Etwas durchwachsen sind meine Erfahrungen mit dem Versuch, Gurken auf dem Balkon zu ernten. In der Voranzucht wuchsen letztlich nur zwei oder drei Pflänzchen, alle bis auf eine davon wurden – auf dem Balkon! – von einer Schnecke gefressen. Die letzte Pflanze entwickelte sich dafür im großen Kasten prächtig, brachte viele Blüten hervor, aber letztlich nur wenige tatsächlich ausgewachsene Gurken. Die wiederum sind geschmacklich etc. hervorragend. Und hübsch sieht die Gurkenpflanze mit ihren gelben Blüten und großen Blättern – und den erstaunlich flexiblen Schlingen und Tentakeln, mit denen sie sich an allem festklammert, was nur irgendwie dafür geeignet ist – jedenfalls aus.
Weltuntergangsstimmung
Vielleicht gehört zum professionellen Politikmachen ein gewisser Zweckoptimismus. Zugleich verstehe ich, dass die in den letzten Jahren neu aufflammenden Kriege, die demokratiefeindliche Situation in Russland, den USA und China, und nicht zuletzt die sich weiter zuspitzende Klimakrise (von Artensterben und Pandemien gar nicht zu reden) den Eindruck hervorrufen können, dass das Ende der Menschheit, zumindest das Ende einer Geschichte von Fortschritt, Befreiung und der progressiven Ausweitung demokratischer Rechte nun nahe sei. Hierzulande trägt der rechtslastige Zeitgeist genauso wie der tief durchgedrückte Rückwärtsgang der Merz-CDU zu diesem Eindruck bei.
Trotzdem hat es mich erschreckt, wie viele Menschen – in meiner in dieser Hinsicht vermutlich überhaupt nicht aussagekräftigen Mastodon-Blase – davon überzeugt sind, dass wir kurz vor einem globalen Zusammenbruch stehen. Entweder, weil die genannten Auseinandersetzungen und Entwicklungen, kombiniert mit Folgen der Klimakrise wie Dürre, unbewohnbar werdenden Landstrichen usw. zu bürgerkriegsartigen Zuständen führen werden. Oder, auch diese Haltung fand ich in meinem Feed, weil als einziger Weg, die Klimakrise (und den rechten Backlash usw.) noch zu stoppen gesehen wird, auf einen Umsturz zu hoffen. Der dann möglicherweise zu bürgerkriegsartigen Zuständen führt.
Das nicht ganz neue Argument, dass es erst die Revolution geben müsse, bevor die Welt gerettet werden könne (bzw.: dass es erst die Revolution geben müsse, um die Welt zu retten), erschließt sich mir weiterhin nicht. Auch nicht im Klima-Mäntelchen, bzw. erst recht nicht in diesem. Etwas zynisch gesagt: bis ein solches Vorhaben erfolgreich ist, ist es zu spät. Vom CO2-Ausstoss brennender Barrikaden nicht zu reden.
Die Hoffnung, dass es anders geht, dass es möglich sein kann, im Rahmen dessen, was das politische System dafür bereithält, die Weichen für eine bessere Zukunft zu stellen, ist eine zarte Pflanze. Reicht es, darauf zu setzen, das über kurz oder (bitte nicht allzu) lang doch Vernunft sich durchsetzt? Reicht es, dem Markt zuzutrauen, dass er nicht so ideologiegetränkt sein kann, die klaren ökonomischen Vorteile erneuerbarer Energien und elektrischer Antriebe außen vor zu lassen? Ist Vertrauen in Klimaurteile der Höchstgerichte gerechtfertigt (und wenn ja, wie lange noch)?
Das sind in einer Lage, die sich sehr nach Abwehrkampf gegen das Zurück anfühlt, schwierige Fragen, zugegeben. Und aus zum Beispiel dem Wachstum der erneuerbaren Stromerzeugung nicht nur hier, sondern auch in Diktaturen mit einem nüchternen Eigeninteresse Hoffnung zu saugen, mag zu wenig sein.
Mehrheiten können sich ändern, der Zeitgeist schwingt, über die letzten Jahrzehnte gesehen, wild im Wind. No future gab es 1980 schon einmal, gesellschaftliche Aufbrüche 1968 und 1986 genauso wie in den 2000er Jahren und zuletzt 2018. Und an gesellschaftlichen Mehrheiten lässt sich arbeiten, Bündnisse lassen sich schmieden, das Meinungsklima lässt sich verschieben. Das und der mühselige politische Alltag mit seinem Streit um Stellplatzschlüssel, Netzumlagen und Nebensätze in Klimaschutzgesetzen bewirkt etwas. Langsamer, manchmal vergeblich. Aber eben doch.
Was wäre die Alternative? Die, die von einer Klimarevolution träumen, konnten mir bisher nicht sagen, wie der Weg dazu aussehen soll. Wo sind die Polizeitrupps, die sich auf die Seite der Letzten Generation schlagen? Wo sind die wütenden Bürger*innen, die vor Börsen und Konzernzentralen auftauchen? Und ja, auch die öffentlichen Galionsfiguren, auf die sich Aufmerksamkeit fokussiert, sehe ich aktuell kaum.
Oder geht es uns zu gut? Aber in den Krisengebieten sieht es nicht anders aus – wenn da jemand Massen hinter sich versammelt, dann sind es grosso modo rechte Populist*innen.
Was also tun? Ich bin überzeugt davon, dass der einzige erfolgsversprechende Weg der ist, weiter in Gemeinderäten und Parlamenten zu arbeiten, weiter auf Straßen und im Netz zu versuchen, guten Argumenten Nachdruck zu verleihen, weiter das Richtige im eigenen Alltag zu tun – und zu versuchen, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass das Möglichkeitsfenster, das sich beim nächsten Schwingen des Zeitgeistpendels ergibt, dann auch tatsächlich genutzt wird.
Photo of the week: Freiburg Hbf in the evening light
Lesarten von Science Fiction: Die dunkle Seite der Macht
Vorbemerkung: ich habe diesen Text größtenteils bereits im April geschrieben – inzwischen hat sich das Verhältnis zwischen Musk und Trump deutlich verändert. Die Aussagen unten scheinen mir aber weiterhin Gültigkeit zu behalten …
Wie politisch sind Science Fiction und Fantasy? Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben diese Frage ganz unterschiedlich beantwortet. Es gibt Werke, die mit einer politischen Agenda geschrieben wurden. Manchmal ist das sehr sichtbar, etwa wenn Dystopien als Warnung geschrieben werden (Margret Atwoods Handmaid’s Tale, um ein sehr aktuelles Beispiel zu nennen). Oder wenn Utopien zeigen, dass es auch anders gehen kann – einige der Romane von Ursula K. Le Guin oder Kim Stanley Robinson etwa; wer möchte kann hier auch Star Trek einreihen.1 Daneben gibt es Autorinnen und Autoren, die eine politische Agenda haben, die aber weniger klar zu benennen ist – ein humanistischer Grundton bei John Scalzi, eine libertäre Färbung bei Robert Heinlein, konservative Einsprengsel bei Isaac Asimov. Und schließlich gibt es Werke, die eigentlich Manifeste sind – Atlas Shrugged von Ayn Rand auf der rechten Seite, das eine oder andere Solarpunk-Buch und viele der Werke von Cory Doctorow im progressiveren Spektrum fallen mir hier ein.
Wechselwirkungen zwischen Science Fiction und Gesellschaft
Hinter dieser Frage steckt die Idee, dass es eine Wechselwirkung zwischen SF und unserer Gesellschaft gibt. Dass die Auseinandersetzungen und großen Fragen des jeweiligen Zeitgeists sich in SF- (und Fantasy-)Werken wiederfinden, verwundert nicht. Stärker als anderen Genres ist Science Fiction mit der Erwartung verbunden, dass umgekehrt auch das Genre Einfluss auf die Gesellschaft nimmt.2
Am offensichtlichsten ist das beim Blick auf Technologien. Arthur C. Clarke hat den Satelliten erfunden, William Gibson den Cyberspace, und John Brunner Internetviren – so jedenfalls die populäre Sicht der Dinge. Und natürlich lesen Ingenieurinnen und Ingenieure Science Fiction und lassen sich davon beeinflussen. Im Detail ist es etwas komplizierter. Dass es hier eine Wechselwirkung gibt, erscheint jedoch mindestens plausibel.3
Wie sieht es nun mit politischen Ideen aus? Nimmt Science Fiction einen Einfluss auf die Politik, auf das gesellschaftliche Zusammenleben?
Stärker noch als beim Blick auf Technologien rückt nun der Leser oder die Leserin ins Blickfeld. Denn wie ein Werk gelesen wird, was wahrgenommen und was gefiltert wird – das hat nicht nur mit der Intention des Autors oder der Autorin zu tun, sondern eben auch damit, wer es aus was für einer Vorprägung heraus wie liest.
So dürfte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder der bekannteste Star-Trek-Fan in der deutschen Politik sein. Sieht er Star Trek als Utopie einer postkapitalistischen Gesellschaft, oder sind es eher die Abenteuer im Weltraum, taktische Überlegungen und Phaser-Handgemenge, die ihn begeistern? Auch wenn er sich meines Wissen nicht dazu geäußert hat, scheint er eher Captain Kirk als Captain Picard zum Vorbild zu haben.4 Gleichzeitig lässt sich Söders Politik eine gewisse Technikbegeisterung nicht absprechen – von der bayerischen Raumfahrt-Initiative „Bavaria One“ bis zur etwas großspurigen Forderung, der erste Fusionsreaktor weltweit müsse in Deutschland – lies: in Bayern – entstehen, findet sich da einiges. Vielleicht ist das Star Trek zu verdanken.
„Lesarten von Science Fiction: Die dunkle Seite der Macht“ weiterlesenPhoto of the week: Berlin wall
Anfang Juli war ich in Berlin und hatte ein Hotelzimmer in der Nähe der Mauergedenkstätte. Da ist dieses Foto entstanden – eine von mehreren künstlerischen Installationen, die sich mit der ehemaligen Berliner Mauer, den Mauertoten und der Teilung der Stadt auseinandersetzen.