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Kleiner Hinweis dazu, warum das mit dem Frauenanteil im grün-schwarzen Kabinett nicht ganz so einfach ist, und warum 2016 trotzdem ein Erfolg ist

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Gestern hat Winfried Kretschmann mit Thomas Strobl die Minister*innen und Staatssekretär*innen für das erste grün-schwarze Kabinett vorgestellt. Und gleich hieß es: die Forderung, die Hälfte der Macht im Kabinett den Frauen zu geben, sei mal wieder verfehlt worden. Dabei zeigt sich, wie wichtig es für derartige Aussagen ist, vorher die Systemgrenzen festzulegen. Denn je nachdem, wie hier gezählt, und wer alles berücksichtigt wird, sieht’s ganz unterschiedlich aus.

Dazu ist es zunächst einmal wichtig, festzuhalten, dass es in Baden-Württemberg eine ganze Reihe unterschiedlicher Regierungsämter gibt: den Ministerpräsidenten bzw. die Ministerpräsidentin, Minister*innen, ehrenamtliche Staatsrät*innen, Staatssekretär*innen mit Stimmrecht im Kabinett, »politische« Staatssekretär*innen ohne Stimmrecht im Kabinett, bis 2016 auch Staatsminister*innen (also Minister*innen im Staatsministerium), den Chef (oder die Chefin) der Staatskanzlei und schließlich die Amtschefs der Häuser (Ministerialdirektor*innen, kurz: MDs). Dann gibt es weitere herausgehobene Posten – die (Vize-)Präsident*innen des Landtags und die Fraktionsvorsitzenden der Regierungsfraktionen. Dieses Tableau – mehr oder weniger eng zugeschnitten – ist es, um das es hier geht. Wenn nur die Minister*innen betrachtet werden, fällt die Antwort auf die Quotierungsfrage anders aus als bei einer Berücksichtigung aller Personen mit Stimmrecht im Kabinett oder aller Minister*innen, Staatsrät*innen und Staatssekretär*innen.

Das sieht dann so aus:

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In eigener Sache: Der digitale Wandel ist da

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2014-04-22digitalerwandelHeute flatterte mir digital wie auch in gedruckter Form die Erstausgabe von Der digitale Wandel – Magazin für Internet und Gesellschaft ins Haus. Als ich vor ein paar Wochen angefragt wurde, ob ich für dieses neue Projekt des co:llaboratory einen meiner Texte – die abgedruckte Collage zu Enzensberger im Wandel der Zeit – freigeben würde, freute mich das. Gut, das co:llaboratory ist wegen seiner immer noch engen Verbindung zu Google manchmal nicht ganz unumstritten, aber von dem, was ich bisher mitgekriegt habe, macht das Colab gute Sachen zur Förderung der Forschung zu Internet und Gesellschaft. Wichtiges Feld usw.

Insofern bin ich jetzt einerseits stolz, in der Erstausgabe des Digitalen Wandels mit einem Text vertreten zu sein. Andererseits ärgert es mich ein bisschen, dass es keine Fahnenkopie gab – dann wären nämlich zwei weitere der Enzensbergerzitate auch so gekennzeichnet und würden nicht so aussehen, als stammten sie von mir. In meinem Blog steht’s richtig. Das größere Aber ist jedoch die Frage, ob diese Form der kuratierten Zusammenstellung von Netztexten überhaupt einen Mehrwert bringt (und wenn ja, wem). (Und ob es dann nicht besser wäre, die Texte nochmal zu überarbeiten – für was gedrucktes hätte ich vermutlich zwei, drei Fußnoten eingefügt …)

Insofern bin ich gespannt, wie das Heft »da draußen« ankommt, und ob es wahrgenommen wird. Oder ob es statt digitalem Diskurstreiber eher sowas wie die Mobil des Colab sein wird. Also eine Art Kundenzeitschrift, nur halt schick mit CC-Lizenz und digitalem Schnickschnack.

Und dann hat das Format »kuratierte Zusammenstellung« einen gewaltigen Nachteil: Es reproduziert zu großen Teilen die Relevanzzuschreibungen der digitalen Szene. Das lässt sich unter anderem daran festmachen, welche Autoren (und ganz wenige Autorinnen) ausgewählt worden sind (hier mehr dazu). (Diese Reproduktion von Asymmetrien, für die das Geschlechterverhältnis ein Indikator ist, entspricht ein bisschen dem Problem, auf das ich auch im Zusammenhang mit CARTA mal hingewiesen hatte …).

Aber gut: Ausgabe Q1 ist die Pilotausgabe von Der digitale Wandel – insofern gehe ich durchaus davon aus, dass das Redaktionsteam des Colab für die nächste Ausgabe das eine oder andere hinzugelernt haben wird. Neugierig, was daraus wird, bin ich auf jeden Fall.

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In eigener Sache: »Leichtere Beschäftigungen«

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Heavy biking

Aufgrund der langen Produktionszyklen für wissenschaftliche Aufsätze kann ich – obwohl derzeit gar nicht in der Wissenschaft beschäftigt – stolz vermelden, dass in den letzten Tagen mein Aufsatz »Leichtere Beschäftigungen‹. Geschlechterdifferenz als Leitbild der Forstlichen Arbeitswissenschaft« (Abstract) in der Zeitschrift GENDER erschienen ist.

Worum geht es in dem Aufsatz? Ich habe mir für einige Standardwerke der Forstlichen Arbeitswissenschaft angeschaut, wie dort Geschlecht thematisiert bzw. nicht thematisiert wird. Dabei lässt sich sehr schön rekonstruieren, wie diese für die kleine Disziplin der Forstlichen Arbeitswissenschaft zentralen »Klassiker« ein Bild von Geschlecht vermitteln, das ganz grundlegend auf Differenz aufbaut – hier die vollwertigen männlichen Arbeitskräfte, da die maximal zähneknirschend für »leichtere Beschäftigungen« geeigneten Frauen. Dabei wird Differenz vor allem in Bezug auf Aussagen zur körperlichen Leistungsfähigkeit und zu »geschlechtsspezifischen« Fähigkeiten hergestellt, und letztlich die geschlechtsbezogene Arbeitsteilung – mit männnlich besetzter Erwerbsarbeit und weiblich besetzter Familienarbeit als Arbeit für den Mann – als Selbstverständlichkeit etabliert.

Ich finde das insofern spannend, als die Forstliche Arbeitswissenschaft eine sehr spezialisierte Subdisziplin ist – in den 1920er Jahren entstanden, hat sie vor allem die Herausbildung eines »ordentlichen« Berufsbilds des Waldarbeiters begründet und begleitet, und damit – Henne und Ei einmal dahingestellt – wohl doch zur bis heute durchschlagenden beruflichen Strukturierung in der Forstwirtschaft beigetragen.

Abschließend frage ich mich, was in einer »aufgeklärten« Arbeitswissenschaft an die Stelle von Differenz gesetzt werden kann. (Als Frage formuliert: Wie kann eine gendersensible Forstliche Arbeitswissenschaft aussehen, die die Welt nicht in zwei getrennte Kategorien teilt?) Idealtypisch wäre es, Differenz durch eine Orientierung an Diversität zu ersetzen und dazu auch das »Bündel« Geschlecht aufzuschnüren. Wie weit das allerdings in der Praxis umsetzbar ist, ist eine andere Frage – und nicht zuletzt eine Frage, bei der etwa beim »diversity management« schnell Feminismus und Neoliberalismus an einem Strang ziehen.

Vielleicht noch ein paar Worte dazu, wie dieser Text entstanden ist – das war nämlich eigentlich ein reines »Nebenbei«-Projekt mit ein bisschen qualitativer Textauswertung, durchgeführt von mir für einen Vortrag beim Festkolloquium zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Siegfried Lewark (pdf der Folien). Das Kolloquium fand im Juli 2007 statt.

Da der Vortrag durchaus auf Resonanz stieß, habe ich daraus – bzw. aus Teilen davon – einen wissenschaftlichen Text gemacht und diesen verschiedenen Leuten zum lesen gegeben. Das letztlich daraus entstandene Manuskript habe ich dann im Juli 2010 bei der Zeitschrift GENDER eingereicht, im November 2010 wurde es mit einigen Überarbeitungswünschen im Grundsatz angenommen. Anfang 2011 habe ich eine überarbeitete Fassung an die Redaktion geschickt, Ende 2011 die redigierte Fassung und im Februar diesen Jahres schließlich die endgültigen Korrekturfahnen erhalten.

Westermayer, Till (2012): »›Leichtere Beschäftigungen‹. Geschlechterdifferenz als Leitbild der Forstlichen Arbeitswissenschaft«, in GENDER, Jg. 4, H. 1, S. 124-140.

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