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Nachruf: Ursula K. Le Guin

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Ursula K. Le Guin (1929-2018), Gorthian -
File:Ursula K Le Guin.JPG, CC BY-SA 3.0, Link

Heute habe ich erfahren, dass Ursula K. Le Guin vorgestern im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Ich habe, glaube ich, fast alles gelesen, was von ihr erschienen ist, teilweise in der deutschen Übersetzung, teilweise im Original, und sie war eine der Autorinnen, die mich stark beeinflusst hat.

Le Guin hat ethnologische Science Fiction geschrieben, manchmal auch anthropologische Fantasy – die Grenzen sind da fließend. Jedenfalls: eine spekulative Literatur, in der genau beobachtet wird, egal ob es um hell oder dunkel geht. Eine Literatur, in der Kulturen konsistent sind und eine Rolle spielen – seien es die Gesellschaften der Erdsee-Archipel, seien es die mehr oder weniger fortgeschrittenen Außerirdischen im Hainish-Universum. Viele Bücher Le Guins sind sozialwissenschaftliche Versuchsanordnung: über Geschlechterverhältnisse, darüber, ob eine bessere Zukunft möglich ist, oder auch dazu, wie Unterdrückung funktioniert hat und weiter funktioniert.

Hier wird schon deutlich: Le Guin ist und war immer eine politische Schriftstellerin. Noch vor wenigen Monaten erschienen Interviews mit ihr, in der sie sich nicht nur klar zu Trump positioniert hat, sondern auch klar dazu, dass Kapitalismus etwas menschengemachtes ist und möglicherweise nicht die beste aller Welten darstellt. Dass Science Fiction kein Männerspielplatz mit Weltraumabenteuern aus Karton mehr ist, sondern feministisch sein kann, mit tief gezeichneten, empfindsamen Wesen: auch da war sie eine Wegbereiterin. Und natürlich handeln ihre Bücher und Geschichten von der ganzen Palette des linken, progressiven Lebens. Vom Kampf gegen Umweltzerstörung und Sklaverei bis hin zu den genau ausgedachten und aufgeschriebenen Niederungen einer real existierenden syndikalisch-anarchischen Utopie, aber auch die Versuchungen von Macht und Zauberei: all das findet sich bei Le Guin, dazu noch eine Spur Taoismus.

Dabei war Le Guin immer Schriftstellerin mit literarischem Anspruch. Ihre Texte sind niemals plump, sondern höchst lebendig, mit einem eigenen Humor. Auch dazu, wie Sprache eingesetzt werden kann, dass Rhythmen und Flüsse etwas mit Textarbeit zu tun haben, konnte von Le Guin gelernt werden.

Ursula K. Le Guin hatte eine Wirkung. Das ist vielleicht das stärkste, was über einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin gesagt werden kann. Ich bin nicht der einzige, den sie dazu verführt hat, imaginären Welten treu zu bleiben und dessen politische Haltung und Weltsicht gleichzeitig von ihren Büchern deutlich geprägt wurde – obwohl ich sie nie persönlich getroffen habe. Ich wünsche uns, dass ihre Bücher und Geschichten – auch das, dem die 1970er Jahre so deutlich anzumerken sind – weiter gelesen werden und auch über ihren Tod hinaus diesen Effekt haben werden.

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Kulturkampf um das imaginäre Land

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Adopt a pop culture I

Um die Zukunft und die Vergangenheit – so weit sie als Science Fiction bzw. als Fantasy imaginiert werden – findet derzeit, von der größeren Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ein Kulturkampf statt. Unbemerkt, aber nicht unwichtig, denn wo anders als in diesem Genre entsteht das kollektive Imaginäre? Ein heiß diskutiertes Symptom für diesen Kulturkampf sind die vor wenigen Tagen bekanntgegebenen Hugo-Nominierungen. Um das zu verstehen, ist allerdings etwas Hintergrund notwendig.

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Lesezeichen: »Among Others« und anderes

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Titel Among OthersIn den letzten Wochen habe ich ziemlich viel gelesen; auch die Weihnachtszeit etc. haben das ihre dazu beigetragen, dass ich Zeit dazu gefunden habe. Dazu gehörten unter anderem William Gibsons neuer Roman The Peripheral (teilweise recht spannend, aber irgendwie nicht ganz so großartig, wie ich das erwartet hätte), Ken MacLeods Descent (Ufos ins Schottland, oder vielleicht auch nicht), Ben Aaronvitchs Foxglove Summer (mit englischen Elfen und Einhörnern) und Ursula K. Le Guins über ihr ganzes Werk zurückschauende Kurzgeschichtensammlung The Unreal & The Real (die mir noch einmal sehr deutlich gemacht hat, warum ich LeGuin für eine herausragende Schriftstellerin halte, und ihren Stil sehr mag). Außerdem kamen mehrere tausend Seiten Peter F. Hamilton dazu, den ich bisher verpasst hatte. Andy Weirs The Martian – klassische harte Science Fiction mit einem Schuss MacGyver – musste ich an einem Stück lesen.

Der eigentliche Anlass für diesen Blogeintrag ist aber Jo Waltons Among Others, das Ende der 1970er Jahre in Wales und Südengland spielende geheime Tagebuch eines Teenagers, das bereits Anfang 2011 erschienen ist.

Morween, nach einem Unfall verkrüppelt, wird auf ein Internat geschickt. Sie ist klug und beobachtet sich selbst und ihre Umwelt ziemlich genau. Die klassische Außenseitergeschichte. Walton verwebt geschickt zwei Erzählstränge ineinander. Die Coming-of-Age-Geschichte eines Mädchens aus unübersichtlichen Familienverhältnissen, die vor ihrer Mutter weggelaufen ist, und Halt und Freundschaft findet im Science-Fiction- und Fantasy-Kanon der 1970er Jahre, und eine Geschichte über Magie, Feen und die Mutter als böse gewordende Hexe.

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Gelesen: The Goblin Emperor

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"The Goblin Emperor"Lange war Fantasy für mich entweder J.R.R. Tolkien (den ich gerne gelesen habe), Ursula K. Le Guin (hier: Earthsee, die ich gerne gelesen habe), Terry Pratchett (den ich gerne gelesen habe, weil er ein Fantasy-Setting nur als Setting für angewandte Philosophie brauchte) oder aber Tolkien-Kopien von Holbeinetc. (die ich nicht gelesen habe). Und die »Unendliche Geschichte« von Michael Ende, die aber eher Phantasie als Fantasy war. (Na gut, gute Kinder- und Jugendbücher mit Fantasy-Hintergrund würden mir noch einige einfallen). Jedenfalls war ich lange überzeugt davon, dass Fantasy nicht so meines ist. Und dann gibt es noch – auch sehr lesbar – eine ganze Reihe von Autoren und Autorinnen, die Magie in zeitgenössische Szenarien (z.B. in Kriminalromane) einbauen. Aber das ist dann nicht mehr »High Fantasy«.

Erst in jüngerer Zeit habe ich dann entdeckt, dass High Fantasy mehr und anders sein kann. G.R.R. Martins Bücher mit ihren grauschattierten Intrigen haben dazu einiges beigetragen. Und auch Brandon Sandersons »Mistborn«-Bücher habe ich aus ähnlichen Gründen regelrecht verschlungen. Mit dem Zyklus rund um die »dunkle Sonne« von Gene Wolfe bin ich dagegen nicht so richtig warm geworden.

Das alles aber nur als Vorrede, um auf Katherine Addisons The Goblin Emperor hinzuweisen. Addison ist ein Pseudonym der Autorin Sarah Monette; dass The Goblin Emperor unter Pseudonym erschienen ist, hat wohl vor allem vertragstechnische Gründe.

Das Buch hat zunächst mal alles, was zu High Fantasy dazugehört – Elfen und Kobolde, eine feudale Herrschaftsstruktur mit Königen und Prinzessinen, verwunschene Landschaften und alte Fehden. Bei genauerem Hinsehen befindet sich das Elfenkönigreich aber in einer historischen Umbruchphase, die mit »Aufklärung« sicherlich nicht falsch beschrieben ist. Geschlechterverhältnisse (dürfen Frauen auf Universitäten gehen?) und das Gildensystem – etwa die Uhrmacher – werden in Frage gestellt, es gibt eine Art Parlament, und die Technik macht große Fortschritte. So werden Luftschiffe verwendet – und der Absturz eines solches ist dann auch der Auslöser der im Buch erzählten Geschichte. Der Kaiser des Elfenlandes und seine Thronfolger waren an Bord, was dazu führt, dass der in die ländliche Peripherie verstoßene, gerade erwachsene und eigentlich vergessene Maia die Thronfolge antritt und Kaiser wird.

Maia ist kein reinrassiger Elf, seine früh gestorbene Mutter war eine Koboldin. Er ist nicht am Hof aufgewachsen und hat weder die damit verbundene umfassende Bildung genossen noch Einblick in die vielfältigen Intrigen und politischen Hinterhalte, die es an einem Hof so gibt. Maia ist gutmütig, ein bisschen naiv – und jetzt der mächtigste Mann im Elfenland.

Das 2014 erschienene Buch ist ein bisschen Coming-of-Age, und ein bisschen eine Parabel darüber, wie wenig Macht mit scheinbar mächtigen Positionen verbunden ist, und welche Kompromisse getroffen werden müssen, um in einem hochpolitischen Umfeld politisch am Leben zu bleiben – und trotzdem die eine oder andere Veränderung anzustoßen. Das fand ich wiederum sehr realistisch. Die eine oder andere Stelle erinnerte mich regelrecht an die Erfahrungen, die Grün-Rot in Baden-Württemberg so machen musste.

Insgesamt jedenfalls sehr empfehlenswert, egal, ob um der Intrigen und der Politik willen gelesen, oder weil die Welt, die Katherine Addison hier aufbaut, eine sehr liebevoll und detailreich gestaltete Alternative zu den üblichen High-Fantasy-Klischees darstellt. Und das geht auch mit sehr viel weniger Blutvergießen als bei Tolkien, Martin oder Sanderson.

Der Anfang des Buches steht online zur Verfügung – aber Vorsicht; wer sich in Maias Weg zum Thron hinein liest, möchte auch wissen, wie es weitergeht. Eine Fortsetzung ist übrigens – auch das anders als bei vielen anderen Werken in diesem Umfeld – nicht geplant.

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Was ich so lese, oder: gesellschaftskritische Science Fiction

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Pacified science fiction

Eigentlich wollte ich dazu nichts sagen, aber ich muss jetzt doch mal ein paar Worte über den Text »Magische Klassenkämpfer« von Florian Schmidt (am 22.8. im Freitag erschienen) loswerden. Schmidt breitet dort die These aus, dass – platt gesagt – früher Science Fiction ein emanzipatorisches Genre war und heute im Dienst der Reaktion steht. Das ist falsch.

Äpfel und Birnen, Bücher und Filme

Das ist zum einen falsch, weil er Äpfel mit Birnen vergleicht. »Früher« sind für ihn die – in der Tat spannenden, lesenswerten, hochgradig interessanten – Bücher von Ursula K. Le Guin (The Dispossessed), Joanna Russ (z.B. The Female Man) und Marge Piercy (Woman at the edge of time und He, she, and it). Das sind drei liberal-feministische AutorInnen, die sich auf hohem literarischen Niveau in den 1970er und 1980er Jahren mit den Möglichkeiten und Grenzen einer besseren Gesellschaft auseinandergesetzt haben. Ich habe sie sehr gerne gelesen.

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