­um durch­zieht, eine Art magi­sche Gen­tech­nik: es gibt hoch­spe­zia­li­sier­te Pflan­zen, die als Bau­ma­te­ri­al, Medi­zin oder Dieb­stahl­si­che­rung ver­wen­det wer­den. Und eine der hier­ar­chi­schen Kas­ten zielt vor allem dar­auf, bestimm­te Eigen­schaf­ten in Gene­tik von Men­schen (und Tie­ren) zu brin­gen. Dadurch hat Din ein foto­gra­fi­sches Gedächt­nis erhal­ten – ande­re sind über­mensch­lich stark, schnell oder groß. Jede die­ser Ein­grif­fe hat Neben­wir­kun­gen, aber weil die­se Ein­grif­fe so nütz­lich sind, und not­wen­dig sind, um das Impe­ri­um vor den Levia­tha­nen zu schüt­zen, wer­den die­se igno­riert. Vor die­sem Hin­ter­grund – und wäh­rend der feuch­ten Jah­res­zeit, in der die Gefahr eines Levia­than-Angriffs täg­lich wächst – wird aus dem ein­fa­chen Mord­fall die Auf­de­ckung einer Ver­schwö­rung mit­ten in impe­ria­len Ver­tei­di­gung gegen das Meer.

Kom­men wir zu Andy Weirs Pro­ject Hail Mary (2021), das schon eine Wei­le auf mei­nem Rea­der rum­lag. In gewis­ser Hin­sicht ähnelt das Buch The Mar­ti­an – ein Mann allei­ne im All, und nur mit Wis­sen­schaft und aller­lei Nerd­tum gelingt es, zu über­le­ben. In dem Fall ist der Mann ein Natur­wis­sen­schafts-Leh­rer, – sor­ry, mil­de Spoi­ler – das All irgend­wo bei Tau Ceti, und wir erle­ben live mit, wie in Flash­backs nach und nach sein Gedächt­nis zurück­kommt. Und damit auch die Auf­ga­be, die Mensch­heit vor außer­ir­di­schen Son­nen­fres­sern zu ret­ten. Dann taucht ein zwei­tes, sehr fremd­ar­ti­ges Raum­schiff auf (Hei­mat­ha­fen: Eridani 41). Das Pro­blem mit den Son­nen­fres­sern ist ver­brei­te­ter als gedacht. Gemein­sam wird eine impro­vi­sier­te Lösung gesucht (und gefun­den). In der Bewer­tung kann ich mich dem Pod­cast Das Uni­ver­sum anschlie­ßen, da tauch­te das Buch in der Jah­res­end­fol­ge näm­lich auch auf: Page­tur­ner, span­nend, sehr wis­sen­schafts­ori­en­tiert, selbst in der Rei­se mit 0,93 Pro­zent der Licht­ge­schwin­dig­keit – aber lei­der auch sehr „bud­dy movie“, der Mann kann’s, lässt sei­ne Bes­ser­wis­se­rei raus­hän­gen, und wählt als Pro­no­men für den/die Kolleg*in Ingenieur*in aus dem ande­ren Ster­nen­sys­tem der Ein­fach­heit hal­ber gleich mal „he“. Deut­scher Titel „Der Astro­naut“ (statt „Him­mel­fahrts­kom­man­do“, was viel pas­sen­der wäre), und soll wohl die­ses Jahr noch als Film in die Kinos kom­men. Wer klas­si­sche Sci­ence Fic­tion mag, wird hier gut auf­ge­ho­ben sein.

Wo ich schon bei teils irri­tie­ren­den Lese­er­fah­run­gen bin: The Socie­ty of unkno­wa­ble Objects von Gareth Brown (2025) ist eine Mischung aus Fan­tay und Agen­ten­thril­ler – Mag­da hat den Sitz ihrer Mut­ter in einer Lon­do­ner Geheim­ge­sell­schaft geerbt. Deren Auf­ga­be: magi­sche Objek­te fin­den und sicher ver­wah­ren. Die sehen aus wie all­täg­li­che Din­ge (Schach­fi­gu­ren, Bro­schen, Rin­ge, eine Land­kar­te), haben aber jeweils ihre beson­de­ren Eigen­schaf­ten. Was als Kam­mer­spiel mit teils skur­ril gezeich­ne­ten Per­sön­lich­kei­ten beginnt, endet mit wil­den Ver­fol­gungs­jag­den in Hong Kong und Ame­ri­ka, einer Lie­bes­ge­schich­te und gleich hau­fen­wei­se düs­te­ren Geheim­nis­sen. Am Schluss wis­sen wir, was der Ursprung der magi­schen Objek­te ist, und haben eine Ahnung davon, was pas­siert, wenn sie in die fal­schen Hän­de gera­ten. So ganz warm gewor­den bin ich mit dem Buch aller­dings nicht – man­ches war dann doch zu platt, die eine oder ande­re Sze­ne liest sich, als ob eine LLM an ihrer Ent­ste­hung betei­ligt gewe­sen wäre, und aus der Prä­mis­se hät­te mehr gemacht wer­den kön­nen. (Viel­leicht hät­te ich doch erst The Book of Doors von Brown lesen sol­len – das schnei­det in den Bewer­tun­gen bei Good­reads etc. deut­lich bes­ser ab und steht hier noch auf mei­ner Leseliste.)

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The good kind of weird – Teil II

Offi­zi­ell soll­te die Bekannt­ga­be der Hugo-Awards – Herz der World­con – um 20 Uhr star­ten. Schon vor 19 Uhr bil­de­te sich eine beträcht­li­che Schlan­ge vor dem Ein­gang des „Arma­dil­lo“, wie über­haupt das Anste­hen in Schlan­gen einen erheb­li­chen Teil der World­con-Expe­ri­ence aus­mach­te. Jeden­falls dau­er­te es dann bis 20.30 Uhr, bis das Cly­de-Audi­torum dann tat­säch­lich gefüllt war: im vor­de­ren Drit­tel die Nomi­nier­ten und Gäs­te, hin­ten wir „ein­fa­che“ Fans, die aber immer­hin auch die­je­ni­gen sind, die über die Ver­ga­be der Hugos bestim­men. Dazu gleich mehr. 

Eine gedul­di­ge war­ten­de bun­te Men­ge, teil­wei­se in Abend­gar­de­ro­be, teil­wei­se in Ver­klei­dung, teil­wei­se in Abend­gar­de­ro­be ver­klei­det. Rund um mich her­um min­des­ten vier oder fünf Spra­chen, nicht nur das all­ge­gen­wär­ti­ge Eng­lisch – mit oder ohne schot­ti­scher Ein­fär­bung – son­dern auch Schweit­zer­deutsch, Fin­nisch und Chi­ne­sisch. Blau-lila Farb­spie­le an den Wän­den; vio­lett ist die Signa­tur­far­be die­ser Glasgow-Worldcon. 

Es wer­den letz­te Sel­fies gemacht. Im vor­de­ren Bereich neh­men Grup­pen aus Chi­na teil, die wohl extra für die­se Preis­ver­lei­hung ange­reist sind; unter den Nomi­nier­ten sind auch chi­ne­si­sche Publi­ka­tio­nen. Auch das hat etwas mit dem Ver­fah­ren zu tun, wie die Hugos ver­ge­ben wer­den. Spoi­ler: Prei­se gab es keine. 

Dass die Hugos, die es seit den 1950ern gibt, immer noch vor allem ein Fan-Award sind, zeigt sich nicht nur im Ver­ga­be­ver­fah­ren, son­dern auch an der Viel­zahl von Kate­go­rien, in denen Prei­se ver­ge­ben wer­den. Dazu gehö­ren Fan Art und Fan­zines, Pod­casts und „best rela­ted work“ – aber auch die gro­ßen, renom­mier­ten Prei­se, die ganz am Ende der Zere­mo­nie ver­ge­ben wer­den, für die bes­te Kurz­ge­schich­te, die bes­te Novel­le und den bes­ten Roman aus dem ver­gan­ge­nen Jahr. 

Vor­schlä­ge für all die­se Kate­go­rien kön­nen von den Mit­glie­dern der WSFA ein­ge­reicht wer­den – das sind alle Teil­neh­men­den der ver­gan­ge­nen und aktu­el­len World­con. Die World­con 2023 fand zum ers­ten Mal – durch­aus kon­tro­vers bewer­tet – in Chi­na statt. Inso­fern nicht ver­wun­der­lich, dass in vie­len Kate­go­rien auch chi­ne­si­sche Wer­ke nomi­niert wur­den, die mir – und ver­mut­lich vie­len ande­ren – aller­dings wenig sagten.

„I‘m a Hugo voter“ – die eigent­li­che Wahl unter den fünf oder sechs Nomi­nier­ten fin­det vor der World­con statt, die digi­ta­len Wahl­ur­nen schlie­ßen eini­ge Tage vor Beginn. Aus­ge­zählt wird nach einem – wir sind unter Nerds – Prä­fe­renz­wahl­ver­fah­ren. Als Wähler*in gebe ich eine Rei­hung je Kate­go­rie, aus denen dann in einem mehr­stu­fi­gen Ver­fah­ren mit Über­tra­gung der übri­gen Stim­men der aus­schei­den­den Nomi­nie­run­gen auf die übri­gen Plät­ze ermit­telt wird, wer die Hugo-Awards erhält.

Mehr dazu (und zu allen Ergeb­nis­sen in allen Kate­go­rien) ist auf der Web­site theHugoAwards.org zu fin­den. Im Saal wur­de eine stark gekürz­te Geschich­te der Awards und des Ver­fah­rens prä­sen­tiert, dann begann – mit eini­gen Hol­pern und tech­ni­schen Pro­ble­men, wir sind, wie gesagt, wei­ter im Bereich der Fan-Orga­ni­sa­ti­on – die eigent­li­che Nen­nung der Gewinner*innen, und so sie anwe­send waren, deren mehr oder weni­ger trä­nen­rei­che und vor­be­rei­te­te („I just wro­te this on my pho­ne …“) Accep­tance-Spee­ches, mal zur Sache, und ab und an zur Welt­po­li­tik. Nicht ganz Oskar-Niveau, aber doch sehr spannungsreich. 

Ich will jetzt nicht auf alle 18 oder so Prei­se ein­ge­hen, son­dern nur sechs hervorheben:

Der Hugo für das bes­te „rela­ted work“ ging – zu deren Erstau­nen (aber völ­lig zu Recht) – an Zach und Kel­ly Wei­ners­mith für A City on Mars, deren lus­tig geschrie­be­ne, sehr ernst­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der Unmög­lich­keit, Mond und Mars zu besie­deln. Uner­war­tet, weil das völ­lig an der Final-Fron­tier-Tra­di­ti­ons­li­nie vor­bei­geht, die die Sci­ence Fic­tion lan­ge Zeit geprägt hat. Wenn ich mir anschaue, wie vie­le Panels auf der World­con sich mit Solar­punk und der erneu­ten Hin­wen­dung zu unse­rem Hei­mat­pla­net befass­ten, war die­ser Erfolg viel­leicht gar nicht so uner­war­tet – und passt in gewis­ser Wei­se zu den wei­te­ren Preisträgerinnen.

Der Hugo für die bes­te Serie ging an Ann Leckie für deren Impe­ri­al Rad­ch-Serie. Die ist jetzt einer­seits doch tra­di­tio­nel­le Sci­ence Fiction/Space Ope­ra, inso­fern sie in irgend­wel­chen fer­nen Wel­ten spielt. Ande­rer­seits ist Leckies Serie eine inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit künst­li­chen Intel­li­gen­zen (in ver­teil­ten Kör­pern), spielt mit einer Kul­tur, die kon­se­quent nur ein Geschlechts­pro­no­men ver­wen­det („she“) und hat viel mit Fremd- und Anders­ar­tig­keit zu tun. Moti­ve, die sich alle­samt in vie­len erfolg­rei­chen Wer­ken der letz­ten Jah­re finden.

Nao­mi Krit­zer hat (eben­falls sehr ver­dient) gleich zwei Hugos gewon­nen, und zwar für die bei­den Geschich­ten „Bet­ter living through algo­rith­ms“ (Best short sto­ry) und „The year wit­hout suns­hi­ne“ (Best novel­let­te). Bei­de sind m.W.n. online zu fin­den, und lesens­wert. Ich wür­de bei­de irgend­wo in dem Feld aus Cozy SF – Hope­punk – Solar­punk ein­sor­tie­ren. „Bet­ter living …“ setzt sich damit aus­ein­an­der, was pas­siert, wenn Men­schen die „Erlaub­nis“ bekom­men – hier durch den titel­ge­ben­den Algo­rith­mus – sich Zeit für die Din­ge zu neh­men, die ihnen wich­tig sind. „The year wit­hout suns­hi­ne“ han­delt von ganz nor­ma­len Men­schen in einer Nach­bar­schaft, mit und ohne Behin­de­run­gen, die in einer Kri­se auf sich selbst gestellt sind. Statt zum Krieg aller gegen alle kommt es zu gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung, eine Gemein­schaft bil­det sich. Bei­des defi­ni­tiv emp­feh­lens­wer­te Geschich­ten, die auch mei­ne Stim­men bekom­men haben, und die sich auch als Hand­lungs­an­lei­tung eig­nen. Und die mit der Hin­wen­dung zu unse­rer Rea­li­tät, zu nahen Kri­sen und weg von tech­ni­schen Lösun­gen für einen Trend der gegen­wär­ti­gen SF stehen.

Über T. King­fi­shers Hugo für die Novel­le Thorn­hedge kann ich dage­gen wenig sagen. Ich habe die­se Novel­le, eine his­to­risch akku­ra­te Neu­er­zäh­lung von Dorn­rös­chen mit Fokus auf die schein­bar so unwich­ti­gen Details, bis­her nicht gele­sen, fand die Kate­go­rie auch ins­ge­samt eher schwie­rig in der Bewer­tung (ein­zig Mal­ka Olders „Mimi­cking of Known Suc­ces­ses“ sag­te mir etwas). In ihrer sehr ein­präg­sa­men Rede sprach King­fi­sher jeden­falls über die diver­sen mee­res­öko­lo­gi­schen und evo­lu­tio­nä­ren Beson­der­hei­ten der Seegurke.

Bleibt noch die Köni­gin­nen­ka­te­go­rie der Hugos, bes­ter Roman. Hier waren alle nomi­nier­ten Wer­ke her­aus­ra­gend; ich habe mich auch bei mei­ner Abstim­mung schwer getan, was ich nach vor­ne set­ze. Gewet­tet hät­te ich, dass mei­ne Nr. 2, The Saint of Bright Doors von Vajra Chandra­se­kera die Abstim­mung gewinnt. Tat­säch­lich gewor­den ist es dann – auf mei­nem Stimm­zet­tel eben­so wie im Gesamt­vo­ting – jedoch Emi­ly Tesh‘ Roman Some Despe­ra­te Glo­ry. Auf den ers­ten Blick wider­spricht die­ses Buch mei­ner Aus­sa­ge, dass der Trend der Stun­de Hope­punk und die Rück­be­sin­nung auf den Hei­mat­pla­ne­ten ist. Hier geht es um inter­stel­la­re Krie­ge und die letz­ten Res­te der Mensch­heit, die sich irgend­wo ver­schanzt haben. Das sieht erst­mal wie MilSF aus, ist ziem­lich düs­ter – und ent­puppt sich dann nach meh­re­ren Per­spek­tiv­wech­seln als etwas ganz ande­res. In ihrer beein­dru­cken­den Rede beton­te Tesh, dass es ihr in ihrem Roman dar­um gegan­gen sei, das schlech­tes­te, was die Mensch­heit aus­macht, in kon­zen­trier­ter Form dar­zu­stel­len: ein faschis­ti­sches Regime, das auf Mili­ta­ri­sie­rung, Pro­pa­gan­da und Indok­tri­na­ti­on setzt – und zu zei­gen, wie schwer – und trotz­dem mög­lich – es ist, sich dar­aus zu befrei­en. Ein klei­ner Fun­ke Hoff­nung in der Dunkelheit!

Ich habe für „mei­ne“ Favorit*innen mit­ge­fie­bert, als die Prei­se bekannt­ge­ge­ben wur­den, und bin ins­ge­samt (mal von Rand­ka­te­go­rien wie der bes­ten Bewegt­bild­se­ri­en­epi­so­de abge­se­hen) sehr zufrie­den mit den Ergeb­nis­sen. Herz­li­chen Glück­wunsch allen Nomi­nier­ten und Preisträger*innen – und wer nach lesens­wer­ter Lek­tü­re sucht, ist mit dem die­ses Jahr prä­sen­tier­ten Spek­trum sehr gut bedient.

Science Fiction und Fantasy im Januar 2024

Alter Friedhof, Freiburg - X

Zwei sehr unter­schied­li­che Bücher haben mich in die­sem Janu­ar sehr beein­druckt. Das ist zum einen The Saint of Bright Doors von Vajra Chandra­se­kera (2023). Fet­ter ist der Sohn eines Pro­phe­ten wird von sei­ner Mut­ter mit dem Ziel erzo­gen, die­sen Pro­phe­ten umzu­brin­gen. Er hat kei­nen Schat­ten, kann Geis­ter sehen und hat auch sonst die eine oder ande­re magi­sche Fähig­keit. In der von Chandra­se­kera ima­gi­nier­ten Welt mit vager süd-asia­ti­scher Anmu­tung ist das kei­ne Unge­wöhn­lich­keit. Gleich­zei­tig gibt es hier Mobil­te­le­fo­ne und Rea­li­ty TV, im Streit mit­ein­an­der lie­gen­de Par­tei­en, und, wie sich nach und nach her­aus­stellt, ein proto­fa­schis­ti­sches Regime, das Men­schen ohne Ankla­ge weg­sperrt. Vor die­sem Hin­ter­grund eman­zi­piert sich Fet­ter in der gro­ßen Stadt von sei­ner Kind­heit, scheint ein Leben jen­seits des Über­sinn­li­chen zu fin­den, um am Ende doch vor der Fra­ge zu ste­hen, wie er sich sei­nem Vater gegen­über ver­hal­ten soll. Die titel­ge­ben­den ver­wun­sche­nen Türen sind – zur War­nung – knall­bunt ange­stri­chen, und ein biss­chen ist das ein Detail, das für das Buch steht: tur­bu­lent, magisch, und doch glaub­wür­dig – und mit gro­ßen Fra­gen, die sich dahin­ter verstecken.

In gewis­ser Wei­se eben­falls ein Buch über Faschis­mus (und eine ande­re Her­an­ge­hens­wei­se an typi­sche SF-Moti­ve) in einem Sci­ence-Fic­tion-Set­ting ist zum ande­ren Some Despe­ra­te Glo­ry von Emi­ly Tesh (2023). Die Haupt­per­son, Val­kyr, ist Teil einer mili­ta­ris­ti­schen Wider­stands­be­we­gung Gaea, in der sich die letz­ten Über­le­ben­den der Erde nach deren Zer­stö­rung zusam­men­ge­fun­den haben, um gegen das feind­li­che, aus vie­len unter­schied­li­chen Spe­zi­es bestehen­de Ali­en-Reich zu kämp­fen, die eine Wun­der­waf­fe besit­zen. Val­kyr ist wie ihre Altersgenoss*innen Teil eines bru­ta­len Trai­nings­re­gimes mit dem Ziel, sie zu einer Eli­te­kämp­fe­rin zu machen. Pri­vat­sphä­re gibt es nicht, und der ein­zi­ge Lebens­zweck ist es, Rache an den Ali­ens zu neh­men. Val­kyr fal­len Unge­reimt­hei­ten auf. Nach und nach kom­men ihr Zwei­fel, die in einer Flucht aus Gaea mün­den. Das umfasst unge­fähr das ers­te Drit­tel des Buchs, und mehr will ich hier nicht ver­ra­ten, nur: es gibt meh­re­re Kipp­punk­te, an denen Tesh die gan­ze Geschich­te auf den Kopf stellt. Ins­ge­samt ist das ein her­vor­ra­gend geschrie­be­nes Buch, das nach und nach die gan­zen Annah­men der typi­schen mili­ta­ris­ti­schen Space Ope­ra aus­ein­an­der­nimmt, über Trau­ma­ta und Pro­ble­me spricht, für die es kei­ne ein­fa­che Lösung gibt. Ich fin­de den Ver­gleich mit Le Guin durch­aus gerechtfertigt.

Was habe ich noch gele­sen: Trans­re­al Cyber­punk (2016) ist ein Buch, in dem gemein­sam von Rudy Rucker und Bruce Ster­ling geschrie­be­ne Kurz­ge­schich­ten – von den 1980er Jah­ren bis heu­te – gesam­melt sind, jeweils mit einem Kom­men­tar der bei­den Autoren ver­se­hen, der eben­falls inter­es­sant ist. Allen Kurz­ge­schich­ten – die über­dreht mit Moti­ven des Cyber­punk und der Tech-Bubble spie­len – ist gemein­sam, das es jeweils ein mehr oder weni­ger kon­flik­tär zuein­an­der ste­hen­des Paar an Haupt­per­so­nen gibt, von denen eine das Alter Ego Ruckers, die ande­re das Alter Ego Ster­lings ist. Das Ergeb­nis ist min­des­tens amüsant.

Mit Ever­y­whe­re (2019) von Ian MacLeod habe ich noch einen zwei­ten Kurz­ge­schich­ten­band gele­sen (Ian MacLeod bit­te weder mit Ian McDo­nald noch mit Ken MacLeod ver­wech­seln!) – die­se Kurz­ge­schich­ten sind sehr natu­ra­lis­tisch geschrie­ben, sind teil­wei­se sehr düs­ter, ohne dass das auf den ers­ten Blick zu sehen ist, und haben alle einen SF/­Fan­ta­sy-Dreh.

Gele­sen habe ich dann noch Seth Dick­in­sons Exor­dia (2024), das gera­de erschie­nen ist. Gar nicht so ein­fach zu sagen, was ich davon hal­ten soll – einer­seits ist das ein extrem packen­des Buch, schließ­lich steht schon wie­der das Schick­sal der Mensch­heit auf der Kip­pe, und neben­bei wird es in die­sem SF-Thril­ler sehr nerdig, wenn es etwa um Prim­zahl­theo­rien, rei­ne Mathe­ma­tik oder Frak­ta­le geht (oder auch um die Geschich­te Kur­di­stans). Ande­rer­seits funk­tio­niert das Buch nur, weil See­len, eine Schöp­fungs­gott­heit und das abso­lut Böse als real ange­nom­men und dar­ge­stellt wer­den – und zum Gegen­stand von außer­ir­di­schen inge­nieur­tech­ni­schen Meis­ter­leis­tun­gen wer­den. Auch wenn das im Augen­blick des Lesens passt, bleibt ein selt­sa­mer Nachgeschmack.

Eben­falls düs­ter, eben­falls mit einer Erde, die vor ihrer Ver­nich­tung steht: Simon Stå­len­hags Bild­band The Laby­rinth (2021). Der war mir zu düs­ter, viel­leicht weil die unbe­schwert-nost­al­gi­schen Zwi­schen­tö­ne aus Tales from the Loop hier fehlten. 

Und jen­seits von SF & Fan­ta­sy habe ich noch Die Erfin­dung des Lächelns von Tom Hil­len­brand (2023) gele­sen – aus dem tat­säch­lich gesche­he­nen Raub der Mona Lisa 1911 zau­bert Hil­len­brand hier ein – wie heißt das so schön – Sit­ten­ge­mäl­de der Zeit vor den bei­den Welt­krie­gen, ein Paris, in dem tech­ni­sche, poli­ti­sche und künst­le­ri­sche Revo­lu­tio­nen auf­ein­an­der sto­ßen, und in dem es plau­si­bel erscheint, dass Picas­so gemein­sam mit Apol­lin­aire hin­ter dem Dieb­stahl der Mona Lisa steckt.

Auf dem Bild­schirm habe ich mir die Fol­gen 3 und 4 des Doc­tor Who Christ­mas Spe­cials ange­schaut, die ich deut­lich über­zeu­gen­der fand als 1 und 2, und außer­dem Zack Sny­ders Rebell Moon – bild­ge­wal­tig, aber ansons­ten eher Patch­work aus schon oft gese­he­nen Stücken.