Brandung (1)

Unten ist der ers­te Teil einer SF-Geschich­te zu fin­den, die ich hier Stück für Stück ver­öf­fent­li­chen möch­te, und die ich unter den Arbeits­ti­tel »Bran­dung« gestellt habe. Kom­men­ta­re sind ger­ne gese­hen (und ja: die ande­ren Stich­wor­te aus dem Netz tau­chen in den fol­gen­den Tei­len auch noch auf).

Flight of the seagull I

Brandung (1)

Die Sky­line der Stadt hat­te sich ver­än­dert. Das ers­te, was vom offe­nen Meer aus zu sehen war, wenn sich der Blick nach Süden, zum Fest­land hin rich­te­te, war der blau schim­mern­de Water Tower, Haupt­sitz der Glo­bal Water. Er über­rag­te die ande­ren Bau­wer­ke – die alten Spei­cher­bau­ten aus Back­stein, die Kirch­tür­me, die Glas­ku­ben, wie sie zu Beginn des Jahr­hun­derts modern gewe­sen waren. Gleich geblie­ben war dage­gen das Geschrei der Möwen, das alle ankom­men­den Schif­fe begleitete.

Schon in der Uni war es für Kath ein Pro­blem gewe­sen, ihre Auf­merk­sam­keit voll und ganz auf sonor dahin plät­schern­de Vor­trä­ge zu rich­ten. Jetzt saß sie im 23. Stock­werk des Water Towers. Dr. May­mo­th hat­te sich von ihrem Sitz in der Rei­he der Abtei­lungs­lei­te­rIn­nen erho­ben und war an das Rede­pult getre­ten. Ein schlech­tes Zei­chen, hat­te Kath gedacht, und rich­tig – die Lei­te­rin der For­schungs­ab­tei­lung setz­te zu einem ihrer aus­ufern­den Vor­trä­ge an. „1,4 Mil­li­ar­den Kubik­me­ter Was­ser exis­tie­ren auf der Erde. Nur drei Pro­zent davon sind Süß­was­ser – der Rest ist Salz­was­ser. Tech­ni­schen Lösun­gen zur Meer­was­ser­ent­sal­zung kommt damit eine zuneh­mend grö­ße­re Bedeu­tung zu.“ Und immer so wei­ter. Dr. May­mo­th refe­rier­te hier Fak­ten, die jeder und jede im Raum aus­wen­dig auf­sa­gen konn­te. Wie im Hörsaal. 

Die Sitz­ord­nung hat­te es gut mit Kath gemeint, sie saß so, dass ihr Blick aus der gro­ßen Glas­front des Bespre­chungs­rau­mes schwei­fen konn­te. Hier oben gab es nur die Fir­ma und das Meer. Die Stra­ßen­zü­ge bis zum Hafen konn­te sie nicht sehen, dafür war der Water Tower zu hoch. Sie hät­te zum Fens­ter gehen müs­sen. Aber wei­ter, weit hin­aus aufs Meer. Sie konn­te den gleich­mä­ßi­gen Flü­gel­schlag der gro­ßen Off­shore-Räder sehen, deren Fel­der sich bis zum Hori­zont erstreck­ten. Die Con­tai­ner­schif­fe, die gro­ßen Tan­ker und die Eis­berg­schlep­per. Das unab­läs­si­ge Glit­zern der Wel­len an die­sem Som­mer­tag. Und immer die Möwen.

„Glo­bal Water hat ein Ziel, die­ses Ziel ist Ihnen bekannt, und wir alle arbei­ten dafür.“ Kath schreck­te auf. Das Grund­satz­re­fe­rat war vor­bei, jetzt kam der Teil eines Maymoth’schen Vor­trags, in dem es zur Sache ging. Hier nicht zuzu­hö­ren war ein Feh­ler. Das hat­te Kath in den zwei Jah­ren her­aus­ge­fun­den, die sie jetzt bei Glo­bal Water arbeitete. 

Zuhö­ren: und nicht ein­fach den Vor­trag mit­schnei­den und nach­her die wich­tigs­ten Stel­len vom Pho­ne her­aus­fil­tern las­sen. Vor eini­gen Jah­ren hat­te es einen Fall von Indus­trie­spio­na­ge gege­ben. Seit­dem waren Smart­pho­nes in den Bespre­chungs­räu­men wie in allen ande­ren sicher­heits­re­le­van­ten Berei­chen im Water Tower ver­bo­ten. Das wur­de streng kon­trol­liert, den Beschäf­tig­ten wur­de nahe­ge­legt, auf Neu­rotabs und Implan­ta­te umzu­stei­gen. Die gal­ten als siche­rer. Kath hat­te sich bis­her nicht dazu durch­rin­gen kön­nen, die­sen Schritt zu gehen. Immer noch erschien es ihr wider­na­tür­lich, einen Nano­com­pu­ter zu implan­tie­ren. Außer­dem hät­te sie sich das mit ihrem Schul­den­berg selbst bei ihrem jet­zi­gen Gehalt nie leis­ten kön­nen. Eine Woh­nung hier in der Stadt war fast unbe­zahl­bar, ihr Stu­di­um war teu­er gewesen. 

„Wir sind stolz, das unse­re dazu bei­zu­tra­gen, die Bedürf­nis­se der Welt nach sau­be­rem Was­ser zu erfül­len. Unser Mit­tel dafür: Kein Trop­fen Was­ser, der nicht von Glo­bal Water gelenkt, kon­trol­liert und über­prüft wird.“ Dr. May­mo­ths Pathos war nur mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Zynis­mus zu ertra­gen. Jeden Trop­fen Was­ser zu kon­trol­lie­ren, der irgend­wo durch irgend­ei­ne Lei­tung floss – und mit jedem Trop­fen an Nut­zungs­rech­ten zu ver­die­nen: Das war Glo­bal Waters Mis­si­on. Die Lis­te der Län­der, in denen die­se Mis­si­on fast schon erfüllt war, war lang und reich­te vom Frei­staat Alas­ka bis zur Zyprio­ti­schen Repu­blik – jedes zwei­te Land auf dem blau­en Pla­ne­ten hat­te Ver­trä­ge mit Glo­bal Water, fast über­all waren es Mono­pol­ver­trä­ge, die dem Kon­zern für das nächs­te Vier­tel­jahr­hun­dert die allei­ni­ge Kon­trol­le einräumten. 

In Momen­ten wie die­sem frag­te sich Kath manch­mal, wie sie jemals hier in den 23. Stock der Water Towers gelangt war. Es gab Kol­le­gIn­nen, die mit gro­ßer Begeis­te­rung ihre gan­ze Kraft dar­ein steck­ten, die Pro­fi­te von Glo­bal Water zu maxi­mie­ren, die Wer­be­stra­te­gie von Glo­bal Water zu opti­mie­ren oder extrem effi­zi­en­te hydro­lo­gi­sche Infra­struk­tu­ren für Glo­bal Water zu konzipieren. 

Kath hat­te zwar den schwar­zen Kapu­zen­pull­over der akti­vis­ti­schen Stu­den­tin mit dem eben­so schwar­zen Kos­tüm der Busi­ness­frau getauscht. Äußer­lich unter­schied sie nichts von die­sen Fir­mena­li­ens. Sie ging sogar so weit, das eine oder ande­re Mal pflicht­schul­digst zum After­work Mee­ting mit­zu­kom­men. Bei einem der der­zeit ange­sag­ten Bel­gi­er, bei Pom­mes, Waf­feln und Whis­key Mate wur­de dann mun­ter über Return of Invest­ment, geschäft­li­che Erfol­ge und pri­va­te Anla­ge­stra­te­gien geplau­dert. The­men, die Kath genau­so ankotz­ten wie die eben­so belieb­ten Fach­sim­pe­lei­en über die Leis­tungs­da­ten der Smart­pho­nes und Neu­rotabs. Sie war doch kei­ne von denen! Viel­leicht lag es an ihrem Stu­di­um (Kul­tur­wis­sen­schaf­ten und Sozio­lo­gie), dass sie sich nach zwei Jah­ren bei Glo­bal Water wei­ter­hin eher als außen­ste­hen­de Beob­ach­te­rin denn als Teil­neh­me­rin die­ser selt­sa­men Ritua­le fühlte. 

In sol­chen Momen­ten wun­der­te sie sich, war­um Glo­bal Water sie über­haupt ein­ge­stellt hat­te. Mit ihrem Hin­ter­grund, mit ihren Fächern, ohne Aus­lands­auf­ent­halt oder Chi­ne­sisch-Kennt­nis­se – aber ver­mut­lich war sie ein­fach das pas­sen­de Puz­zle­stück in einer kon­zern­ei­ge­nen Diver­si­ty-Stra­te­gie gewesen. 

Für Kath selbst der Weg zu Glo­bal Water ein gro­ßer Schritt gewe­sen. Stu­di­en­ab­schluss mit einer Mas­ter The­sis über „Was­ser als Men­schen­recht als Dis­kurs­split­ter in der trans­glo­ba­len Pop­kul­tur“, dann ein Jahr der Selbst­fin­dung mit sin­ken­dem Kon­to­stand. Ein Jahr, in dem sie ver­sucht hat­te, sich zu ent­schei­den, ob sie wis­sen­schaft­lich wei­ter­ar­bei­ten oder ihr dama­li­ges poli­ti­sches Enga­ge­ment bei Attac pro­fes­sio­na­li­sie­ren soll­te. Am Ende die­ses Jah­res hieß es auf dem Arbeits­amt: „Bewer­ben Sie sich doch bei einem der Was­ser­kon­zer­ne, die bau­en gera­de alle ihr Geschäft mäch­tig aus!“ Das hat­te sie getan. 

„Dich wer­den die nie neh­men, aber so kriegs­te immer­hin wei­ter­hin Geld vom Amt!“, das war der Tenor in der Schreck­se­kun­de, der ehe­ma­li­gen Hafen­k­nei­pe, die seit eini­gen Jah­ren das Stamm­lo­kal der Sze­ne war. Zwei Wochen spä­ter hielt sie einen unbe­fris­te­ten Arbeits­ver­trag für eine gan­ze Stel­le in ihren Hän­den, nicht zuletzt zu ihrem eige­nen Erstau­nen. „Office for Public Under­stan­ding“ hieß die Abtei­lung, in der sie jetzt arbei­ten soll­te. Die Reak­ti­on der Run­de in der Schreck­se­kun­de war Ungläu­big­keit, viel­leicht auch ein biss­chen Stolz dar­auf, dass eine der ihren jetzt den gro­ßen Kon­zern unter­wan­der­te – dann eine zuneh­men­de Distanz. 

Aus­ge­rech­net ihr Ex-Freund Ber­ti riet ihr schließ­lich, lie­ber nicht mehr in die Schreck­se­kun­de zu gehen: „Klar wills­te bei den Was­ser­glo­ba­li­sie­ren nur das Bes­te, du bist ja nicht von heu­te auf mor­gen ein schlech­ter Mensch. Glau­be ich dir ja sogar. Aber die Kra­ke hat noch jeden auf­ge­fres­sen! Denk nur an die Eigen­lo­gik. Glaub mir: Es wäre wirk­lich bes­ser für dich, nicht mehr zu kommen.“

Hei­mat­los, unge­bun­den, glo­ba­li­siert. Kath in der blau­en Welt des Konferenzraums. 

„Die mei­nen das doch nicht wirk­lich ernst?“ – Wenn es unter all den Außer­ir­di­schen hier eine gab, mit der sie reden konn­te, dann war das Mar­tha. Die hat­te irgend­was Tech­ni­sches stu­diert, war defi­ni­tiv nicht poli­tisch inter­es­siert, konn­te aber immer­hin Kaths Abnei­gung gegen­über Gesprä­chen über Finanz­an­la­ge­stra­te­gien nach­voll­zie­hen. Soweit Kath das wuss­te, arbei­te­te Mar­tha in einer der Pla­nungs­grup­pen. Nach dem Ende des Mee­tings waren sie die ein­zi­gen, die noch im Bespre­chungs­raum sit­zen geblie­ben waren. Das hat­te Grün­de. Als Dr. May­mo­th dann end­lich zu ihrem Punkt gekom­men war, ern­te­te sie ste­hen­de Ova­tio­nen. Über­all glän­zen­de Augen. Nur Mar­tha und Kath hat­ten sich Bli­cke zuge­wor­fen und waren nur sehr zöger­lich auf­ge­stan­den. Sit­zen zu blei­ben, wäre doch zu auf­fäl­lig gewesen. 

Kaum hat­ten sich alle wie­der gesetzt, erklär­te der Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de die Sit­zung für been­det: „Noch ein­mal ganz, ganz herz­li­chen Dank an die sehr ver­ehr­te Frau Dok­tor May­mo­th! Wir alle wer­den ihre über­aus inspi­rie­ren­den Über­le­gun­gen zur zukünf­ti­gen Stra­te­gie von Glo­bal Water in unse­re Arbeit der nächs­ten Wochen mit­neh­men, davon bin ich über­zeugt. Vie­len, vie­len Dank!“ Und noch mal Bei­fall. Über­aus inspi­rie­rend, indeed. 

(to be continued)

8 Antworten auf „Brandung (1)“

  1. Bei den After-Work-Anla­ge­stra­te­gien-Plau­de­rei­en dach­te ich an die Tea-Par­ty, die ent­fes­sel­ten Märk­te seit Bush und deren Aus­wir­kun­gen wie etwa ein Ame­ri­ka nach der Staats-Insolvenz.
    Bin neu­gie­rig, wie’s weitergeht.

  2. Ich freue mich auf die Fort­set­zung! Mir gefal­len die gan­zen klei­nen Anspie­lun­gen (Eis­berg­schlep­per, teue­res Stu­di­um). In wel­chem Jahr spielt denn ca. die Geschich­te und was meinst du mit »außer­ir­disch«?

      1. Je mehr ich über die Geschich­te nach­den­ke, des­to neu­gie­ri­ger wer­de ich und mache mir sel­ber Gedan­ken. Eine Idee, die mir kommt ist in Anspie­lung auf die arte-Doku­men­ta­ti­on über Veo­lia und suez, dass das Was­ser nach Chlor schmeckt, weil es so schön bil­lig ist, so das Was­ser sau­ber zu bekommen.

        1. Ich kann schon mal ver­spre­chen, dass der zwei­te Teil mor­gen mit­tag da ist … hof­fe, danach den Rest der Geschich­te in eini­ger­ma­ßen regel­mä­ßi­gen Häpp­chen ser­vie­ren zu können.

  3. Spas­si­ge Lek­tü­re, die glau­be ich eini­ges über dei­ne eige­ne Welt­sicht oder Bio­gra­phie verrät. ;-)

    Aller­dings fin­de ich, mit Ver­laub, Kon­no­ta­tio­nen wie »Kul­tur­wis­sen­schaf­ten und Sozio­lo­gie« = Die Guten und »tech­ni­sches Stu­di­en­fach« = poli­tisch des­in­ter­es­siert, ein wenig zu klischeehaft.

    Zum The­ma Ali­ens fällt mir die­se wun­der­ba­re SPD-Doku von Lutz Hach­meis­ter ein, die unlängst in der Glot­ze kam. Was ich dort beson­ders krass fand waren die mons­trö­sen Mes­se­stän­de von Audi, RWE & co auf Par­tei­ta­gen. Die­se Ver­qui­ckung von pri­vat­wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen mit Par­tei­po­li­tik ist ein abso­lu­tes Unding. Ist der­glei­chen eigent­lich auch bei BDKs und LDKs üblich?

    1. Immer dran den­ken: der Erzäh­ler ist nicht der Autor! (Ich bin selbst gespannt, wie groß der bio­gra­phi­sche Anteil am Ende sein wird). Und ein bis­ser­le pla­ka­tiv muss es schon sein, sonst wär’s ja lang­wei­lig. Oder?

      Zur Mes­se­stands­fra­ge: Habe die Doku noch nicht gese­hen, kann aber ant­wor­ten, dass es Stän­de von gro­ßen Fir­men und Lob­by­grup­pen auch bei grü­nen Par­tei­ta­gen gibt – vom gern gese­he­nen Spar­kas­sen­stand, der Gra­tis-Kaf­fee aus­schenkt bis zu den gro­ßen Ener­gie­rie­sen und Phar­ma­kon­zer­nen. Auch wenn’s immer wie­der dis­ku­tiert wird, ob das sinn­voll ist oder nicht.

Schreibe einen Kommentar zu jaheba Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.