Keine Normalzeit, nirgends

Nein, kei­ne Sor­ge, ich habe kei­ne Mei­nung zur Zeit­um­stel­lung, und ob Som­mer­zeit, Win­ter­zeit oder eine um eine hal­be Stun­de dazwi­schen lie­gen­de Kom­pro­miss­zeit zukünf­tig in Euro­pa gel­ten soll­te. Aber „Nor­mal­zeit“ ist ein­fach ein zu schö­nes Wort, um es lie­gen zu las­sen. Und wenn ich mich so umschaue, dann lässt es sich ganz her­vor­ra­gend dazu nut­zen, unse­re Gegen­wart zu beschrei­ben – die stellt näm­lich alles ande­re als eine Nor­mal­zeit dar.

Egal, ob Kli­ma­kri­se, die drei Auto­kra­ten, die die Welt am liebs­ten unter sich auf­tei­len wol­len, die stän­dig neu auf­fla­ckern­den Krie­ge oder unse­re Abhän­gig­keit vom Inter­net und sozia­len Medi­en – wir leben in einer Zeit der Kri­sen und Kon­flik­te. Wenn dann Schüler*innen pro­tes­tie­ren (und sich ande­re anschlie­ßen, die auf Ran­da­le aus sind) wird schon mal nach der Bun­des­wehr geru­fen. Wenn in Ber­lin drei Mit­te-links-Par­tei­en koalie­ren wol­len, wird Zeter und Mor­dio auf elf gedreht. Und wenn in Sach­sen-Anhalt ein Land­tags­prä­si­dent der AfD offen­sicht­lich mit Stim­men der CDU gewählt wur­de – und es aktu­ell so aus­sieht, als wür­de dem­nächst auch ein Minis­ter­prä­si­dent der AfD mit Stim­men der CDU gewählt – dann inter­es­siert das keinen. 

Oder, mit etwas wei­te­rem Blick: es wer­den Wet­ten dar­über abge­schlos­sen, ob Trump das Ergeb­nis der Mid­term-Wah­len akzep­tiert. In den USA, 250 Jah­re Demo­kra­tie und so. In Frank­reich droht eine Le-Pen-Prä­si­dent­schaft. Die Bun­des­re­gie­rung strei­tet sich laut­stark (und schafft neben­bei Errun­gen­schaf­ten wie das IFG ab, wie über­haupt Netz­kon­trol­le etc. gera­de Hoch­kon­junk­tur hat). 

Und „KI“ gibt es auch noch. Die schwankt zwi­schen wirt­schaft­li­cher Bla­se und Aus­lö­schung der Mensch­heit, „Super­in­tel­li­genz“ und arti­fi­zi­el­ler Ver­dum­mung. Ver­mut­lich gekom­men, um zu blei­ben, als Uni­ver­sal­ma­schi­ne mit revo­lu­tio­nä­ren Kon­se­quen­zen – und wir schau­en stau­nend zu.

Etwas mehr Nor­mal­zeit wür­de gut tun. 

In sei­ner Par­tei­tags­re­de auf der grü­nen Lan­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz in Offen­burg hat­te Cem Özd­emir sie­ben Rat­schlä­ge für poli­ti­sches Han­deln in die­sen wenig nor­ma­len Zeiten. 

1. Den Leu­ten kei­nen Quatsch erzäh­len.
2. Hal­ten, was man ver­spro­chen hat. (Oder als Kor­re­lat, in mei­nen Wor­ten: Nur ver­spre­chen, was man auch hal­ten kann und will.)
3. Ideen nicht danach bewer­ten, von wem sie kom­men.
4. Erst das Land, dann die Par­tei, dann die Per­son.
5. Weni­ger öffent­li­cher Streit.
6. Mehr stra­te­gi­sches, lang­fris­ti­ges Den­ken in der Poli­tik.
7. Beharr­lich­keit plus Agilität.

Bei die­sen sie­ben Rat­schlä­gen sind jetzt auch Bin­sen­weis­hei­ten und bekann­te Tugen­den dabei, aber in der Sum­me: ja, wäre schön, wenn Poli­tik sich dar­an ori­en­tie­ren wür­de. Mal aus­pro­bie­ren wür­de, was pas­siert, wenn Par­tei­en im Bund sich das auf die Fah­ne schrei­ben und danach han­deln. So viel Uto­pie muss an die­sem Sonn­tag mög­lich sein. 

Kurz: Ungeliebte Chatbots

Einer der Neben­ef­fek­te der Zeit der gro­ßen Sprach­mo­del­le sind Chat­bots als Erst­kon­takt bzw. Ersatz für Kund*innen-Kontakt. Zumin­dest in mei­ner erwei­ter­ten Bubble kom­men die­se nicht so gut an:

Screen­shot einer Umfra­ge auf Mastodon.

Nur drei Pro­zent der Teilnehmer*innen an der Umfra­ge nut­zen Chat­bots ger­ne. Sechs Pro­zent wür­den sie ger­ne nut­zen, wenn sie bes­ser funk­tio­nie­ren wür­den, der Rest nutzt sie wider­wil­lig (16 Pro­zent) oder ver­sucht, die Nut­zung zu ver­mei­den (75 Prozent). 

Das fin­de ich durch­aus erstaun­lich für etwas, das gefühlt jede Behör­de und jedes Unter­neh­men „haben muss“. Klar, aus der Sicht der Orga­ni­sa­ti­on spart so ein „nied­rig­schwel­li­ger“ Chat Per­so­nal. Trotz­dem klingt das so, als wäre eine gut gepfleg­te Website/FAQ und ein E‑Mail-Kon­takt (und ggf. eine Tele­fon­num­mer) viel ziel­füh­ren­der als ein Bot-pop-up.

Ich wür­de ger­ne wis­sen, ob die­se Wahr­neh­mung empi­risch bestä­tigt wird, sprich, ob es Unter­su­chun­gen dazu gibt, was zu höhe­rer Kund*innen-Zufriedenheit führt. Hin­wei­se dazu ger­ne im Kommentarfeld.

Kurz: Wie halten Sie’s mit AI?

Mit einem gewis­sen Erstau­nen fällt mir immer wie­der auf, dass ich doch wei­ter­hin mit recht skep­ti­schem Blick auf AI/KI/LLMs schaue. Erstau­nen, weil ich durch­aus wahr­neh­me, dass die­se Model­le so etwas wie „instant intel­li­gence“ lie­fern. Wie auch immer sie das machen, und was auch immer das über mensch­li­che Intel­li­genz aus­sagt. Instant­kaf­fee wäre für mich eine Not­lö­sung, maxi­mal. So ähn­lich ist es hier. (Oder, um ande­re Ver­glei­che zu bemü­hen: die Plas­tik­lie­be der 1970er – und das Naturstoff-Revival).

Jeden­falls wur­de mir mei­ne Skep­sis jetzt amt­lich bestä­tigt. Unter https://bambamramfan.github.io/ai-compass/ fin­det sich ein Fra­ge­bo­gen mit 15 Fra­gen, der einen danach in einen Arche­ty­pen ein­sor­tiert. Nicht sehr wis­sen­schaft­lich, aber immer­hin. Ich fand es gut, allei­ne schon des­we­gen, weil ein paar der Fra­gen zum Nach­den­ken anre­gen, und weil deut­lich wird, dass die Hal­tung zu AI mehr­di­men­sio­nal ist und ein rei­nes Dafür/Dagegen viel zu kurz greift.

Kurz: Happy birthday, Wikipedia

Wiki­pe­dia ist 25 Jah­re alt – und von einem dubio­sen Pro­jekt zum unver­zicht­ba­ren Rück­grat des frei­en Wis­sens im WWW gewor­den. Herz­li­chen Glückwunsch!

Und ja: die Wiki­pe­dia hat Schwä­chen. Büro­kra­ti­sche Rele­vanz­kri­te­ri­en, eine demo­gra­fisch sehr unglei­che Zusam­men­set­zung der Bearbeiter*innen, und auch in der Fol­ge davon einen gewis­sen Bias, gewis­se Wis­sens­lü­cken. Aber: frei, von über­all her zugreif­bar, und zur Not auch kom­plett downloadbar.

Wenn es eine real exis­tie­ren­den Umset­zung des „Hitchhiker’s Gui­de“ gibt, dann ist es die Wiki­pe­dia. Größ­ten­teils harm­los, und viel ver­brei­te­ter als der Brock­haus, die Enzy­klo­päd­ia Bri­tan­ni­ca oder – wer kennt sie noch? – MS Encarta.

Ich hof­fe sehr, dass es die Wiki­pe­dia als eine zen­tra­le Ein­rich­tung des frei­en Webs auch in 25 Jah­ren noch geben wird. Ich gebe zu: mei­ne akti­ven Edi­tier­zei­ten lie­gen lan­ge zurück. Aber viel­leicht ist es ange­sichts der KI-Bedro­hung wich­ti­ger den je, zu einer umfas­send infor­mier­ten Wiki­pe­dia beizutragen.

2025 im Blog

Reflection

Neben den Pho­tos der Woche und mei­nen fast monat­li­chen Sci­ence-Fic­tion-Rezen­sio­nen dient mein Blog ja auch dazu, fest­zu­hal­ten, was mir bedenkens‑, erin­ne­rungs- oder sonst­wie auf­he­bens­wert erscheint.