Science Fiction im Oktober und November 2025

The Barbican, London - V

Es wird Zeit, etwas zu den in den letz­ten Wochen kon­su­mier­ten SF- und Fan­ta­sy-Medi­en zu schrei­ben, bevor alles zu einem Brei verschwimmt …

Nach­dem ich mit den ers­ten Fol­gen der zwei­ten Wed­nes­day-Staf­fel (Net­flix) nicht so ganz zufrie­den war – und die Dia­lo­ge nach wie vor stel­len­wei­se arg kunst­ge­drech­selt fin­de -, muss ich doch sagen, dass es sich gelohnt hat, dran­zu­blei­ben: gelun­ge­ne Plot­twists, sich ent­wi­ckeln­de Figu­ren, die Dyna­mik zwi­schen Wed­nes­day, Enid und Agnes – und glaub­wür­di­ge Bezü­ge zum Addams-Kanon. So, und wo bleibt Staf­fel 3?

Das mit dem har­ten Cliff­han­ger am Ende hat auch Silo (Apple TV) hin­ge­kriegt. Wenn man über die eine oder ande­re Unglaub­wür­dig­keit (Kaf­fee!) hin­weg­sieht, fin­de ich das Set­ting – 10.000 Men­schen in einem aut­ar­ken unter­ir­di­schen Bun­ker, 150 Jah­re in der Zukunft, mit Stra­ti­fi­zie­rung, Macht­dy­na­mi­ken und engi­nee­red Tabus – nach wie vor sehr brauch­bar als Hin­ter­grund, vor dem eigent­lich alle nur das Bes­te wol­len und damit gran­di­os schei­tern. In der 2. Staf­fel erfah­ren wir, dass Silo 18 nur eines von 51 ist – und sehen durch Jules Nichols Augen im schein­bar ver­las­se­nen Nach­bar­si­lo den post­re­vo­lu­tio­nä­ren Zusam­men­bruch. Auch hier bin ich gespannt auf die 3. Staf­fel, bin mir aber nicht sicher, ob die – in den letz­ten paar Minu­ten ange­deu­te­te Ori­gin-Sto­ry, Washing­ton D.C. – wirk­lich das ist, was ich sehen möchte.

Zur Unter­hal­tung zwi­schen­durch ist die ani­mier­te Serie Haun­ted Hotel (Net­flix) ganz nett.

Last but not least habe ich begon­nen, Luci­fer (Net­flix) anzu­schau­en. Die Serie ist ja schon ein paar Jah­re alt, aber wei­ter bin­ge-wür­dig. Ich weiß, dass Chris­ti­ne Nöst­lin­gers Der lie­be Herr Teu­fel nicht die Roman­vor­la­ge ist, trotz­dem fiel mir die­ses Jugend­buch unwei­ger­lich ein: der gefal­le­ne Engel Luci­fer nimmt eine Aus­zeit auf der Erde, und braucht sei­ne Zeit, um mit all den selt­sa­men mensch­li­chen Bräu­chen klar­zu­kom­men. Dar­aus ent­wi­ckelt sich dann Ver­ständ­nis und, tja, Men­schen­freund­lich­keit. Im Film: Luci­fer als Nacht­club­be­trei­ber, der mit der Poli­zis­tin Chloe und unter Zur­hil­fe­nah­me eso­te­ri­scher (und ero­ti­scher) Fähig­kei­ten Kri­mi­nal­fäl­le in LA löst. Dabei ver­schweigt er kei­nes­wegs, dass er der Teu­fel ist – nur hören will‘s nie­mand. Sehr amüsant.

Gele­sen habe ich auch was. Zum Bei­spiel A Phi­lo­so­phy of Thie­ves über eine Fami­lie, die in einem post­apo­ka­lyp­ti­schen New Washing­ton der Die­bes­kunst nach­geht. In der Enkla­ve der Rei­chen und Mäch­ti­gen sor­gen trick­rei­che Klau­vor­füh­run­gen für den rich­ti­gen Ner­ven­kit­zel bei ansons­ten drö­gen Par­tys. Doch wer sonst im Dau­er­stau der Out­skirts lebt, für den ist die Ver­lo­ckung groß, mehr als nur die ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Dieb­stäh­le zu bege­hen … Das Buch von Fran Wil­de (2025) ist unter­halt­sam, hin­ter der Ober­flä­che lau­ern ein paar tie­fer­ge­hen­de Fra­gen, erst recht, als klar wird, dass die Haupt­per­son mehr mit den Rei­chen, die sie bestiehlt, ver­bin­det, als sie es war haben möch­te. Ein biss­chen irri­tiert hat mich dage­gen die Bio­tech­no­lo­gie die­ser Zukunft; nicht per se, das wirk­te schon plau­si­bel, aber einen Plot­punkt an mys­te­riö­ser, lebens­kraft­ent­zie­hen­der DNA-Fern­wir­kung auf­zu­hän­gen, war dann doch Zuviel des Guten. 

Eine ganz ande­re Bio­tech-Zukunft zeich­net Zoë Beck in Para­di­se City (2020). Das groß­flä­chig erwei­ter­te Frank­furt am Main ist die Haupt­stadt eines durch­tech­ni­sier­ten deut­schen Über­wa­chungs­staa­tes. Algo­rith­men emp­feh­len auf­grund von Gesund­heits­da­ten, was zu tun ist. Alles smooth, soweit, High­tech­zü­ge, E‑Bikes zum Aus­lei­hen, nie­mand muss hun­gern. Aber was pas­siert mit denen, die nicht ins Gesund­heits­re­gime pas­sen? Lii­na recher­chiert in der Mega­ci­ty und im hes­si­schen Hin­ter­land, in der bran­den­bur­gi­schen Wild­nis und im über­flu­te­ten Ros­tock – und kommt einem düs­te­ren Geheim­nis auf die Spur, in das auch ihre Schul­freun­din – inzwi­schen Gesund­heits­mi­nis­te­rin – ver­wi­ckelt ist. 

Auch in B.L. Blan­chards The Mother (2023) hat Frank­furt einen Auf­tritt, hier als Frank­furt Free City in einem heu­ti­gen Hei­li­gen Römi­schen Reich (HRE). Der Roman wird als Nach­fol­ge­band zu The Peace­kee­per ver­mark­tet, hat damit aber nur das World­buil­ding gemein­sam. In einer Alter­na­tiv­ge­schich­te zu unse­rer Gegen­wart fand der bri­ti­sche Kolo­nia­lis­mus nicht statt. In der Neu­en Welt führt das zu einem dich­ten Netz an First-Nati­on-Staa­ten; in Euro­pa sind das bis Rom rei­chen­de HRE und Frank­reich die gro­ßen Mäch­te. Eng­land ist dage­gen als eine Art Kari­ka­tur einer Golf­mon­ar­chie gezeich­net, nur: ver­armt und iso­liert, unter dich­tem Koh­le­staub und seit Jahr­hun­der­ten in einem Krieg mit Frank­reich. In die­sem Eng­land sind Frau­en nur als Müt­ter männ­li­cher Erben etwas wert, und ansons­ten eng kon­trol­liert, so dür­fen sie bei­spiels­wei­se nur mit Erlaub­nis von Vater oder Ehe­mann ein Mobil­te­le­fon nut­zen. Marie, die Haupt­per­son, wur­de an einen Duke ver­hei­ra­tet – und fin­giert einen Sturz von den Klip­pen, um dem fürst­li­chen Gefäng­nis zu ent­kom­men. Ihr Weg führt in die Fami­li­en­ge­schich­te und über Lon­don auf den Kon­ti­nent, nach Brug­ge, in die Flücht­lings­quar­tie­re von Frank­furt und Stras­bourg. Kann sie dem lan­gen Arm der Mon­ar­chie ent­kom­men? – Nach dem ers­ten Schock dar­über, dass das Set­ting in der Alten Welt eben ein ganz ande­res ist, als The Peace­kee­per erwar­ten ließ, eine packen­de Geschich­te, die im Spie­gel des Was-wäre-wenn auch eini­ges über heu­te zu sagen hat.

Ohne das vor­her geplant zu haben, war Mother die zwei­te Alter­na­tiv­ge­schich­te, die ich in den letz­ten Wochen gele­sen habe. Die ande­re heißt Pagans, geschrie­ben von James Ali­s­ta­ir Hen­ry und ist 2025 erschie­nen. In die­sem 21. Jahr­hun­dert ist das Chris­ten­tum eine klei­ne, unbe­deu­ten­de Sek­te geblie­ben. Die Zen­tren der Welt lie­gen in Asi­en und Afri­ka. Groß­bri­tan­ni­en, wie wir es ken­nen, exis­tiert nicht. Statt­des­sen gibt es eine nor­di­sche schot­ti­sche Repu­blik, angel­säch­si­sche König­rei­che, unter einem Hoch­kö­nig ver­eint, und kel­ti­sche Ureinwohner*innen in wali­si­schen Reser­va­ten. Dazu Mobil­te­le­fo­ne, Droh­nen, ein mul­ti­kul­tu­rel­les Lon­don, das genau­so ger­ne von afri­ka­ni­schen Tourist*innen besucht wird wie die wil­den Wäl­der und Hügel. In die­sem Set­ting ver­sucht ein unglei­ches Paar einen Kri­mi­nal­fall zu lösen: die aus der angel­säch­si­schen Eli­te stam­men­de Aedith, die schräg dafür ange­schaut wird, dass sie so etwas bana­lem wie Lohn­ar­beit bei der Poli­zei nach­geht, und der ihr zuge­teil­te Inspektor(-Schamane) Dru­stan aus dem kel­ti­schen Wes­ten – denn es geht dar­um, einen Mord an einem Kel­ten auf­zu­klä­ren. Frei­heits­be­we­gun­gen, All­tags­ras­sis­mus, Mode­trends, eine pik­ti­sche Hacke­rin und Ver­schwö­run­gen, die bis zum Königs­hof rei­chen run­den den Roman ab. Hat mir gut gefal­len, hät­te jetzt ger­ne wei­te­re Roma­ne in die­sem Setting.

Von John Scal­zi habe ich The Shat­te­ring Peace (2025) gele­sen, gut gemach­te Space Ope­ra in sei­nem Old-Man‘s‑War-Universum. Beson­ders in Erin­ne­rung geblie­ben sind mir schrä­ge Ali­ens, eine unwahr­schein­li­che Hel­din und die mul­ti­ver­sa­len Geo­po­li­ti­ken zwi­schen der Con­cla­ve der Ali­ens, der iso­lier­ten Erde und der Colo­ni­al Uni­on der einst­mals von der Erde kolo­nia­li­sier­ten Planeten. 

Zuletzt ein Buch, das ich als intro­ver­tiert bezeich­nen wür­de (und bei dem ich gar nicht so sicher bin, ob eine Ein­ord­nung ins Gen­re eigent­lich stimmt) – Char­lie Jane Anders Les­sons in Magic and Dis­as­ter (2025). Eigent­lich ist das Buch vor allem eine sehr genaue Beob­ach­tung fami­liä­rer – hier: quee­rer – Dyna­mi­ken, eine Mutter-(trans) Toch­ter-Geschich­te, in der es auch um sozia­le Bewe­gun­gen und den rech­ten Back­lash geht, um die Innen­sicht des aka­de­mi­schen Betriebs und um das Trau­ma, das ein Krebs­tod bei den Ange­hö­ri­gen aus­lö­sen kann, die sich Vor­wür­fe machen, sich nicht früh genug geküm­mert zu haben. Eine zwei­te Ebe­ne des Buchs ist das aka­de­mi­sche Inter­es­se der Hel­din: die eng­li­sche Novel­le des 18. Jahr­hun­derts, bei der zwi­schen den Zei­len – in Novel­le und bege­lei­ten­dem Brief­wech­sel – gele­sen sicht­bar wird, was damals nicht offen gesagt wer­den konn­te. Im Nach­wort geht Anders dar­auf ein, wel­che Zita­te und Autor*innen erfun­den sind und wel­che nicht; auch das: durch­aus lehr­reich. Soweit rea­lis­ti­sche Lite­ra­tur at its best – wäre da nicht die drit­te Ebe­ne, ein Hauch von Magie, eine zar­te Form der Hexe­rei an limi­na­len Orten. 

Winterlektüre 2021/2022

Ice on leafs II

Drau­ßen wird es all­mäh­lich früh­lings­haft – Zeit, mei­ne Sci­ence-Fic­tion- und Fan­ta­sy-Lek­tü­re die­ses Win­ters mal zusam­men­zu­fas­sen. Wie auch bei den letz­ten Malen begin­ne ich mit Funk und Fernsehen.

Neben „Don’t look up“ – gera­de in der Über­zeich­nung und dem Ver­zicht auf ein Hap­py End aus mei­ner Sicht eine gelun­ge­ne fil­mi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit den Mecha­nis­men der media­len und gesell­schaft­li­chen Kri­sen­blind­heit – und dem groß­ar­ti­gen Dis­ney-Film „Encan­to“ waren das vor allem die aktu­el­len SF-Seri­en. „Foun­da­ti­on“ ist nicht dabei, weil ich bis­her zu gei­zig war, auch noch ein Apple-TV-Abo abzu­schlie­ßen. Wie über­haupt die Mul­ti­pli­ka­ti­on der Strea­ming­diens­te zu einer ähn­li­chen Situa­ti­on führt wie bei den Tages­zei­tungs­abos: Ich bin ger­ne bereit, für ein oder zwei Diens­te zehn, zwan­zig Euro im Monat als „Flat­rate“ aus­zu­ge­ben – aber eben nicht für eine Viel­zahl. Ins­be­son­de­re bei der vier­ten Staf­fel von „Star Trek: Dis­co­very“ nerv­te mich das anfangs; die­se soll­te anfangs in Euro­pa ja gar nicht gezeigt wer­den, um dann irgend­wann als Schmuck­stück eines Star-Trek-Kanals von Para­mount zu die­nen. Dann sicker­te durch, dass Plu­to TV sie zei­gen soll (Inter­net-Live-TV, kei­ne Ahnung, wer so was braucht …), und schließ­lich gab es dann doch die Mög­lich­keit, die Staf­fel zu kau­fen und anzu­gu­cken. Nichts mit Strea­ming-Flat­rate, aber immerhin.

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Science Fiction und Fantasy – Mai/Juni 2021

Der Früh­ling ist mit die­ser Woche end­gül­tig vor­bei, die Tage wer­den wie­der kür­zer, und es wird Zeit, mal zu gucken, was ich im Mai und Juni gele­sen habe.

  • Ich fan­ge mit zwei „Angeguckt“-Dingen an: zum einen die Net­flix-Serie Shadow and Bone, die mir sehr gut gefal­len hat. Die Buch­vor­la­ge ken­ne ich nicht, inso­fern kann ich nichts zur Umset­zung sagen, aber die­se in einem Second-World-19.-Jahrhundert mit Russ­land- und Süd­ost­asi­en-Äqui­va­len­ten spie­len­de Geschich­te – Magie, ein biss­chen Coming of Age, Heists und Groß­mäch­te. Lei­der bis­her nur eine Staf­fel, wür­de ger­ne wis­sen, wie es weitergeht.
  • Eben­falls ange­schaut (und noch längst nicht fer­tig): die Pre­quel Star Trek: Enter­pri­se. 20 Jah­re alt, was den Effek­ten teil­wei­se anzu­se­hen ist, aber inter­es­san­ter, als ich das gedacht habe – bis­her ist die Serie an mir vor­bei­ge­gan­gen. Schön zu sehen, wie eini­ges von dem, was Star Trek aus­macht, hier noch nicht oder nur in ers­ten Ker­nen und Kei­men existiert.
  • Dann zu den Büchern: von K. Par­ker habe ich die Engi­neer-Tri­lo­gie gele­sen, und zwar alle drei Bän­de, obwohl ich hin- und her­ge­ris­sen war, wie ich das fin­den soll. Ein detail­liert aus­ge­mal­tes Spät­mit­tel­al­ter/Frü­he-Neu­zeit-Set­ting, bis hin zu Zita­ten aus fik­ti­ven Büchern, inter­es­san­te Kon­flik­te, das über­grei­fen­de The­ma „Sozio­tech­nik“ – aber doch alles sehr mili­tä­risch aus­ge­rich­tet, und en pas­sant mit Geno­zid und Mas­sen­mord ange­rei­chert. Hm.
  • Noch ein Klas­si­ker: ich habe end­lich mal Octa­via But­lers Xeno­ge­nesis-Rei­he (gesam­melt als Lilith’s Brood erschie­nen) gele­sen: nach dem Ende eines schreck­li­chen Krie­ges wer­den die übrig­ge­blie­be­nen Men­schen von bio­tech­nisch extrem fort­schritt­li­chen und extrem fremd­ar­ti­gen Außer­ir­di­schen in Emp­fang genom­men, die ein gro­ßes Inter­es­se dar­an haben, das eine oder ande­re fas­zi­nie­ren­de Ele­ment aus dem mensch­li­chen Gen­ma­te­ri­al zu über­neh­men – rein bio­lo­gisch. Beein­dru­ckend, auch wenn dem Text an der einen oder ande­ren Stel­le anzu­mer­ken ist, dass der ers­te Band aus dem Jahr 1987 stammt. Im Sub­text geht es um Sexua­li­tät und Begeh­ren, Hybri­di­sie­rung und Unter­drü­ckung. Auf­ge­sto­ßen ist mir der teil­wei­se har­te Bio­lo­gis­mus – die Oan­ka­li kön­nen Gene „lesen“ und ver­än­dern, und tun das auch reich­lich. Sie lesen aber auch Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten und Prä­dis­po­si­tio­nen aus dem Gen­ma­te­ri­al der Men­schen, denen sie begegnen.
  • Von Char­lie J. Anders habe ich Vic­to­ries grea­ter than death gele­sen. Nett, aber mir zu sehr auf die Ziel­grup­pe young adult hin opti­miert. Die Hel­din ist (wer kennt das Gefühl nicht …) eigent­lich eine Außer­ir­di­sche – irgend­wann in ihren Teen­ager­jah­ren wird sie auf das gro­ße Raum­schiff geholt, das sich mit­ten in einem galak­ti­schen Krieg zwi­schen der leicht ver­klei­de­ten Föde­ra­ti­on und einer Abspal­tung davon befin­det. Aus Grün­den kom­men noch eine Hand­voll wei­te­re Außen­sei­ter-Teen­ager mit an Bord, neben Welt­ret­tung geht’s auch um deren gegen­sei­ti­gen Gefüh­le, Ver­let­zun­gen und so weiter.
  • Everi­na Max­well hat mit Winter’s orbit sowas wie empa­thi­sche Space Ope­ra geschrie­ben. Das Ster­nen­reich der Iskat wird durch lose Ver­trä­ge mit den Vasal­len­pla­ne­ten ver­bun­den; so rich­tig gleich­be­rech­tigt sind die ver­schie­de­nen Pla­ne­ten jedoch nicht. Aus galak­ti­schem Blick ist Iskat nur eine Nische, alle paar Jah­re wird mal geschaut, ob Arte­fak­te brav abge­ge­ben und ein paar grund­le­gen­de demo­kra­ti­sche Rech­te ein­ge­hal­ten wer­den. Die­se Revi­si­on steht kurz bevor. Ein Mit­tel, um die Pla­ne­ten anein­an­der zu bin­den, sind Zweck­ehen. Dum­mer­wei­se ist Prinz Taam vor kur­zem bei einem Unfall gestor­ben, sein Part­ner Jainan muss nun schnell den Play­boy-Prin­zen Kiem hei­ra­ten, um die­ses Sys­tem der Hei­rats­ver­trä­ge auf­recht zu hal­ten. Auf einer Text­ebe­ne geht es um die lang­sam wach­sen­de Bezie­hung zwi­schen den bei­den (mit fast schon slap­stick­haft-tra­gi­schen Miss­ver­ständ­nis­sen) in der arran­gier­ten Ehe, auf der ande­ren um den Tod von Prinz Taam, der sich als Kri­mi­nal­fall mit inter­ga­la­ka­ti­scher Rele­vanz her­aus­stellt und nur der letz­te Trop­fen in einem Fass der Intri­gen dar­stellt. Sehr emp­feh­lens­wert, hat mir gut gefallen.
  • Und noch­mal sowas wie Feel-Good-Space-Ope­ra – Becky Cham­bers hat mit The Gala­xy, and the Ground within den vier­ten und letz­ten Teil ihrer sehr schö­nen Way­fa­rers-Serie vor­ge­legt. Eine Rei­he von ganz unter­schied­li­chen Wesen stran­den in einer Art Motel am Wurm­loch; nach und nach ler­nen wir die­se und deren Geschich­ten und Hin­ter­grün­de ken­nen. Erst ein Not­fall bringt die­se Frem­den zusam­men. Die gro­ße Welt­raum­po­li­tik schwingt nur im Hin­ter­grund mit, fast schon ein Kam­mer­spiel. Aber gera­de der Blick auf den All­tag (in einer Kri­sen­si­tua­ti­on) macht die Stär­ke die­ses Buchs aus. Die Haupt­per­so­nen ler­nen sich ken­nen, wir ler­nen sie ken­nen und ver­ste­hen. Falls sich Bücher mit Com­pu­ter­spie­len ver­glei­chen las­sen: auch wenn die Geschich­te nichts damit zu tun hat, war mein ima­gi­nier­tes Look and Feel bei die­sem Buch das von Star­dew Val­ley. Ein guter Abschluss für die Wayfarer.

Im Herbst 2015 gelesen – Teil II

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Eini­ge weni­ge der Bücher, die unten bespro­chen wer­den – viel liegt auf der Kind­le-App, ande­res steht schon im Regal …

Heu­te set­ze ich dann mei­nen von eini­gen Wochen gepos­te­ten Über­blick dar­über fort, was ich seit dem Som­mer 2015 gele­sen habe.

* * *

Nach­dem ich mit Among others die Autorin Jo Walt­on für mich ent­deckt hat­te, las ich mich wei­ter durch ihr Werk. Tooth and claw (2003), ein Jane-Aus­ten-Fami­li­en­dra­ma, nur mit Dra­chen, war nicht so ganz meines.

Begeis­tert hat mich My real child­ren (2014) – die fik­ti­ve Dop­pel­bio­gra­phie einer in den 1920er Jah­ren gebo­re­nen Eng­län­de­rin, Patri­cia Cowan – zwei sich über­la­gern­de Rück­blen­den über zwei erfüll­te Leben, die in den 1940er Jah­ren an einem Bif­ur­ka­ti­ons­punkt aus­ein­an­der­lau­fen und sich ganz unter­schied­lich ent­wi­ckeln. Wenn My real child­ren in ein Gen­re gepackt wer­den müss­te, wäre es der his­to­ri­sche Was-wäre-wenn-Roman, aller­dings hier aus der Per­spek­ti­ve von unten. Ob Ken­ne­dy ermor­det wird oder nicht, fin­det nur im Hin­ter­grund statt. Im Vor­der­grund zeich­net Walt­on den Weg Patri­cia Cowans zur gefei­er­ten Rei­se­füh­rer-Autorin, die in einem zuneh­mend geein­ten Euro­pa mit ihrer Part­ne­rin und ihren Kin­dern zwi­schen Flo­renz und Groß­bri­tan­ni­en lebt, – und den Weg von Patri­cia Cowan, die nach einer unglück­li­chen Ehe zur loka­len Akti­vis­tin für Frie­den, Frau­en­rech­te und den Erhalt des his­to­ri­schen Stadt­kerns wird. Oder anders gesagt: ein Buch über die Ungleich­zei­tig­kei­ten des 20. Jahr­hun­derts aus bio­gra­phi­scher Per­spek­ti­ve. (Lei­der gibt es kei­ne deut­sche Über­set­zung – ich könn­te mir vor­stel­len, dass das Buch auch außer­halb des Gen­res Anklang fin­den könnte …)

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