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Nach der Digitalisierung: Was bleibt?

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Small waterfall II

Vermutlich muss ich den Titel dieses Blogbeitrags erklären, und vermutlich muss ich dafür etwas weiter ausholen.

Ausgangspunkt ist die Art und Weise, wie wir – z.B. in der grünen Partei, oder in der Wissenschaft, oder in den Medien – den Prozess der Digitalisierung betrachten, verstehen und vor allem auch darstellen. Immer wieder finden sich da Bilder wie das der (vierten industriellen) Revolution, der Zeitenwende, der neuen Ära oder Epoche. Der »digitale Wandel« verändert alles, kein Stein bleibt auf dem anderen, und was gestern noch galt, wird morgen ungewiss sein. Das lässt sich jetzt zum einen auf verschiedene Bereiche durchdeklinieren – was macht »DeepTech« (so der schöne Begriff, den Holger Schmidt auf der Open! 2016 für die Kombination aus Internet-der-Dinge, Sensorik, AR/VR, Künstliche Intelligenz und verteilte Plattformmodelle prägte) mit der Automobilindustrie, wird die Arbeitswelt und der Alltag »in Zukunft« ganz anders aussehen als heute, ändern sich fundamental nicht nur Bildung, Kompetenzen und Kulturtechniken, sondern auch Vorstellungen von Raum und Zeit, usw. usf. Das ganze lässt sich als technophile Utopie zeichnen, oder als Menetekel, als Warnung vor der großen Katastrophe (Facebook zerstört, Google hat uns im Griff, …).

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Auf der Suche nach einer Bewegung, die die Welt retten will

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The Earth

Irgendwas läuft da schief. Es gibt eine Handvoll globaler Herausforderungen – die Klimakrise, und in deren Schlepptau die ganzen übrigen Nachhaltigkeitsthemen, die auch nicht einfach verschwunden sind; neue Ausbeutungsverhältnisse ganz unterschiedlicher Art; einen grundlegenden Wandel von Wirtschaft, Arbeit und Alltag durch das Bündel technologischer Entwicklungen, das gemeinhin als »Digitalisierung« bezeichnet wird.

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Anlässlich des Todes von Hermann Schwengel

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Das Institut für Soziologie der Universität Freiburg wollte diesen Freitag sein fünfzigjähriges Bestehen feiern. Ob es dazu kommt, steht in den Sternen.* Einen werde ich dort jedenfalls nicht treffen, und das macht mich sehr traurig. Heute Abend erreichte mich die Nachricht, dass Hermann Schwengel kurz nach Eintritt in den Ruhestand, nach kurzer, schwerer Krankheit, gestorben ist.

Das Freiburger Institut für Soziologie ist ein sehr kleines Institut. Als ich dort studiert habe, in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, gab es drei Professuren, mit rotierender Institutsgeschäftsführung. Entsprechend ging es dort recht familiär zu. (Und, wenn dem für Freitag angekündigten Festvortrag zu glauben ist, auch provinziell – gleichzeitig gab es immer eine Achse Berlin – Freiburg. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Zu der Zeit, als ich studiert habe, war das Studium so organisiert, dass die großen Einführungsvorlesungen von den Professoren (anfangs waren es nur Männer) gehalten wurden. Jede und jeder hatte also mindestens einmal mit Hermann Schwengel zu tun. Im zweiten Semester, bei mir war es 1996, der Titel der Vorlesung war »Europäische Sozialstruktur und globaler Wandel«. Aber eigentlich ging es darum, dass Schwengel seine Gegenwartsdiagnose ausbreitete. Das war ziemlich kompliziert, und er nahm dabei wenig Rücksicht auf didaktische Finessen. Insofern hatte die Vorlesung einen gewissen Ruf unter uns Studierenden.

Gelernt habe ich trotzdem einiges über die langen Wellen der Globalisierung, über Ungleichzeitigkeiten von langsamer und schneller Globalisierung in unterschiedlichen Handlungsfeldern (Rationalisierung und Individualisierung, beispielsweise), und auch über die nicht ganz einfache Kunst der soziologischen Zeitdiagnose. Später habe ich dann auch noch ein vertiefendes Seminar bei Schwengel besucht, auch da ging es um Globalisierungsphänomene; ich verbinde damit auch die Erinnerung an eine große Neugierde darüber, was in der Welt alles geschieht.

Ich habe viel von Schwengel gelernt. Das betrifft nicht nur die Inhalte der Soziologie, sondern auch die »Hinterbühne« des akademischen Betriebs. Ich war eine Zeit lang Hiwi und Tutor bei ihm, nach dem großen Dreiländer-Soziologie-Kongress, den er nach Freiburg holte. Auf dieser Hinterbühne, im Büro mit dem großen Sofa, auf dem sich meist Papiere stapelten (eine Ordnung, die kein Hiwi bezwingen konnte), habe ich ihn als großherzigen und umtriebigen Sozialdemokraten kennengelernt. (Auch das im übrigen an einer im Kern immer noch tief konservativen Universität fast schon eine Provokation). Wie Soziologie gemacht wird, aber ebenso, wie die verschiedenen Ehrenämter (etwa die Grundwertekommission der SPD), Netzwerke und das Hochschulfunktionen kaum Zeit und Raum dafür lassen, ordentlich zu forschen. Und wie trotzdem Neues gedacht und zu Papier gebracht wird.

Was ich ganz besonders an Schwengel geschätzt habe, war sein Anspruch, seine Soziologie auch in die Tat umzusetzen. Politisch betrifft das die Unterscheidung zwischen europäischen und amerikanischen Entwicklungspfaden, die nicht nur Diagnosetool war, sondern etwas, aus dem er Konsequenzen gezogen hat. Im »Kleinen« vor Ort war es lokalpolitische Einmischung, die Einrichtung der Global Studies, aber auch sein Ausspruch »Wenn wir das nicht können, wer soll es dann machen«, als es etwa um Integrationsmaßnahmen am Institut ging, der mir in Erinnerung geblieben ist.

Auch wenn ich in den letzten Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm hatte, kann ich nicht anders, als mir Hermann Schwengel als einen Menschen vorzustellen, der für den Ruhestand noch voller Pläne war. Diese wird er jetzt nicht mehr verwirklichen können. Und auch das macht mich traurig.

* Die Feier zum 50-jährigen Bestehen fand gestern statt; Prof. Ulrich Bröckling und das Institut haben – meine ich – damit die richtige Entscheidung getroffen und in der Gestaltung des Festakts eine respektvolle Mischung aus Gedenken und Feier gefunden. (13.12.2014)

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Some books

Mal sehen, was ich in den letzten Tagen so gelesen habe – wenn ich’s richtig sehe, fast nur post-apokalyptische Science Fiction. Ich fange mal mit den Klassikern an.

Kurt Vonneguts The Sirens of Titan (1959) hat, oberflächlich betrachtet, einiges mit Douglas Adams’ Hitchhikers Guide gemeinsam. Eine teilweise zu surrealem Humor greifende Geschichte, in unwahrscheinliche Ereignisse auf drei Planeten und einem Mond nur Teil eines größeren Plans, ja, eines Plans von gigantischem Ausmass zu sein scheinen. Und auch bei näherer Hinsicht gibt es Gemeinsamkeiten: hinter der absurden Fassade stecken Überlegungen zum Sinn des Lebens. Ab und zu ist dem Buch sein Alter anzumerken, aber darauf kommt es bei diesem Klassiker nicht an.

Gelesen – auch wenn es streckenweise mühsan war – habe ich auch Dhalgren von Samuel R. Delany (1974). Schwierig – diesem Buch ist sein Alterungsprozess doch deutlich anzumerken. Und einige Besonderheiten – etwa der zirkuläre Aufbau – werden erst beim Blick in die Wikipedia deutlich und verständlich. Vor der Kulisse einer von einer unnatürlichen Katastrophe befallenen Stadt changiert Dhalgren zwischen Psychotrip und jugendlicher Gegenkultur, Essay über das Schreiben und Gewaltverherrlichung, freier, alle damaligen Konventionen missachtender Liebe und sexuellem Missbrauch. Der Erzähler hat Gedächtnislücken, der Zeitverlauf macht Sprünge (oder ist es nur das willkürlich gewählte Datum der Zeitung, die im Buch eine Rolle spielt). Interessant zu beobachten, aber manchmal doch mehr Zeitdokument als Roman.

Kommen wir zu etwas ganz anderem – wobei auch hier die Kulisse ein postapokalyptisches Amerika ist, genauer gesagt eine nach der Klimakatastrophe unseres »Accelerated Ages« auf den Status eines von Warlords zerrissenen Drittweltlandes gefallene USA. Paolo Bacigalupi hat mit Shipbreaker (2010) und The Drowned Cities (2012) zwei lose zusammenhängende Young-Adult-Bücher geschrieben, in denen nach Peak Oil und Klimawandel die heutigen globalen Verhältnisse auf den Kopf gestellt sind. Indiens Konzerne und Chinas Friedenstruppen sind mächtig, den Menschen, die versuchen, in den Slums und Urwäldern von Tag zu Tag ihr Auskommen zu finden, bleibt nur die ohnmächtige Flucht in neue Religionen und dreckige Tagelöhnerarbeit. Anders gesagt: Im Zerrspiegel der Science Fiction packt Bacigalupi das globale Elend der Gegenwart in einen futuristischen Kontext. Die beiden Romane bleiben dabei spannend genug, ihre jeweiligen ProtagonistInnen lebensnah genug, dass dabei gar keine Zeit für Moralpredigten bleibt.

Auch das letzte Buch, Alastair Reynolds On the Steel Breeze (2013) stellt die heutigen Verhältnisse auf den Kopf. Im 22. Jahrhundert ist es die afrikanische Unternehmerfamilie Akinya, die den Antrieb erfindet, der interplanetare Raumfahrt möglich macht – zwischen Kunst und Genmanipulation, AI, Elefanten, Verfolgungsjagden und allgegenwärtiger Überwachung ist das die Geschichte des Vorgängerbandes Blue Remembered Earth, der sehr zu empfehlen ist. Steel Breeze setzt diese Geschichte fort. Chiku Akinya ist eine Nachkommin der Unternehmensfamilie. Sie lässt sich zweimal Klonen; das Buch verfolgt die nach und nach zusammenwachsenden Abenteuer dieser drei Akinyas, die sie in Meerestiefen und zu interstellaren Generationenraumschiffen bringen. Reynolds bleibt dabei realistisch, was etwa das Raumfahrtdesign angeht (der Physiker ist ihm hier anzumerken); aber auch der Alltag – sei es im Lissabon des 23. Jahrhunderts, sei es die sich auseinanderentwickelnde Politik der Raumschiffflotte – bleibt glaubhaft und bunt. Wie schon in seinen in fernere Zukunft spielenden früheren Space Operas, die er hier gegenwartsnäher werden lässt, sind weibliche Hauptfiguren, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und neue Geschlechtsidentitäten in Reynolds Büchern Selbstverständlichkeiten. Aber nicht nur deswegen sind diese beiden Bände sehr empfehlenswert.

Warum blogge ich das? Weil gerade die neueren Bücher vielleicht auch andere interessieren könnten.

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Unsortiertes zu den Grenzen des (politisch) Gestaltbaren

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Es ist geradezu das Wesen des Politischen, dass politische Entscheidungen (formal: Beschlüsse eines Parlaments) Konsequenzen für den Alltag von Menschen haben. Oder, um es im wutschnaubenden Tonfall der FDP zu sagen: dass politische Entscheidungen die Freiheit des Einzelnen einschränken. (Und damit möglicherweise die Freiheit vieler erhöhen, aber das wäre jetzt eine andere Debatte.)

Es mag Gesetze geben, vielleicht ist es sogar die Mehrzahl aller Gesetze, die für die Mehrzahl der Menschen konsequenzlos bleiben. Die vielleicht nur den Alltag einer kleinen Gruppe betreffen. Die Tagesordnungen des Bundesrats sind hier exemplarisch. Das »Gesetz zur Förderung der Sicherstellung des Notdienstes von Apotheken«, das »Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten« oder das »Gesetz zur Änderung des Abkommens vom 20. März 1995 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über die Erhaltung der Grenzbrücken im Zuge der deutschen Bundesfernstraßen und der polnischen Landesstraßen an der deutsch-polnischen Grenze« sind alles Gesetze, die dich und mich erst einmal nicht betreffen. Sofern wir nicht gerade eine Apotheke betreiben, auf den Notdienst einer Apotheke angewiesen sind, zwischen Gerichten kommunizieren oder über Grenzbrücken zwischen Polen und Deutschland fahren. Oder Güter konsumieren, die über Grenzbrücken zwischen Polen und Deutschland transportiert wurden.

Was ich sagen will: Das Wesen der Politik besteht darin, mehr oder weniger direkt in den individuellen Alltag einzugreifen. Regeln für bestimmte Handlungen aufzustellen. Handlungen zu ermöglichen. Sie zu fördern. Sie zu erschweren oder zu verbieten. Blumig gesagt: das Zusammenleben zu gestalten.

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