Schlagwort-Archive: politik

Der Ernst des Politischen

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft, So grün, so grün | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , ,  

IMG_9070
Photo: Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg, CC-BY-SA 2.0

Fast schon wieder ein Jahr ist es her, dass ich drüben beim Blog der baden-württembergischen Grünen Ehrlichkeit als herausragende Eigenschaft Winfried Kretschmanns betonte. Das heißt jetzt nicht, dass er nicht in der Lage dazu wäre, Politik auf Botschaften hin zu »spinnen«, und – manche mögen meinen, mit fast schon traumwandlerischer Sicherheit – die Aspekte herauszupicken, die anschlussfähig sind, haften bleiben, aus denen sich dann fast schon stehende Redewendungen ergeben. Aber das ist nur die eine Seite Kretschmanns, der Charme, mit dem politische Erfahrenheit sich hier in der gelungenen Zuspitzung Bahn bricht.

Es gibt eine zweite Seite, die heute beim politischen Aschermittwoch in Biberach (den ich im Stream verfolgte) sichtbar wurde. Eugen Schlachter hat eine launige Wahlkampfrede gehalten, Thekla Walker eine gute Parteitagsrede, Renate Künast gewohnt schnoddrig-kabarettistisch den Stand der Dinge Revue passieren lassen. Katrin Göring-Eckardt zeigte sich als charmante Meisterin im Austeilen von Nadelstichen (was mir sehr gut gefallen hat). Und dann der große Moment, die Kreisvorsitzende kündigt ihn an – unser Landesvater. Und was macht Kretschmann?

Er enttäuscht alle Erwartungen. Er hält keine launige Büttenrede (dass er das auch kann, hat er wohl die Tage zuvor bei diversen Narrenempfängen etc. gezeigt), sondern – ein Medium hat es so bezeichnet – eine »Fastenpredigt«. Thema der Predigt, und das ist die zweite Sache, die ihn ausmacht, für die derzeit wohl nur Kretschmann steht: Die Wut auf den Skandal. Politik ist für ihn kein Spiel. Politik ist nicht dazu da, Spaß zu machen. Wer sich darin überbietet, Fußnoten aufzublasen, um einen Stich in der medialen Laune zu machen, betreibt aus Kretschmanns Sicht keine ernsthafte Politik. Nein: Es soll hart um die Sache gerungen werden. Es soll gesagt werden, was Sache ist. Wo das zu Ärger führt, darf der Ärger geäußert werden. Aber bei diesem politischen Ringen um die Sache ist Maß zu halten mit dem Skandalisieren. Wenn jedes Ärgernis zum Skandal aufgeblasen wird (und dazu fallen mir nicht nur die von ihm genannten Beispiele ein, sondern auch das Standardverhalten unserer Landtagsopposition), dann ist der richtige – politische – Skandal nicht mehr zu unterscheiden von dem, was die Piraten als »Gate« bezeichnen. Und wenn alles Skandal ist, bleibt Politik nur noch die Inszenierung.

Ein aufs Draufhauen programmiertes Publikum mit einer Predigt für das Maßhalten auch in der Politik zu enttäuschen – und dafür am Schluss tosenden Beifall zu ernten: Das ist derzeit etwas, das nur Kretschmann kann. Etwas, das ihn besonders macht, in der Verbindung der Zuspitzung in der Sache, durchaus auch persönlich, emotional, volksnah, und dem Verzicht auf den Zynismus des politischen Theaters. Chapeau!

Warum blogge ich das? Weil ich dieses Ernstnehmen des Politischen eindrucksvoll finde. Und weil es mich dazu bringt, darüber nachzudenken, wie viel Spiel ich in der Politik sehe.

Be the first to like.


Fünf Cent zur Gretchenfrage

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft, Soziologisch gesehen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , ,  

Crows in the sky III

Die u.a. Theologin Antje Schrupp fragte unlängst in ihrem Blog danach, wie AtheistInnen sich selbst definieren, ob sie sich als solche bezeichnen und wo der Atheismus in ihrem Alltag eine Rolle spielt. Darauf gab es ziemlich viele ziemlich lesenswerte Antworten; eine Reaktion von Antje gibt es auch.

Ich muss zugeben, dass mich ihr Verständnis der Antworten etwas irritiert hat.

Weiterlesen

3 Personen gefällt dieser Eintrag.


Ich und du und die Politiker

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , ,  

Was mich manchmal aufregt, wenn ich meinen Twitterstream verfolge, sind Tweets, in denen pauschal »die Politiker« (mitgemeint vermutlich auch »die Politikerinnen«) beschimpft werden. (Insbesondere dann, wenn PiratInnen sowas twittern …).

Nicht, weil es nicht genügend PolitikerInnen aller Parteien gäbe, über die zu schimpfen sich lohnt. Da fallen mir ganz schnell auch ganz viele ein, ohne jetzt Namen zu nennen.

Sondern weil »die Politiker« eine ganz wunderbar politikverdrossene pauschale populistische Polemik ist. Wer das so meint – ok. Es mag ja Leute geben, die jeden Glauben daran verloren haben, dass diese unsere Demokratie irgendwie funktioniert. Aber wer sich über »die Politiker« ärgert, sollte sich zumindest bewusst sein, dass damit eigentlich gemeint ist, dass das parlamentarische System der Bundesrepublik Deutschland nicht funktioniert. Also: informiert euch!

Weiterlesen

Be the first to like.


Drei Komponenten grüner Hochschul- und Forschungspolitik

Veröffentlicht unter Hochschulpolitik, Nachhaltiges Leben, So grün, so grün | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,  

Concrete meets light

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich ehrenamtlich und inzwischen auch beruflich mit grüner Hochschul- und Forschungspolitik. Hochschul- und Forschungspolitik ist dabei eines dieser mittelgroßen Politikfelder, das oft als weniger wichtig angesehen wird. Wer etwas auf sich hält, macht Außenpolitik, oder Wirtschaftspolitik, oder doch zumindest Innenpolitik. Oder eben Ökologie. Aber Hochschulpolitik? Forschungspolitik gar? Was soll denn daran grün sein?

Das jedenfalls ist eine Haltung, die einem manchmal entgegenschlägt, bei entsprechenden Anträgen, auf der Suche nach Zeitfenster oder Ressourcen in der Partei. Hochschule? Klar sind Studierende eine wichtige WählerInnen-Gruppe, aber die zwei Millionen alleine machen den Kohl auch nicht fett. Und der Mittelbau wählt uns doch sowieso wegen der großen Politikfelder. So oder ähnlich wird dann gerne mal argumentiert.

Und dann bleibt es zunächst einmal eine offene Frage, ob es den tatsächlich sowas wie eine grüne Hochschul- oder Forschungspolitik sui generis gibt. Oder ob es sich dabei nicht einfach um eine Mischung aus den gerade üblichen Modetrends und Allgemeinplätzen und aus Klientelpolitik für Studierende bzw. AkademikerInnen handelt. Oder um ein doch stark technokratisches Feld, in dem Politik eigentlich gar nicht stattfindet.

Weiterlesen

3 Personen gefällt dieser Eintrag.


Kurz: Den katholischen Geist neu rahmen

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft, So grün, so grün | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , ,  

Religion und Politik verträgt sich nicht. Dass es in Deutschland eine christliche Partei gibt, finde ich nach wie vor irritierend. Entsprechend aufgeschreckt hat mich die Berichterstattung über das Papier diverser katholischer PolitikerInnen meiner Partei (hier das Papier) – erst recht, nachdem mit Gerhard Schick und Agnieszka Brugger, Ulrike Gote und Bene Lux Leute drunter stehen, die ich aus anderen innerparteilichen Debatten gut kenne und schätze. Was hat die geritten, dachte ich mir, plötzlich – das war die Spitze des Debatteneisbergs – eine Sonderabgabe für AtheistInnen wie mich zu fordern?

Außerdem: das hätte – trotz aller SpitzenfunktionärInnen mit Kirchenämtern – in unserer letzlich doch recht kirchenkritischen Partei nie eine Chance, so ein Papier. So gibt es in den letzten Jahren sowas wie einen zähneknirschenden Waffenstillstand oder ein mehr oder weniger freundlich hingenommenes Unentschieden zwischen ReligionskritikerInnen und »Christen bei den Grünen«, was Fragen der Trennung von Kirche und Staat, des Ethikunterrichts, kirchlicher Arbeitsverträge usw. angeht. Themen, die inzwischen immerhin wieder diskutiert werden, vergleiche BDK Kiel 2011.

Ein Argument auf der innergrünen linken Debattenliste fand ich dann allerdings doch recht überzeugend. Und zwar liest sich das Papier ganz anders, wenn es nicht als innergrüner Debattenbeitrag verstanden wird, sondern – und ich denke, dass es so gemeint ist – als innerkatholischer Debattenbeitrag zu deren Kirchentag in Mannheim. Dann sind das nicht mehr Grüne, die aus irgendwelchen Gründen seltsam religiöse Positionen einnehmen, sondern KatholikInnen, die in ihrer grünen Verwurzelung versuchen, auch in ihrer Kirche etwas zu bewegen. Nicht mein Ding, aber doch schon um einiges verständlicher als die erste Interpretation. Oder?

2 Personen gefällt dieser Eintrag.


Seite 4/36    1  …  3 4 5  …  36