Schlagwort-Archive: feminismus

Warum willst du nicht hier bleiben? – Darum!

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Flight of the seagull II

Eigentlich ist das mit den Geschlechterverhältnissen hier in Deutschland doch schon ganz ordentlich, oder? Also so im Vergleich zu anderen Ländern. Tja, denkste – der Blick von außen ist dann doch erhellend. Deswegen folgt hier ein (anonymisierter) Rant einer Bekannten von mir, die seit vielen Jahren in den USA lebt, dort eine erfolgreiche Professorin ist, und jetzt für ein Jahr wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist. Ihre Erfahrungen damit, wie tief eingegraben überkommene Geschlechterrollen hierzulande sind – selbst oder gerade in einem akademischen Kontext:

Before I moved back to Germany I did not consider myself a feminist, just a woman, who expects to be treated equally. That’s all. After a year back in Germany I feel like a radical feminist activist.

The main reason I could not see myself living in Germany again permanently is because of gender roles. Overall I see men here a lot more equally involved in household chores, the care of the children, it is not uncommon for men to take paternity leave; yet even many of those men still boss their female partners around telling them how to do what when or ordering for them in the restaurant. I conducted interviews here with Germans about their identity, in an attempt to understand, how people in Germany define Germanness and themselves as Germans. One man (married to an accomplished female doctor) responded to the question “wer sind Sie und wie würden Sie sich beschreiben” with the following “Ich bin Chef. Ich bin der Chef bei der Arbeit. Chef meines Hauses und Chef meiner Familie.” And that is the attitude I saw in many places.

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Kurz: Keine Blumen zum Frauentag

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Heute ist der 101. Internationale Frauentag. Als symbolischer Anlass dafür, auf die weiterhin fehlende Gleichstellung von Frauen und Männern hinzuweisen, ist das ein wichtiges politisches Datum. An dem dann alle politischen Seiten für Gleichstellung sind, authentisch aber nur die in Erscheinung treten, die sich auch an den übrigen Tagen des Jahres dafür verkämpfen. In diesem Sinne finde ich den Frauentag richtig und wichtig.

Es gibt nun eine Tendenz – wohl ein DDR-Import im Verein mit dem Blumenhandel – den Tag auch als persönlichen Dankestags an »die Frau« oder »die Frauen« zu gestalten. Da habe ich Bauchweh bei. Und zwar, weil hinter dem einmal pro Jahr herausgehobenem Dank ein versteckter Undank steht, eine diskriminierende Normalitätserwartung. Die wird sichtbar, wenn gefragt wird, wofür »den Frauen« den gedankt wird. Ihr So-sein als gesellschaftliche Tatsache kann es eigentlich nicht sein.

Denkbar wäre dann, dass der sozialistisch inspirierte Dank sich auf Leistungen in weiblich konnotierten Handlungsfeldern bezieht – Familienarbeit, Hausarbeit, Beziehungsarbeit. Dafür zu danken, legitimiert hier die Asymmetrie – für eine emanzipierte Gesellschaft hilfreicher erscheint es mir, hier (als Mann) alltäglich selbst zu Putzlappen und Windeln zu greifen, statt einmal im Jahr »der Frau« dafür zu danken.

P.S.: Aus Gründen der Zuspitzung verzichte ich auf einen Schlenker zur feministischen Anerkennungsdebatte.

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Plädoyer für eine Präsidentin

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Gesine Schwan I

Jetzt ist Christian Wulff also doch gegangen. Anfang des Jahres hatte ich noch rumgespottet, dass er das erst im März tun wird, und dass Angela Merkel als Präsidalkanzlerin dann seine Nachfolgerin werden wird. Noch wissen wir – abgesehen von allerlei Spekulationen – nicht, wer die (möglicherweise dann tatsächlich überparteiliche) Person sein wird, die am 18. März zum Bundespräsidenten oder zur Bundespräsidentin gewählt werden wird.

Ich persönlich würde es begrüßen, wenn es eine Bundespräsidentin wird. Bisher gab es zwar schon einige Kandidatinnen – aber immer nur dann, wenn relativ klar war, dass sie keine Chancen hatten. Eine Bundespräsidentin – bzw. zunächst einmal eine tatsächlich aussichtsreiche Kandidatin – erscheint mir jetzt überfällig. Ein entsprechender Tweet löste auf Facebook eine größere Debatte darüber aus, ob den Geschlecht ein Kriterium sein könnte. Dort, aber auch auf Twitter, wurde die Befürchtung geäußert, dass dann »irgendeine« Frau genommen werden würde, und damit einer der unzähligen Männer mit Format nicht Bundespräsident werden wird. Andere fanden es prinzipiell falsch, überhaupt über Geschlecht zu reden.

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Elf Sätze zum Sorgerecht

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Flight geometry

Bei Antje Schrupp und bei der Mädchenmannschaft werden die aktuellen Entwicklungen rund um das Sorgerecht analysiert und heftig diskutiert. Mein erster Eindruck: die Aufhebung des Vetorechts für nicht-eheliche Mütter beim Sorgerecht ist ebenso sinnvoll wie der Vorschlag von Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberg, künftig das gemeinsame Sorgerecht auch bei nicht miteinander verheirateten Eltern als Standard einzuführen. Diese Sicht der Dinge mag auch mit meiner persönlichen Situation zu tun haben. Ich bin froh, dass meine Partnerin und ich das gemeinsame Sorgerecht für unsere beiden Kinder haben (diese Möglichkeit gibt es erst seit 1998) – das passt zu unserer Vorstellung egalitärer Elternschaft. Und ich kann bestätigen, was wohl auch andere erfahren haben, dass es nämlich als nicht verheiratetes Paar ein ziemlicher Aufwand ist, das gemeinsame Sorgerecht zu beantragen. Dazu müssen Vater und Mutter gemeinsam beim Jugendamt erscheinen – wir haben das aus praktischen Gründen und nach Beratung durch unsere Hebamme vor der Geburt gemacht –, sich einen Vortrag darüber anhören, dass die Entscheidung nur durch Gerichtsurteil wieder aufhebbar ist, und die Partnerin wird ganz unvolljährig nochmal ganz besonders auf die Tragweite ihres Entschlusses hingewiesen. Dass es unter diesen Umständen häufig dazu kommt, dass unverheiratete Paare das gemeinsame Sorgerecht nicht beantragen, erscheint mir plausibel – und die Karlsruher Entscheidung ein Schritt hin zu einer Gleichstellung von verheirateten und nicht verheirateten Paaren.

Allerdings gibt es auch Argumente, die gegen die Regelung einer gemeinsamen Sorge als Standardfall sprechen, und die mich jetzt auch ein bißchen ins Grübeln gebracht haben. Das eine ist der in diesem taz-Kommentar schön zum Ausdruck gebrachte Punkt, dass »Vaterschaft« ganz unterschiedliches bedeuten kann, von der egalitären Familienarbeit oder der Alleinverantwortung bis hin zu einem »Will-damit-nichts-zu-tun-haben«: da stellt sich schon die Frage, ob eine solche Festlegung für alle Fälle passt, bzw. wie das geregelt werden kann. Noch schwerwiegender erscheint mir das von beiden oben verlinkten Blogs angesprochene Argument, dass mit der gemeinsamen Sorge von leiblicher Mutter und leiblichem Vater letztlich ein ganz bestimmtes soziales – heteronormatives – Modell von Familie und Elternschaft gefeatured wird, und dass hier die biologische Elternschaft gegenüber einer wie auch immer zustande gekommenen sozialen Elternschaft klar präferiert wird. Jedes Kind braucht Eltern – aber müssen das genau zwei sein, genau ein Mann und genau eine Frau (die zusammen das Kind gezeugt haben)?

P.S.: Wahrscheinlich ist das rechtlich-politische Konzept Familienvertrag hier der letztlich sinnvollste Weg.

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Kurz: Die taz kann’s noch, oder: Wann ist ein Mann ein Feminist?

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Ehrlich gesagt hatte ich ein bißchen Bauchweh, als ich gesehen habe, dass die taz ihre diesjährigen Sonderseiten zum 99. Internationalen Frauentag dem Thema »Männer und Feminismus« widmen würde. Zu nahe liegt da die Gefahr, dass die provokant-blöde Seite meiner Lieblingszeitung überhand nimmt und daraus eher ein Witz wird. Ist es aber nicht geworden. Vielmehr hat die taz gezeigt, dass sie es immer noch kann – und hat eine auf zwölf Seiten umfassend informierende und pointiert Position beziehende Männerausgabe zum Frauentag geschaffen. Ab hier kann geblättert werden – oder, schöner und mit Fotografien von Daniel Josefsohn illustriert, für 1,50 Euro am Kiosk.

Einige Highlights aus dem Inhalt: Der Kryptofeminist Christian Füller schreibt in erstaunlich zustimmungsfähiger Form sieben Thesen zum emanzipierten Mann auf. Sein Fazit: machen wir’s wie die Pinguine. Heide Oestreich geht mit SINUS der Frage nach, wie emanzipiert Männer tatsächlich sind – und in welchen sozialen Milieus sie sich verstecken (und fragt ein paar Seiten später auch gleich noch den schwedischen Männerforscher Lars Jalmert, wie’s denn in Schweden mit den Feministen so aussieht). Ulrike Winkelmann macht das selbe mit den grünen Vätern und fragt nach, was hinter der Elternzeit junger grüner Politiker steckt. Die dunkleren Abgründe der sogenannten Männerbewegung beleuchtet Thomas Gesterkamp. Geschlechterstereotype in Kindertagesstätten sind das Thema von Anna Lehmann. Und der Transmann Christian Schenk gibt zu Protokoll, wie es tatsächlich um das doing gender im neu gelernten männlichen Alltag steht.

Zusätzlich gibt’s auch noch vier Seiten Sonderbeilage zum Thema Bildung. Also eine taz, in die zu investieren sich tatsächlich lohnt.

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