Ein Versuch über Wikipedia


Die trei­ben­de Kraft hin­ter der Wiki­pe­dia: »someo­ne is wrong on the inter­net« (xkcd, Lizenz)

Be bold! Mach’s ein­fach, wenn du etwas ändern willst. Was mich von Anbe­ginn an an der Wiki­pe­dia fas­zi­niert hat, war die­ser grund­sätz­li­che Impe­ra­tiv. Den meis­ten ist wahr­schein­lich der »Neu­tral Point of View« wich­ti­ger, oder das kol­la­bo­ra­ti­ve Prin­zip, oder die enzy­klo­pä­di­sche Qua­li­tät. Aber was mich lan­ge Jah­re dazu gebracht hat, vie­le Aben­de und Stun­den in das Schrei­ben von Ein­trä­gen, in Edit­wars, aber mehr noch in lan­ge Debat­ten um die sprich­wört­li­che Kom­ma­set­zung zu inves­tie­ren, war wohl die­ser Imperativ. 

Der hat natür­lich zunächst etwas sehr ame­ri­ka­ni­sches: Wenn du was ändern willst an der Welt, dann tue es ein­fach, nimm’s selbst in die Hand! Oder auch was von Pip­pi Lang­strumpf: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Fas­zi­na­ti­on strahl­te das »Be bold!« aber vor allem des­we­gen auf mich aus, weil sich ein rie­si­ges Pro­jekt mit vie­len tau­send Mit­strei­te­rIn­nen schein­bar allein an die­sem – darf ich das Adjek­tiv ver­wen­den – anar­chis­ti­schen Grund­satz kris­tal­li­sie­ren konn­te. Natür­lich ist das ver­kürzt, natür­lich gab es auch von Anfang an ande­re Regeln (den wis­sens­phi­lo­so­phisch frag­wür­di­gen neu­tra­len Stand­punkt, bei­spiels­wei­se), und natür­lich gab es das Gott­kö­nig­tum von Jim­bo Wales als Letzt­in­stanz. Trotz­dem: der Geist, den ich mit der Wiki­pe­dia ver­bin­de – seit 2002 war ich an der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia betei­ligt – lässt sich am ehes­ten in die­sem »Be bold!« zusam­men­fas­sen – immer zusam­men­ge­dacht mit einer von mir als angel­säch­sisch emp­fun­de­nen, stark deli­be­ra­tiv-dis­kur­si­ven Atmo­sphä­re des Pro­blem­lö­sens durch Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Augen­hö­he. Im schlimms­ten Fall dann ein »agree to disagree«.

Viel­leicht über­trei­be ich auch. Was auf jeden Fall stimmt, war ein Gefühl star­ker Gemein­schaft­lich­keit und Iden­ti­täts­stif­tung in der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia. Es gab zwar Trol­le und Quer­köp­fe, aber es waren unse­re Trol­le und Quer­köp­fe – viel­leicht unaus­weich­lich in einer rela­tiv klei­nen und ver­schwo­re­nen Pro­vinz­ge­mein­de an der Fron­tier. Was ich als unglaub­lich moti­vie­rend emp­fand, war nicht nur das Gefühl, Teil eines gemein­schaft­li­chen Pro­jekts zu sein, son­dern auch die Pra­xis die­ses Pro­jekts: in der kon­struk­ti­ven Zusam­men­ar­beit zwi­schen sich völ­lig Frem­den wur­de aus dem rade­bre­chen­den »Stub« des Nicht­mut­ter­sprach­lers ein aus­ge­wach­se­ner Artikel. 

Schon damals erschien mir die deutsch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia, an der ich mich spä­ter und spär­li­cher eben­falls betei­lig­te, weni­ger attrak­tiv. Viel­leicht, weil der Reiz des Frem­den fehl­te und damit das immer­glei­che Brei­ige bes­ser zur Gel­tung kam. Viel­leicht aber auch, weil der kul­tu­rel­le Rück­griff hier eben nicht bei »tongue in cheek«, Dis­kurs und einem gewis­sen anar­chis­ti­schen Grund­ver­ständ­nis lan­de­te, son­dern bei Ordent­lich­keit und Tüme­lei. Schon in den Anfangs­jah­ren war mein Bauch­ge­fühl immer das, dass hier, in der deut­schen – eigent­lich ja: deutsch­spra­chi­gen – Wiki­pe­dia Admi­nis­tra­to­ren (natür­lich sprach­lich nur Män­ner …) und Büro­kra­ten als Über­set­zung von admin und bue­r­au­crat als ernst gemeint ver­stan­den wur­den, nicht als unbe­lieb­te, aber not­wen­di­ge Tätig­kei­ten. Ent­spre­chend schnell – und schnell auch mit for­ma­li­sier­ten Ver­fah­ren und Abstim­mun­gen gestützt – ent­wi­ckel­te sich hier ein Ord­nungs­sys­tem aus Anträ­gen, Ein­spruchs­mög­lich­kei­ten und letzt­ent­schei­den­den Gre­mi­en. Wer schnell die Über­hand gewann, das waren die Per­fek­tio­nis­tIn­nen – die enzy­klo­pä­di­sche Lie­be fürs Detail über­trug sich auch auf die Ver­fah­rens­re­geln – und letzt­lich dann auch die »Dele­tio­nists«. Dazu gleich mehr. Erst­mal aber möch­te ich fest­hal­ten, dass mein Ein­druck von der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia immer unter dem Ver­gleich mit der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia stand, und dass ich hier das Gefühl einer selbst­or­ga­ni­sier­ten, auto­no­men, wenig hier­ar­chisch orga­ni­sier­ten Gemein­schaft, an der ich ger­ne und moti­viert Teil hat­te, nicht wie­der fand. Das gemein­sa­me Ziel war nicht mehr die Ver­kör­pe­rung des »Hitch­hi­ker Gui­de« – manch­mal ein biß­chen schräg oder im Detail irri­tie­rend, aber hilf­reich für alle Lebens­la­gen – son­dern das pro­fes­sio­nel­le Kon­kur­renz­pro­dukt zum Brock­haus. Die typi­sche Hand­be­we­gung für das sich rege ent­wi­ckeln­de »Ver­eins­le­ben« der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia ist dem­entspre­chend wohl der »Lösch­an­trag« – als Sym­bol für geord­ne­te Ver­fah­rens­we­ge. Vom »Be Bold!« zum »Sei mutig!«:

Zum Ver­gleich die Haupt­aus­sa­ge der bei­den Seiten:

We would like ever­yo­ne to be bold and help make Wiki­pe­dia a bet­ter ency­clo­pe­dia. How many times have you read some­thing and thought, »Why aren’t the­se pages copy-edi­ted?« Wiki­pe­dia not only allows you to add, revi­se, and edit arti­cles: it wants you to do it. It does requi­re some amount of poli­teness, but it works. You’ll see. Of cour­se, others here will edit what you wri­te. Do not take it per­so­nal­ly! (Be Bold!) 

Auf geht’s, mach die­se oder jene Ände­rung, kor­ri­gie­re einen Recht­schreib­feh­ler, füge einen Aspekt hin­zu, prä­zi­sie­re die Spra­che und so wei­ter. Das ist in Ord­nung! Es ist genau das, was alle erwar­ten. Und es funk­tio­niert tat­säch­lich, wenn­gleich ein gewis­ses Maß an Höf­lich­keit oder bes­ser noch Freund­lich­keit von­nö­ten ist. Du wirst schnell mer­ken: Der „instink­ti­ve“ und ver­ständ­li­che Wunsch eines Autors, sein Geschrie­be­nes zu „besit­zen“ und zu kon­ser­vie­ren, ist hier­bei jedoch kon­tra­pro­duk­tiv. Es ist gut, die­se emo­tio­na­le Bin­dung abzu­schüt­teln, indem man Ände­run­gen von vorn­her­ein offen gegen­über­steht, denn nur so kann sich das Ergeb­nis ver­bes­sern. Beden­ke: Du kennst mög­li­cher­wei­se nicht alle Aspek­te eines The­mas, auch wenn du noch so sorg­fäl­tig arbei­test. Und du kannst kei­nen neu­tra­len Stand­punkt ein­neh­men, wenn du dich an dei­nen Text klam­merst. Sei daher also auch mutig bei Ände­run­gen ande­rer an dei­nen Tex­ten. (Sei mutig!) 

Noch deut­li­cher wer­den die­se kul­tu­rel­len Unter­schie­de, wenn die eigent­li­chen poli­cy-Sei­ten ver­gli­chen wer­den (vgl. Dele­ti­on poli­cy mit Lösch­re­geln).

Damit will ich jetzt nicht sagen, dass die en.Wikipedia das Maß aller Din­ge ist, oder para­di­si­schen Cha­rak­ter hat. Aber trotz­dem hat sie es irgend­wie geschafft, bei aller Ver­re­ge­lung ein gewis­ses Maß an Frei­heit­lich­keit zu bewah­ren. Selbst in der Auf­lis­tung der Schnell­lösch­grün­de wird dies noch deut­lich. In der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia haben neue Arti­kel 15 Minu­ten Zeit, bis sie gelöscht wer­den (wenn sie nicht den har­ten Augen der rele­vanz­kri­te­ri­en­ge­schul­ten Admi­nis­tra­to­rIn­nen stand­hal­ten). In der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia heißt der Grund­satz »if the page can be impro­ved, this should be sol­ved through regu­lar edi­t­ing, rather than dele­ti­on«. Im Vor­der­grund steht immer noch – trotz tau­sen­der Arti­kel­lö­schun­gen pro Tag – die Kon­flikt­lö­sung durch Kom­mu­ni­ka­ti­on – nicht durch ein­mal eta­blier­te, har­te Standardverfahren.

Trotz alle­dem: auch in der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia haben die »Dele­tio­nists« die Ober­hand. In der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia sind sie über­mäch­tig. Wer sind Deletionists? 

Dele­tio­nists are bein­gs who are belie­ved by some to be edi­t­ing Wiki­me­dia Foun­da­ti­on pro­jects. Alt­hough most peop­le see the­se fai­ry-tale like ani­mals as pure­ly mythi­cal, some sub­scri­bers to the wikien‑l mai­ling list claim that not only does this spe­ci­es real­ly exist, but that it is devou­ring the Eng­lish Wikipedia!

Accord­ing to folk­lo­re, dele­tio­nists hold the point of view that dele­ting poor arti­cles is the only True Way. This is humo­rous­ly known as dele­tio­nism. Pre­vious­ly thought to be soli­ta­ry crea­tures quiet­ly defen­ding their right to remo­ve sub­stubs, recent claims have sug­gested that dele­tio­nists in fact gather in groups, known as cabals. (meta:deletionists)

Ich tref­fe jeden­falls vie­le der hier eher humo­rig beschrie­be­nen »bein­gs« in der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia an. Eine etwas aus­ge­wo­ge­ne­re Beschäf­ti­gung mit die­ser Spe­zi­es – bzw. mit der Not­wen­dig­keit von Rele­vanz­kri­te­ri­en für eine Enzy­klo­pä­die ist hier zu fin­den. Damit sind wir bei der aktu­el­len Debat­te um die Löschung »irrele­van­ter« Arti­kel wie »MOGIS« (fefe) oder »Chris­toph Seid­ler« (Han­no Böck). Die­se Debat­te hat es bis in den Spie­gel geschafft (und natür­lich auch in diver­se A‑Le­vel-Blogs). Inzwi­schen reagiert der Wiki­pe­dia-Ver­ein mit einem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bot (mehr dazu hier). Hin­ge­wie­sen sei auch auf den augen­zwin­kern­den Vor­schlag, der in der Pira­ten­par­tei kur­siert, die Wiki­pe­dia zu über­neh­men und Basis­de­mo­kra­t­rie dort einzuführen.

Die­se Lösch­de­bat­ten sind nichts neu­es. Dies­mal sind sie so rich­tig in die Augen der sonst nicht an der Wiki­pe­dia inter­es­sier­ten Netz­öf­fent­lich­keit gelangt, anders als z.B. die Lösch­de­bat­te um Mar­kus Becke­dahl im letz­ten Herbst. Mei­ne Betei­li­gung dar­an – die letzt­lich im Erhalt eines ver­bes­ser­ten und für rele­vant befun­de­nen Arti­kels gip­fel­te – war eine mei­ner letz­ten Akti­vi­tä­ten in der Wikipedia.

Damit zurück zum Anfang. Von 2002 bis etwa 2006 war ich rege aktiv in der Wiki­pe­dia. War (und bin wohl immer noch) Admin der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia, habe vie­le Näch­te damit zuge­bracht. Heu­te ist das nicht mehr so. Ich nut­ze die Wiki­pe­dia als Infor­ma­ti­ons­quel­le – meis­tens sehr zufrie­den, manch­mal auch ver­är­gert (etwa, wenn bestimm­te sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Denk­rich­tun­gen völ­lig feh­len). Dass ich heu­te noch selbst an Arti­keln etwas ände­re, kommt sel­ten vor – und wenn, dann sind es Recht­schreib­feh­ler. Einen Arti­kel neu anle­gen – aktu­ell habe ich weder Zeit noch Lust dazu. Dass ich zu einer akti­ven Mit­ar­beit an der Wiki­pe­dia nicht mehr moti­viert bin, hat ver­schie­de­ne Grün­de. Zur Block­war­tig­keit der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia kommt der ver­än­der­te Cha­rak­ter ins­ge­samt: es geht jetzt weni­ger um den Auf­bau eines Pro­jekts, son­dern um pro­du­sing, um ein rela­tiv hoch­wer­ti­ges Pro­dukt, dass durch kos­ten­lo­sen Arbeits­ein­satz von Frei­wil­li­gen ver­bes­sert und erhal­ten wird. Bleibt abzu­war­ten, wann einer der gro­ßen klas­si­schen Lexi­kon­an­bie­ter (oder Goog­le) ein Ange­bot zur Über­nah­me macht, das nicht aus­ge­schla­gen wer­den kann.

Natür­lich sind das nicht die ein­zi­gen Grün­de. WP steht für mich inzwi­schen eher für Wor­d­Press als für Wiki­pe­dia. Mei­ne Netz­ver­ge­mein­schaf­tung hat sich in Rich­tung Twit­ter und Face­book ver­la­gert. Und – typisch Mitt­drei­ßi­ger – freie Zeit zwi­schemn Kin­dern und Job fin­de ich auch sehr viel sel­te­ner (und wenn, nut­ze ich sie dazu, Arti­kel wie die­sen zu schreiben).

Unab­hän­gig von mei­ner per­sön­li­chen Geschich­te mit Wiki­pe­dia lässt sich der Pro­zess zwi­schen 2002 und heu­te aber auch als span­nen­des Fall­bei­spiel einer trans­kul­tu­rel­len For­ma­ti­on einer Orga­ni­sa­ti­on betrach­ten. Mit Gid­dens kann die Ein­füh­rung und andau­ern­de Durch­set­zung von Regeln als Struk­tu­ra­ti­on beschrie­ben wer­den, mit Latour (und der Tech­nik­so­zio­lo­gie ins­ge­samt) sehen wir Schlie­ßun­gen und inter­kul­tu­rel­le Pfad­ab­hän­gig­kei­ten.

Dass hier kräf­tig geforscht wird, ist daher gar nicht ver­wun­der­lich. Span­nend ist es alle­mal – und viel­leicht moti­vie­ren­der und weni­ger frus­tie­rend als die letzt­lich poli­ti­sche Ein­brin­gung in die Aus­hand­lungs­pro­zes­se in der Wiki­pe­dia selbst. 

War­um blog­ge ich das? Weil mich gera­de nach mei­nen eige­nen Erfah­run­gen mit der Wiki­pe­dia die Lösch­de­bat­te nicht hat ruhen las­sen – und ich mir dann die Zeit dafür genom­men habe, die­sen Text zu schreiben.

P.S.: Der vor­vor­letz­te klei­ne tech­nik­so­zio­lo­gi­sche Absatz mag gleich­zei­tig als Demons­tra­ti­on dafür die­nen, wo die Wiki­pe­dia inhalt­lich gut ist, und wo sie ihre eige­nen Qua­li­täts­stan­dards nicht erreicht. Nicht jeder der Links dort führt zum Ziel …

P.P.S.: Eine Reflek­ti­on über Rele­vanz­kri­te­ri­en fin­det sich auch bei Astro­dic­ti­cum Sim­plex. Lesenswert.

P.P.P.S.: Bei Riv­va wird deut­lich, wie breit die­se Debat­te inzwi­schen geführt wird. Ich möch­te noch auf einen wirk­lich lesens­wer­ten Text hin­wei­sen: die Sozi­al­theo­ris­ten sehen als Grund­pro­blem der Wiki­pe­dia als Orga­ni­sa­ti­on, dass ihr ein exter­ner Selek­ti­ons­me­cha­nis­mus fehlt (via Iso­topp). Dar­aus ein län­ge­res Zitat:

All die­se Orga­ni­sa­tio­nen ent­schei­den selbst, was rele­vant ist und was nicht. Aller­dings: Der Selek­ti­ons­me­cha­nis­mus ist ein exter­ner. Eine Par­tei, die sich the­ma­tisch ver­schätzt, wird abge­wählt. Ein Unter­neh­men, das sich ver­tut, fin­det kei­ne Käu­fer. Eine Zei­tung, die Fehl­ent­schei­dun­gen trifft wird ent­we­der nicht gele­sen oder gänz­lich igno­riert. Die Selek­ti­ons­me­cha­nis­men ope­rie­ren im Markt, im Wäh­ler­pu­bli­kum, in der Medi­en­land­schaft – die Orga­ni­sa­tio­nen sind die­sen Mecha­nis­men ausgeliefert.

Der Wiki­pe­dia fehlt solch ein Selektionsmechanismus. 

Anders gesagt: trotz der dank frei­em Lizenz­mo­dell theo­re­ti­schen (und diver­se Male in der Pra­xis geschei­ter­ten) Mög­lich­keit, zu »for­ken«, also eine Wiki­pe­dia mit ande­ren Regeln zu star­ten, ist Wiki­pe­dia de fac­to ein Mono­pol­an­bie­ter für frei­en Wis­sens­zu­gang. Die Sozi­al­theo­ris­ten kom­men jetzt zu der Schluss­fol­ge­rung, dass (des­we­gen) die Welt eine Stim­me in der Wiki­pe­dia braucht: »War­um darf man als Leser nicht dar­über abstim­men, ob man ein­zel­ne Bei­trä­ge für gut und infor­ma­tiv fin­det oder nicht.« 

Ich den­ke, da ist was wah­res dran – natür­lich kann in gewis­ser Wei­se jedeR heu­te schon über Arti­kel in der Wiki­pe­dia abstim­men, aber eben nur in der Form inten­si­ver Mit­ar­beit. Ein Ein­klick-Feed­back im Sin­ne von »die­ser Arti­kel war inter­es­sant« könn­te zwar auch in Edit­wars miss­braucht wer­den, wür­de aber eine sol­che exter­ne Rele­vanz­set­zung ermöglichen. 

P.P.P.P.S.: Die all­mäh­li­che Ver­fer­ti­gung der Gedan­ken beim Lesen und Schrei­ben. Bin jetzt bei mspro noch auf den Hin­weis gesto­ßen, dass Rele­vanz natür­lich längst ein exter­nes Selek­ti­ons­kri­te­ri­um ist – und zwar nicht zuletzt ver­mit­telt der Such­mas­ke. Was mich zu dem Schluss bringt: Infos, die in der Wiki­pe­dia viel­fach gesucht wer­den, aber ins Lee­re lau­fen, weil es kei­nen Arti­kel dar­über gibt, sind per se rele­vant und soll­ten nach Anla­ge des Arti­kels nicht aus Rele­vanz­grün­den wie­der gelöscht wer­den. Oder noch kür­zer: Was gesucht wird, soll auch gefun­den wer­den dürfen!

17 Antworten auf „Ein Versuch über Wikipedia“

  1. Sehr inter­es­san­ter Bei­trag, ich muss ihn nach­her noch­mal in Ruhe lesen. 

    Ein paar Gedan­ken: MOGIS, Tschunk, Zen­sur­su­la und Schäub­lo­ne wur­den die gan­ze Zeit gefun­den. Ob jetzt ein Arti­kel unbe­dingt ein eige­nes Lem­ma braucht, wenn die wesent­li­chen Infos bereits gut sicht­bar und im Kon­text in der Wiki­pe­dia ste­hen ist doch kei­ne ernst­haf­te Debat­te, mit der man sich beschäf­ti­gen müsste?

    Wich­ti­ger sind ech­te struk­tu­rel­le Pro­ble­me, auf die ich auch seit Jah­ren hin­wei­se. Die Rege­lungs­sucht ist ein Über­le­bens­me­cha­nis­mus der Wiki­pe­dia­ner. Man hat – größ­ten­teils unbe­wusst – Mecha­nis­men auf­ge­baut, Trol­le, Spin­ner und Selbst­dar­stel­ler zu frus­trie­ren. Man kann jedem zu jeder Zeit für jede Akti­on irgend­wel­che Regel­ver­stö­ße ankrei­den – die Hoff­nung ist, dass das »hive mind« nur die rich­ti­gen Regeln letzt­end­lich durch­setzt. Man hat dabei aber über­se­hen, wie viel Frus­tra­ti­on auf allen Sei­ten entsteht.

    Dass Wiki­pe­dia für Dich nicht mehr so inter­es­sant ist, hat wohl auch ande­re Grün­de: sowohl du als auch das Pro­jekt Wiki­pe­dia sind mitt­ler­wei­le in einer ande­ren Lebens­pha­se. Wenn 2002 in Wiki­pe­dia ein Feh­ler war – so what? Heu­te lan­den die Ergeb­nis­se von Wiki­pe­dia-Streits immer mehr vorm Rich­ter, ein Wiki beein­flusst Bör­sen­kur­se und Wahl­kämp­fe. Man fasst sich an den Kopf, aber es ist so.

    1. Ich hab’s gera­de mal aus­pro­biert: MOGIS, Zen­sur­su­la und Schäub­lo­ne sind tat­säch­lich ganz gut über die Suche auf­find­bar, die letz­ten bei­den haben (der­zeit) auf Wei­ter­lei­tun­gen, die auf »Sta­si 2.0« ver­wei­sen. Bei MOGIS fin­de ich die Such­ergeb­nis­se nicht so ganz befrie­di­gend, da wäre ein eige­nes Lem­ma (oder ein eige­ner Absatz in einem grö­ße­ren Text) sicher sinn­voll. Tschunk fin­det die Suche nicht als Misch­ge­tränk, son­dern nur im Zusam­men­hang mit Fuss­bal­lern, wenn ich das rich­tig sehe. »Chris­toph Seid­ler« taucht in meh­re­ren Ein­trä­gen über ande­re RAF-Mit­glie­der auf – allein das zeigt m.E. hier aller­dings schon, dass ein eige­nes Lem­ma sinn­voll wäre (oder zumin­dest sowas wie ein Grup­pen­ar­ti­kel »Mit­glie­der der RAF«). Letzt­lich sind das aber in der Tat Debat­ten, die eigent­lich in sinn­vol­ler Wei­se in der Wiki­pe­dia selbst geführt wer­den müs­sen. Die Lösch­dis­kus­si­on ist dafür aller­dings m.E. nicht der rich­ti­ge Ort. 

      Wich­tig fin­de ich dei­nen Hin­weis auf die unge­woll­ten Neben­ef­fek­te der »Rege­lungs­sucht«. Mich frus­tiert die ja auch (wenn auch die Lebens­pha­sen-Aus­sa­ge stimmt). 

      Was ler­nen wir jetzt dar­aus? Auf der einen Sei­te steht die alte Debat­te zwi­schen Dele­tio­nist und Inklu­sio­nists – ich zäh­le klar zu letz­te­ren. Die wird sich jetzt nicht auf­he­ben las­sen. Auf der ande­ren Sei­te ist es für mich die Fest­stel­lung, dass die Wiki­pe­dia in der Tat selbst eine ande­re Rele­vanz erlangt hat, als das vor ein paar Jah­ren noch der Fall war. Mein Fazit dar­aus wäre: im Kon­text der Kul­tur der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia braucht es sowas wie ein Ver­fas­sungs­kon­vent, das dazu da sein müss­te, das Dickicht gewach­se­ner Regeln – mit denen in der Tat bei bösem Wil­len und ent­spre­chen­den Macht­mit­teln so ziem­lich alles ver­hin­dert oder zumin­dest »frus­triert« wer­den kann – in eine trag­fä­hi­ge und fai­re Kon­sti­tu­ti­on umzu­wan­deln. Aber auch die klars­te Defi­ni­ti­on von User­rech­ten und die deut­lichs­te Demo­kra­ti­sie­rung inner­or­ga­ni­sa­to­ri­scher Ver­fah­rens­we­ge dürf­te wenig trag­fä­hig blei­ben, wenn die »Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur« bestehen bleibt, dass jede und jeder, die/​der bis­her nicht in der Wiki­pe­dia auf­ge­taucht ist, erst ein­mal unter dem Ver­dacht steht, ein Troll zu sein. Und da sind wir dann bei der rich­tig span­nen­den Her­aus­for­de­rung: wie sieht chan­ge manage­ment in einer Unor­ga­ni­sa­ti­on aus?

  2. Dass MOGIS nicht ganz befrie­di­gend ist liegt unter ande­rem dar­an, dass Bahls jede nach­prüf­ba­re Infor­ma­ti­on ver­wei­gert. Das mit dem Tschunk soll­te nicht sein, hier lahmt die Daten­bank offenbar. 

    Der Gegen­satz zwi­schen Inklu­sio­nis­ten und Exklu­sio­nis­ten ist in Wahr­heit nicht gar nicht so weit. Die lau­tes­ten Kri­ti­ker haben nie einen Arti­kel für Wiki­pe­dia geschrie­ben, in der Pra­xis ist es nur ein gra­du­el­les Pro­blem, wo man die Gren­ze zieht. 

    Was könn­te Dei­ner Mei­nung anch das Ergeb­nis eines Ver­fas­sungs­kon­vents sein? Heh­re Ansprü­che und gute Ideen gibt es immer wie­der – zum Bei­spiel die Fach-Redak­tio­nen, die Neu­an­kömm­lin­ge bei der Hand neh­men und so vor­ei­li­ge Löschun­gen ver­hin­dern. Wenn sich dann aber nach­her nie­mand an den Por­ta­len betei­ligt, nützt die schöns­te Einig­keit zu Beginn nicht. Auf der ande­ren Sei­te könn­te man den Ent­schei­dungs­pro­zess der Wiki­pe­dia als nie­mals enden­des Ver­fas­sungs­kon­vent sehen.

  3. Ich habe mich auch über die Löschi­tis von Wiki­pe­dia geärgert.
    So sehr, dass ich die

    http://www.wiki-waste.de/

    gegrün­det habe.

    Hier ver­su­che ich auf der einen Sei­te Inhal­te zu ret­ten, die Wiki­pe­dia löscht – und auf der ande­ren Sei­te hof­fe ich auch auf Autoren, die hier schrei­ben, was die Wiki­pe­dia für nicht rele­vant erachtet!

    Und MOGIS ist auch dabei!

  4. @Torsten: ein biß­chen geht das hier ja in die von mir ange­dach­te Rich­tung. Aber eigent­lich geht’s mir dar­um, dass eine regel­ver­ses­se­ne Orga­ni­sa­ti­on mit »gewach­se­nen« Regeln letzt­lich alles machen kann. Was fehlt (die gibt’s teil­wei­se auch, aber ich fin­de sie nicht zufrie­den­stel­lend) sind Meta­re­geln, die die Regel­set­zungs­kom­pe­tenz in einer für eine offe­ne Orga­ni­sa­ti­on mit vie­len tau­send pas­si­ven Nut­ze­rIn­nen zufrie­den­stel­len­den Art und Wei­se klären. 

    @Wiki-Waste: kennst du a. die­ses Skript? und b. die dele­ti­onpe­dia (63.000 gelösch­te Arti­kel aus der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia, über einen Bot »geret­tet«)? Ich mei­ne mich auch dun­kel noch an ein »best of dele­ted articles«-Blog zu erin­nern, fin­de das aber gra­de nicht.

    @alle: noch ein Hin­weis auf Andrew Lih und die Dele­tio­nism-Debat­te, die vor zwei Jah­ren in der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia statt­fand. Ich sehe da gewis­se Ähnlichkeiten.

  5. Till: Ich habe ges­tern einen tol­len Pod­cast von »This Ame­ri­can Life« gehört, der erklärt, wie das US-Gesund­heits­sys­tem gewach­sen ist – war­um das zu sei­ner Zeit gut und wich­tig war und wie sich das zu einem gewal­ti­gen Desas­ter ent­wi­ckelt hat. 

    Ich beglei­te die Ent­wick­lung bei Wiki­pe­dia seit zir­ka 5 Jah­ren und habe das wie­der­holt the­ma­ti­siert – allei­ne: wer soll den gor­di­schen Kno­ten durch­schla­gen? Der Mob, der der­zeit durch twit­ter und Blog-Kom­men­ta­re tobt, hat lei­der nicht aus­rei­chen­de Kennt­nis­se von der Kom­ple­xi­tät des Pro­blems. Kls­si­sche demo­kra­ti­sche Pro­zes­se set­zen die Schaf­fung eines Wahl­volks vor­aus, das ers­tens klar abge­grenzt ist und sich zwei­tens vor den Ent­schei­dun­gen aus­rei­chend infor­miert. Doch wenn man die wahl­be­tei­li­gung bei den Wah­len zu den Wiki­me­dia-Vor­stän­den ansieht, dann ist das Ergeb­nis deprimierend. 

    Even­tu­ell ist die »Ver­fas­sungs­ver­samm­lung« nicht das ulti­ma­ti­ve Mit­tel, viel­leicht soll­te die Wiki­me­dia Foun­da­ti­on ihre Mode­ra­ti­ons­funk­ti­on ver­stär­ken. Schließ­lich bestimmt die Stif­tung über die Soft­ware, deren Gestal­tung sich unmit­tel­bar auf die Ent­schei­dungs­pro­zes­se auswirkt. 

    Wiki-Was­te: Was Du da baust ist eine sys­te­ma­ti­sche Rechts­ver­let­zung. Wenn schon, dann bau Rechts­hin­wei­se und Ver­si­ons­ge­schich­te mit ein. Zudem sind nicht alle Arti­kel, die Du da auf­führst tat­säch­lich auch gelöscht.

  6. @Torsten

    Wärest Du bit­te so nett mir zu ver­ra­ten wo die Rechts­ver­let­zung liegt?
    Typi­scher­wei­se nen­ne ich die Quel­le (Wiki­pe­dia) und füh­re die Autoren auf.

    Mei­nes Wis­sens nach ist es nicht not­wen­dig die gesam­te His­to­rie zu importieren.

    Wür­de mich freu­en, wenn du da mir mehr dazu erzäh­len könntest.

  7. @Torsten:

    Hal­lo Torsten;
    Es war nicht systematisch.
    Typi­scher­wei­se habe ich das was ich gemacht habe mit Autoren (Oder einen Link zu den Autoren bei den ers­ten Arti­keln) Und einen Link zur Wiki­pe­dia gesetzt.

    Ich habe schon verscuht mich an WPs Lizenz­vor­ga­ben zu halten.

    Und das Lizenz­mo­del von Wiki-Was­te ent­spricht auch dem der WP soweit ich das als Laie betrachte.

    Dan­ke aber noch mal für einen Grund zur Reflekion ;-)

  8. Irgend­wo im Netz müss­ten auch Histo­ry-erhal­ten­de lizenz­kon­for­me Auto-Importer rum­fah­ren – es gibt/​gab genü­gend forks, die vor dem sel­ben Pro­blem stehen/​standen (vgl. z.B. »wiki­wei­se«).

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