Die große Schaltkonferenz

Bildschirme  mit Twitter und Stream des Parteitags, Micha Kellner und Gesine Agena sind zu sehen

Vor ziem­lich genau 20 Jah­ren fand der „Vir­tu­el­le Par­tei­tag“ der baden-würt­tem­ber­gi­schen Grü­nen statt. Die­se Pio­nier­leis­tung habe ich damals in mei­ner Magis­ter­ar­beit (eine Zusam­men­fas­sung fin­det sich hier und – ganz knapp – hier) genau­er ange­schaut. Was macht einen Par­tei­tag aus? Neben der par­tei­en­gesetz­lich fest­ge­schrie­be­nen Auf­ga­be der inner­par­tei­li­chen Mei­nungs­bil­dung (und Wah­len und Abstim­mun­gen) gehört dazu nach innen auch etwas, was ich als „inner­par­tei­li­che Sozia­li­sa­ti­on“ beschrei­ben wür­de: das „Fami­li­en­tref­fen“, Kon­tak­te knüp­fen, Netz­wer­ke bil­den. Und nach außen ist ein Par­tei­tag immer auch media­les Event, eine Mög­lich­keit, The­men zu set­zen, in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung vor­zu­kom­men. Bei­des ver­knüpft sich, wenn Journalist*innen, die eine Par­tei beob­ach­ten, auf dem Par­tei­tag direkt mit Dele­gier­ten spre­chen und ein Gefühl für die Stim­mung in der Mit­glied­schaft ent­wi­ckeln. Für Redner*innen auf der Büh­ne ist die Par­tei­tags­hal­le Echo­raum – es wird schnell klar, wo der Bei­fall tost und was eher auf müde Gesich­ter stößt. Die Par­tei erfährt sich selbst.

Ein Par­tei­tag ist also eine viel­schich­ti­ge Ange­le­gen­heit. Einen sol­chen vor 20 Jah­ren ins Netz zu ver­le­gen, hieß damals in Baden-Würt­tem­berg: über meh­re­re Tage lang in ver­schie­de­nen Dis­kus­si­ons­fo­ren inhalt­lich argu­men­tie­ren, um dann zu fes­ten Zeit­punk­ten mit einem gesi­cher­ten Ver­fah­ren Abstim­mun­gen unter den Dele­gier­ten durch­zu­füh­ren und so am Schluss zu einer Posi­tio­nie­rung zu kom­men, damals zu Laden­öff­nungs­zei­ten. Als einer der ers­ten Geh­ver­su­che der Par­tei­en im Netz war der Vir­tu­el­le Par­tei­tag ein über­re­gio­na­les Medi­en­er­eig­nis. Die Mei­nungs­bil­dung erfolg­te schrift­lich, kein Platz für gro­ße Reden. Damit zumin­dest ein biss­chen vom Ken­nen­ler­nen der ande­ren Dele­gier­ten und Mit­glie­der übrig blieb, gab es eine „Kaf­fee­ecke“, ein nicht the­ma­tisch fest­ge­leg­tes Dis­kus­si­ons­fo­rum. Das alles, wie gesagt, über einen län­ge­ren Zeit­raum gestreckt, also eher asyn­chron, und defi­ni­tiv textbasiert. 

Ein paar Jah­re spä­ter lan­de­te der Vir­tu­el­le Par­tei­tag zwar in der baden-würt­tem­ber­gi­schen Sat­zung, ein paar ande­re Lan­des­ver­bän­de mach­ten ähn­li­ches, aber ins­ge­samt blieb es beim ein­ma­li­gen Ver­such. Die Dif­fe­renz zu dem, wozu Par­tei­ta­ge in einer Par­tei die­nen, war dann doch zu groß. Zudem gibt es recht­li­che Hür­den (Wah­len sind nur in Ver­samm­lun­gen mög­lich), gehei­me Abstim­mun­gen sind kaum sicher umzu­set­zen, die Kos­ten waren ähn­lich hoch wie für die Anmie­tung einer Hal­le, und die Idee, dass sich jetzt plötz­lich gro­ße Tei­le der Mit­glie­der­schaft betei­li­gen, erfüll­te sich auch nicht – ein gro­ßer Anteil der Bei­trä­ge kam von weni­gen „Power­usern“. Über das Geschlech­ter­ver­hält­nis will ich jetzt gar nicht reden.

Kurz­um: bis vor kur­zen hät­te ich gesagt, dass es sich nicht lohnt, das For­mat Par­tei­tag im Netz nachzubauen. 

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Zeit des Virus, Update III

Flowers everywhere! - IX

All­mäh­lich wird aus der hek­ti­schen Betrieb­sam­keit der ers­ten Wochen etwas, das sich lang zieht, etwas, das nach Aus­dau­er und War­ten ruft. Etwas, das noch kein Ende kennt, ein Drit­tes neben Kri­se und Normalbetrieb.

In den letz­ten drei Wochen, seit ich zuletzt über die „Zeit des Virus“ geschrie­ben habe, ist es gefühlt deut­lich schwie­ri­ger und anstren­gen­der gewor­den. Ostern hat ganz gut geklappt, Kern­fa­mi­li­en­fei­er, per Sky­pe zuge­schal­te­te Groß­el­tern und Geschwis­ter, gemein­sam ver­brach­te Zeit. Aber die Oster­fe­ri­en, die in Baden-Würt­tem­berg erst mor­gen enden, sind kei­ne Feri­en, weil die Kin­der bei­de noch Schul­stoff erle­di­gen müs­sen, und weil auch die Frak­ti­ons­ar­beit weit­ge­hend „nor­mal“ weiterläuft.

Auch bei mir gibt es zuneh­mend das Gefühl, dass es doch mal auf­hö­ren müss­te mit die­sem Lock­down, mit den gan­zen Beschrän­kun­gen. Ich kann mir noch nicht so ganz vor­stel­len, wie die Kin­der damit klar kom­men sol­len, wei­te­re Wochen im „Home-Schoo­ling“ zu ver­brin­gen. Für Mon­tag sind die nächs­ten Auf­ga­ben und Tele­fo­na­te mit den Lehrer*innen ange­kün­digt. „Macht doch mal was“ bleibt trotz­dem an den Eltern hän­gen, und klar: es gibt so etwas wie einen Rhyth­mus, aber es sind doch Tage, an denen deut­lich weni­ger pas­siert als es in der Schu­le der Fall wäre. Und zumin­dest R. ist zuneh­mend frus­triert davon, wenn drau­ßen auf dem Hof Kin­der spie­len und ich nur sage, dass wir es nicht möch­ten, dass er dazu geht.

Gefühlt also Eile, trotz aller Intro­ver­tier­heit der Wunsch, dass die Zeit des Virus mal vor­bei gehen möge. Und gleich­zei­tig im Kopf das Wis­sen dar­um, dass wir noch längst nicht über den Berg sind, der Ärger dar­über, dass allein die Debat­te um „Locke­run­gen“ bei eini­gen wohl dazu geführt hat, das alles nicht mehr ernst zu neh­men … ich möch­te nicht wis­sen, was das für die Anste­ckungs­zah­len in ein paar Tagen bedeutet.

Und wenn ich ver­su­che, mir die ver­schie­de­nen Stra­te­gien, mit dem Virus umzu­ge­hen, vor Augen hal­te, dann wird klar: Her­den­im­mu­ni­tät, der Auf­bau eines natür­li­chen Schut­zes bei einem gro­ßen Teil der Bevöl­ke­rung: das funk­tio­niert nicht, jeden­falls nicht ohne eine Viel­zahl an Toten in Kauf zu neh­men. Was jetzt pas­siert, ist das Sen­ken der Wei­ter­ver­brei­tung auf ein Maß, mit dem das Gesund­heits­sys­tem klar kommt. Das sieht aktu­ell gut aus, die Neu­in­fek­tio­nen sind zurück­ge­gan­gen und seit Tagen sta­bil, auch die Zahl der täg­li­chen Todes­fäl­le ist halb­wegs sta­bil (zynisch, dass das eine gute Nach­richt ist). Aber so wei­ter zu machen, heißt eben auch, einen Kern aus Kon­takt­ver­mei­dung und har­ten Beschrän­kun­gen noch min­des­tens bis in den Herbst, viel­leicht auch ins Früh­jahr auf­recht zu erhal­ten. Und dann ste­hen sowohl Selb­stän­di­ge, die nichts ver­die­nen, weil der­zeit zum Bei­spiel nie­mand Auf­trit­te von Künstler*innen bucht, vor einem Pro­blem – genau­so wie alle Eltern, die das Gewurs­tel der letz­ten Wochen bis weit in die Zukunft hin­ein wei­ter­füh­ren sol­len. (Und nein, bei wei­tem nicht jeder Haus­halt besteht aus Vater Allein­ver­die­ner, der päd­ago­gisch ver­sier­ten Mut­ter Hob­by­leh­re­rin und den bra­ven Kin­dern 1 und 2, die ger­ne mit dem Hund im Gar­ten tol­len). (Apro­pos: sehr gut dazu Anna­le­na Baer­bock in der taz).

Nahe lie­gen­de Lösun­gen für die­ses Pro­blem gibt es nicht, am bes­ten wäre wohl eine Kom­bi­na­ti­on aus ech­tem Tele­un­ter­richt für die Kin­der (aber das muss tech­nisch erst ein­mal klap­pen), einem rol­lie­ren­den oder sonst irgend­wie redu­zier­tem Sys­tem von Kita- und Schul­öff­nun­gen und Lohn­er­satz­leis­tun­gen für alle, die so nicht arbei­ten kön­nen. Und irgend­wann dann die Imp­fung. Aber so oder so heißt dass, das es noch eine gan­ze Wei­le wei­ter­geht mit dem Sta­tus quo.

Der klei­ne Hoff­nungs­fun­ke: die Zahl der Neu­in­fek­tio­nen und die Zahl der Infek­tio­nen pro Per­son nimmt so stark ab, dass wie­der zu „Con­tain­ment“ als Stra­te­gie gegrif­fen wer­den kann. Das hat aber zwei nicht ganz ein­fa­che Vor­aus­set­zun­gen. Zum einen braucht es schnel­le Tests, auch auf Immu­ni­tät, und Wis­sen dar­über, wie die Dun­kel­zif­fern aus­se­hen. Also Tests und Strich­pro­ben. Und zum ande­ren braucht es eine Ein­hal­tung sowohl der jetzt gel­ten­den Kon­takt­be­schrän­kun­gen wie auch der dann wei­ter not­wen­di­gen Hygie­ne­re­geln durch einen gro­ßen Teil der Bevöl­ke­rung, also Ein­sicht. Bei den Tests und Stich­pro­ben bin ich halb­wegs zuver­sicht­lich, bei der Ein­sicht habe ich der­zeit so mei­ne Zwei­fel. Der Heins­berg-Coup von Laschet ist dies­be­züg­lich, um es deut­lich zu sagen, hoch­gra­dig kontraproduktiv.

In der Pres­se und in der Frak­ti­on – genau­so wie in den sozia­len Medi­en – gibt es der­zeit eigent­lich nur ein The­ma. Auch das trägt dazu bei, dass die­se Tage sich stre­cken. Es geht immer um Coro­na. In der Arbeit. In der Frei­zeit. Am Wochen­en­de. In den „Feri­en“. Usw. Klar gibt es Flucht­mo­men­te – Com­pu­ter­spie­le, Fil­me, Bücher – aber eigent­lich ist das Virus dau­er­prä­sent. Und das seit Wochen. Auch das macht die­se Zeit schwie­rig. Viel­leicht brau­chen wir hier ande­re Räume.

Gleich­zei­tig emp­fin­de ich es als schwie­rig, die Pan­de­mie aus­zu­blen­den. Bei­spiel Wahl­pro­gramm – im Früh­jahr 2021 sind Land­tags­wah­len in Baden-Würt­tem­berg. Da jetzt ein Pro­gramm zu schrei­ben, das aus­sieht wie jedes ande­re, das wird nicht gehen. Nicht nur, weil die Wirt­schafts­la­ge und die Finanz­la­ge des Lan­des eine ande­re sein wer­den, son­dern auch des­we­gen, weil die Pan­de­mie eine gan­ze Rei­he von poli­ti­schen Prio­ri­tä­ten umge­wor­fen hat. Das ist jeden­falls mein Ein­druck. Jetzt auf Ant­wor­ten aus dem Jahr 2019 zu set­zen, hät­te ähn­li­che Effek­te wie die gran­di­os dane­ben gegan­ge­ne „Alle reden von Deutsch­land – wir nicht“-Kampagne, die die West-Grü­nen nach der Wen­de aus dem Bun­des­tag kick­te. Es braucht also Sen­si­bi­li­tät dafür, wie die Stim­mung im Land im Früh­jahr 2021 aus­se­hen wird. Nur weiß das jetzt noch nie­mand. Poli­tik wie üblich funk­tio­niert auch des­we­gen gera­de nicht.

Arne Jung­jo­hann hat­te auf Twit­ter mit Bezug auf Caro­lin Emckes Coro­na-Tage­buch nach gene­ra­tio­nen­de­fi­nie­ren­den his­to­ri­schen Ereig­nis­sen gefragt. Bis­her hät­te ich da mit Tscher­no­byl geant­wor­tet, viel­leicht mit der Wen­de, mit der ers­ten rot-grü­nen Bun­des­re­gie­rung, mit 9/11 oder auch mit Fuku­shi­ma und allen Fol­gen, auch in der baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­po­li­tik. Gut mög­lich, dass das Jahr 2020 in vie­len Bio­gra­fien die­se Ereig­nis­se über­strah­len wird und in der Geschich­te der Zukunft der Punkt sein wird, an dem das alte 20. Jahr­hun­dert dann wirk­lich geen­det hat.

P.S.: April­ta­ge mit fast 30° Cel­si­us, viel zu wenig Regen, Dür­re­war­nung – die ande­re gro­ße Kri­se ist wei­ter­hin da.

Zeit des Virus, Update II

All­mäh­lich ent­wi­ckeln sich neue Rou­ti­nen. Drau­ßen blü­hen die Obst­bäu­me und die For­sy­thi­en, die Wie­sen sind von Gän­se­blüm­chen über­sät. Drin­nen wech­seln sich Tage, an denen eine Video­kon­fe­renz auf die ande­re folgt, mit Tagen ab, an denen mei­ne Kin­der bei mir sind, und an denen die Frak­ti­ons­ar­beit in den Hin­ter­grund rückt.

Ich beob­ach­te, dass auch Tele­fo­na­te mit Kolleg*innen inzwi­schen häu­fi­ger als frü­her als Video­te­le­fo­nat statt­fin­den. Das mag eine Unacht­sam­keit sein, weil unser Tele­fon­sys­tem hier sei­ne Eigen­hei­ten hat, mag aber auch dem Wunsch ent­spre­chen, die Kol­le­gin bzw. den Kol­le­gen zumin­dest mal zu sehen. Und manch­mal ertap­pe ich mich dabei, die Tasche für das Pen­deln packen zu wol­len und früh ins Bett gehen zu wollen.

Aber das ist jetzt anders. Wir blei­ben län­ger wach und ste­hen spä­ter auf.

Die Kin­der dazu zu moti­vie­ren, die Auf­ga­ben­zet­tel abzu­ar­bei­ten, fällt wei­ter­hin schwer. Wenn schon Schu­le, dann doch lie­ber Dokus zu kom­plett ande­ren The­men anschau­en oder die Mathe­app durch­ar­bei­ten. Ich bin froh, dass der Schul­lei­ter der Schu­le mei­ner Kin­der in einem Rund­schrei­ben dar­auf hin­weist, dass die­ses Schul­jahr kein nor­ma­les Schul­jahr sein wird, und dass alle ihre Erwar­tun­gen ändern müssen.

Nach­mit­tags spielt R. nicht mit dem Nach­bars­jun­gen auf dem Hof, son­dern mit sei­nem Cou­sin aus Bonn auf einem Mine­craft-Ser­ver. Für Z. ist Whats­app der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal der Wahl, um mit ihren Freund*innen in Kon­takt zu bleiben.

Ich ver­su­che wei­ter­hin, die Woh­nung mög­lichst sel­ten zu ver­las­sen. Das hat zu einem auf­ge­räum­ten Bal­kon geführt und zu aus­ge­mis­te­ten Zei­tungs­sta­peln. Gut, dass es Twit­ter und Net­flix gibt, dass eBooks wei­ter lie­fer­bar sind, und gut, dass es Com­pu­ter­spie­le gibt, die ich mag (der­zeit neben Star­dew Val­ley v.a. Mini­me­tro). Ehr­lich gesagt: ganz so groß sind die Unter­schie­de in mei­ner Frei­zeit­ge­stal­tung nicht – manch­mal hat Intro­ver­tiert­heit auch Vorteile.

Raus­ge­gan­gen bin ich in den letz­ten Tagen ein­mal zum Ein­kau­fen und zwei­mal, um beim Rad­fah­ren bzw. Spa­zie­ren­ge­hen etwas fri­sche Luft und Bewe­gung zu bekom­men. Ich bin froh, in einem Bun­des­land zu leben, dass die nöti­gen Maß­nah­men zur Kon­takt­ver­mei­dung nicht unnö­tig streng aus­legt – anders als in Ber­lin sind Pick­nick­de­cken und Park­bän­ke nicht per se ver­bo­ten, anders als in Sach­sen wird die Ent­fer­nung zur Woh­nung nicht kon­trol­liert. Aller­dings kann es drau­ßen ganz schön voll sein – ges­tern, bei schö­nem Früh­lings­wet­ter, bot es sich dann an, von den Haupt­rou­ten abzu­zwei­gen, um nicht alle paar Meter jemand aus­wei­chen zu müssen.

Hefe gibt es wei­ter­hin nicht. Der net­te Bio­la­den ver­wan­delt sich nach und nach in eine Indus­trie­hal­le: Ple­xi­glas­schei­ben an der Kas­se, gelb-schwarz abge­kleb­te Sperr­zo­nen und Abstands­mar­kie­run­gen. Es ist recht leer. Beim Ein­kau­fen füh­le ich mich wei­ter­hin unsi­cher: Ist es ris­kant, das nicht abge­pack­te Gemü­se zu kau­fen? Wie vie­le Packun­gen Milch, wie viel Mehl ist ange­mes­sen? Ist es ein Pro­blem, den Stift für die bar­geld­lo­se Unter­schrift anzufassen?

War­um Hefe? Offen­bar bin ich nicht der ein­zi­ge, der jetzt ver­su­chen möch­te, selbst Brot zu backen, statt zum Bäcker zu gehen. Viel­leicht geht es dabei um das Gefühl, sich not­falls selbst ver­sor­gen zu kön­nen – „Angst­ba­cken“ nann­te das jemand auf Twitter.

Wie geht es wei­ter? Das Land befin­det sich im War­te­zu­stand. Die Zahl der neu­en Fäl­le steigt lang­sa­mer an als vor ein paar Tagen, aber es ist unklar, ob das ein Abfla­chen der Kur­ve ist oder nur ein Arte­fakt begrenz­ter Test­ka­pa­zi­tä­ten und eines ver­än­der­ten Test­re­gimes. Wäh­rend­des­sen stei­gen die Todes­fäl­le wei­ter expo­nen­ti­ell an. Der Blick nach Frank­reich, nach Ita­li­en, in die USA beun­ru­higt. Wir war­ten weiter.

Zeit des Virus, Update I

Vor einer Woche schrieb ich über die Not­wen­dig­keit von Maß­nah­men, um die Aus­brei­tung des Coro­na-Virus ein­zu­däm­men. Im Lauf die­ser Woche ist eini­ges pas­siert – inzwi­schen gibt es in Frei­burg de fac­to Aus­gangs­sper­ren, das Betre­ten öffent­li­cher Stra­ßen und Plät­ze ist nur noch in begrün­de­ten Fäl­len bzw. durch Grup­pen von maxi­mal drei Per­so­nen oder Fami­li­en erlaubt, der ÖPNV darf nur für drin­gend not­wen­di­ge Fahr­ten genutzt wer­den. In Baden-Würt­tem­berg sind nach drei Rechts­ver­ord­nun­gen und Anspra­chen des Minis­ter­prä­si­den­ten und der Kanz­le­rin Schu­len und Kitas sind zu, die Spiel­plät­ze abgesperrt. 

Bis auf den Ein­zel­han­del für Lebens­mit­tel und Apo­the­ken (und ein paar wei­te­re Aus­nah­men) muss­ten alle Geschäf­te schlie­ßen, Restau­rants dür­fen nur noch Essen „to go“ ver­kau­fen. Zudem ist es heu­te, anders als es die Woche über war, kalt und reg­ne­risch. All das trägt dazu bei, dass sich jetzt wirk­lich nur noch sehr weni­ge Men­schen drau­ßen bewe­gen. Die Fall­zah­len stei­gen zunächst noch expo­nen­ti­ell an. Der­weil tobt der wis­sen­schaft­li­che Streit dar­über, ob #flat­ten­the­cur­ve die rich­ti­ge Stra­te­gie ist, und wenn ja, wie lan­ge die strik­ten Beschrän­kun­gen des öffent­li­chen Lebens dau­ern müs­sen – abseh­bar ist, dass es auch über das Ende der Oster­fe­ri­en hin­aus Ein­schrän­kun­gen geben muss. Schul­prak­ti­ka und die Eng­land­fahrt der Toch­ter wur­den jeden­falls schon abgesagt.

Was neh­me ich nun aus die­ser beweg­ten Woche mit? 

Bis­her war Home-Office der Aus­nah­me­fall, jetzt wird es zur Regel. Nur noch ein ganz rudi­men­tä­rer Stab ist in der Frak­ti­on, alle ande­ren Kolleg*innen arbei­ten von zu Hau­se aus. Ent­spre­chend fan­den in die­ser Woche dut­zen­de Tele­fon- und Video­kon­fe­ren­zen statt (hier zahlt sich halb­wegs gute Tech­nik und Stumm­schalt­dis­zi­plin aus). Die Berater*innen-Runde mit rund 20 Leu­ten funk­tio­niert gut als Video­kon­fe­renz, bei der Frak­ti­ons­sit­zung mit alles in allem 80 oder 90 Per­so­nen wird’s schon etwas schwie­ri­ger, aber auch das geht. Gelernt habe ich aber auch: nicht jede Kom­mu­ni­ka­ti­on braucht gleich eine Video­kon­fe­renz, manch­mal reicht die gute alte E‑Mail.

Was weni­ger gut funk­tio­niert, ist die Kom­bi­na­ti­on aus Home-Office und Kin­der­zu­stän­dig­keit. Ich habe den Luxus, dass das bei mir nur die hal­be Woche der Fall ist. Die Kin­der haben von der Schu­le Auf­ga­ben­pa­ke­te und Arbeits­blät­ter mit­ge­bracht, die sie erle­di­gen sol­len. In der Theo­rie kön­nen sie das auch, schon in der Grund­schu­le haben sie Frei­ar­beit gelernt, jetzt, in der wei­ter­füh­ren­den Schu­le, geht viel über Arbeits­plä­ne und indi­vi­du­el­les Ler­nen. In der Pra­xis ist ihre Moti­va­ti­on dafür aber gering, so in hal­ber selt­sa­mer Feri­en­stim­mung – alle Akti­vi­tä­ten fal­len aus – und ohne Mög­lich­keit, raus zu gehen, um Freun­de zu tref­fen, sind Han­dy und Tablet extrem ver­lo­ckend. Kin­der moti­vie­ren oder kon­zen­triert arbei­ten – das geht nicht bei­des auf ein­mal. Mal sehen, wie sich das wei­ter ein­spielt. (Und ja: nicht nur ich, son­dern auch die Kin­der wol­len Früh­stück und Mit­tag­essen und Abend­essen und und und … auch das muss erle­digt wer­den). Also: alles nicht so ein­fach. Und ein Mehr an Zeit für „end­lich mal …“ fin­de ich zumin­dest nicht.

Raus gehen, um ein­zu­kau­fen fühlt sich selt­sam an. Über­haupt, raus gehen – oder lie­ber selbst dafür nicht? Selt­sam fühlt sich’s an, weil der Laden vol­ler Hin­wei­se hängt, doch bit­te Abstand zu hal­ten, und weil bei­spiels­wei­se der Kaf­fee­aus­schank abge­stellt wur­de, und auch, weil selbst im Bio­la­den eini­ge Rega­le leer sind. Neben dem sprich­wört­li­chen Klo­pa­pier geht’s da um basa­le Din­ge – Mehl, Nudeln, Zwie­beln, Hefe, Brot … Beglei­tet wird der Ein­kauf von Unsi­cher­heit: Lie­ber abge­pack­te Pro­duk­te kau­fen? Wie viel ein­zu­kau­fen ist sozi­al ange­mes­sen? Wo lau­ert das Virus?

Nicht zuletzt: bedrü­cken­de Nach­rich­ten aus dem Elsass und aus Ita­li­en. Und der sor­gen­vol­le Blick auf die Ver­laufs­kur­ve der Fälle. 

Zeit des Virus

White and blue V

Wun­der­ba­res Früh­lings­wet­ter. Aber alles ist anders als normalerweise. 

Noch sind nur die gro­ßen Ver­an­stal­tun­gen behörd­lich ver­bo­ten. Aber es scheint mir nur eine Fra­ge von Tagen zu sein, bis auch in Deutsch­land dras­ti­sche Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um die Aus­brei­tung des Coro­na­vi­rus zu ver­lang­sa­men. Schul­schlie­ßun­gen, Besuchs­ver­bo­te in Kran­ken­häu­sern und Alten­hei­men, Schlie­ßun­gen von Cafes und Knei­pen. Grenz­schlie­ßun­gen und Ein­schrän­kun­gen der Rei­se- und Bewegungsfreiheit.

Das klingt dras­tisch, und das ist dras­tisch – aber es ist das, was Stand der Wis­sen­schaft ist, um tau­sen­de Tote zu ver­mei­den. Hören wir auf die Wissenschaft!

Das Coro­na­vi­rus ist zwar nur für einen klei­nen Teil der Ange­steck­ten töd­lich – aber es brei­tet sich aus. Und weil jede ange­steck­te Per­son im Schnitt zwei bis vier wei­te­re Per­so­nen ansteckt, brei­tet es sich nach einer expo­nen­ti­el­len Logik aus: inner­halb weni­ger Tage ver­dop­peln sich die Fall­zah­len. Das war in Wuhan so, das ist in Ita­li­en so, und das ist nach allem, was die Zah­len her­ge­ben, auch in Deutsch­land so. Expo­nen­ti­al­kur­ven pas­sen nicht zu unse­rem All­tags­ver­ständ­nis. Sie sind nicht intui­tiv – aber das ändert nichts an ihrer Gefähr­lich­keit. (Wer es nach­le­sen will: die Süd­deut­sche hat das her­vor­ra­gend aufbereitet). 

Um die Aus­brei­tung des Virus zu ver­lang­sa­men, um die Kur­ven so abzu­fla­chen, dass das Gesund­heits­sys­tem mit der Zahl schwe­rer Fäl­le zurecht kommt, ist es des­we­gen jetzt rich­tig, sozia­le Kon­tak­te zu mini­mie­ren. Egal, was das für jede und jeden von uns an Ein­schnit­ten bedeu­tet. #flat­ten­the­cur­ve

Des­we­gen habe ich über­haupt kein Ver­ständ­nis für die­je­ni­gen, die damit argu­men­tie­ren, dass das ja auch nur eine Art Grip­pe sei, oder die spitz­fin­dig Regeln unter­lau­fen und bei­spiels­wei­se bei einem Ver­an­stal­tungs­ver­bot ab 1000 Per­so­nen halt nur 999 rein­las­sen. Ich kann mir da nur an den Kopf fas­sen – Moment, auch das lie­ber nicht – weil 1000 natür­lich kei­ne magi­sche Gren­ze ist, unter­halb der das Virus sei­ne Anste­ckungs­ge­fahr ver­liert, son­dern eine tech­ni­sche Zahl. Ja, es geht auch um Ein­nah­me­aus­fäl­le und wirt­schaft­li­che Schä­den – bis hin zur Exis­tenz­be­dro­hung für bei­spiels­wei­se Künstler*innen und Messebauer*innen – und dafür braucht es Lösun­gen. Das Unter­lau­fen von Regeln kann aber kei­ne sol­che Lösung sein. Wer ver­nünf­tig ist, sagt ab, und macht zu.

Frei­burg ist eine ver­netz­te Stadt – das Elsass und die Schweiz sind eng mit uns ver­floch­ten. Jetzt ist das Elsass Risi­ko­ge­biet – aus­ge­hend von einem Tref­fen einer Frei­kir­che brei­tet sich das Virus mas­siv aus. Pendler*innen aus dem Elsass sol­len nicht mehr nach Süd­ba­den kom­men, Kin­der nicht mehr hier zur Schu­le gehen. Das sind har­te Ein­schnit­te in unse­re geleb­te euro­päi­sche Nor­ma­li­tät. (Und selbst im Klei­nen bemerk­bar – bei­spiels­wei­se kommt ein Teil des Gemü­ses im loka­len Bio­la­den von elsäs­si­schen Bau­ern­hö­fen – und ist aktu­ell nicht lieferbar.)

Ich arbei­te ganz regu­lär schon jetzt etwa die Hälf­te der Woche im Home-Office. Das hat eine gan­ze Men­ge Nach­tei­le, und ich freue mich über den direk­ten Aus­tausch mit Kolleg*innen, an den Tagen, an denen ich in Stutt­gart bin. Eigent­lich war mein März-Kalen­der voll – neben den Arbeits­ter­mi­nen in Stutt­gart gab es auch noch eine gan­ze Rei­he Par­tei­ter­mi­ne. Als Frak­ti­on woll­ten wir am Mon­tag unser vier­zig­jäh­ri­ges Jubi­lä­um fei­ern. Das haben wir schon vor zwei Wochen in den Juni ver­scho­ben. Damals haben noch eini­ge gelä­chelt oder gemeint, das sei doch eine Über­re­ak­ti­on. Jetzt mache ich mir Sor­gen, ob der Juni-Ter­min nicht noch zu früh ist. Par­tei-Arbeits­grup­pen zum Wahl­pro­gramm wer­den jetzt als Tele­fon­kon­fe­ren­zen statt­fin­den – über­haupt: Tele­fon- und teil­wei­se Video­kon­fe­ren­zen sind plötz­lich das Mit­tel der Wahl. Per­fekt läuft das noch nicht, aber als Pro­vi­so­ri­um kann eine Vor­stands- oder Arbeits­kreis­sit­zung auch in sol­chen For­ma­ten statt­fin­den. Und zum Glück sind wir über­wie­gend mit mobi­len Gerä­ten aus­ge­stat­tet, zum Glück gibt es die not­wen­di­ge Tech­nik im Landtagssystem. 

Im Umkehr­schluss kommt mir jetzt schon jede Fahrt nach Stutt­gart der­zeit wie ein ris­kan­tes Aben­teu­er vor – ohne Auto und ohne Füh­rer­schein bin ich auf den öffent­li­chen Ver­kehr ange­wie­sen. Inso­fern: ger­ne Home-Office, ger­ne Tele­fon- und Videokonferenzen.

Mal sehen, wie das wird, wenn dazu Schul­schlie­ßun­gen kom­men – ich befürch­te, das mir und mei­nen Kin­dern mei­ne klei­ne Woh­nung da bald sehr eng vor­kom­men wird. 

Als Frak­ti­on durf­ten wir jetzt bereits zwei­mal den Ernst­fall pro­ben – schon vor eini­gen Tagen gab es den ers­ten Ver­dachts­fall, der letzt­lich nega­tiv getes­tet wur­de. Trotz­dem lös­te das erst ein­mal eine Wel­le an Maß­nah­men aus, vor­sorg­li­cher­wei­se auch über die Emp­feh­lun­gen des Gesund­heits­am­tes hin­aus­ge­hend – Home-Office für alle. Was ist mit Part­nern und Part­ne­rin­nen, Kin­dern – sol­len die zur Schu­le gehen? -, ande­ren Men­schen, die ich getrof­fen habe? Wür­den die Vor­rä­te rei­chen, wenn aus der vor­sorg­li­chen Selbst­iso­la­ti­on eine ech­te Qua­ran­tä­ne wird? Ges­tern gab es dann erneut einen – zum Glück wie­der­um letzt­lich nega­ti­ven – Ver­dachts­fall. Ein Abge­ord­ne­ter hat­te Kon­takt zu einer posi­tiv getes­te­ten Per­son und zeig­te Erkäl­tungs­sym­pto­me – und war bei der gro­ßen Frak­ti­ons­sit­zung dabei. Das hat­te Fol­gen – unter ande­rem nahm der Minis­ter­prä­si­dent nicht an der gest­ri­gen Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz teil, die gesam­te Frak­ti­on blieb vor­sorg­lich der Land­tags­sit­zung fern, nach­dem ein Ver­such, die­se zu ver­ta­gen, an der Oppo­si­ti­on geschei­tert war. Und eben für alle Abge­ord­ne­ten und Mitarbeiter*innen wie­der die Fra­ge, wie sie das indi­vi­du­el­le Risi­ko ein­schät­zen, wie vor­sorg­lich sie wei­te­re Kon­takt­per­so­nen infor­mie­ren oder nicht. 

Das waren Pro­be­läu­fe. Poli­tik ist heu­te zu gro­ßen Tei­len ein Prä­senz­ge­schäft. Sit­zun­gen sind prä­senz­pflich­tig, und der All­tag von Politiker*innen besteht oft genug dar­aus, Hän­de zu schüt­teln und von Ver­an­stal­tung zu Ver­an­stal­tung zu gehen. Wie funk­tio­niert das, wenn social distancing ange­sagt ist (und Tests auf das Virus noch immer ein paar Stun­den brau­chen)? Ist es ver­ant­wort­lich, Hand­lungs­fä­hig­keit bewei­sen zu wol­len und Land­tags- und Aus­schuss­sit­zun­gen statt­fin­den zu las­sen, oder müs­sen auch die­se abge­sagt oder durch ande­re For­ma­te ersetzt wer­den? Ist das ein Fall für die Ein­be­ru­fung des Not­par­la­ments, oder braucht es so etwas wie Online-Abstim­mun­gen für die Parlamente?

Wir sind mit­ten in einer kri­sen­haf­ten Situa­ti­on. Es geht jetzt dar­um, die Aus­brei­tung des Virus zu ver­lang­sa­men und ein­zu­däm­men. Das wird schwierig.

Irgend­wann wird eine Zeit nach dem Virus da sein. Wenn die Ein­däm­mung gelun­gen ist. Wenn es einen Impf­stoff gibt. Es ist jetzt zu früh, Aus­sa­gen über die­se Zeit zu tref­fen. Mein Gefühl ist aber, dass es vie­les gibt, was wir jetzt ler­nen kön­nen. Dar­über, was wirk­lich wich­tig und was nice to have ist, aber auch dar­über, wo wir – im Gesund­heits­sys­tem, bei der digi­ta­len Infra­struk­tur, mög­li­cher­wei­se auch im Hin­blick auf die Ein­he­gung der Fol­gen glo­ba­ler Ver­net­zung – bes­ser auf­ge­stellt sein könn­ten. Mög­li­cher­wei­se wird die Zeit des Virus zu einem Kata­ly­sa­tor für Online-Lear­ning und Digi­ta­li­sie­rung, aber auch für ein robus­te­res, wider­stands­fä­hi­ge­res und soli­da­ri­sches Gemein­we­sen. Und letz­te­res ist etwas, das auch im Hin­blick auf die ande­re gro­ße Kri­se, die gera­de etwas in den Hin­ter­grund rückt, näm­lich den Kli­ma­kri­se, drin­gend not­wen­dig ist.