Science Fiction und Fantasy im September 2026

Museum Atlantikwall Raversyde - XXX

Ganz über­wie­gend habe ich den Sep­tem­ber damit zuge­bracht, die emp­feh­lens­wer­te Valor-Serie von Tanya Huff – kana­di­sche MilSF – zu lesen. Dazu unten mehr. 

Gele­sen habe ich außer­dem Mary Robi­net­te Kowals The Mar­ti­an Con­tin­gen­cy (2025), den vier­ten Band ihrer Lady-Astro­naut-Serie. Robi­net­te Kowal schreibt im Nach­wort, dass die­ser Band nicht ein­fach zu schrei­ben war. Das Ergeb­nis ist jeden­falls gelun­gen, gera­de auch im Ver­gleich zur an der einen oder ande­ren Stel­le erstaun­lich par­al­lel gela­ger­ten Serie For All Man­kind. Im Mit­tel­punkt des Buchs steht die zwei­te Mars-Expe­di­ti­on, die 100 Men­schen aus unter­schied­li­chen Natio­nen auf den Mars brin­gen soll. Die Astro­nau­tin Dr. Elma York ist das Gesicht des inter­na­tio­na­len Raum­fahrt­pro­gramms. In die­ser Zeit­li­nie wur­de es gegen­über unse­rer Wirk­lich­keit (und auch gegen­über For All Man­kind) deut­lich beschleu­nigt, weil ein Meteo­ri­ten­ein­schlag in Nord­ame­ri­ka ein­drück­lich vor Augen geführt hat, wie zer­brech­lich die Erde ist. Inso­fern fin­det die Mars-Expe­di­ti­on hier in den spä­ten 1960ern oder frü­hen 1970er Jah­ren statt – den Hin­ter­grund bil­det eine bun­te Mischung aus Offen­heit für neue Erfah­run­gen (indi­sche Gewür­ze, ara­bi­sche Musik, sexu­el­le Revo­lu­ti­on) einer­seits und über­kom­me­nen Moral­vor­stel­lun­gen, alt­her­ge­brach­ter Poli­tik plus Ras­sis­mus und Sexis­mus ande­rer­seits. Und natür­lich ist auch die Tech­no­lo­gie zwar weit fort­ge­schrit­ten, was Rake­ten und Raum­fahrt anbe­trifft; gerech­net wird aber nach wie vor eher mit dem Rechen­schie­ber. Digi­ta­le Bild­über­tra­gun­gen scheint es bei­spiels­wei­se auch noch nicht zu geben. Wäh­rend der ers­ten Mars-Expe­di­ti­on betrat York nie den Mars­bo­den. Nun ist sie als „second in com­mand“ gemein­sam mit ihrem Ehe­mann eine der zwan­zig, die das Habi­tat wie­der in Betrieb neh­men und alles für den Bau eines zwei­ten Habi­tats vor­be­rei­ten sol­len. Und stellt bald fest, dass irgend­et­was nicht stimmt. Die­je­ni­gen, die bei der ers­ten Lan­dung dabei waren, rücken spür­bar nicht mit der Wahr­heit her­aus, son­dern hal­ten sie außen vor. Dass nicht alles glatt läuft, und die Expe­di­ti­on irgend­wann kurz vor dem Abbruch steht, macht es für Dr. York nicht ein­fa­cher, den Din­gen auf den Grund zu gehen. Robi­net­te Kowal ver­steht es, gro­ße poli­ti­sche Fra­gen und die zwi­schen Thril­ler und Detek­tiv­ro­man chan­gie­ren­de Auf­klä­rung mit lebens­na­hen Sze­nen aus dem Mars-All­tag und des Trans­port­raum­schif­fes zusam­men­zu­brin­gen. Das gan­ze ist nicht nur ein Sit­ten­ge­mäl­de einer Ver­gan­gen­heit, die es so nicht gab, son­dern lässt sich auch mit Blick auf denen einen oder ande­ren heu­ti­gen Bezug lesen.

Recht gut gefal­len hat mir auch der von Jona­than Stra­han her­aus­ge­ge­be­ne Sam­mel­band Revo­lu­ti­on in the Heart (2026), der aus Geschich­ten von 15 Autor*innen besteht, die als Hom­mage an Ursu­la K. Le Guin zu ver­ste­hen sind. Wenn ich in den Bio­gra­fien nichts über­se­hen habe, kom­men alle Autor*innen aus dem FLIN­TA-Spek­trum; dar­un­ter gro­ße Namen wie Char­lie Jane Anders, Kel­ly Link, Ann Leckie und Dar­cie Litt­le Bad­ger. Die Geschich­ten sind ganz unter­schied­lich – man­che bezie­hen sich the­ma­tisch auf Le Guin und könn­ten in z.B. ihr Hai­nish-Uni­ver­sum ein­ge­fügt wer­den, man­che zitie­ren sie direkt, wie­der ande­re nähern sich ihr über den Stil und die Atmo­sphä­re an. Wenn ich ver­su­chen wür­de, ein gemein­sa­mes Fazit zu zie­hen, dann das, dass es hier um huma­nis­ti­sche spe­ku­la­ti­ve Fik­ti­on geht, und um die gro­ßen Fra­gen, die sich aus dem Umgang mit Unter­drü­ckung und Auf­be­geh­ren ergeben. 

Damit zu Tanya Huff und Staff Ser­geant Torin Kerr, auf die ich zufäl­lig gesto­ßen bin; irgend­je­mand hat­te sich auf einem Social-Media-Kanal abfäl­lig dar­über geäu­ßert, dass hier Gesell­schaf­ten exis­tie­ren sol­len, die nicht wis­sen, was eine Pis­to­le ist, wenn ich es rich­tig zusam­men­brin­ge. In den ins­ge­samt sie­ben Roma­nen (und einer Kurz­ge­schich­ten­samm­lung) ist Torin Kerr Fokus­punkt der Geschich­te, die sich über ein oder zwei Jahr­zehn­te hin­zieht. Das Set­ting: es gibt eine inter­stel­la­re Kon­fö­de­ra­ti­on der „elder races“, die sich im Krieg mit „the Others“ befin­det, auch das, wie wir spä­ter erfah­ren, ein Zusam­men­schluss ganz unter­schied­li­cher Spe­zi­es. Die­se „elder races“ sind fried­lie­bend und haben längst Abschied von krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen genom­men – des­we­gen haben sie die Mensch­heit und zwei ande­re Spe­zi­es in die Kon­fö­de­ra­ti­on ein­ge­la­den. Der Deal: die­se bekom­men Raum­fahrt­ka­pa­zi­tä­ten, tol­le Tech­no­lo­gien und Pla­ne­ten, die sie besie­deln kön­nen, etwa Kerrs Hei­mat­pla­net „Para­di­se“ – dafür kämp­fen Men­schen, Di’­Tay­kan und Krai für die Kon­fö­de­ra­ti­on. Dass Di’­Tay­kan gewis­se Ähn­lich­kei­ten mit Elfen haben (wenn die­se knall­bun­te Haar­füh­ler und Augen hät­ten, und in ihrer „Di“-Phase Sexua­li­tät in etwa so ein­set­zen, wie dies von Bono­bo­nos berich­tet wird), und die Krai auch für Trol­le oder Kobol­de gehal­ten wer­den könn­ten (jeden­falls haben sie fast unzer­brech­li­che Kno­chen und kön­nen so gut wie alles essen), macht die Sache noch­mal inter­es­san­ter. Die „midd­le races“ (die H’san als eigent­li­che „elder race“ tau­chen so gut wie gar nicht auf, zie­hen aber alle Fäden) haben dage­gen Kat­zen oder Wara­ne zum Vor­bild; da oder dort wirk­te das dann ein biss­chen wie Urmel aus dem Eis mit spre­chen­den Tie­ren. Huff macht aber klar, dass z.B. die kat­zen­ar­ti­gen Ali­ens eben kei­ne Kat­zen sind, auch wenn sie ent­spre­chen­de Refle­xe bei Men­schen aus­lö­sen. Neben (Mili­tär­ein­sät­zen auf) Pla­ne­ten neh­men Raum­sta­tio­nen und Raum­schif­fe – und ein big dumb object – eine wich­ti­ge Rol­le ein, gro­ße Tei­le der Geschich­te spie­len dort. 

Zur Zeit des ers­ten Romans zieht sich die­ser Krieg schon eini­ge Gene­ra­tio­nen hin, es gibt immer wie­der har­te Gefech­te, neue Waf­fen, umstrit­te­ne Pla­ne­ten­sys­te­me in den äuße­ren Wel­ten etc. etc. – ein Ende oder ein Sieg der einen oder ande­ren Sei­te ist jedoch nicht in Sicht. Was die­se Rei­he beson­ders macht, ist Huffs genau­er Blick – auf das Innen­le­ben der aus den genann­ten drei Spe­zi­es zusam­men­ge­setz­ten mili­tä­ri­schen Ein­hei­ten, aber auch auf das Ver­hält­nis zwi­schen kämp­fen­der Trup­pe einer­seits und Offizier*innen ande­rer­seits; und den Mit­teln, mit denen Kerr ihre Vor­ge­setz­ten führt und dazu bringt, die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Stel­len­wei­se ist das dich­te Beschrei­bung mili­tä­ri­scher Orga­ni­sa­ti­ons­prak­ti­ken im etwas ver­frem­de­ten Set­ting. Dass ist die Bücher in mei­nem Urlaub in Bel­gi­en gele­sen habe, der mich auch zu einem Teil des „Atlan­tik­walls“ führ­te, samt Rekon­struk­ti­on der Lebens­be­din­gun­gen der dama­li­gen Trup­pen, ver­lieh der Lek­tü­re dann noch­mals eine Beson­der­heit. Manch­mal schreibt Huff arg for­ma­lis­tisch, etwa wenn sie die Beson­der­hei­ten der Di’­Tay­kan oder Krai immer wie­der mit fast wort­glei­chen For­mu­lie­run­gen ein­flie­ßen lässt. Das tut der Unter­hal­tung – unter deren Ober­flä­che mora­li­sche Fra­gen ver­han­delt wer­den – aber kei­nen Abbruch. 

  • Valor’s Choice (2000) – Kerr ist Staff Ser­geant und soll mit ihrem Mari­nes-Pla­toon aus Men­schen, Di’­Tay­kan und Krai eine diplo­ma­ti­sche Mis­si­on unter­stüt­zen, die dazu bei­tra­gen soll, Bezie­hun­gen zwi­schen der Kon­fö­de­ra­ti­on und den Sils­viss – bru­ta­len Dino­sau­rie­ren – aufzubauen.
  • The Bet­ter Part of Valor (2002) – Das bereits erwähn­te „big dumb object“, ein gro­ßes Raum­schiff, das von unbe­kann­ten Ali­ens zu stam­men scheint, wird erforscht. Gefun­den hat es ein Schrott­samm­ler Craig Ryder (klei­ner Spoi­ler: er wird auch in den fol­gen­den Bän­den auf­tau­chen). Kerrs Pla­toon soll Wissenschaftler*innen und eine Repor­te­rin schüt­zen – und natür­lich kommt alles anders, als man erst mal den­ken würde.
  • The Heart of Valor (2007) – Zum Gun­nery Ser­geant beför­dert, beglei­tet Kerr neue Rekrut*innen zu einem Trai­nings­pla­ne­ten – der sich als gefähr­li­cher als gedacht erweist.
  • Valor’s Tri­al (2008) – Mit Blick auf die Zahl der Toten (und die Auf­lö­sung eines Rät­sels, dass in den letz­ten drei Bän­den lang­sam auf­ge­baut wur­de) sicher­lich der düs­ters­te Band der Serie. Die Wiki­pe­dia beschreibt ihn als „Gun­nery Ser­geant Kerr fights her way out of an under­ground POW camp.“ – das stimmt zwar irgend­wie, trifft aber den Kern nur so halb. Aller­dings wäre es auch arg spoi­lernd, mehr dazu zu sagen.
  • The Truth of Valor (2010) – Die Ereig­nis­se des letz­ten Ban­des haben bei Kerr ihre Spu­ren hin­ter­las­sen. Sie ver­sucht, sich ein neu­es Leben jen­seits der Mari­nes auf­zu­bau­en – Pirat*innen machen ihr einen Strich durch die Rechnung.
  • An Anci­ent Peace (2015) – Ex-Gun­nery Ser­geant Kerr lei­tet jetzt eine neu auf­ge­bau­te Poli­zei­trup­pe (die „War­den“), die dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um unter­stellt ist. Einer ihrer ers­ten Fäl­le: uralte Arte­fak­te aus H’san-Gräbern – von deren Grab­pla­net – tau­chen auf dem Schwarz­markt auf.
  • A Peace Divi­ded (2017) – Wissenschaftler*innen, die auf einem restrik­tiv unter Qua­ran­tä­ne ste­hen­den Pla­ne­ten Aus­gra­bun­gen vor­neh­men, wer­den gekid­nappt. Kerr und ihre War­den sol­len sie befrei­en – mög­lichst, ohne dass Gei­seln umkom­men. Zugleich spinnt Huff hier meh­re­re Fäden zusam­men, die aus den ers­ten Bän­den bzw. aus An Anci­ent Peace noch offen sind.
  • The Pri­vi­le­ge of Peace (2018) – das „big dumb object“ ist wie­der da – Kerr woll­te damit nichts mehr zu tun haben, das Uni­ver­sum hat ande­re Pläne.
  • The Shorter Parts of Valor (2022) – Kurz­ge­schich­ten­samm­lung; die letz­te Geschich­te gibt einen kras­sen Blick in eine mög­li­che Zukunft des von Huff auf­ge­bau­ten Universums.

Ange­guckt habe ich die drit­te Staf­fel von Silo (Apple TV), und kann die­se sehr emp­feh­len. Anfangs war ich skep­tisch bezüg­lich der bei­den par­al­lel geführ­ten Hand­lungs­strän­ge. Silo spielt ja in einem unter­ir­di­schen Bun­ker. In die­ser Staf­fel wird klar, dass es meh­re­re sol­che Bun­ker gibt, in denen jeweils 10.000 Men­schen leben. In einem Strang geht es um Revo­lu­ti­on inner­halb des Silos, und um mora­li­sche Ambi­va­lenz, Revol­ten und den Kampf gegen die Silo-IT, die mit Aus­lö­schung und Gedächt­nis­ver­lust droht, soll­ten die Regeln nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Der ande­re Strang spielt im Ame­ri­ka der nahen Zukunft, samt einer Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen einem jun­gen Abge­ord­ne­ten und einer Jour­na­lis­tin. Erst in den letz­ten Fol­gen wird klar, wie bei­de Strän­ge zusam­men­ge­hö­ren – bit­ter und herz­zer­rei­ßend. Ich bin gespannt auf die Fort­set­zung, die im nächs­ten Som­mer lau­fen soll. 

Eben­falls zu Ende gegan­gen ist die vier­te Staf­fel von Star Trek: Stran­ge New Worlds (Para­mount +). Ich hat­te erst über­legt, dazu aus­führ­li­cher etwas zu schrei­ben, aber eigent­lich trifft die­se Kri­tik ganz gut mei­ne Mei­nung. Tol­le Cha­rak­te­re, groß­ar­ti­ge Schauspieler*innen (gera­de in den Her­aus­for­de­run­gen der Quatsch-Fol­gen), ein span­nen­des und für den Anschluss an TOS klug aus­ge­dach­tes Set(ting) – aber eine sehr durch­wach­se­ne Staf­fel mit eini­gen Fol­gen, die ein­fach nicht ernst genom­men wer­den konn­ten („alles nur ein Traum“), eini­gen Fol­gen, die auf selt­sa­me Gim­micks set­zen (Noir, Soap, …), um die per­sön­li­che Ent­wick­lung von Spock, Laan, Scot­ty etc. plau­si­bel zu machen – und eini­ge rich­tig, rich­tig gute Fol­gen (ins­be­son­de­re Orders of Magni­tu­de, Off-Hour und Tomorrow’s Enter­pri­se). Was ich tat­säch­lich auch posi­tiv fand: dass es kei­nen Staf­fel-Böse­wicht mit Boss­fight am Schluss gab. Auch hier bin ich gespannt auf die fünf­te und letz­te Staf­fel, die wohl kür­zer aus­fällt und sich auf den Anschluss von SNW zu TOS kon­zen­trie­ren wird.