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Kurz: Klassenfrage

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Als Bahn-Vielfahrer bin ich fast immer in der 2. Klasse unterwegs – weil mir die BahnCard 100 für die 2. Klasse mit über 4000 Euro pro Jahr schon teuer genug ist, aber auch, weil ich es einfach nie anders kennengelernt habe: Als Kind war es natürlich immer die 2. Klasse in IC und Nachtzug, wenn wir von Süd- nach Norddeutschland gefahren sind. Und später, als das anfing damit, zu Jugendverbandskongressen und Parteitagen, noch etwas später: zu Unidienstreisen, quer durchs Land zu fahren, war ebenso selbstverständlich, dass die Fahrtkostenerstattung sich auf die 2. Klasse bezog.

Wenn ich, wie jetzt grade, dank eines Upgrade-Gutscheins für treue Kunden, dann doch einmal in der 1. Klasse sitze, hat das was von fremden Terrain. Vertraut und zugehörig fühlt sich das nicht an. Bequemere Sitze und mehr Platz – das hätte ich auch gerne bei meinem Pendelalltag. Kostenlose Zeitungen, auch nett. Schwerer tue ich mich da schon mit der Servicekultur und der damit verbundenen aufgesetzten Ultrafreundlichkeit, der emsigen und ständigen Sorge um das Wohlbefinden der Reisenden – Sie werden am Platz bedient, eine kleine Aufmerksamkeit vielleicht, hätten Sie noch einen Wunsch? (Ähnlich fremdelnd ergeht es mir, wenn ich in vielsternige Hotels gerate …).

Das ist schlicht nicht meine Welt. Mit einer bourdieuschen Brille zu beobachten, wie die Angehörigen der 1. Klasse dieses Bedientwerden ganz selbstverständlich finden, ja überhaupt: wie sie sich geben, und dabei eine feine, inkorporierte Eleganz ausstrahlen – das ist durchaus interessant und zugleich ein schöner Beleg für milieuspezifischen Habitus und für die Existenz einer gewissen Klassengesellschaft auch in Deutschland. Was weit über Fragen der Zugehörigkeit hinaus Konsequenzen hat.

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Zen des Pendelns

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Regelmäßiges Pendeln mit der Deutschen Bahn ist eine gute Übung in Gelassenheit. Zwei oder dreimal in der Woche zweieinhalb Stunden in die eine Richtung und zweieinhalb Stunden in die andere Richtung zu fahren, heißt auch, dass das oft Zeit ist, in der nichts wirklich sinnvolles geschieht. Ja, die lässt sich mit Twittern, mit dem Lesen eines Buches oder mit Arbeit überbrücken.
 
Manchmal. Manchmal auch nicht. Es gibt Tage, an denen im Zug sitzen einfach nur bedeutet, zu warten. Ohne etwas sinnvolles tun zu können. Und das übt die Gelassenheit und das Vertrauen darin, irgendwann anzukommen.

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Datenbefreiung, oder: staatsmonopolistischer Netzkapitalismus

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Google räumt auf, und räumt dabei – zum Juli – auch den Google Reader ab. Wer das nicht kennt: das ist ein Tool, um Blogs und andere Nachrichtenquellen, sofern sie RSS-Feeds haben, synchronisiert zwischen mehreren Geräten zu lesen. Oder etwas weniger technisch: ein Tool, mit dem ich auf einen Blick sehe, welche Artikel in meinen Lieblingsblogs und welche Nachrichten von tagesschau.de ich noch nicht gelesen habe, und zwar egal, ob ich auf dem PC, auf dem Smartphone oder auf dem Tablet nachschaue. Zudem sehe ich auf einen Blick, ob meine Lieblingsblogs neue Einträge haben, muss also nicht der Reihe nach durchblättern, was es wo gibt.

Der Google Reader war mal mehr (das habe ich aber nie genutzt), und er ist nicht unersetzbar. Tatsächlich setze ich ihn erst aktiv ein, seit ich ein Smartphone benutze. Auf dem PC war das firefox-intere Handling durchaus ausreichend für mich, um diese gerade beschriebene Funktionalität zu erfüllen.

Trotzdem ärgert mich das Aus für den Google Reader, und da bin ich nicht alleine, auch wenn manche dem auch Gutes in Sachen Monopolvermeidung abgewinnen können.

Was ich konkret mache, mit welchem Tool ich meine Lieblingsblog-Feeds in Zukunft lesen werde, das weiß ich noch nicht. Irgendetwas wird sich finden.

Aber ich musste doch wieder an die Eisenbahn denken.

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Eine kinderwagenfreundliche Bahninfrastruktur wäre was

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People waiting II
Schon ein paar Jahre her das Foto – die Bahnsteigsituation in Hamburg ist aber weiterhin identisch schlecht

Puh – mit zwei Kindern, Kinderwagen und schwerem Gepäck mit der Bahn unterwegs. Auf der Hinfahrt ein Nachtzug mit Fahrradabteil – leider ohne irgendeine Person am Bahnsteig, die einem das sagen kann. Also Kinder ins Abteil stecken und den Kinderwagen einen Wagen weiter hieven – Gang passt, aber die Tür ist einen halben Zentimeter zu schmal. Also zusammenlegen und irgendwie durch.

Ausstieg in Berlin, Suche nach Aufzügen. Der RE nach Rostock ist leer und hat Niederflur. Ein Wickeltisch wär Luxus, ok. Und der Bahnhof in Rostock verfügt wieder über eine erstaunliche Vielfalt an Aufzügen.

Rückfahrt über Hamburg. Der IC von Rostock nach Hamburg ist gut, hat sogar Platz zum Abstellen des Kinderwagens. Noch besser, wenn mir der Servicepoint das hätte sagen können (»Fragen Sie das Zugpersonal«). Und wenn der Wagenstandsanzeiger gestimmt hätte. So rennen, bei einigen Minuten Aufenthalt machbar. Hätte nicht sein müssen.

Panik dann in Hamburg. Extra viel Zeit zum Umsteigen eingeplant, trotzdem zeigt der Durchgangsbahnhof mit 14 Gleisen seine Tücken. Im Normalbetrieb gehört dazu, dass es pro Bahnsteig exakt einen Aufzug gibt – eine der beiden »Brücken« über die Gleise ist nur mit einem kleinen Spaziergang durch Hamburg erreichbar.

Bei uns dann Gleis 14: Der IC nach Nürnberg ist mit 15 Minuten Verspätung angegeben. Sprich: zur Abfahrtszeit unseres ICE. Zwischendrin dann noch ein ICE nach München. Die Frage: Runter mit dem Aufzug (dauert mit Warteschlange ein paar Minuten) – oder lieber warten, bis sicher ist, dass das Gleis gleich bleibt?

Am Gleis angezeigt werden Züge im bunten Wechsel. Bahn.de weiß auch nicht mehr. Also einmal mit dem Kinderwagen durch die wartende Menschenmenge von drei Fernzügen gepflügt. Durch laute Rufe »Aus dem Weg!« bis zum vorbeisausenden Wagen 7 vorgedrungen. Kind und Kinderwagen in den Zug geworfen (das andere ist auf diesem Weg zum Glück an der Hand der Großeltern).

Geschafft! Doch was ist das? Erstens fährt der Zug nicht ab – auch, weil noch Menschen aussteigen, die gar nicht in diesen Zug wollten. Zweitens realisiere ich, am falschen Ende von Wagen 7 zu stehen – zum Glück passt der Kinderwagen haarscharf durch den Mittelgang. Angekommen! (Dass der Kinderwagen jetzt die Tür halb versperrt, muss wohl so sein.)

Warum blogge ich das? Weil ich denke, dass das auch anders gehen müsste. Und als kleinen S21-Stresstest.

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Kurz zu S21: Werft die Spinmaschinen an!

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Protest park XXIIIHeute tagte der Lenkungskreis Stuttgart 21. Noch vor Ende der Sitzung eilte die Schlagzeile »Grün-rot will S21 weiterbauen« über die Ticker bzw. Twitter. Das ist allerdings ziemlich irreführend. So weit ich das aus den verschiedenen Presseberichten etc. rekonstruieren kann, hat die grün-rote Landesregierung bei dieser Sitzung darauf verzichtet, einen förmlichen Antrag auf Baustopp zu stellen (weil das bedeuten würde, dass so ungefähr 50 Mio. Euro Kosten pro Monat Baustopp auf das Land zukommen – zum Vergleich: einmal Studiengebühren abschaffen kostet jährlich so ungefähr 150 bis 200 Mio. Euro). Das war das »Kompromissangebot« der Bahn. Begründet wurde der Verzicht auf einen förmlichen Antrag seitens der Landesregierung nicht zuletzt damit, dass die den Zahlen der Bahn zugrundeliegenden Daten unklar sind und keine Grundlage für einen Kabinettsentscheid oder gar einen Landtagsbeschluss darstellen können.

Ein Verzicht auf einen förmlichen Antrag auf Baustopp ist aber nun kein grünes Licht für den Weiterbau. Auch wenn einige Medien jetzt genau das signalisieren. Rechtlich kann die Bahn die Bauarbeiten fortführen. Das Protestrisiko und auch das Risiko, auf Kosten sitzen zu bleiben, wenn S21 doch noch gestoppt wird (wg. Stresstest, wg. Überschreitung des Kostenrahmens, wg. Volksabstimmung) liegt bei der Bahn. Entsprechend sinnvoll ist es, dass Verkehrsminister Winne Hermann nicht auf die Erpressung (Baustopp gegen Entschädigung) eingegangen ist, aber Presseberichten zufolge klar signalisiert hat, dass das Land einen Weiterbau zwar nicht stoppt, aber eben auch nicht gutheißt. Diese Position wurde auch von vielen S21-GegnerInnen begrüßt.

Ein interessanter Aspekt dabei ist, wie zwischen 10 und 12 Uhr dann aus »Grün-rot will S21 weiterbauen« ein »S21 kann zunächst weitergebaut werden« und schließlich ein »Bahn will weiterbauen« wurde. Mal schauen, was die Spinmaschinen (inkl. des Netzes) da bis morgen draus gemacht haben. Dabei interessant auch zu beobachten, wie welche Parteien (hallo LINKE, hallo Piraten!) jetzt in Windeseile angebliche »Wahllügen« aus der Tasche ziehen. Ohne den Eindruck zu erwecken, zu verstehen, was da gerade entschieden wurde. Und warum.

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