Gestern gab’s selbstgebackenen Rosinenzopf – vermutlich diesmal dank langer Gehzeiten gut gelungen – zum Osterfrühstück. Und gefärbte Eier. Und nachmittags dann einen Besuch bei den Großeltern, mit Rüblitorte und Suche nach vom Osterhasen („Den gibt’s ja gar nicht, das seid ihr!“, R. (7)) versteckten Süßigkeiten für Kinder und Erwachsene. So feiern wir traditionell Ostern, als Frühlings-Familienfest mit Eiern und Hasen und österlicher Dekoration.
Photo of the week: Daisy
Endlich Frühling! Nachts ist es zwar noch empfindlich kalt, aber immerhin wird es wieder halbwegs früh hell (und erst halbwegs spät dunkel). Das macht definitiv einen Unterschied in meinem Wohlbefinden aus, gerade an den Tagen, an denen ich nach Stuttgart pendle. Im Dunklen loszufahren und im Dunklen wieder anzukommen, nervt. Und dass es überall anfängt, grün zu werden, hat ja auch was. Also: Endlich Frühling!
Gelesen: Fifty Shades of Merkel

Die Ex-Politikerin (Piraten) und Politikwissenschaftlerin Julia Schramm schreibt über – Angela Merkel. Das Ergebnis ist mehr Blog auf Papier als klassisches Buch. Genauer gesagt nähert sich Schramm dem Phänomen Merkel in Fifty Shades of Merkel (Hoffmann & Campe, 2016) in fünfzig Vignetten an. Die behandeln so disparate Themen wie „Uckermark“, „Andenpakt“, „Partei“, „Religionsunterricht“, „Pflaumenkuchen“ oder „#Neuland“, grob chronologisch geordnet.
Das Ergebnis – manchmal etwas boulevardesk, immer im lockeren Infotainment-Stil eines reichweitenstarken Blogs gehalten, voll mit Netzreferenzen – kann sich durchaus sehen lassen. Es liest sich weg, und danach wirkt die Person Merkel vertrauter. Vielleicht sogar sympathischer. (Ein Nachteil des Formats: manches, etwa die Darstellungen der Beschimpfungen Merkels im Netz, wiederholt sich. Wer das Buch „in einem Zug“ liest, merkt das.)
Wer sich dafür interessiert, wie die Person Merkel aussehen könnte, wird hier fündig. Dabei gilt: Nicht alle Zuschreibungen, denen Schramm in den Fifty Shades nachgeht, wirken gleichermaßen plausibel. Merkel als „postdemokratische Nationalstaatsmanagerin“ (S. 101) oder als „Ironic Lady“ (S. 209) zu beschreiben, empfinde ich als plausibler als die „spirituelle Lehrerin der Deutschen“ (S. 157). Die „Mutter der Flüchtlinge“ fehlt dagegen weitgehend – Fluch der Tagesaktualität. Und ob Merkel als „Außenseiterin“ (S. 80) und „Nerd“ (S. 162) zutreffend beschrieben ist, darüber muss ich doch erst nochmal nachdenken. Schön in diesem Zusammenhang das Kapitelchen zum „Handy“ (S. 175), Telefon und SMS als bewusst angeeignete Machtwerkzeuge der Kanzlerin.
Drei Leitmotive durchziehen die einzelnen Kapitel: Das große Schweigen (Merkels Stilinstrument, aber eben auch das immer wieder geschilderte Problem fehlender redebereiter Quellen – Schramm bezieht sich, von einem Ausflug in die Uckermark abgesehen, rein auf Sekundärquellen, Zeitungsartikel, Netzberichte und diverse Merkel-Interviews und ‑Bücher). Geschlechterverhältnisse (vom „Vatermord“ und dem strategischen Ausspielen der CDU-Männercliquen bis zum „Hosenanzug“ und den kleineren und größeren Diskriminierungen, die selbst gegenüber der derzeit mächtigsten Frau der Welt fortbestehen; dem Buch ist anzumerken, dass Schramm hierbei auf eine gefestigte feministische Haltung zurückgreifen kann, die nicht beim bewusst verwendeten „_“ in vielen Personenbezeichnungen aufhört). Und die Perspektive auf Merkel aus Sicht der Netzgeneration. (Kleiner Gimmick am Rande: die Seitenzahlen sind in –< >– eingefasst, also der Merkel-Raute in ASCII).
Das Buch zeichnet insgesamt Merkel als Meisterin der Strategie mit sympathischen Charakterzügen. Schramm lobt Merkel immer wieder, betont positive Eigenschaften wie die Selbstironie, den Humor, das Spiel mit der Bodenständigkeiten. Manches erscheint als Deutungsversuch in Richtung grün-schwarz. Die harte Auseinandersetzungen mit einem über weite Strecken klar neoliberalen Kurs Merkels blitzt nur ganz vereinzelt auf, etwa im Kapitel „Freiheit“.
Letztlich bleiben Fifty Shades of Merkel ergebnisoffen. Ein Urteil fällt Schramm nicht. Oder, um es sozialwissenschaftlicher auszudrücken, auch wenn die Fifty Shades wohl eher als Politainment gedacht sind: das Buch bleibt Zettelkasten, bleibt Sammlung von Memos mit ersten Ansätzen zur Kategoriebildung, formuliert aber – jedenfalls nicht explizit – keine Theorie über Merkel. (In Grounded-Theory-Begriffen: der Integrationsschritt fehlt). Aber vielleicht bleibt es ja nicht dabei.
Warum blogge ich das? Weil ich beim Angebot eines Rezensionsexemplars nicht nein sagen konnte. Und gerade in Zeiten, in denen allenthalben über neue Koalitionsoptionen geredet wird, ist der facettenreiche Blick auf die Leitwölfin der CDU nicht uninteressant.
Photo of the week: Dreifach
Es gab diesen Moment gestern beim Wahlabend der Fraktion im Neuen Schloss, als Winfried Kretschmann in den Wahlsendungen von ARD, ZDF und SWR gleichzeitig zu sehen war. Triumph, mit 30,3 Prozent stärkste Partei, 46 Direktmandate – aber auch die bittere Erkenntnis, dass eine wahrlich dubiose AfD es auf Anhieb mit 15 Prozent als drittstärkste Kraft in den Landtag schafft. Sah es am Anfang des Wahlabends noch knapp aus, wollte und wollte sich doch keine Mehrheit für Grün-Rot einstellen. Seltsamer Schwebe- und Zwischenzustand, weil es erst weitergeht, wenn FDP, CDU oder SPD sich bewegen. Entweder in Richtung der belgischen Ampel, die knapp über eine Mehrheit verfügen würde, oder in Richtung Ampel oder Grün-Schwarz. Die neue grüne Fraktion: nochmal deutlich größer, viele neue Gesichter, mit 47 Prozent Frauenanteil wohl die weiblichste Fraktion, die Baden-Württemberg je hatte. Dank der Verluste der CDU an die AfD gehören zu den neu gewonnenen grünen Wahlkreisen auch welche, die bisher noch nie ein grünes Mandat hatten. Tragik des Wahlsystems: Wer auf grüner Seite kein Direktmandat erlangt hat, ist (mit einer Ausnahme, WK Wangen im RP Südwürttemberg) trotz Rekordergebnissen überall nicht reingekommen. Menschlich ganz besonders bitter im WK Wiesloch, wo unser AK-Vorsitzender Wissenschaft, Kai Schmidt-Eisenlohr, um 147 Stimmen den Wiedereinzug verfehlt hat. Aber auch in den beiden AfD-Direktmandatswahlkreisen Pforzheim und Mannheim lagen die grünen Kandidat*innen nur wenig hinter den gewählten Direktmandataren der AfD.
Insofern: Ein historisches Ergebnis für uns Grüne, für Winfried Kretschmann – aber auch ein Ergebnis mit bitteren und dunklen Untertönen. Jetzt heißt es: Warten darauf, wie es weitergeht.
Wahlkreisergebnisse beim SWR (interaktive Karte) und beim Statischen Landesamt.
Zwei Väter aufs Podest gestellt – und der Rest?
Die Großbäckerei „Mestemacher“ vergibt seit elf Jahren einen Preis „Spitzenvater des Jahres“ um gelebte partnerschaftliche Familienmodelle zu würdigen. Klingt erst einmal gut, ärgert mich aber. Und zwar aufgrund einer einfachen Rechenaufgabe:
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