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Kurz: Nachhaltigkeit, ins Digitale übertragen

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Der Zusammenhang von Digitalisierung und Nachhaltigkeit beschäftigt mich immer mal wieder. Interessiert beobachte ich beispielsweise, was die Forschungsgruppe Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation des IÖW treibt.

Das Thema lässt sich aber auch anders angehen. Malte Spitz, grüner Netzpolitiker, hat nun ein Buch herausgegeben, das den Titel Daten – das Öl des 21. Jahrhunderts? Nachhaltigkeit im digitalen Zeitalter trägt. Dabei geht es allerdings nicht in erster Linie um die Frage, ob Digitalisierung zu ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit beitragen kann bzw. diese gefährdet. Vielmehr nimmt Malte die beliebte Metapher von den Daten als dem Öl des 21. Jahrhunderts als Ausgangspunkt, um der Frage nachzugehen, was sich strukturell von den Fehlern und Erfolgen der Politik des 20. Jahrhunderts lernen lässt, um im 21. Jahrhundert zu einem generationsübergreifend sinnvollem Umgang mit allgegenwärtigen Daten und Digitalisierung insgesamt zu kommen.

Wer mehr dazu wissen will: Ich habe eine längere Rezension dazu geschrieben – diese ist bei CARTA zu finden und kann dort gelesen werden.

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Gelesen: Fifty Shades of Merkel

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Die Ex-Politikerin (Piraten) und Politikwissenschaftlerin Julia Schramm schreibt über – Angela Merkel. Das Ergebnis ist mehr Blog auf Papier als klassisches Buch. Genauer gesagt nähert sich Schramm dem Phänomen Merkel in Fifty Shades of Merkel (Hoffmann & Campe, 2016) in fünfzig Vignetten an. Die behandeln so disparate Themen wie »Uckermark«, »Andenpakt«, »Partei«, »Religionsunterricht«, »Pflaumenkuchen« oder »#Neuland«, grob chronologisch geordnet.

Das Ergebnis – manchmal etwas boulevardesk, immer im lockeren Infotainment-Stil eines reichweitenstarken Blogs gehalten, voll mit Netzreferenzen – kann sich durchaus sehen lassen. Es liest sich weg, und danach wirkt die Person Merkel vertrauter. Vielleicht sogar sympathischer. (Ein Nachteil des Formats: manches, etwa die Darstellungen der Beschimpfungen Merkels im Netz, wiederholt sich. Wer das Buch »in einem Zug« liest, merkt das.)

Wer sich dafür interessiert, wie die Person Merkel aussehen könnte, wird hier fündig. Dabei gilt: Nicht alle Zuschreibungen, denen Schramm in den Fifty Shades nachgeht, wirken gleichermaßen plausibel. Merkel als »postdemokratische Nationalstaatsmanagerin« (S. 101) oder als »Ironic Lady« (S. 209) zu beschreiben, empfinde ich als plausibler als die »spirituelle Lehrerin der Deutschen« (S. 157). Die »Mutter der Flüchtlinge« fehlt dagegen weitgehend – Fluch der Tagesaktualität. Und ob Merkel als »Außenseiterin« (S. 80) und »Nerd« (S. 162) zutreffend beschrieben ist, darüber muss ich doch erst nochmal nachdenken. Schön in diesem Zusammenhang das Kapitelchen zum »Handy« (S. 175), Telefon und SMS als bewusst angeeignete Machtwerkzeuge der Kanzlerin.

Drei Leitmotive durchziehen die einzelnen Kapitel: Das große Schweigen (Merkels Stilinstrument, aber eben auch das immer wieder geschilderte Problem fehlender redebereiter Quellen – Schramm bezieht sich, von einem Ausflug in die Uckermark abgesehen, rein auf Sekundärquellen, Zeitungsartikel, Netzberichte und diverse Merkel-Interviews und -Bücher). Geschlechterverhältnisse (vom »Vatermord« und dem strategischen Ausspielen der CDU-Männercliquen bis zum »Hosenanzug« und den kleineren und größeren Diskriminierungen, die selbst gegenüber der derzeit mächtigsten Frau der Welt fortbestehen; dem Buch ist anzumerken, dass Schramm hierbei auf eine gefestigte feministische Haltung zurückgreifen kann, die nicht beim bewusst verwendeten »_« in vielen Personenbezeichnungen aufhört). Und die Perspektive auf Merkel aus Sicht der Netzgeneration. (Kleiner Gimmick am Rande: die Seitenzahlen sind in –< >– eingefasst, also der Merkel-Raute in ASCII).

Das Buch zeichnet insgesamt Merkel als Meisterin der Strategie mit sympathischen Charakterzügen. Schramm lobt Merkel immer wieder, betont positive Eigenschaften wie die Selbstironie, den Humor, das Spiel mit der Bodenständigkeiten. Manches erscheint als Deutungsversuch in Richtung grün-schwarz. Die harte Auseinandersetzungen mit einem über weite Strecken klar neoliberalen Kurs Merkels blitzt nur ganz vereinzelt auf, etwa im Kapitel »Freiheit«.

Letztlich bleiben Fifty Shades of Merkel ergebnisoffen. Ein Urteil fällt Schramm nicht. Oder, um es sozialwissenschaftlicher auszudrücken, auch wenn die Fifty Shades wohl eher als Politainment gedacht sind: das Buch bleibt Zettelkasten, bleibt Sammlung von Memos mit ersten Ansätzen zur Kategoriebildung, formuliert aber – jedenfalls nicht explizit – keine Theorie über Merkel. (In Grounded-Theory-Begriffen: der Integrationsschritt fehlt). Aber vielleicht bleibt es ja nicht dabei.

Warum blogge ich das? Weil ich beim Angebot eines Rezensionsexemplars nicht nein sagen konnte. Und gerade in Zeiten, in denen allenthalben über neue Koalitionsoptionen geredet wird, ist der facettenreiche Blick auf die Leitwölfin der CDU nicht uninteressant.

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Rezension zu Stolle: Universitäten und Hochschulen in Baden-Württemberg (2015)

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Stolle (2015)

Anfang des Jahres ist in der Landeskundlichen Schriftenreihe der Landeszentrale für politische Bildung ein Buch erschienen, das verspricht, einen umfassenden Überblick über die Universitäten und Hochschulen in Baden-Württemberg zu geben. Dieses Versprechen wird leider nur teilweise eingelöst.

Der Historiker Dr. Michael Stolle glänzt immer dort, wo es um die Geschichte der Hochschulen und Universitäten seit dem 14. Jahrhundert (Universität Heidelberg) geht. Insbesondere das lange zweite Kapitel des Buchs, in dem es um »Die Landesuniversitäten in ihrer geschichtlichen Entwicklung« geht, überzeugt in dieser Hinsicht. Aber auch im dritten Kapitel, in dem »Die anderen Hochschulen« behandelt werden, lässt sich einiges Wissenswertes darüber erfahren, wie aus Ingenieurschulen und Lehrerbildungsanstalten die heutigen Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Pädagogischen Hochschulen geworden sind, und was das mit der Herausbildung moderner Staaten und Industriegesellschaften zu tun hat.

Weniger überzeugend finde ich Stolle dann, wenn er sich der Gegenwart und der Zukunft des Hochschulsystems nähert. Während der historische Teil – bis in die 1960er und z.T. 1970er Jahre – detailreich und systematisch aufgebaut ist, wirken die Ausführungen zur jüngeren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Hochschule in Baden-Württemberg beliebig. An die beiden erwähnten großen Kapitel schließen sich fünf kürzere Kapitel an, die sich mit dem Studium, mit der Hochschule als Ort des sozialen Aufstiegs, mit »Hochschullehrern« und »Forschern« (trotz eines einigenständigen Unterkapitels zu Wissenschaftlerinnen im generischen Maskulinum, wie auch der Rest des Buches …), mit gegenwärtigen Debatten und mit einem Ausblick in die Zukunft befassen. Hier geht der Fokus auf Baden-Württemberg schnell verloren, statt dessen werden alle hochschulpolitischen Felder gestreift – Finanzierung, Autonomie, Bologna. Dazu kommt dann der eine oder andere Exkurs, der sich eher mit Stolles Arbeitsfeld (Schlüsselqualifikationen und Kompetenzentwicklung am KIT) als mit externen Relevanzsetzungen erklären lässt.

Als Materialsammlung ist das ganz nett, für eine Landeszeitgeschichte oder einen Beitrag zur Bewertung und Systematisierung der Landespolitik greift Stolle hier allerdings zu kurz. Symptomatisch dafür: der Ende der 1960er Jahre tätige Kultusminister Wilhelm Hahn wird ausführlich gewürdigt und sein Wirken dargestellt. Die Reihe der Wissenschaftsminister bis zur heutigen Wissenschaftsministerin tauchen dagegen nur noch als »die Landesregierung«, »das Ministerium« oder »das Parlament beschloss« auf. Namentlich werden sie, wenn ich das recht sehe, ein Register gibt es leider nicht, nicht genannt, näher gewürdigt erst recht nicht. Dabei wäre es durchaus lohnend, sich intensiver damit auseinanderzusetzen, wie von Trotha, Frankenberg und Bauer jeweils unterschiedliche Leitbilder von Hochschule politisch umgesetzt haben, wo es hier so etwas wie baden-württembergische Kontinuitäten und lange Fäden gibt, und wo es zu Brüchen kommt.

Ähnliches ließe sich über die Protestereignisse nach 1968 sagen – dass es immer mal wieder landesweite Studierendenproteste gegeben hat, in den 1980er Jahren, 1998, 2005 – all das scheint Stolle nicht zu interessieren. Vielmehr wirken die gegenwartsnäheren Teile des Buches oft so, als seien halt die aktuellen Presseverlautbarungen und Hochschulselbstdarstellungen zusammengestellt worden, ohne sich groß um Einordnung und Bewertung zu kümmern. Hastig sind noch die Änderungen der Landeshochschulgesetznovelle 2014 eingebaut worden, bei der Darstellung der Weiterentwicklung der Musikhochschulen, bei der Reform der Lehrerbildung der auch bei der Weiterentwicklung der Hochschulfinanzierung stimmen die Aussagen nicht, weil Stolle hier jeweils den Beginn politischer Auseinandersetzungen für bare Münze genommen hat und als Fakten darstellt, aber deren tatsächlichen Ausgang dann nicht mehr aufnehmen konnte.

Und die Zukunft? Die Digitalisierung der Lehre taucht nur als MOOC-Kritik auf, und die Frage, ob und in welcher Weise Hochschulen zur Lösung großer gesellschaftlicher Probleme beitragen können und sollen, fehlt ebenso fast vollständig (im Zukunftskapitel wird sie kurz gestreift). Ansonsten greift Stolle auf vier OECD-Szenarien zur Zukunft der Hochschule zurück, und bleibt in Bezug auf Baden-Württemberg bei Allgemeinplätzen.

Insgesamt fällt meine Bilanz durchmischt aus: Als Einführung in die Geschichte der baden-württembergischen Hochschullandschaft bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts ist Stolles Buch zu empfehlen. Für eine zeitgeschichtliche Aufarbeitung der baden-württembergischen Hochschulpolitik seit den 1960er oder 1970er Jahren – oft ja auch mit dem Anspruch, bundesweit Vorreiter zu sein! – greift das Buch dagegen deutlich zu kurz. Hier hätte ich mir mehr erhofft. Ärgerlich auch, dass an viele Stellen sichtbar wird, dass das Lektorat hätte besser sein können – Tippfehler (»NSADP«), doppelte Sätze, Redigierreste und thematische Wiederholungen tauchen leider all zu oft auf.

Stolle, Michael (2015): Universitäten und Hochschulen in Baden-Württemberg. Tradition – Vielfalt – Wandel. Stuttgart: W. Kohlhammer, 263 Seiten. Bestellung/Download über die LpB Baden-Württemberg.

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Realexperimente

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Werbung in (mehr oder weniger) eigener Sache: in der nächsten Ausgabe der sozialwissenschaftlichen Online-Zeitschrift Forum Qualitative Sozialforschung wird eine Rezension von mir zum Buch Realexperimente von Matthias Groß, Holger Hoffmann-Riem und Wolfgang Krohn erscheinen. Die Autoren entwickeln in diesem Buch ein relativ interessantes Konzept des Realexperiments als typischer – gewollter oder ungewollter – Experimentierform der Wissensgesellschaft. Die Beispiele im Buch beschränken sich auf ökologische Gestaltungsprozesse; das Konzept erscheint mir aber auch darüber hinaus bedenkenswert.

> Rezension (bei FQS)
> Realexperimente (bei amazon.de)

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