Jugendverbandsnostalgie

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Heu­te abend fei­ert die Grü­ne Jugend ihren 20. Geburts­tag. Ein wenig weh­mü­tig lese ich die Tweets aus Ber­lin – mit­ten unter der Woche war mir der Weg aus dem Süd­wes­ten dann doch zu weit. 

Aber, ihr ahnt es schon: Ich bin einer von denen, die dazu bei­getra­gen haben, dass es seit 20 Jah­ren einen bun­des­wei­ten grü­nen Jugend­ver­band gibt. In eini­gen Län­dern schon län­ger. In Baden-Würt­tem­berg war ich 1991 mit dabei, als die „Grün-Alter­na­ti­ve Jugend“ ins Leben geru­fen wur­de (in Bie­tig­heim-Bis­sin­gen, wenn ich mich rich­tig erin­ne­re), und auch im Janu­ar 1994 in Han­no­ver war mei­ne Stim­me eine, die mit über Pro­gramm, Logo und Name („Rosa-Luxem­burg-Jugend“, anyo­ne?) ent­schie­den hat. (Ich mei­ne, es gab auch davor schon mal ein Vor­tref­fen in der dama­li­gen Bon­ner Par­tei­vil­la – da erin­ne­re ich mich jeden­falls auch noch dun­kel dran …)

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Aus dem Hinterwald

Green before the storm V

Baden-Würt­tem­berg, ach je. Über die libe­ra­len Groß- und Uni­städ­te, die grü­ne Stär­ke und die vie­len span­nen­den Pro­jek­te auf dem Land gerät die die­sem Land inne­woh­nen­de Pro­vin­zia­li­tät leicht ins Ver­ges­sen. Und es ist eine dop­pel­te Pro­vin­zia­li­tät, die nicht nur aus dem tie­fen länd­li­chen Raum gespeist wird, son­dern eben­so etwas mit der vor allem im würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­teil weit zurück­rei­chen­den pie­tis­ti­schen Tra­di­ti­on zu tun hat. Die Orte, in denen 60 bis 70 Pro­zent der Bevöl­ke­rung CDU oder schlim­me­res wäh­len: klar gibt es die weiterhin. 

Das fällt viel­leicht nicht auf den ers­ten Blick auf, weil es auch dort hübsch modern aus­sieht, inklu­si­ve Pho­to­vol­ta­ik-Anla­ge auf den pro­per reno­vier­ten Häus­chen (lohnt sich schließ­lich). Aber das sind Äußer­lich­kei­ten. Sobald es dar­um geht, was „nor­mal“ ist, und was nicht, wird es fins­ter. Bes­ter Beleg dafür sind die gera­de hoch­ko­chen­den Debat­ten um die Auf­nah­me der Akzep­tanz unter­schied­li­cher Lebens­for­men (ja, inklu­si­ve sexu­el­ler Viel­falt) in den Bil­dungs­plan 2015 (Leit­prin­zi­pi­en hier als PDF abruf­bar; dazu gene­rel­le Infor­ma­tio­nen zur Reform).

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Kurz: Exzellent verunsichert

Alt­kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pofalla bekommt einen Pos­ten bei der Bahn – als Chef­lob­by­ist. Die Medi­en berich­ten, ver­kehrs- und anti­kor­rup­ti­ons­po­li­ti­sche Empörung.

Die Sati­re­sei­te Pos­til­lon behaup­tet, bereits am 1.1. ent­spre­chen­des berich­tet zu haben. Der Schluss liegt nahe (war­um eigent­lich?): Die Medi­en­ma­schi­ne hat fei­er­tags­be­dingt Sati­re für Ernst genom­men und dann schlicht von­ein­an­der abge­schrie­ben. Pofalla – eine gigan­ti­sche Ente?

Oder doch Meta­sa­ti­re? Denn Blog­posts zurück­da­tie­ren kann jeder. Pofalla bei der Bahn ist also doch der Ernst­fall, die Ente sind wir – aber für einen Moment ver­wisch­ten die Gren­zen. Allein schon die Plau­si­bi­li­tät, dass es eben Sati­re hät­te sein kön­nen, zeigt die Absur­di­tät die­ser Per­so­na­lie. Ver­un­si­che­rung par excel­lence. Und dafür Cha­peau, lie­ber Postillon!

P.S.: Der Tho­mas Knü­wer schreibt sehr viel aus­führ­li­cher eine klu­ge Ana­ly­se dazu, was hier pas­siert ist.

Was das Cicero-Intellektuellen-Ranking über den deutschen Diskurs verrät

In einer Klick­stre­cke stellt Cice­ro die „500 wich­tigs­ten deut­schen Intel­lek­tu­el­len“ vor. Genaue­re Aus­sa­gen zur hin­ter die­sem Ran­king ste­hen­den Metho­de gibt es nicht, wohl aber den Hin­weis dar­auf, dass Poli­ti­ke­rIn­nen außen vor gelas­sen wur­den, da es sonst ein „Poli­ti­ker­ran­king“ gewor­den wäre. Ver­mut­lich wur­den irgend­wie die Erwäh­nun­gen in Leit­me­di­en gezählt.

Das Ergeb­nis ist in zwei­er­lei Hin­sicht bemer­kens­wert. Zum einen stellt es zwang­los in Fra­ge, wer oder was über­haupt ein Intel­lek­tu­el­ler oder eine Intel­lek­tu­el­le ist. Bei einer gan­zen Rei­he der auf­ge­führ­ten Publi­zis­tIn­nen, Jour­na­lis­tIn­nen, Schrift­stel­le­rIn­nen und Wis­sen­schaft­le­rIn­nen scheint mir deren Intel­lek­tu­el­len­ei­gen­schaft einem sich selbst ver­stär­ken­den Zir­kel­schluss zu unter­lie­gen: die­se Men­schen sind im Dis­kurs wich­tig, weil sie ger­ne in Talk­shows ein­ge­la­den wer­den – und sie wer­den ger­ne in Talk­shows ein­ge­la­den, weil sie ja offen­sicht­lich im Dis­kurs wich­tig sind. Neben dem Per­so­nal des Talk­show­dau­er­diens­tes fin­den sich in der Lis­te selbst­ver­ständ­lich auch Men­schen, die ich tat­säch­lich als intel­lek­tu­el­le Stim­me im Dis­kurs wahr­neh­me. Aber eben längst nicht alle.

Zum ande­ren zeigt die Lis­te eines sehr deut­lich. Ver­mut­lich gibt sie den deut­schen Medi­en­dis­kurs zwi­schen Talk­show und Feuil­le­ton, Kon­fe­renz­zir­kus und Key­notes gut und wahr­heits­ge­treu wie­der. Das mögen nicht alles Intel­lek­tu­el­le sein, aber es sind die, die öffent­lich reden und dabei Reso­nanz finden. 

Ich habe jetzt nicht gezählt – dafür wäre Daten­jour­na­lis­mus hilf­reich, Cice­ro -, hat­te beim Durch­kli­cken aber das empi­risch gesät­tig­te Gefühl, dass der Frau­en­an­teil in der Lis­te unter­halb von zehn Pro­zent lie­gen muss. Für die ers­ten fünf­zig, sech­zig Plät­ze liegt er ziem­lich genau bei zehn Prozent.

Das lie­ße sich jetzt auf ande­re Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­ma­le aus­deh­nen. Was Cice­ro nolens volens lie­fert, ist ein ein­drück­li­cher, wohl sta­tis­tisch abge­si­cher­ter Beweis für das Mei­nungs­kar­tell älte­rer Her­ren in Deutsch­land. Auch älte­re Her­ren kön­nen klu­ge, pro­gres­si­ve Ideen haben – aber wenn die Lis­te eine Aus­sa­ge über den deut­schen Dis­kurs trifft, dann wohl doch die, dass eine gewis­se Gräue, Müdig­keit und Erstarr­heit des „Dis­kur­ses“ – und damit der domi­nie­ren­den medi­al ver­mit­tel­ten Welt­deu­tung – nicht unplau­si­bel ist. Und: vie­le auf­ge­führ­te Welt­deu­te­rIn­nen und Popin­tel­lek­tu­el­le deu­ten die Welt seit eini­gen Jahr­zehn­ten. Nach, so ist es anzu­neh­men, doch weit­ge­hend ähn­li­chen Mustern.

Was das für gesell­schaft­li­che Fol­gen hat, und ob es anders mög­lich wäre, müss­te ein­mal in einer Talk­show bespro­chen wer­den. Oder lie­ber nicht.

War­um blog­ge ich das? Weil mich die geball­te intel­lek­tu­el­le Kom­pe­tenz, die Cice­ro hier zusam­men­ge­tra­gen hat, irri­tiert hat. Dank an J.W. für den Hin­weis auf das Ranking!