Erst später am Abend spazieren zu gehen, hat Vor- und Nachteile. Vorteile: Es ist kühler, wobei es allgemein abgekühlt hat und gestern auch zum ersten Mal seit langem geregnet hat. Zudem sind die Lichtverhältnisse zumindest am frühen Abend schön, Grillen zirpen, ein paar Vögel sind auch noch zu hören, die Wege sind recht leer. Nachteil: Es ist dunkel, und das kann dann auch schon mal etwas unheimlich werden. Insbesondere, wenn dann noch die Signallichter an Funkmasten, Windrädern etc. in der Ferne dazukommen. Fast schon ein bisschen gruselig, so im Simon-Stålenhag-Stil.
Photo of the week: April walk
Zeit des Virus, Update III
Allmählich wird aus der hektischen Betriebsamkeit der ersten Wochen etwas, das sich lang zieht, etwas, das nach Ausdauer und Warten ruft. Etwas, das noch kein Ende kennt, ein Drittes neben Krise und Normalbetrieb.
In den letzten drei Wochen, seit ich zuletzt über die „Zeit des Virus“ geschrieben habe, ist es gefühlt deutlich schwieriger und anstrengender geworden. Ostern hat ganz gut geklappt, Kernfamilienfeier, per Skype zugeschaltete Großeltern und Geschwister, gemeinsam verbrachte Zeit. Aber die Osterferien, die in Baden-Württemberg erst morgen enden, sind keine Ferien, weil die Kinder beide noch Schulstoff erledigen müssen, und weil auch die Fraktionsarbeit weitgehend „normal“ weiterläuft.
Auch bei mir gibt es zunehmend das Gefühl, dass es doch mal aufhören müsste mit diesem Lockdown, mit den ganzen Beschränkungen. Ich kann mir noch nicht so ganz vorstellen, wie die Kinder damit klar kommen sollen, weitere Wochen im „Home-Schooling“ zu verbringen. Für Montag sind die nächsten Aufgaben und Telefonate mit den Lehrer*innen angekündigt. „Macht doch mal was“ bleibt trotzdem an den Eltern hängen, und klar: es gibt so etwas wie einen Rhythmus, aber es sind doch Tage, an denen deutlich weniger passiert als es in der Schule der Fall wäre. Und zumindest R. ist zunehmend frustriert davon, wenn draußen auf dem Hof Kinder spielen und ich nur sage, dass wir es nicht möchten, dass er dazu geht.
Gefühlt also Eile, trotz aller Introvertierheit der Wunsch, dass die Zeit des Virus mal vorbei gehen möge. Und gleichzeitig im Kopf das Wissen darum, dass wir noch längst nicht über den Berg sind, der Ärger darüber, dass allein die Debatte um „Lockerungen“ bei einigen wohl dazu geführt hat, das alles nicht mehr ernst zu nehmen … ich möchte nicht wissen, was das für die Ansteckungszahlen in ein paar Tagen bedeutet.
Und wenn ich versuche, mir die verschiedenen Strategien, mit dem Virus umzugehen, vor Augen halte, dann wird klar: Herdenimmunität, der Aufbau eines natürlichen Schutzes bei einem großen Teil der Bevölkerung: das funktioniert nicht, jedenfalls nicht ohne eine Vielzahl an Toten in Kauf zu nehmen. Was jetzt passiert, ist das Senken der Weiterverbreitung auf ein Maß, mit dem das Gesundheitssystem klar kommt. Das sieht aktuell gut aus, die Neuinfektionen sind zurückgegangen und seit Tagen stabil, auch die Zahl der täglichen Todesfälle ist halbwegs stabil (zynisch, dass das eine gute Nachricht ist). Aber so weiter zu machen, heißt eben auch, einen Kern aus Kontaktvermeidung und harten Beschränkungen noch mindestens bis in den Herbst, vielleicht auch ins Frühjahr aufrecht zu erhalten. Und dann stehen sowohl Selbständige, die nichts verdienen, weil derzeit zum Beispiel niemand Auftritte von Künstler*innen bucht, vor einem Problem – genauso wie alle Eltern, die das Gewurstel der letzten Wochen bis weit in die Zukunft hinein weiterführen sollen. (Und nein, bei weitem nicht jeder Haushalt besteht aus Vater Alleinverdiener, der pädagogisch versierten Mutter Hobbylehrerin und den braven Kindern 1 und 2, die gerne mit dem Hund im Garten tollen). (Apropos: sehr gut dazu Annalena Baerbock in der taz).
Nahe liegende Lösungen für dieses Problem gibt es nicht, am besten wäre wohl eine Kombination aus echtem Teleunterricht für die Kinder (aber das muss technisch erst einmal klappen), einem rollierenden oder sonst irgendwie reduziertem System von Kita- und Schulöffnungen und Lohnersatzleistungen für alle, die so nicht arbeiten können. Und irgendwann dann die Impfung. Aber so oder so heißt dass, das es noch eine ganze Weile weitergeht mit dem Status quo.
Der kleine Hoffnungsfunke: die Zahl der Neuinfektionen und die Zahl der Infektionen pro Person nimmt so stark ab, dass wieder zu „Containment“ als Strategie gegriffen werden kann. Das hat aber zwei nicht ganz einfache Voraussetzungen. Zum einen braucht es schnelle Tests, auch auf Immunität, und Wissen darüber, wie die Dunkelziffern aussehen. Also Tests und Strichproben. Und zum anderen braucht es eine Einhaltung sowohl der jetzt geltenden Kontaktbeschränkungen wie auch der dann weiter notwendigen Hygieneregeln durch einen großen Teil der Bevölkerung, also Einsicht. Bei den Tests und Stichproben bin ich halbwegs zuversichtlich, bei der Einsicht habe ich derzeit so meine Zweifel. Der Heinsberg-Coup von Laschet ist diesbezüglich, um es deutlich zu sagen, hochgradig kontraproduktiv.
In der Presse und in der Fraktion – genauso wie in den sozialen Medien – gibt es derzeit eigentlich nur ein Thema. Auch das trägt dazu bei, dass diese Tage sich strecken. Es geht immer um Corona. In der Arbeit. In der Freizeit. Am Wochenende. In den „Ferien“. Usw. Klar gibt es Fluchtmomente – Computerspiele, Filme, Bücher – aber eigentlich ist das Virus dauerpräsent. Und das seit Wochen. Auch das macht diese Zeit schwierig. Vielleicht brauchen wir hier andere Räume.
Gleichzeitig empfinde ich es als schwierig, die Pandemie auszublenden. Beispiel Wahlprogramm – im Frühjahr 2021 sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Da jetzt ein Programm zu schreiben, das aussieht wie jedes andere, das wird nicht gehen. Nicht nur, weil die Wirtschaftslage und die Finanzlage des Landes eine andere sein werden, sondern auch deswegen, weil die Pandemie eine ganze Reihe von politischen Prioritäten umgeworfen hat. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Jetzt auf Antworten aus dem Jahr 2019 zu setzen, hätte ähnliche Effekte wie die grandios daneben gegangene „Alle reden von Deutschland – wir nicht“-Kampagne, die die West-Grünen nach der Wende aus dem Bundestag kickte. Es braucht also Sensibilität dafür, wie die Stimmung im Land im Frühjahr 2021 aussehen wird. Nur weiß das jetzt noch niemand. Politik wie üblich funktioniert auch deswegen gerade nicht.
Arne Jungjohann hatte auf Twitter mit Bezug auf Carolin Emckes Corona-Tagebuch nach generationendefinierenden historischen Ereignissen gefragt. Bisher hätte ich da mit Tschernobyl geantwortet, vielleicht mit der Wende, mit der ersten rot-grünen Bundesregierung, mit 9/11 oder auch mit Fukushima und allen Folgen, auch in der baden-württembergischen Landespolitik. Gut möglich, dass das Jahr 2020 in vielen Biografien diese Ereignisse überstrahlen wird und in der Geschichte der Zukunft der Punkt sein wird, an dem das alte 20. Jahrhundert dann wirklich geendet hat.
P.S.: Apriltage mit fast 30° Celsius, viel zu wenig Regen, Dürrewarnung – die andere große Krise ist weiterhin da.
Photo of the week: April green in the forest – III
Kurz: Brot für Faule
Wie ich schon geschrieben habe, ist eines der Dinge, die ich in den letzten Wochen gelernt habe, selber Brot zu backen. Genauer gesagt, dieses No-Knead-Brot, also Brot ohne Kneten.
Zutaten: 425 g Mehl, 325 ml Wasser, 10 g Salz, 1–2 g Trockenhefe
Mehl (ich nehme eine Mischung aus Vollkorn- und feinerem Weizenmehl) mit Salz (das ist etwa ein gehäufter Teelöffel) und Trockenhefe (ein Achtel einer 9‑g-Packung) in einer Schüssel gut mischen, Wasser hinzufügen, verrühren.
18 Stunden, ggf. auch länger, gehen lassen.
Den Teig „falten“, ggf. vorsichtig weiteres Mehl einarbeiten, bis eine seidige Konsistenz erreicht ist.
Weitere zwei Stunden gehen lassen.
Mit Wasser bestreichen und im heißen Backofen – ich bin inzwischen bei 225 °C Umluft – etwa 30 Minuten backen. Klopfprobe.
Anfangs habe ich in Ermangelung einer Cocotte oder eines Brotbacktopfes eine Kastenform verwendet; das ganze funktioniert aber, wie ich inzwischen festgestellt habe, auch ohne jede Form auf einem Backblech.
Warum Brot für Faule? Weil das Brot zwar fast einen Tag rumsteht, die eigentlichen Arbeitsschritte aber in wenigen Minuten erledigt sind. Das Ergebnis ist sehr lecker.
P.S.: Inzwischen habe ich mir einen gußeisernen Backtopf („Cocotte“) angeschafft, und das macht echt noch einmal einen Unterschied. Topf (ohne Deckel) mit auf 230 Grad oder mehr vorheizen, Teig in den heißen Topf geben (Achtung: sehr heiß! Vorsicht!), Deckel drauf, etwa 30 Minuten mit und dann noch 15 Minuten ohne Deckel backen. Gibt dann eine sehr schöne Kruste.
P.P.S. (30.10.2020): Normalerweise verwende ich 550er-Mehl für alles – Ofen auf 250 °C und 450er Mehl ergeben ein noch besseres Brot.




