Politik ist ein Reisegeschäft. Ich sitze (jetzt in der 2. Klasse) mal wieder im Zug, diesmal von Berlin nach Freiburg. Parteitage und Sitzungen finden jedoch nicht nur in Berlin statt. Gerade Landesparteitage sind gerne einmal in eher kleineren Orten, sofern diese über ausreichend große Mehrzweckhallen verfügen – die sind häufiger deutlich billiger zu kriegen als die ebenso großen Hallen in den großen Städten. Trotzdem habe ich mir spaßeshalber mal die Liste der zwanzig größten deutschen Städte in der Wikipedia angeschaut. Und festgestellt, dass ich in fast allen davon schon einmal war. Ausnahmen sind, wenn ich das richtig sehe, Duisburg und Dortmund. Da war ich – glaube ich – noch nicht. Und auch bei den fünfzig größten Städten in Baden-Württemberg sind es vielleicht eine Handvoll Städte, in denen ich noch nicht war. Heidenheim, Göppingen, Weinheim beispielsweise. Und Teil des erweiterten Stuttgarter Speckgürtels. Fazit: Politik bildet, auch wenn mensch dazu viel Zeit auf Bahnhöfen und in Zügen verbringen muss.
Kurz: Klassenfrage
Als Bahn-Vielfahrer bin ich fast immer in der 2. Klasse unterwegs – weil mir die BahnCard 100 für die 2. Klasse mit über 4000 Euro pro Jahr schon teuer genug ist, aber auch, weil ich es einfach nie anders kennengelernt habe: Als Kind war es natürlich immer die 2. Klasse in IC und Nachtzug, wenn wir von Süd- nach Norddeutschland gefahren sind. Und später, als das anfing damit, zu Jugendverbandskongressen und Parteitagen, noch etwas später: zu Unidienstreisen, quer durchs Land zu fahren, war ebenso selbstverständlich, dass die Fahrtkostenerstattung sich auf die 2. Klasse bezog.
Wenn ich, wie jetzt grade, dank eines Upgrade-Gutscheins für treue Kunden, dann doch einmal in der 1. Klasse sitze, hat das was von fremden Terrain. Vertraut und zugehörig fühlt sich das nicht an. Bequemere Sitze und mehr Platz – das hätte ich auch gerne bei meinem Pendelalltag. Kostenlose Zeitungen, auch nett. Schwerer tue ich mich da schon mit der Servicekultur und der damit verbundenen aufgesetzten Ultrafreundlichkeit, der emsigen und ständigen Sorge um das Wohlbefinden der Reisenden – Sie werden am Platz bedient, eine kleine Aufmerksamkeit vielleicht, hätten Sie noch einen Wunsch? (Ähnlich fremdelnd ergeht es mir, wenn ich in vielsternige Hotels gerate …).
Das ist schlicht nicht meine Welt. Mit einer bourdieuschen Brille zu beobachten, wie die Angehörigen der 1. Klasse dieses Bedientwerden ganz selbstverständlich finden, ja überhaupt: wie sie sich geben, und dabei eine feine, inkorporierte Eleganz ausstrahlen – das ist durchaus interessant und zugleich ein schöner Beleg für milieuspezifischen Habitus und für die Existenz einer gewissen Klassengesellschaft auch in Deutschland. Was weit über Fragen der Zugehörigkeit hinaus Konsequenzen hat.
Photo of the week: Living room wall, hot/cold
Allmählich gehen mir die leeren Wandflächen aus. Also insbesondere, seit ich angefangen habe, mit Acrylfarben zu experimentieren. Was auch nicht ganz stimmt – Bilder meiner Kinder (das abstrakte links unten ist z.B. von R., die Raupe links oben hat Z. gemalt, als sie noch ziemlich klein war) und auch das eine oder andere von mir (sowie ein paar postkartengroße Werke meiner Schwester, z.B. der Druck auf dem rechten Bild (rechts)) hängen seit geraumer Zeit ebenso an meinen Wänden wie diverse großformatige Fotoabzüge. Jetzt kommen noch Leinwände hinzu – in den Pfingstferien sind sowohl das „Gartenbild“ an der orangenen Wand (unter dem Kalender) als auch das „Meeresbild“ an der weißen Wand entstanden. Zwei Annäherungen an das Thema Sommer.
Photo of the week: Berlin – Alexanderplatz I
Ich war ja letztes Wochenende mal „touristisch“ in Berlin, und habe neben Bildern von Graffiti und Baustellen auch ein paar sehr touristische Fotos gemacht. Das hier zum Beispiel. Wo’s doch so schön sonnig war. Und überhaupt.
Die drei Funktionen eines Wahlprogramms
Aus Gründen mache ich mir gerade einige Gedanken um Wahlprogramme. Dabei ist mir aufgefallen, dass ein paar der Schwierigkeiten, die mit einem Wahl- oder Regierungsprogramm verbunden sind, schlicht damit zu tun hat, dass ein solches Programm mehrere, sich teilweise widersprechende Funktionen erfüllen soll. Es steht also immer in einem Spannungsverhältnis, das sich nie ganz auflösen lässt.
Mir sind drei solche Funktionen – also Antworten auf die Frage, wozu ein Wahlprogramm eigentlich gut ist – eingefallen. Vielleicht gibt es noch mehr:
1. Das Wahlprogramm ist eine Momentaufnahme des andauernden Meinungsbildungsprozesses innerhalb einer Partei. Es hält fest, was die Positionen und Haltungen, die Kompromisse und Beschlusslagen zum Zeitpunkt X sind. Es ist damit ein identitätsstiftendes Selbstverständnis in Langform (in Abgrenzung zu konkurrierenden Parteien) – und letztlich auch ein historisches Dokument, das im Vergleich zu älteren Wahlprogrammen Auskunft darüber geben kann, wie sich Positionen und Selbstverständlichkeiten entwickelt und verschoben haben.
2. Es wäre schön, wenn das mit der zuerst genannten Funktion in eins fallen würde, dem ist aber nicht so: Das Wahlprogramm ist ein Regierungsprogramm, eine Blaupause und Baustelle für mögliche Koalitionsverträge und das darauf aufbauende Regierungshandeln. Der Fokus liegt hier stärker als in der ersten Perspektive auf dem, was auch tatsächlich umsetzbar ist, auf dem innerhalb einer Legislaturperiode machbaren – und stärker auf konkreten Projekten als auf allgemeinen Positionen. (Und da, wo es konkret wird, wird’s dann gerne ganz konkret und schnell sehr, sehr fachlich …)
3. Und schließlich ist ein Wahlprogramm auch ein werblicher Text. Es soll von potenziellen Wählerinnen und Wählern nicht nur verstanden werden, sondern auch als attraktiv empfunden werden. Es muss zur Kampagne passen, etwa im Hinblick auf Schwerpunktsetzungen. Es dient als Grundlage für Wahlwerbematerial und die Beantwortung von Wahlprüfsteinen. Mit all dem ist die Verlockung verbunden, Großes zu versprechen – was nicht immer mit Machbarkeit koinzidiert – und über anderes eher den Mantel des Schweigens zu hüllen.
Im Spannungsfeld zwischen Identitätsstiftung, vorweg genommener Legitimation zukünftigen Regierungshandeln und Wählerorientierung ist ein Wahlprogramm notwendigerweise ein vielschichtiger und facettenreicher Text. Auch wenn manche meinen, dass Wahlprogramme überhaupt nicht notwendig wären, sind – zumindest in debattenfreudigen Parteien wie den GRÜNEN – Programmparteitage auch deswegen spannend, weil hier nicht nur unterschiedliche Interessen innerhalb der oben dargestellten Dimensionen aufeinanderprallen (etwa unterschiedliche Schwerpunktsetzungen unterschiedlicher Strömungen), sondern, verknüpft mit Rollen und Rollenerwartungen, auch unterschiedliche Interessen daran, welche Funktion das Programm vor allem erfüllen soll. Ein den Wahlkampf organisierender Vorstand verbindet mit dem Programm andere Ansprüche als eine fachlich orientierte Arbeitsgruppe oder ein Mitglied einer Regierungsfraktion.
Warum blogge ich das? Unter anderem mit Blick auf den laufenden Programmprozess innerhalb der baden-württembergischen Grünen im Vorfeld der Landtagswahl 2016.





