Vergemeinschaftung statt Expertise, oder: Wo Sascha Lobo falsch liegt

Playing pieces II

Vor­ne­weg: Die Kolum­ne von Sascha Lobo bei Spie­gel online fin­de ich ins­ge­samt sehr gelun­gen und anre­gend. Über die letz­te Aus­ga­be (Des­in­for­ma­ti­on: Im Netz der Bes­ser­wis­ser) habe ich mich jedoch geär­gert – und möch­te ver­su­chen, dem nach­zu­ge­hen. Weil es erst ein­mal ja gar nicht so klar ist, was dar­an ärger­lich ist, dass da jemand ver­sucht, für ein biss­chen mehr Auf­klä­rung zu plädieren.

Ich ver­su­che mal, Lobos Argu­men­ta­ti­on zusam­men­zu­fas­sen: 1. Men­schen im Inter­net sagen ger­ne ihre Mei­nung zu allem mög­li­chen, auch wenn sie kei­ne Ahnung haben. 2. Ande­re Men­schen grei­fen das auf, und sie grei­fen vor allem – weil Such­ma­schi­nen und Sozia­le Net­ze das beför­dern – das auf, was ihrer eige­nen Mei­nung ähnelt. 3. Das ist blöd, weil sich dadurch unwah­re Aus­sa­gen verbreiten.

Und jetzt kom­me ich, und ver­su­che mich als Wis­sens­ex­per­te. Wo liegt Sascha Lobo falsch? Die Aus­sa­ge, die bei mir am meis­ten Unwohl­sein aus­ge­löst hat, war glau­be ich die­se hier:

Die hohe spe­zi­fi­sche Exper­ten­dich­te des Inter­nets beglei­tet auch Fuku­shi­ma, das die bis­her kaum bemerk­te Exper­ti­se­kom­bi­na­ti­on von Tsu­na­mi-Spe­zia­lis­ten und Strah­lungs­fach­kräf­ten end­lich ans Moni­tor­licht brach­te. Ähn­lich vie­le Sach­kun­di­ge ana­ly­sie­ren der­zeit die ver­schie­de­nen Dimen­sio­nen des Ein­sat­zes gegen Bin Laden. Leis­tungs­kurs Völ­ker­recht und Isla­mis­mus­for­schung via Goog­le und Wiki­pe­dia in drei­ßig Sekun­den – wenn über­haupt vor der all­ge­mein- und end­gül­ti­gen Fest­stel­lung der Welt­fak­ten nach­re­cher­chiert wird. Viel lässt sich ja auch aus dem Gedächt­nis und dem Gefühl her­aus sagen.

War­um? Weil ich mich zunächst mal gut getrof­fen gefühlt habe. Ich bin ja auch einer davon, der bei Twit­ter oder hier im Blog schnell mal eine Mei­nung hat, und die dann auch von sich gibt. Zu The­men, bei denen ich mich gut aus­ken­ne, aber auch zu The­men, bei denen ich nicht mehr oder weni­ger weiss als ande­re. Damit könn­te ich es jetzt bewen­den las­sen. Lobo hat recht, wir alle soll­ten viel öfter mal den Mund hal­ten. Sonst ist die »groß­ar­ti­ge Wis­sens­ma­schi­ne […] in Gefahr, zur Bes­ser­wis­sens­ma­schi­ne der gefühl­ten Exper­ten zu wer­den.« Wir könn­ten alle nur noch dazu etwas sagen, wo wir sicher wis­sen, dass es so ist. Auch wenn das den gro­ßen Infor­ma­ti­ons­ge­nera­ti­ons­mo­tor (Someo­ne is wrong on the Inter­net) stark brem­sen würde. 

Den Leu­ten den Mund ver­bie­ten? Soweit will auch Lobo nicht gehen. Er schlägt viel­mehr Meta­auf­klä­rung vor: Wis­sen dar­über, wie Wis­sen ent­steht und ver­brei­tet wird, muss – naja, wohl nicht ganz ernst gemeint – zum Schul­fach wer­den. Aus einer wis­sens­so­zio­lo­gi­schen Per­spek­ti­ve fin­de ich das erst­mal gar nicht so unsym­pa­thisch. Nur ist Epis­te­mo­lo­gie natür­lich ein biss­chen mehr als die Unter­schei­dung in rich­ti­ge und fal­sche Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen. Das sich bestimm­te »Lai­en­ex­per­ten-Mei­nun­gen« im Netz schnell ver­brei­ten, hat ja auch was damit zu tun, dass sie dis­kur­siv gut anschluss­fä­hig sind. Wer eh schon über­zeugt davon ist, dass Oba­ma nichts gutes zuzu­trau­en ist, gibt ohne gro­ßes Nach­den­ken Ver­schwö­rungs­theo­rien zum Tode Osa­mas wei­ter. In einer gesell­schaft­li­chen Stim­mung, in der Atom­kraft all­ge­mein als gefähr­lich ange­se­hen wird, wer­den bestimm­te Ein­schät­zun­gen zu Fuku­shi­ma zum Selbst­läu­fer und ande­re gehen unter. Und wenn es ins Bild passt, dass die EU eine furcht­ba­re Büro­kra­tie ist, die alles, was nicht indus­tri­ell genormt wird, ver­bie­ten will, nimmt selbst eine meme­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on wie Avaaz das The­ma »Heil­kräu­ter« auf, ohne wei­ter dar­über nachzudenken.

Könn­te es anders sein? Hier macht Lobo mei­ner Mei­nung nach den Feh­ler, eine Trenn­li­nie zwi­schen »Netz« und »Koh­len­stoff­welt« ein­zu­zie­hen. Nicht nur im Inter­net sagen Men­schen ger­ne ihre Mei­nung zu allem mög­li­chen, egal, ob sie dar­in Exper­ti­se haben oder nicht. Der Nach­bar von gegen­über warnt davor, Tram­po­lin zu sprin­gen, weil das gefähr­lich ist. Am Stamm­tisch wird wild über poli­ti­sche Moti­va­tio­nen spe­ku­liert. Jour­na­lis­tIn­nen schrei­ben lie­bend ger­ne Arti­kel, die ihre eige­nen Vor­ur­tei­le bestä­ti­gen. Eine Mei­nung zu haben, ist mensch­lich. Nur gehen wir bis­her von sau­be­ren Trenn­li­ni­en aus – zwi­schen wis­sen­schaft­li­chem Wis­sen und Exper­ten­wis­sen auf der einen Sei­te, und Lai­en­wis­sen und All­tags­wis­sen auf der ande­ren Sei­te. Die schei­nen im Netz zu verschwinden.

Ach ja, das Netz. Wenn ich Lobos Argu­men­ta­ti­on rich­tig ver­ste­he, dann ist es das Netz, dass die Tat­sa­che, dass Men­schen ihre unfun­dier­te Mei­nung äußern, zu einem Pro­blem macht. Ers­tens, weil alles viel schnel­ler geht. Zwei­tens, weil es Such­ma­schi­nen und sozia­le Netz­wer­ke gibt, die es ermög­li­chen, sich in Win­des­ei­le Schein­wis­sen anzu­eig­nen. Und drit­tens eben, weil alles neben­ein­an­der steht, ohne säu­ber­lich getrennt zu sein. In einer Art Latour­schen Ursuppe.

Dass die Pro­zes­se, in denen sich Wis­sen (egal, ob falsch oder wahr) im Netz ver­brei­tet, ande­re sind und teil­wei­se schnel­le sind als in der »Koh­len­stoff­welt« – da ist sicher­lich was dran. Der Aus­spruch, dass nichts schnel­ler als ein Gerücht sei, ist jedoch ver­mut­lich älter als das Inter­net (und nein, ich habe da jetzt nicht recher­chiert, ob es die­sen Aus­spruch über­haupt gibt, wo er her­kommt, und was es damit auf sich hat).

Men­schen äußern ger­ne ihre Mei­nung, auch wenn sie falsch ist. Ande­re Men­schen neh­men die­se auf, oder auch nicht. Wir haben als sozia­le Gat­tung Prak­ti­ken ent­wi­ckelt, mit die­sem Pro­blem umzu­ge­hen. Die­se Prak­ti­ken sind nicht wirk­lich effek­tiv, inso­fern sie nur bedingt dazu bei­tra­gen, das Wis­sen in »wahr« und »falsch« zu sor­tie­ren. Lobo steigt in sei­ner Kolum­ne mit Aris­to­te­les ein:

Aris­to­te­les, den man mit nur gerin­ger Ver­mes­sen­heit als Urva­ter der moder­nen Wis­sen­schaf­ten bezeich­nen kann, schrieb um das Jahr 350 vor Chris­tus: »Ein­tags­flie­gen bewe­gen sich auf vier Bei­nen«. Bis ins spä­te Mit­tel­al­ter hielt sich des­halb in vie­len Schrif­ten über die Bio­lo­gie die Behaup­tung, Flie­gen hät­ten vier Beine. 

Genau: auch ganz ohne Twit­ter und gefühl­tes Exper­ten­tum haben die mensch­li­chen Wis­sens­ver­mitt­lungs­prak­ti­ken es »bis ins spä­te Mit­tel­al­ter« geschafft, über die unhin­ter­frag­te Repro­duk­ti­on von auto­ri­ta­ti­vem Exper­ten­wis­sen eine empi­risch fal­sche Behaup­tung zu repro­du­zie­ren. Das hat etwas damit zu tun, dass die einen Mön­che von den ande­ren abge­schrie­ben haben, aber auch mit einem Vor­ver­stän­dis, bestimm­te Wahr­hei­ten nicht kri­tisch zu hinterfragen. 

Soweit die Kolum­ne von Lobo dazu bei­trägt, uns dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es das sel­be Pro­blem in ande­rer Far­be heu­te noch immer gibt, ist sie zweck­mä­ßig. Die Schwie­rig­kei­ten begin­nen da, wo es um die unter­schwel­li­ge Alter­na­ti­ve geht. Und die hat etwas mit Trenn­li­ni­en und Sor­tier­me­cha­nis­men zu tun. 

Als Lösung für das Pro­blem unzu­ver­läs­si­ger Wis­sens­ver­mitt­lungs­prak­ti­ken ent­stan­den, kurz gesagt, gesell­schaft­li­che Grenz­zie­hun­gen zwi­schen unter­schied­li­chen Wis­sens­for­men. Ide­al­ty­pisch betrach­tet gel­ten für die Gene­se und Ver­brei­tung wis­sen­schaft­li­chen Wis­sens ande­re Regeln als für die Gene­se und Ver­brei­tung jour­na­lis­ti­schen, reli­giö­sen oder all­täg­li­chen Wis­sens. Aber – und da kommt die Wis­sen­so­zio­lo­gie und Wis­sen­schafts­so­zio­lo­gie ins Spiel – die­se Trenn­li­ni­en sind ima­gi­när und flu­ider, als wir das ger­ne wahr­ha­ben wol­len. Das schein­bar rei­ne wis­sen­schaft­li­che Wis­sen mit sei­nen Peer-Review-Mecha­nis­men der Feh­ler­kor­rek­tur ist anfäl­lig für Sprach­spie­le und Repu­ta­ti­ons­ban­king. Die ein­fa­che wahr/­falsch-Unter­schei­dung ent­wi­ckelt selbst im wis­sen­schaft­li­chen Bereich Dyna­mi­ken, die bei­spiels­wei­se dazu füh­ren, dass es in der Wiki­pe­dia immer wie­der Edit-Wars gibt – oder dass die diver­sen Ver­su­che, eine nicht durch Lai­en­mei­nun­gen behin­der­te Wiki­pe­dia-Kon­kur­renz auf­zu­bau­en (»Knol«, anyo­ne?) nicht so recht vom Fleck gekom­men sind.

Jour­na­lis­ti­sche Wis­sens­ver­brei­tung funk­tio­niert nicht gut, wenn das zu ver­brei­te­ten­de Wis­sen zu kom­plex ist, oder zu inkon­sis­tent. Oder wenn nicht klar ist, was dar­an neu, d.h. kon­tro­vers, ist. Das Sys­tem der Mas­sen­me­di­en hat sei­ne eige­ne Selek­ti­ons­lo­gik ent­wi­ckelt. Die dazu führt, dass bestimm­te Wis­sens­be­stän­de es in bestimm­ten For­men in die Zei­tun­gen und ins Fern­se­hen schaf­fen, und ande­re nicht. Und in einer immer noch stark mas­sen­me­di­al gepräg­ten Gesell­schaft sind das natür­lich die Punk­te, an denen dann auch der Dis­kurs der Stamm­ti­sche, Stra­ßen­bah­nen, Wohn­zim­mer und Gar­ten­zäu­ne ansetzt. 

All­tags­kom­mu­ni­ka­ti­on hat ihre eige­nen Gesetz­mä­ßig­kei­ten. Sozia­le Rol­len (was der Chef sagt, wird schon rich­tig sein – zumin­dest wider­spre­che ich bes­ser nicht), situa­ti­ve Bedin­gun­gen (ich habe jetzt kei­ne Zeit, das rich­tig­zu­stel­len, also sage ich mal nichts zu dem Blöd­sinn) und eben wie­der die Anschluss­fä­hig­keit an vor­han­de­nes Wis­sen (das war schon immer so, d’r Lump bleibt a Lump) struk­tu­rie­ren das, was wir sagen kön­nen, wenn wir sozi­al akzep­tiert sein wol­len. Vor­han­de­nes Wis­sen: das, was in der Zei­tung steht, was die Exper­ten und Exper­tin­nen gesagt haben. Und das, was das Bil­dungs­sys­tem ver­mit­telt hat (mit Fil­tern wie »Leh­rer schlecht gelaunt« und »wofür brauch ich den Mathe«). Und das, was wir uns selbst aus­ge­dacht haben. Mei­nun­gen halt.

Auch Jour­na­lis­tIn­nen und Wis­sen­schaft­le­rIn­nen (usw.) haben ein durch den gesell­schaft­li­chen Dis­kurs gepräg­tes Vor­wis­sen. Und sie kön­nen zwar ver­su­chen, durch pro­fes­sio­nel­le Hand­lungs­for­men die­se vor­han­de­nen Struk­tu­rie­run­gen aus­zu­blen­den und aus den jewei­li­gen Wis­sens­pro­duk­ti­ons­prak­ti­ken her­aus­zu­hal­ten – ganz gelingt das aber nicht. 

Wor­auf ich hin­aus will: Es gibt gesell­schaft­li­che Teil­be­rei­che, die ihre jeweils eige­nen Logi­ken der Wis­sens­ge­ne­rie­rung und ‑ver­brei­tung haben. Die­se Logi­ken las­sen sich ide­al­ty­pisch beschrei­ben. Luh­mann hat das gemacht. Gleich­zei­tig lässt sich – im Sin­ne Latours – die Behaup­tung auf­stel­len, dass die­se Trenn­li­ni­en nur exis­tie­ren, weil sie aktiv immer wie­der – mit gro­ßen Mühen – neu errich­tet wer­den. Es gibt Prak­ti­ken der »Rein­hal­tung« der ver­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Wis­sens­pro­duk­ti­ons­be­rei­che. Wir haben sogar gelernt, damit umzu­ge­hen, dass wir als Per­so­nen in unter­schied­li­chen Kon­tex­ten unter­schied­li­che Din­ge wis­sen. Wes­we­gen es selt­sa­me Hybrid­for­men wie tief­gläu­bi­ge Natur­wis­sen­schaft­le­rIn­nen, mei­nungs­ma­chen­de Jour­na­lis­tIn­nen gibt – oder auch Poli­ti­ke­rIn­nen, die Geset­ze machen, die kon­trär zu ihrer eige­nen Lebens­si­tua­ti­on stehen.

Selbst ohne Inter­net leben wir also in einer Gesell­schaft, in der es ganz unter­schied­li­che Arten von Wis­sen gibt, und in der die Fil­ter­funk­tio­nen nur so teil­wei­se funk­tio­nie­ren. Wir kom­men damit eini­ger­ma­ßen zurecht. 

War­um soll­te es im Netz anders sein? Letzt­lich ist das, was Lobo in sei­ner SpOn-Kolum­ne macht, nichts ande­res, als ein – in ein biss­chen iro­ni­sier­ten Kul­tur­pes­sis­mus ver­pack­ter – Ruf nach mehr Medi­en­kom­pe­tenz. Dass das sinn­voll ist, wird nie­mand bestrei­ten wol­len. Nur heißt das eben nicht: »Das Netz ist voll gefühl­ter Exper­ten – und die brau­chen drin­gend Nach­hil­fe.« Und es heißt eben auch nicht, dass die manch­mal klar gezo­ge­nen, manch­mal vagen Trenn­li­ni­en zwi­schen unter­schied­li­chen Wis­sens­for­men, die es heu­te im Netz schon gibt, ver­stärkt wer­den müss­ten – eine funk­tio­na­le Ghet­to­sie­rung funk­tio­niert mit sozia­len Netz­wer­ken im Netz nicht. Twit­tern­de Poli­ti­ke­rIn­nen wer­den erst dann als erfolg­reich in sozia­len Medi­en ange­se­hen, wenn sie dort ihre pro­fes­sio­nel­le Rol­le verlassen. 

Etwas all­ge­mei­ner gesagt: die algo­rith­mi­schen Fil­ter­funk­tio­nen von sozia­len Netz­wer­ken, die Suche nach Ähn­lich­keit – all das führt in der Tat dazu, dass die »Tei­löf­fent­lich­kei­ten« im Netz gemein­sa­me Bezü­ge haben, und sich Gerüch­te, Neu­ig­kei­ten und Mei­nun­gen hier schnell ver­brei­ten, weil sie auf einen dank­ba­ren Boden fal­len. Gleich­zei­tig – und das mag zuerst wider­sprüch­lich erschei­nen – gehört es zur Attrak­ti­vi­tät des Net­zes, dass es dort Berei­che gibt, in denen Erwar­tun­gen an die pro­fes­sio­nel­le Rol­le des Gegen­über unter­lau­fen wer­den. Gera­de, weil Iden­ti­tä­ten im Netz sich auf ein­ge­schränk­te Kanä­le ver­las­sen müs­sen, wol­len wir mehr Mensch sehen. Bei­des zusam­men führt zur Bil­dung von offe­nen und sich über­lap­pen­den Pseu­do­ge­mein­schaf­ten. (Ein »gesel­li­ger Abend« einer Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on hat übri­gens eine ähn­li­che sozia­le Form.)

Und da liegt Sascha Lobo dann – mei­ne ich – tat­säch­lich falsch: nur klei­ne Tei­le des Net­zes haben enzy­klo­pä­di­schen oder jour­na­lis­ti­schen Cha­rak­ter. Wenn es stimmt, dass Face­book inzwi­schen die am häu­figs­ten auf­ge­ru­fe­ne Web­site über­haupt ist, dann ist der größ­te Teil des Net­zes mehr oder weni­ger ent­lang der Prin­zi­pi­en sozia­ler Ver­ge­mein­schaf­tung struk­tu­riert – mit allen Vor- und Nach­tei­len all­täg­li­cher Wis­sens­pro­duk­ti­on und ‑ver­brei­tung, kata­ly­siert und beschleu­nigt durch eini­ge tech­ni­sche Besonderheiten. 

Viel­leicht sind die Prak­ti­ken, Fil­ter­funk­tio­nen und Selek­ti­ons­me­cha­nis­men, mit denen wir Wis­sen aus dem Netz ein­sor­tie­ren, noch nicht aus­ge­reift genug. Aber so, wie vor fünf­zehn oder zwan­zig Jah­ren auch nie­mand dar­an geglaubt hat, dass Hun­de sich an Chats betei­li­gen, sind wir – im Gro­ßen und Gan­zen – doch intel­li­gent genug, um zu wis­sen, dass nicht alles, was am Stamm­tisch erzählt wird, der Wahr­heit entspricht.

War­um blog­ge ich das? Ist zwar Ver­geu­dung von Lebens­zeit, wie einer bei Face­book auf mei­ne Fra­ge, ob ich was dazu schrei­ben soll, mein­te – und was sicher stimmt. Aber irgend­wie hat­te ich das die­ses Bedürf­nis, und bin dem dann doch nach­ge­gan­gen – auch, weil mir selbst gar nicht so ganz klar war, was mich eigent­lich stört.

4 Antworten auf „Vergemeinschaftung statt Expertise, oder: Wo Sascha Lobo falsch liegt“

  1. > doch intel­li­gent genug, um zu wis­sen, dass nicht alles, was am Stamm­tisch erzählt wird, der Wahr­heit entspricht.

    Da spricht die Arro­ganz des Geis­tes­wis­sen­schaft­lers. Das ist jetzt nicht böse gemeint, son­dern eine Erfah­rung die ich selbst desöf­te­ren mach­te bzw. mache. So sehr man sich auch bemüht und sich in dei­nem Fall auch mit Stu­di­en, etc. pp. umgibt, so sehr wird man doch immer mit einem Bein im eige­nen Mikro­kos­mos ste­hen, dem eige­nen Kon­text ver­haf­tet sein. Der Stall­ge­ruch kommt nie abhan­den und trübt oft genug die eige­nen Sinne.

    Um beim Bei­spiel zu blei­ben, die­ser »Stamm­tisch«, »Flur­funk«, »Dorf­tratsch« oder wie sonst man auch immer die­ser Pra­xis nennt, wirkt sehr häu­fig desas­trös, weil bei vie­len doch mei­nungs­bil­dend. Das Netz selbst ist pri­mär ein Mul­ti­pli­ka­tor die­ser Pra­xis auf vie­ler­lei Ebe­nen, selbst­re­gu­lie­rend ist da aus mei­ner Erfah­rung nur recht wenig und wenn über­haupt dann nur inner­halb klei­ner abge­grenz­ter Gruppen.

    Defi­ni­tiv fehlt das Bewußt­sein mit Quel­len umzu­ge­hen, die­se ein­schät­zen zu kön­nen, usw. Bis Mit­te der 90er kein wirk­li­ches Pro­blem, im Umfeld von BBS & Co besa­ßen wir unse­re klei­nen Grup­pen, selbst­re­gu­lie­rend. Mit Beginn des WWWs aber und dem damit ein­her­ge­hen­den Mas­sen­phä­no­men wur­den die Pro­ble­me feh­len­der Kern­kom­pe­ten­zen auf­fäl­li­ger denn je. Und bei der heu­ti­gen Flut und der Geschwin­dig­keit mit der Infor­ma­tio­nen abge­setzt wer­den ver­sa­gen »alte« Vor­stel­lun­gen bezüg­lich diver­ser Model­le, etc. Macht sich heu­te bei­spiels­wei­se ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler ein Bild bezüg­lich der Kom­mu­ni­ka­ti­on im Netz, ist es mit­un­ter recht schnell ver­al­tet, mit­un­ter gar obso­let inner­halb kür­zes­ter Zeit. 

    Anset­zen kann man wenig mit Erklä­run­gen, dazu ist das Netz zu dyna­misch und schnell wach­send. Man muß auf der unters­ten Ebe­ne anset­zen, dort die Kern­kom­pe­ten­zen stär­ken. Schu­le wie wir sie noch kann­ten bzw. ken­nen ist damit längst über­for­dert und berei­tet heut­zu­ta­ge nicht ein­mal ansatz­wei­se mehr auf irgend­ei­ne Art von Leben da drau­ßen vor. 

    Sicher­lich ist das dras­tisch for­mu­liert, aber die Pro­ble­me die ent­ste­hen sind haus­ge­macht, da der anti­quier­te Bil­dungs­ap­pa­rat noch all­zu oft gemäß dem Prin­zip des »Nürn­ber­ger Trich­ters« agiert.

  2. @Oliver: Hmm, ich knab­be­re jetzt gerau­me Zeit dar­an rum, ob das »arro­gant« ist oder nicht. Natür­lich stimmt das, was du dar­über schreibst, dass vie­len das Bewusst­sein fehlt, mit Quel­len umge­hen zu kön­nen usw. usf. Aber ich glau­be, mein Satz (»sind wir doch intel­li­gent genug«) war genau anders­her­um gemeint: Als gera­de als bewuss­ter Ver­zicht auf die (aus mei­ner Sicht arro­gan­te) Posi­ti­on des aka­de­mi­schen Bes­ser­wis­sers – es geht nicht dar­um, das Netz aka­de­mi­schen Stan­dards anzu­pas­sen (bzw., Fall­stu­die Use­net, die­se bei­zu­be­hal­ten) – son­dern dar­um, zunächst mal zu akzep­tie­ren, dass es ganz gene­rell Prak­ti­ken der Mei­nungs­bil­dung gibt, die als sol­che eine erstaun­li­che Anpas­sungs­fä­hig­keit an neue Kon­tex­te (wie das Netz) haben. Und dass wir alle – auch die viel zitier­ten und ach so ger­ne als wil­len­los mani­pu­lier­bar dar­ge­stell­ten BILD-Lese­rIn­nen etc. – eine gewis­se Inter­pre­ta­ti­ons­kom­pe­tenz mitbringen. 

    Ist es arro­gant, wenn ich – etwa im Sin­ne der cul­tu­ral stu­dies von Wil­lis et al. – Medi­en­re­zi­pi­en­tIn­nen unter­stel­le, dass sie erst­mal nicht mani­pu­lier­bar sind, son­dern dass (selbst bei DSDS, BILD oder Twit­ter) Medi­en­re­zep­ti­on ein akti­ver Vor­gang ist, bei dem es zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit und einer(kreativen, sub­ver­si­ven, iden­ti­tä­ren, jeden­falls akti­ven) Aneig­nung des Mate­ri­als kommt?

  3. (Oder noch mal anders­her­um: Was heißt es für For­de­run­gen nach direk­ter Demo­kra­tie, »Bür­ger­re­gie­rung« und Gehört­wer­den (und das dahin­ter ste­hen­de Men­schen­bild), wenn davon aus­ge­gan­gen wer­den müss­te, dass x% der Bevöl­ke­rung funk­tio­nal nicht par­ti­zi­pa­ti­ons­fä­hig sind?)

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