Kurz: Die Piratenpartei ist ihre mediale Repräsentation

Han­nah Beit­zer hat einen schö­nen, nach­denk­li­chen Text über Online-Akti­vis­mus, die Pira­ten­par­tei und burn-out-arti­ge Sym­pto­me geschrie­ben. Der Text hat mich zu fol­gen­der The­se gebracht:

Die Pira­ten­par­tei ist zwangs­läu­fig iden­tisch mit ihrer media­len Reprä­sen­ta­ti­on – des­we­gen kein Weg aus eige­ner Kraft aus der Krise.

Und weil das jetzt viel­leicht etwas erklä­rungs­be­dürf­tig ist, noch ein paar Sät­ze dazu, was ich damit mei­ne. Vor dem Inter­net gab es zwei rela­tiv klar getrenn­te Sphä­ren: Eine Sphä­re des inner­par­tei­li­chen Dis­kur­ses (durch­aus auch mit eige­nen Medi­en) und eine Sphä­re des öffent­li­chen Dis­kur­ses über eine Par­tei. Natür­lich konn­te auch vor dem Inter­net und vor Social Media schon eine par­tei­in­ter­ne Debat­te z.B. in bun­des­weit gele­se­nen Tages­zei­tun­gen aus­ge­tra­gen wer­den. Aber die Tren­nung der Sphä­ren war vorhanden.

Die Pira­ten sind dage­gen mit Social Media groß gewor­den. Das hat ihren Auf­stieg beför­dert, sie jetzt aber auch in eine Ecke gedrängt, denn trotz eige­ner Medi­en (Mai­ling­lis­ten, Pads, Mum­ble) fin­det ein gro­ßer Teil des pira­ten­in­ter­nen Dis­kur­ses öffent­lich statt. Zum Bei­spiel auf Twit­ter. Sonst wür­den mäs­sig inter­es­sier­te Beob­ach­ter wie ich ihn ver­mut­lich gar nicht wahr­neh­men. So fällt er zwangs­läu­fig in die Timeline. 

Das wie­der­um erschwert es für die Pira­ten unge­mein, sich auf sich selbst zu besin­nen. Par­tei­in­ter­ne Mei­nungs­bil­dung und media­le Reprä­sen­ta­ti­on fal­len in eins, eine vom media­len Dis­kurs unab­hän­gi­ge Posi­tio­nie­rung zu set­zen, ist fast nicht mög­lich. Gera­de in einer Selbst­fin­dungs­pha­se mit hef­ti­gen Flü­gel­kämp­fen ist das fatal. Inso­fern sagt mei­ne Kris­tall­ku­gel: Auch nach dem außer­or­dent­li­chen Bun­des­par­tei­tag wird die Pira­ten­par­tei nicht zur Ruhe kommen.

P.S.: Und ja, das hat auch etwas mit der For­de­rung nach umfas­sen­der Trans­pa­renz zu tun.

Kurz: Unsere tägliche Kopie

Denn die Welt ist was Gemachtes,
und Du kriegst Dei­ne täg­li­che Kopie.

Dota Kehr

Die­se Lied­zei­le erklärt eigent­lich sehr schön, was Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus ist. Oder, um noch wei­ter in der Geschich­te der Sozio­lo­gie zurück­zu­ge­hen, eine ähn­li­che Idee, das Tho­mas-Theo­rem: Wenn Men­schen etwas für real hal­ten, bezie­hen sie ihr Han­deln dar­auf – und das hat rea­le Kon­se­quen­zen. Das ist von 1928. (Das Gegen­teil gilt übri­gens nicht, Bei­spiel Kli­ma­wan­del: auch wenn sich die Hal­tung der Kli­ma­l­eug­ne­rIn­nen gesell­schaft­lich durch­set­zen wür­de, und Kli­ma­wan­del für irre­al erklärt wür­den, wären den­noch rea­le Kon­se­quen­zen da …).

Ich spre­che die­se sozio­lo­gi­schen Grund­ideen an, weil ich den Ein­druck habe, dass sie hilf­reich sind, um den Teil von Poli­tik zu erklä­ren, mit dem gera­de Grü­ne immer wie­der Pro­ble­me haben. »Ich habe doch erklärt, wie es ist, und trotz­dem behaup­tet die Oppo­si­ti­on das Gegen­teil, und die Men­schen drau­ßen glau­ben denen auch noch – wie kann das sein?«

Eine schö­ne Geschich­te schlägt im poli­ti­schen Spiel immer mal wie­der har­te Fak­ten. Das ist ziem­lich fies, und es soll­te uns nicht von dem Ver­such abhal­ten, ehr­li­che Poli­tik zu machen. Aber es erklärt, war­um manch­mal Kam­pa­gnen ver­fan­gen, die nicht auf Inter­es­sen­ge­gen­sät­zen grün­den, son­dern dar­auf, mit Schmutz zu wer­fen. Auch das ist ein Teil der täg­li­chen Her­stel­lung von Welt – und solan­ge Men­schen dar­an glau­ben und ihr Han­deln dar­an ori­en­tie­ren, sind die Kon­se­quen­zen höchst real.

Was das Cicero-Intellektuellen-Ranking über den deutschen Diskurs verrät

In einer Klick­stre­cke stellt Cice­ro die »500 wich­tigs­ten deut­schen Intel­lek­tu­el­len« vor. Genaue­re Aus­sa­gen zur hin­ter die­sem Ran­king ste­hen­den Metho­de gibt es nicht, wohl aber den Hin­weis dar­auf, dass Poli­ti­ke­rIn­nen außen vor gelas­sen wur­den, da es sonst ein »Poli­ti­ker­ran­king« gewor­den wäre. Ver­mut­lich wur­den irgend­wie die Erwäh­nun­gen in Leit­me­di­en gezählt.

Das Ergeb­nis ist in zwei­er­lei Hin­sicht bemer­kens­wert. Zum einen stellt es zwang­los in Fra­ge, wer oder was über­haupt ein Intel­lek­tu­el­ler oder eine Intel­lek­tu­el­le ist. Bei einer gan­zen Rei­he der auf­ge­führ­ten Publi­zis­tIn­nen, Jour­na­lis­tIn­nen, Schrift­stel­le­rIn­nen und Wis­sen­schaft­le­rIn­nen scheint mir deren Intel­lek­tu­el­len­ei­gen­schaft einem sich selbst ver­stär­ken­den Zir­kel­schluss zu unter­lie­gen: die­se Men­schen sind im Dis­kurs wich­tig, weil sie ger­ne in Talk­shows ein­ge­la­den wer­den – und sie wer­den ger­ne in Talk­shows ein­ge­la­den, weil sie ja offen­sicht­lich im Dis­kurs wich­tig sind. Neben dem Per­so­nal des Talk­show­dau­er­diens­tes fin­den sich in der Lis­te selbst­ver­ständ­lich auch Men­schen, die ich tat­säch­lich als intel­lek­tu­el­le Stim­me im Dis­kurs wahr­neh­me. Aber eben längst nicht alle.

Zum ande­ren zeigt die Lis­te eines sehr deut­lich. Ver­mut­lich gibt sie den deut­schen Medi­en­dis­kurs zwi­schen Talk­show und Feuil­le­ton, Kon­fe­renz­zir­kus und Key­notes gut und wahr­heits­ge­treu wie­der. Das mögen nicht alles Intel­lek­tu­el­le sein, aber es sind die, die öffent­lich reden und dabei Reso­nanz finden. 

Ich habe jetzt nicht gezählt – dafür wäre Daten­jour­na­lis­mus hilf­reich, Cice­ro -, hat­te beim Durch­kli­cken aber das empi­risch gesät­tig­te Gefühl, dass der Frau­en­an­teil in der Lis­te unter­halb von zehn Pro­zent lie­gen muss. Für die ers­ten fünf­zig, sech­zig Plät­ze liegt er ziem­lich genau bei zehn Prozent.

Das lie­ße sich jetzt auf ande­re Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­ma­le aus­deh­nen. Was Cice­ro nolens volens lie­fert, ist ein ein­drück­li­cher, wohl sta­tis­tisch abge­si­cher­ter Beweis für das Mei­nungs­kar­tell älte­rer Her­ren in Deutsch­land. Auch älte­re Her­ren kön­nen klu­ge, pro­gres­si­ve Ideen haben – aber wenn die Lis­te eine Aus­sa­ge über den deut­schen Dis­kurs trifft, dann wohl doch die, dass eine gewis­se Gräue, Müdig­keit und Erstarr­heit des »Dis­kur­ses« – und damit der domi­nie­ren­den medi­al ver­mit­tel­ten Welt­deu­tung – nicht unplau­si­bel ist. Und: vie­le auf­ge­führ­te Welt­deu­te­rIn­nen und Popintel­lek­tu­el­le deu­ten die Welt seit eini­gen Jahr­zehn­ten. Nach, so ist es anzu­neh­men, doch weit­ge­hend ähn­li­chen Mustern.

Was das für gesell­schaft­li­che Fol­gen hat, und ob es anders mög­lich wäre, müss­te ein­mal in einer Talk­show bespro­chen wer­den. Oder lie­ber nicht.

War­um blog­ge ich das? Weil mich die geball­te intel­lek­tu­el­le Kom­pe­tenz, die Cice­ro hier zusam­men­ge­tra­gen hat, irri­tiert hat. Dank an J.W. für den Hin­weis auf das Ranking!

Kurz: Was mündige BürgerInnen wissen – und was nicht

S21-Demo in Freiburg 29

Vor ein paar Tagen bin ich über einen Guar­di­an-Bericht zu einer Umfra­ge* dar­über gestol­pert, was die (in die­sem Fall bri­ti­sche) Öffent­lich­keit an sozia­len Pro­blem­la­gen gra­vie­rend falsch ein­schätzt. Bei­spiels­wei­se wird die Zahl der Teen­ager­schwan­ger­schaf­ten um den Fak­tor 25 über­schätzt, die sin­ken­de Kri­mi­na­li­täts­ra­te fälsch­lich als stei­gend bewer­tet und der miss­bräuch­li­che Bezug von Sozi­al­leis­tun­gen sogar um den Fak­tor 34 über­schätzt (Ergeb­nis der Umfra­ge ist die Annah­me, dass ein Vier­tel der Sozi­al­leis­tun­gen miss­bräuch­lich aus­ge­zahlt wird, tat­säch­lich sind es wohl 0,7 Pro­zent). Und so geht es mun­ter wei­ter – Details sind auf der Sei­te des Umfra­ge­insti­tuts nach­les­bar.

Ob das in Deutsch­land genau so aus­se­hen wür­de, weiß ich nicht – ver­mut­lich spie­len der Bil­dungs­grad der Bevöl­ke­rung eben­so wie die Rele­vanz des Bou­le­vard-Jour­na­lis­mus eine wich­ti­ge Rol­le dafür, wie ver­zerrt das öffent­li­che Bild der sozia­len Wirk­lich­keit ist. Ten­den­zi­ell ver­mu­te ich aber, dass hier­zu­lan­de ähn­li­che Fehl­ein­schät­zun­gen nach­zu­wei­sen wären – der berühm­te »Stamm­tisch« exis­tiert. Aber es ist nicht nur der Stamm­tisch (zumin­dest fehlt auf der Umfra­ge­sei­te eine Auf­schlü­se­lung der Abwei­chun­gen nach Klas­se, Bil­dungs­grad oder ähn­li­chen Varia­blen), son­dern eben doch die öffent­li­che Mei­nung, die dann jour­na­lis­tisch wie­der­ge­käut und wei­ter­ver­brei­tet wird. Res­sen­ti­ments und Vor­ur­tei­le fin­den sich eben auch in »bil­dungs­bür­ger­li­chen« Talk­shows. Und das lässt mich eini­ger­ma­ßen rat­los zurück.**

Denn, wenn dem so ist, dass ein gro­ßer Teil der öffent­li­chen Rele­vanz­set­zung an den tat­säch­li­chen Fak­ten vor­bei­geht, was ist dann davon zu hal­ten? Wahl­recht hängt nicht am Infor­miert­sein, und das ist aus demo­kra­ti­scher Sicht zunächst ein­mal auch gut so. Aber sowohl Wahl­kampf­schwer­punk­te als auch Wahl­er­geb­nis­se bau­en natür­lich auf der­ar­ti­gen ver­fäl­schen Pro­blem­wahr­neh­mun­gen auf – absicht­lich mani­pu­la­tiv, oder des­we­gen, weil eben auch in Par­la­men­ten und Par­tei­en Fehl­ein­schät­zun­gen der rea­len sozia­len Pro­blem­la­gen exis­tie­ren. Poli­tisch gewich­tig ist, was wich­tig scheint. Abge­ord­ne­te, Medi­en und Bür­ge­rIn­nen tra­gen dann oft gemein­sam dazu bei, gefühl­te Pro­blem­la­gen so zu ver­fes­ti­gen, dass der öffent­li­che Dis­kurs plötz­lich das Han­deln in einem Feld als alter­na­tiv­los erschei­nen lässt. Und schon scheint das Boot voll zu sein. 

* Ipsos MORI hat 1015 Per­so­nen zwi­schen 16 und 75 Jah­ren online befragt und die Ergeb­nis­se so gewich­tet, dass sie zum sozio­de­mo­gra­phi­schen Pro­fil der Gesamt­be­völ­ke­rung pas­sen. Nicht wirk­lich eine Reprä­sen­ta­tiv­be­fra­gung, aber auch nicht ganz vom Tisch zu wischen …

** Eige­ne Fehl­wahr­neh­mun­gen natür­lich nicht aus­ge­schlos­sen – was die Sache nicht bes­ser macht

Kann Konsum nachhaltig sein?

Hype drink mix

Ich war ges­tern und vor­ges­tern auf einer klei­nen, aber fei­nen Fach­ta­gung in Mün­chen, orga­ni­siert von Claus Tul­ly vom Deut­schen Jugend­in­sti­tut e.V. und von Mat­thi­as Groß als Spre­cher der Sek­ti­on Umwelt­so­zio­lo­gie der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie. In den Vor­trä­gen ging’s um das The­ma »Kon­sum und Nach­hal­tig­keit« – in etwa der Hälf­te der Vor­trä­ge mit einem Bezug zu Schul­pro­jek­ten. Ich selbst habe was pra­xis­theo­re­ti­sches zu den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen »grü­ne­ren Tele­fo­nie­rens« vorgetragen.

Nicht zuletzt aus Zeit­grün­den will ich aber gar kei­nen Tagungs­be­richt schrei­ben, son­dern nur auf vier inter­es­san­te Ideen hinweisen:

1. Prak­ti­ken ändern, indem vor­ge­la­ger­te Ket­ten und Kon­text­be­din­gun­gen ver­än­dert wer­den. Pra­xis­theo­rie scheint ja zunächst ein­mal einen Fokus auf indi­vi­du­el­les Han­deln zu legen. Bei genaue­rer Betrach­tung rücken in einer pra­xis­theo­re­ti­schen Per­spek­ti­ve aber schnell die »sys­tems of pro­vi­si­on« (Sho­ve) ins Blick­feld. Ich habe – vor allem auch nach einer schö­nen Zusam­men­fas­sung der pra­xis­theo­re­ti­schen Per­spek­ti­ve in der Umwelt­so­zio­lo­gie durch Karl-Wer­ner Brand – den Ein­druck, dass Inter­ven­tio­nen in Rich­tung »nach­hal­ti­ger Kon­sum« erfolg­rei­cher sind, wenn sie gar nicht an den (Konsum-)Praktiken anset­zen, son­dern vor­her, also an den Ket­ten und Kon­tex­ten. Auch dazu müs­sen »win­dows of oppor­tu­ni­ty« da sein und genutzt wer­den. Ein Bei­spiel ist die BSE-Kri­se: die hat zwar auch dazu geführt, dass ein paar Mona­te lang weni­ger Rind­fleisch ver­zehrt wur­de – sie hat aber vor allem dazu geführt, dass das »sys­tem of pro­vi­si­on« der Land­wirt­schaft so umge­baut wur­de, dass eine über die vor­he­ri­ge klei­ne Nische hin­aus­ge­hen­de Bio­pro­duk­ti­on mög­lich wur­de (also die Kün­ast-Agrar­wen­de-Poli­tik). Kon­sum­p­rak­ti­ken haben sich dann an die­se neue Situa­ti­on ange­passt (weil wir das mit unse­ren Prak­ti­ken immer machen) – und das in einer sta­bi­le­ren Form.

2. Lie­ber Kon­sum als Nach­hal­tig­keit? Kai-Uwe Hell­mann war ein­ge­la­den, um eine pro­vo­kan­te Key­note zu hal­ten, und hat das im Sinn der »Ver­un­si­che­rungs­wis­sen­schaft« auch gut hin­ge­kriegt. Sei­ne Argu­men­ta­ti­on war so etwa: »Nach­hal­ti­ger Kon­sum« schaut ers­tens immer nur auf die dunk­le Sei­te des Kon­sums und geht zwei­tens von einem Ver­brau­cher aus, der von Infor­ma­tio­nen etc. völ­lig über­for­dert wird. Statt des­sen sei es not­wen­dig, unvor­ein­ge­nom­me­ne Kon­sum­so­zio­lo­gie zu betrei­ben und Kon­sum als akti­ve, mit Sinn­stif­tung etc. ver­bun­de­ne Leis­tung anzu­er­ken­nen – egal, ob jetzt nach­hal­tig oder nicht. Und »nach­hal­ti­ger Kon­sum« sei letzt­lich auch nur als über Mar­ken (wie das Bio­sie­gel) kom­ple­xi­täts­re­du­zier­te Lebens­stil-Ent­schei­dung denk­bar. Da ist eini­ges wah­res dran, trotz­dem habe ich mich dar­über auch ein biss­chen geärgt – mein Ein­druck ist der, dass die deut­sche Umwelt­so­zio­lo­gie deut­lich wei­ter ist (also längst nicht mehr das Pro­gramm hat, alle Welt zu mora­li­schen Ver­brau­che­rIn­nen umzu­er­zie­hen). Trotz­dem ein anre­gen­der Außen­blick auf den Stand einer Dis­zi­plin. – Eben­falls einen Außen­blick auf »Nach­hal­ti­gen Kon­sum« lie­fer­te Jens Häl­ter­lein von der Uni Jena, der den Weg vom Wirt­schafts­wun­der über mora­li­sche Ver­zichts­ap­pel­le (und eine anti­ka­pi­ta­lis­tisch-risi­ko­mi­ni­mie­rungs­ori­en­tier­te Umwelt­be­we­gung) bis zum Öko­ka­pi­ta­lis­mus und den LOHAS nach­zeich­ne­te. »Nach­hal­ti­ger Kon­sum« ist dabei ein Ver­such, einen Kom­pro­miss zu fin­den zwi­schen der Markt­lo­gik und der Nach­hal­tig­keits­lo­gik. Schön dar­an der exter­ne Blick auf den Dis­kurs um Nach­hal­tig­keit, der – das kam auch bei Brand vor – noch ein­mal deut­lich macht, dass die Fra­ge, was »Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung« ist und was »Nach­hal­ti­ger Kon­sum« ist, immer wie­der neu aus­ge­han­delt wird und in einem hef­tig umstrit­te­nen Dis­kurs­feld posi­tio­niert ist.

3. Die Öko­bi­lanz der Groß­kü­che: Die Wis­sen­schafts­jour­na­lis­tin Johan­na Bay­er stell­te eine gan­ze Rei­he von The­sen und wiss. Ergeb­nis­sen zum The­ma Ess­ver­hal­ten und Ernäh­rung vor. Letzt­lich ging es ihr vor allem dar­um, zu zei­gen, dass die Ernäh­rungs­emp­feh­lun­gen etwa der Deut­schen Gesell­schaft für Ernäh­rungs­wis­sen­schaft oft über­holt und unsin­nig sind. Zudem woll­te sie dar­auf hin­wei­sen, dass »gesun­de Ernäh­rung« und »Nach­hal­tig­keit« viel­fach gegen­läu­fig sind – so soll bei­spiels­wei­se viel Fisch geges­sen wer­den, gleich­zei­tig lei­den die Mee­re jetzt schon an Über­fi­schung. Über ein biss­chen mehr (Ernährungs-)Soziologie hät­te ich mich gefreut. Nichts­des­to­trotz span­nend fand ich einen Gedan­ken, den sie wohl von Ines Wel­ler über­nom­men hat:* Dass nach­hal­ti­ge Ernäh­rung eigent­lich idea­ler­wei­se (weil die meis­ten Berufs­tä­ti­gen aus­wärts essen, weil die Öko­bi­lanz von Sel­ber-Kochen gar nicht so ein­deu­tig ist, und vor allem, weil es sowas wie öko­lo­gi­sche Ska­len­ef­fek­te gibt) zu einem gro­ßen Teil in »Nach­hal­ti­gen Kan­ti­nen« (oder … Volks­kü­chen?) statt­fin­den müss­te. Eine Marktlücke?

4. Alles nur eine Fra­ge des Gel­des? Roland Bogun schließ­lich hat ver­sucht, Daten dazu zu krie­gen, wie ein­kom­mens- und ver­mö­gens­ab­hän­gig die tat­säch­li­che Pro-Kopf-Umwelt­be­las­tung ist. Dazu gibt es wenig belast­ba­res Mate­ri­al, sein Ein­druck ist aber grob gesagt der, dass Ein­kom­men und auch Ver­mö­gen sehr viel mehr Ein­fluss auf den Pro-Kopf-Umwelt­ver­brauch haben als alle ande­ren Fak­to­ren – wer reich ist, ver­braucht durch grö­ße­re ohn­flä­che, mehr Kon­sum, mehr Flü­ge und auch durch Geld­an­la­gen deut­lich mehr Umwelt als jemand, der arm ist. Bogun sprach von einer Spann­brei­te von 10 bis 100 Ton­nen CO2-Äq./Jahr/Kopf. Beson­ders inter­es­sant ist dabei der Punkt Geld­an­la­gen – die letzt­lich (etwa bei Akti­en) ja mas­siv mit dem CO2-Aus­stoss der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on zu tun haben. Nicht völ­lig klar ist, ob es auch Invest­ment­for­men mit nega­ti­vem Umwelt­ver­brauch gibt.

War­um blog­ge ich das? Dem­nächst wird’s wohl auch noch eine Sei­te mit den Vor­trä­gen geben – aber die­se Gedan­ken woll­te ich doch auch so schon mal brei­ter zugäng­lich machen als nur der klei­nen Grup­pe, die in den letz­ten bei­den Tagen in Mün­chen war.

* Ich habe jetzt noch­mal nach­ge­fragt: Sie bezog sich dabei auf drei Quel­len: Dag­mar Vinz (2005), »Nach­hal­ti­ger Kon­sum und Ernäh­rung«. PROKLA 138; auf Ines Wel­ler (2002): Zusam­men­fas­sung BMBF-Son­die­rungs­stu­die »Geschlech­ter­ver­hält­nis­se, nach­hal­ti­ge Kon­sum­mus­ter und Umwelt­be­las­tun­gen« (dürf­te die­se Unter­su­chung sein) sowie auf einen Vor­trag von Karl-Micha­el Brun­ner im Novem­ber 2010 an der PH Wien.