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Kurz: Lei-, Lei-, Leitkultur

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Mir fällt ja so einiges zu Thomas de Maizieres Leitkulturvorstoß ein. Etwa das Stichwort »schichtspezifischer Habitus«. Oder die Idee vom immer wiederkehrenden Wahlkampfmanöver. Vor allem aber habe ich einen Ohrwurm. Denn es gibt von Rainald Grebe ein Lied Ich bin der Präsident. In diesem Stil würde sich auch folgender Text für kabarettistische Aufführungen eignen:

Ich bin der Herr Minister
Wir geben uns die Hand

Chorus: Guten Tag!

Ich heiße de Maiziere
Wir geben uns die Hand

Wie angenehm

Das ist die Lei-, Lei-, Leitkultur
In diesem unseren Land

Guten Tag! Wie angenehm

Ich bin der Herr Minister
Wir essen gern Spinat

Guten Tag!

Ich bin der Herr Minister
Meine Lieblingsfarben sind blau und grün

Wie angenehm

Das ist die Lei-, Lei-, Leitkultur
In diesem unseren Land

Guten Tag! Wie angenehm. Blau! Nein, Sauerkraut!

Wir schütteln uns die Hand.

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Kurz: Ho, ho, heute-show!

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Die Reichweite der heute-show ist beeindruckend – ungefähr ein Dutzend Menschen haben mich im Lauf des Tages schon darauf angesprochen, dass ich dort einen Gastauftritt hatte. Genauer gesagt: Dass die heute-show ab 31:15 in der Sendung vom 27.11.2015 ein paar Sätze aus meiner Rede zur Zeitpolitik rausgepickt hat. Ich hatte (Kinder, Klimademo, …) bis gerade eben noch keine Zeit, mir das anzuschauen, hatte aber eine Vermutung – »Es leuchtet jetzt hier das rote Licht, ich komme zum Schluss – meine Zeit ist zu Ende«. Bingo!

Dazu noch »wir brauchen alle mehr Zeit« (stimmt ja auch), und fertig ist der Scherz über den grünen Parteitag. Was zeigt, dass auch Politik ein bisschen mehr Zeit als die 15 Sekunden heute-show-Schnippsel braucht. Ich empfehle den längeren Beitrag der Gastrednerin Jutta Allmendinger (WZB) und die Reden von Gesine Agena und Bettina Jarasch.

Und wer wissen will, wie ich die drei Minuten Redezeit gefüllt habe, bevor die Redezeitampel am Pult aufleuchtete und die heute-show zugeschlagen hat, findet meinen Beitrag bei phoenix ab 23:33 – oder hier die gesamte Debatte:

* Und wem das nicht reicht: Hier ist der Beschluss zur Zeitpolitik.

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Zum Andenken an Terry Pratchett

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RIP Terry Pratchett

Es hat eine Weile gedauert, bis sich mir erschlossen hat, dass die Scheibenwelt-Serie von Terry Pratchett mehr ist als ein Massenprodukt. Die unglaubliche Produktivität (gerade auch im Vergleich zu Douglas Adams, dessen Bücher ich früher entdeckte) und die »lustige« Oberfläche täuschte – dahinter steckte, wie ich schnell feststellte, als ich mich dann doch herantraute, weit mehr: ein funkelnder, tiefgründiger und hintersinniger Humor. Der humanistische Ärger darüber, wie die Welt eingerichtet ist, der Pratchetts Schreiben antrieb. Lebensweisheiten in Fußnoten und philosophische Überlegungen, nur hinter dem dünnen Vorhang des schnörkellos-verschrobenen Fantasy-Settings versteckt. Kurz: Bücher, die es sich zu lesen lohnt, um nicht nur unterhalten zu werden, sondern auch, um sich beim Lesen aktiv mit der Welt – unserer Welt – auseianderzusetzen.

Nicht jedes seiner zahlreichen Bücher begeisterte mich, und ich habe nicht jedes gelesen (aber doch viele, einige auch deswegen, weil sie bei Freunden standen, oder weil es das einzig brauchbare war, was es in Bahnhofsbuchhandlungen zu kaufen gab). Mit Long Earth konnte ich nicht so richtig etwas anfangen.

Aber es gibt doch mehr als eine Handvoll Bücher, die mir ganz besonders ans Herz gewachsen sind, dazu zählt an vorderster Stelle die Serie um Tiffany Aching.

Und wenn ich mich so umschaue, wer aus welchen Gründen sich seit gestern alles geäußert hat, dann sind da sehr viele dabei, die in den Büchern von Terry Pratchett Halt und Vorbilder fanden, die daraus etwas gelernt haben, wie die Welt, wie Gesellschaft, wie Politik, wie Religion funktioniert. Ein satirisches Zerrbild der Wirklichkeit, das eben nicht beißend und zynisch ist, sondern zeigt, dass eine gelassene, freundlich-amüsierte Menschlichkeit (ja, dennoch: eine Menschlichkeit mit einem gewissen Biss und mit einer politischen Agenda) durchaus auf Trolle und Vampire ausgeweitet werden kann, und dass Dinge sich ändern können.

Es wird keine neuen Bücher von Terry Pratchett mehr geben. TOD lauerte schon seit einigen Jahren im Hintergrund, seit er seine Early-Alzheimer-Diagnose vor einigen Jahren öffentlich gemacht hatte. Das macht es nicht weniger traurig, dass Pratchett gestern im Alter von 66 Jahren gestorben ist. So seltsam das klingen mag: in seinen Büchern wird er als Wegweiser auch für neue Generationen weiter wirken. Pratchetts Discworld hat das Geschehen auf der runden Kugel verändert, auf der wir leben. Und was mehr als das könnte ein Autor erreichen?

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Kurz: Wer es glaubt, …

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Kommunikation ist etwas ziemlich zerbrechliches. Das macht den verführerischen Reiz der Kommunikationsguerilla aus. Und kennzeichnet das Risiko, das mit Kommunikationsguerilla-Aktionen einhergeht. Satire überzeichnet. Kommunikationsguerilla legt falsche Fährten, und wartet darauf, dass andere diesen folgen, bis nicht mehr so ganz klar ist, was nun eigentlich stimmt, was erlogen ist, und was vielleicht stimmen könnte. Kommunikationsguerilla ist großartige und, wenn sie funktioniert, durchaus gefährliche Metakritik am Mediensystem inkl. PR und seiner Wirklichkeitskonstruktion (und Luther Blissetts bahnbrechendes Werk dazu ist unbedingt zu empfehlen …).

Aktuell findet ein Akt der Kommunikationsguerilla statt. Dass rechte Strukturen von staatlich bezahlten V-Leuten leben, ist bekannt. In den letzten Tagen verbreiteten sich Gerüchte, dass eine wohl organisierte und staatlich finanzierte »Antifa e.V.« für Proteste gegen Pegida und Co. verantwortlich ist. Inkl. Twitter-Account, der diese Gerüchte aus rechten Foren gerne bestätigt. Die taz setzte dem jetzt die Krone auf – mit einer nicht als »Wahrheit« gekennzeichneten angeblichen Reportage über die gut bezahlten Antifa-e.V.-DemonstrantInnen.

Dieser Text wird jetzt von einigen geglaubt. Rechte ziehen ihn als Beleg für ihr »Wissen« heran. Andere fragen sich, ob bezahlte Proteste nicht Demos delegitimieren. Wer bis zur letzten Zeile liest, erkennt, dass ein »P. Flasterstein« zitiert wird – starker Hinweis auf das Erfundensein des Textes. Der rechte Kopp-Verlag glaubt, dass die nicht gekennzeichnete Veröffentlichung von Satire ein Hinweis auf interne Grabenkämpfe in der taz ist. Meine Timeline auf Twitter streitet darüber, ob diese Art der Satire gelungen oder gefährlich ist, ein Filter für Gutgläubige oder ein Metakommentar zur »Lügenpresse«. Das ist Kommunikationsguerilla in all ihren schrillen Grautönen.

P.S. Natürlich vergibt die Antifa e.V. auch großzügige Stipendien, insbesondere für engagierte Studierende der Sozialwissenschaften.

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Kurz: Exzellent verunsichert

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Altkanzleramtsminister Pofalla bekommt einen Posten bei der Bahn – als Cheflobbyist. Die Medien berichten, verkehrs- und antikorruptionspolitische Empörung.

Die Satireseite Postillon behauptet, bereits am 1.1. entsprechendes berichtet zu haben. Der Schluss liegt nahe (warum eigentlich?): Die Medienmaschine hat feiertagsbedingt Satire für Ernst genommen und dann schlicht voneinander abgeschrieben. Pofalla – eine gigantische Ente?

Oder doch Metasatire? Denn Blogposts zurückdatieren kann jeder. Pofalla bei der Bahn ist also doch der Ernstfall, die Ente sind wir – aber für einen Moment verwischten die Grenzen. Allein schon die Plausibilität, dass es eben Satire hätte sein können, zeigt die Absurdität dieser Personalie. Verunsicherung par excellence. Und dafür Chapeau, lieber Postillon!

P.S.: Der Thomas Knüwer schreibt sehr viel ausführlicher eine kluge Analyse dazu, was hier passiert ist.

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