Schlagwort-Archive: intersektionalität

Im Herbst 2015 gelesen – Teil II

Veröffentlicht unter Lesenswert, Zukunftsvisionen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , ,  

IMG_20160204_083952
Einige wenige der Bücher, die unten besprochen werden – viel liegt auf der Kindle-App, anderes steht schon im Regal …

Heute setze ich dann meinen von einigen Wochen geposteten Überblick darüber fort, was ich seit dem Sommer 2015 gelesen habe.

* * *

Nachdem ich mit Among others die Autorin Jo Walton für mich entdeckt hatte, las ich mich weiter durch ihr Werk. Tooth and claw (2003), ein Jane-Austen-Familiendrama, nur mit Drachen, war nicht so ganz meines.

Begeistert hat mich My real children (2014) – die fiktive Doppelbiographie einer in den 1920er Jahren geborenen Engländerin, Patricia Cowan – zwei sich überlagernde Rückblenden über zwei erfüllte Leben, die in den 1940er Jahren an einem Bifurkationspunkt auseinanderlaufen und sich ganz unterschiedlich entwickeln. Wenn My real children in ein Genre gepackt werden müsste, wäre es der historische Was-wäre-wenn-Roman, allerdings hier aus der Perspektive von unten. Ob Kennedy ermordet wird oder nicht, findet nur im Hintergrund statt. Im Vordergrund zeichnet Walton den Weg Patricia Cowans zur gefeierten Reiseführer-Autorin, die in einem zunehmend geeinten Europa mit ihrer Partnerin und ihren Kindern zwischen Florenz und Großbritannien lebt, – und den Weg von Patricia Cowan, die nach einer unglücklichen Ehe zur lokalen Aktivistin für Frieden, Frauenrechte und den Erhalt des historischen Stadtkerns wird. Oder anders gesagt: ein Buch über die Ungleichzeitigkeiten des 20. Jahrhunderts aus biographischer Perspektive. (Leider gibt es keine deutsche Übersetzung – ich könnte mir vorstellen, dass das Buch auch außerhalb des Genres Anklang finden könnte …)

Weiterlesen

2 Personen gefällt dieser Eintrag.


Mein Unbehagen mit der Eindeutigkeit

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , ,  

Seit ein paar Tagen kursiert der Kurzfilm »Oppressed Majority« (Eléonore Pourriat, 2009) im Netz und wurde inzwischen auch von diversen Online-Ablegern der Massenmedien aufgegriffen. Der Punkt des Filmes ist so einfach wie wirkungsvoll – im Film haben Frauen die Macht, Männer sind die Unterdrückten, ansonsten bleibt alles so, wie es ist: Herabwürdigungen, Anzüglichkeiten, religiös begründete Unterdrückung, sexualisierte Gewalt – und am Schluss keinerlei Unterstützung.

Aber genau in dieser Eindeutigkeit der Unterdrückungsverhältnisse liegt mein Unbehagen mit dem Film. Ok – es ist ein Kurzfilm, etwa zehn Minuten lang, da passt die Widersprüchlichkeit der Welt nicht hinein. Aber ich frage mich trotzdem, was für Geschlechterbilder der Film vermittelt, und ob er nicht gerade.in seiner Eindeutigkeit Biologismen fortschreibt und verstärkt. (Interessanterweise ist diese Eindeutigkeit eine bewusste Entscheidung Pourriats).

Im Film treten, wenn ich richtig mitgezählt habe, drei Männer auf. Neben der Hauptperson Pierre sind das der Erzieher, der es sich offensichtlich in der Rolle des vom Islam unterdrückten Mannes eingerichtet hat, sowie ein junger Polizist oder Sekretär, der die Kommentare seiner Vorgesetzten über sein Äußeres kommentarlos über sich ergehen lässt.

Die sommerlich gekleidete Hauptperson bringt das Kind in die Kita, zeigt sich anfangs halbwegs selbstbewusst, fährt mit dem Rad zu einem Termin – ob beruflich oder privat, wurde mir nicht ganz klar – und begegnet dann einer Gruppe halbstarker Mädchen. Er gerät in einen Streit mit diesen, wird von der Gruppe in eine Seitengasse gedrängt, geschlagen und letztlich vergewaltigt. Danach folgen noch zwei Szenen, in denen der von diesem Ereignis sichtlich traumatisierte Mann auf in diesem Fall weibliches Unverständnis stößt – eine Polizeibeamtin nimmt seine Anzeige gelangweilt zu Protokoll. Sie glaubt ihm nicht. Seine Frau holt ihn später ab, es ist schon dunkel, aber sie interessiert sich doch nur für ihre eigenen beruflichen Sorgen. Verletzt und alleine bleibt ihm eine leere, dunkle Straße.

Soweit der Film. Männer sind im Film hilflos und werden gedemütigt. Frauen nehmen Männer nicht für voll, unterdrücken diese, reduzieren sie auf den Körper – oder sind übergriffig und gewalttätig.

In umgekehrten Geschlechterrollen ist das ein dunkler Teil der Wirklichkeit. Nicht zuletzt #aufschrei hat das deutlich gemacht. Insofern ist der Film wichtig. Vielleicht hilft er, in der Umkehrung der Verhältnisse deren traurige Alltäglichkeit sichtbar zu machen.

Aber wie geht es weiter? Wie könnte es anders sein? Hier bleibt der Film stumm. Es gibt dort keine Menschen, die ihrer (selbstverständlich heteronormativ festgelegten) Geschlechterrolle nicht entsprechen. Es gibt kein Aufbegehren, keine dritten Räume, keine Solidarität. Niemand löst sich von seiner/ihrer Biologie, es gibt keine Ambiguitäten. Jede Form von Macht ist geschlechtlich genau zugeordnet, und jedes Geschlecht hat genau eine Position. Ein Entkommen aus dieser Binarität gibt es nicht.

Und genau damit, fürchte ich, trägt der Film eher dazu bei Unterdrückungsverhältnis festzuschreiben als Augen zu öffnen und Veränderungen zu ermöglichen: Die Welt ist schlecht, die Mächtigen sind sexistisch, aber – Achselzucken – so sind die Menschen halt.

Warum blogge ich das? Weil ich glaube, dass die Sache komplizierter sein müsste.

P.S.: Lesenswert wie immer das Missy Magazin dazu.

P.P.S.: Auch in der ZEIT gibt es einen interessanten Kommentar zu rassistischen Untertönen in dem Stück.

3 Personen gefällt dieser Eintrag.